26.06.2014 – Forschung

Informatikunterricht:
"Wir müssen so früh wie möglich anfangen"

  • "Das Selbstbewusstsein der Kinder in Bezug auf IT stärken". Bild: esolla/istockphoto

Nicht zu wissen, wie das Internet funktioniert und worauf es aufbaut, ist gefährlich: Das sagt Ira Diethelm, Professorin für Didaktik der Informatik. Im Interview erklärt sie, warum sie verpflichtenden Informatikunterricht an den Schulen für unverzichtbar hält - und was dessen große Chancen sind.

FRAGE: Frau Diethelm, in den Niederlanden, in Polen und vielen anderen Ländern ist Informatik Pflichtfach, ab dem Sommer in Großbritannien sogar ab der ersten Klasse. Warum sollte Deutschland aus Ihrer Sicht unbedingt nachziehen?

DIETHELM: Die Liste der Gründe dafür ist lang, aber ich würde die Frage gern zunächst mit einer Gegenfrage beantworten: Warum haben die Schulen in Deutschland und anderswo eigentlich verpflichtend naturwissenschaftlichen Unterricht? Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Naturwissenschaften aufgrund des Wandels im Alltag und im Beruf als Folge der Industrialisierung dringend notwendig. Viele neue Berufe waren entstanden, die ohne naturwissenschaftliches Wissen nicht möglich oder sogar gefährlich waren. Mit Informatik ist es jetzt ähnlich. Unser tägliches privates und berufliches Leben ist nun durch den Wandel zur Informationsgesellschaft von IT durchdrungen und die meisten haben nur eine vage Idee, zum Beispiel darüber, wo eigentlich meine Fotos und Nachrichten sind, wenn man sie in der „Cloud“ hat oder Whatsapp benutzt.

FRAGE: Warum ist es wichtig, hier mehr zu wissen? Man könnte ja auch sagen: Ich weiß, wie ich meine Fotos ablege, und das reicht mir.

DIETHELM: Da die meisten Menschen die Prinzipien nicht kennen, auf denen das Internet basiert, lassen sich auch die Auswirkungen und Gefahren, die mit neuen Anwendungen verbunden sind, nicht abschätzen. Dies ist aber unbedingt nötig, wenn ich als mündiger Bürger über mein Verhalten und auch zum Beispiel bei Wahlen über Parlamente bestimme und damit an der Demokratie teilhabe. Informatik ist das Schulfach, das das dafür notwendige und langlebige Hintergrundwissen bereitstellt. Das leistet kein anderes Fach.

FRAGE: In der Informatik, so ein immer noch vorherrschendes Bild, schreibt man vor allem lange Computerprogramme, die nur Eingeweihten verständlich sind. 

DIETHELM: Das ist nicht mehr so. Früher richtete sich einerseits der Informatikunterricht nur an wenige Interessierte. Andererseits war damals Programmieren auch notwendig, um den Computer überhaupt zu benutzen. Inzwischen hat sich das geändert. Programmieren wird aber immer zum Informatikunterricht dazugehören, da es exemplarisch die Schüler erfahren lässt, wie man Software gestalten und damit die Maschine beherrschen kann. Die Schüler erfahren so aus erster Hand, wie mühsam und leicht gleichzeitig es ist, solche Programme zu schaffen, aber auch, dass sie es selbst tun können und wie. Die Stärkung des Selbstbewusstseins in Bezug auf IT wird dadurch enorm gefördert und der eine oder andere entdeckt dabei bisher nicht erkannte Talente. Das Verhältnis von Programmieren zu Informatik sehe ich eher wie Rechnen zur Mathematik oder Experimentieren zu Chemie.

FRAGE: Was ist Informatik dann – inwiefern verstehen wir die Welt besser, wenn wir in dem Fach firm sind?

DIETHELM: Informatikunterricht trägt dazu bei, die Welt, in der wir heute leben, mit all seinen Phänomenen, die durch IT verursacht werden, besser zu verstehen und für sich zu nutzen und kritisch zu hinterfragen. Und viele würden nicht mehr so hilflos danebenstehen, wenn mal, wie so oft, die Technik versagt. Sie wären selbstsicherer im Umgang mit der Technik und hätten weniger Angst und Fragen, weil sie verstünden, was dahinter steckt.

FRAGE: Können Sie ein Beispiel aus unserem Alltag nennen?

DIETHELM: Sicher. Zum Beispiel das Piepen an der Scannerkasse, die QR-Codes, die überall angegeben werden, oder wenn Sie auf den Bus warten und auf einer Tafel die nächsten zwei Busse angezeigt werden: Sagen wir, für den ersten steht dort eine Minutenangabe „noch 5 Minuten“, für den zweiten die konkrete Uhrzeit „13:37“. Ich habe schon erlebt, dass neben mir ein Schüler seinen Freund fragte: „Ist ja komisch, warum ist das so?“. Durch Informatikunterricht könnte man dieses Phänomen mit der Übertragung der Signale der Busse erklären: Der erste Bus sendet sein Signal, der zweite hat gerade den Kontakt verloren, stattdessen wird die Zeit aus dem Fahrplan angezeigt. Damit weiß ich, dass der zweite Bus auch viel später kommen kann, als angegeben, der erste aber vermutlich wirklich in fünf Minuten da ist.

FRAGE: Wir sind von dem Thema praktisch umgeben …

DIETHELM: Ja, und wenn man um die technischen Prinzipien des Internets weiß, kann man auch viel fundierter an Diskussionen zu aktuellen Themen Stellung nehmen – nehmen wir die NSA-Affäre oder die Rolle von sozialen Netzwerken bei politischen Umbrüchen wie dem Arabischen Frühling. Man kann besser beurteilen, ob sich eine immer mal wieder geforderte Internet-Zensur überhaupt technisch umsetzen ließe. Nicht zuletzt habe ich die Hoffnung, dass die Menschen verantwortungsvoller mit ihren Daten im Internet umgehen würden, wenn sie besser verstehen, wie leicht ihre Daten gesammelt und ausgewertet werden können. Aber dazu muss man eben erstmal verstanden haben, wie das alles geht, und auch, was nicht geht und warum.

