06.06.2012 – Forschung

Im Gewebe der Kräfte

  • Das Runde und die Kräfte: Für Thomas Alkemeyer ist das Spielfeld „eine Art natürliches Laboratorium”. Foto: photocase.com

Welche Spielweise setzt sich bei der Fußball-Europameisterschaft durch? Sportsoziologe Thomas Alkemeyer über die Schönheit des Kurzpassspiels, den Favoritenstatus der Deutschen und den Blick deutscher Medien auf die Austragungsländer Ukraine und Polen.  

FRAGE: Herr Alkemeyer, wer wird Fußball-Europameister 2012?

ALKEMEYER: Noch keine Mannschaft hat bislang ihren Europameister-Titel verteidigt. Aber es gibt immer ein erstes Mal: Spanien wird wieder Europameister.

FRAGE: Und die deutsche Mannschaft?

ALKEMEYER: Hat sich unter Jogi Löw fantastisch entwickelt: Technik, Spielwitz und Tempo – das sind Qualitäten, die wir lange Jahre im deutschen Fußball vergeblich gesucht haben. Ich bezweifle jedoch, dass die Deutschen ihrem massenmedial beschworenen Favoritenstatus wirklich gerecht werden können. Vieles wird davon abhängen, ob der Bayern-Block mit den Erschütterungen, ja Kränkungen, seines ur-bayerischen Mia san mia-Selbstbewusstseins fertig wird.

FRAGE: Die Niederlage im Champions-League-Finale gegen Chelsea wirkt noch nach?

ALKEMEYER: Es ist nicht nur die eine Niederlage, es sind mehrere niederdrückende Niederlagen in Folge: Gegen die Dortmunder Meistermannschaft, zweite Plätze in der Deutschen Meisterschaft und im Pokal, und das Champions-League-Finale im eigenen Stadion – das muss die Selbstsicherheit der auf Siege programmierten Bayern-Spieler einfach erschüttert haben. Auch dann, wenn es echte Profis sind.  
 
FRAGE: Sie setzen also auf das schnelle Kurzpassspiel der Spanier …

ALKEMEYER: … die das einfach perfekt beherrschen. Das ist pure Schönheit: Wie die Teile der Mannschaft als bewegliche, sich selbst organisierende Systeme operieren. Hier ist der ideale Spieler nicht der geniale Spielgestalter vergangener Tage. Sondern wirkende Kraft innerhalb eines überindividuellen Gewebes aus anderen Kräften. Er muss den Ball mit einer einzigen Ballberührung annehmen und an einen sich gut positionierenden Mitspieler weiterleiten können.

FRAGE: Dennoch verlor der FC Barcelona, die Heimstatt des Konzeptfußballs, gegen die Zerstörer von Chelsea im Champions-League-Halbfinale.

ALKEMEYER: Klar: die durch systematische Überforderung des Gegners herausgespielten Chancen, sie müssen genutzt werden. Das werden die Spanier tun – ob nun mit oder ohne den Stürmer Villa. Was mich aber noch mehr interessiert als Sportsoziologe, das ist der Blick auf das Spiel. Denn wenn nicht einzelne Spieler die eigentlichen Akteure sind, sondern sich situationsadäquat verhaltende Kollektive – dann ist das soziologisch einfach ungeheuer interessant.

FRAGE: Inwiefern?

ALKEMEYER: Das Spielfeld bildet eine Art natürliches Laboratorium, in dem sich beobachten und analysieren lässt, wie in praktischen Vollzügen soziale Ordnungen entstehen. Fußball ist in dieser Hinsicht ein hervorragendes Feld für soziologisch informierte Kulturanalysen; er gestattet es, exemplarisch Veränderungen in den Tiefenstrukturen und Leitideen der modernen Gesellschaft zu untersuchen.

FRAGE: Dass die Ukraine und Polen den Zuschlag für die Europameisterschaft bekamen, war 2007 eine echte Überraschung. Auch für Sie?

ALKEMEYER: Es hat mich neugierig gemacht auf die Länder. Allerdings fällt mir an der Berichterstattung in deutschen Medien auf, dass die Rollen wie in einer Seifenoper verteilt sind: Polen ist der Good Guy, bei dem in Sachen Vorbereitung, Organisation, Komfort und Demokratie alles wie geschmiert läuft; die Ukraine hingegen spielt den Part des Bad Guy: korrupt, desorganisiert, dumm, verbrecherisch, unsicher und undemokratisch. Nur vereinzelt sind in deutschen Medien Stimmen aus der Ukraine zu hören wie diejenige des in Charkow lebenden Autors Serhij Zhadan. Dass die Erwartungen westlicher Politiker an die ukrainische Regierung auf die "Causa Timoschenko" enggeführt werden, stieß bei ihm auf wenig Verständnis.

FRAGE: Zurück zum Spiel: Und wenn Deutschland nun doch Europameister wird?

ALKEMEYER: Hätte ich nichts dagegen. Nur schön muss der Fußball sein. Aber die Voraussetzungen dazu sind ja gegeben.


 

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Kontakt

Prof. Dr. Thomas Alkemeyer
Institut für Sportwissenschaft
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