FRAGE: Welche Inhalte sind es, die unbedingt in dem Fach vermittelt werden sollten?

DIETHELM: Vor allem die Dinge aus dem Alltag, hinter denen IT steckt, und dies natürlich altersgerecht. Das ist ein weites Feld. Aber im neuen Kerncurriculum, das ab dem Sommer in Niedersachsen für all die Schulen in Kraft tritt, die schon im Wahlpflichtbereich Informatik zum Beispiel in den Klassen sieben bis neun anbieten, wurde das gut gelöst. Die Inhalte und Kompetenzen sind hier in sogenannten Lernfeldern zusammengefasst. Diese heißen etwa „Daten und ihre Spuren“ oder „Automatisierte Prozesse“ oder „Algorithmisches Problemlösen“. Dahinter verbirgt sich, wie das Internet funktioniert, wie man Daten verschlüsselt übermittelt, wo in unserem Alltag Abläufe automatisiert werden, an der Scannerkasse, dem Pfandautomaten, beim Faxgerät, aber auch der Staubsaugroboter oder große Teile des Versandhandels. Mit Robotern wie „Lego Mindstorms“ oder Arduino-Bausätzen und einfachen Programmierumgebungen wie „Scatch“, aber auch viel mit Rollenspielen und Aufgaben ohne Computer können diese Abläufe dann schülergerecht nachempfunden und verstanden werden. Grundlegende Fähigkeiten aus dem Bereich „Computerkompetenz“ dürfen natürlich auch nicht fehlen.

FRAGE: Wie steht es mit rechtlichen Grundlagen im Umgang mit dem Internet?

DIETHELM: Auch das ist sehr wichtig und sollte Teil des Unterrichts sein, vor allem die informationelle Selbstbestimmung und das Urheberrecht. Eine gute Themenauswahl würde ich gern daran erkennen, dass die Schüler anschließend auf dem Schulhof mit ihren Freunden oder beim Abendbrot zu Hause mit ihrer Familie darüber sprechen und unmittelbar ihre Fähigkeiten und ihr Wissen erleben und sogar weitergeben. Generell gilt es, den Schülern ein gutes Selbstbewusstsein zu geben, dass sie die Technik und das Internet verstehen, wenn sie die Prinzipien immer wieder in anderen Erscheinungsformen wiederentdecken. Wie sind zum Beispiel die Unterschiede und Übergänge zwischen Daten und Information, zwischen Pixel- und Vektorgrafik?

FRAGE: Gibt es eigentlich Erkenntnisse darüber, welche Kinder leichteren Zugang zur Materie haben – vermutlich die, die viel Zeit mit ihrem Computer verbringen können? 

DIETHELM: Interessanterweise ist dieser Zusammenhang gerade nicht nachgewiesen. Es wurde in einer aktuellen Studie im Auftrag der EU gerade kein Zusammenhang gefunden zwischen einer besseren Computerausstattung von Schulen, der Nutzung und dem Vertrauen und der Einstellung bezüglich IT. Schon vor 20 Jahren stellte ein Kollege fest, dass Kinder, die mehr Zeit am Computer verbringen, nicht von selbst ein besseres Verständnis darüber erlangen, wie Computer funktionieren. Nur diejenigen, die einen systematischen Zugang durch Informatikunterricht erhalten, haben hier auch langfristig Vorteile.

FRAGE: Wer hat denn den besten Zugang?

DIETHELM: Die unvoreingenommenen Kinder der Grundschule und frühen Sekundarstufe I mit ihrer ehrlichen, ungebremsten Neugier. Diese Kinder trauen sich alles zu fragen: „Fallen eigentlich die Daten aus meinem USB-Stick heraus, wenn ich den Deckel nicht drauf mache?“ oder „Wie geht das mit dem Touchscreen, der Vibration und dem Ton?“ und: „Wie kann man sicher mit anderen reden?“. Kinder stellen unglaublich viele Fragen, die einen ganz natürlichen Einstieg in unterschiedliche Unterrichtseinheiten zur Informatik bieten und auch für viele Erwachsene interessant sind. Mein Doktorand Christian Borowski erforscht gerade mögliche Informatikthemen für die Grundschule mit großem Erfolg. Dabei stellten wir insbesondere einen großen Wissensdurst rund um das Thema Sicherheit fest, wie gesagt schon bei Grundschulkindern, auch schon bevor die NSA durch die Nachrichten ging.

FRAGE: Man sollte also so früh wie möglich anfangen?

DIETHELM: Genau, wir müssen so früh wie möglich für alle die gleiche informatische Bildung festschreiben. Hinzu kommt, dass mit zunehmendem Alter der Schüler auch die digitale Spaltung zunimmt, die durch das familiäre Umfeld entsteht. Einige Kinder werden von ihren Eltern sachkundig und verantwortungsvoll an Computer und digitale Medien herangeführt. Andere werden ihren Neigungen und damit auch Abneigungen bezüglich IT frei überlassen. Informatikunterricht würde so auch massiv zur Gleichberechtigung beitragen, wenn ihn alle Schüler und damit auch alle Mädchen auf dem Stundenplan hätten.


 

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Memorandum für verpflichtenden Informatikunterricht:
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Kontakt

Prof. Dr. Ira Diethelm
Department für Informatik
Tel: 0441-798/2990
ira.diethelm(at)uni-oldenburg.de