01.04.2014 – Forschung

"Es geht darum, den Versorgungsalltag zu verbessern"

  • Den Patienten im Blick: Versorgungsforscher fragen nach dem Zugewinn an Gesundheits- und Lebensqualität. Foto: Pius-Hospital Oldenburg

  • Hans-Jürgen Appelrath: "In eine einzelfallbezogene diagnostische Entscheidung müssen auch allgemeine Erkenntnisse der Versorgungsforschung aus Datenbanken und anderen Informationsquellen einfließen."

Was ist Ziel der Versorgungsforschung? Prodekan Hans-Jürgen Appelrath spricht im Interview über den Aufbau des neuen Schwerpunkts an der Medizinischen Fakultät – und darüber, wie Wissenschaftler versuchen, die Versorgungsleistungen in unserem Gesundheitssystem zu analysieren. 

FRAGE: Herr Appelrath, die Versorgungsforschung untersucht das Gesamtsystem der Kranken- und Gesundheitsversorgung. Wie gelingt es, bei einem solch großen Gegenstand den Überblick zu behalten – zumal die Versorgung der Patienten in getrennten Sektoren stattfindet, also zum Beispiel ambulant, stationär oder rehabilitativ?
 
APPELRATH: Indem Versorgungsforschung das Gesamtsystem intersektoral und integriert betrachtet, genuin transdisziplinär ist und sich aus den Perspektiven verschiedener Fächer mit deren jeweiligem Methodenrepertoire einbringt. Es geht darum, den Versorgungsalltag analytisch zu durchdringen – und dann zu verbessern. Deswegen fragt Versorgungsforschung nach dem Versorgungsbedarf, nach bestehenden und eventuell neuen Versorgungsstrukturen und -prozessen, nach erbrachten Versorgungsleistungen und dem damit hoffentlich erreichten Zugewinn an Gesundheits- und Lebensqualität.

FRAGE: Ohne reale Daten des Gesundheitssystems allerdings geht es nicht. Wie ist es dabei um das Recht des Patienten auf informationelle Selbstbestimmung bestellt?

APPELRATH: Selbstverständlich muss die informationelle Selbstbestimmung gewahrt sein. Man nutzt hier zum Beispiel Verschlüsselungsmethoden für personenbezogene Daten, um auf möglichst alle, für die Beantwortung der eingangs erwähnten Fragen notwendigen Datensätze zugreifen zu können. Bei dieser integrierten Sicht darf man nicht wissen, wer die einzelnen Patienten sind. Und muss es auch nicht: Es geht ja nicht um die Betrachtung der einzelnen medizinischen Versorgung, sondern um die Betrachtung des Gesamtsystems „Medizinische Versorgung“ mit aussagekräftigen Daten von allen so genannten Leistungserbringern, Kostenträgern und weiteren Systemakteuren. Und das, wie gesagt, nicht als Selbstzweck, sondern um nach intelligenter Datenanalyse künftig Patienten besser zu versorgen.

FRAGE: Diese Patientenorientierung ist etwas, das auch und gerade an der Fakultät VI Medizin und Gesundheitswissenschaften groß geschrieben wird. Dort befindet sich der Schwerpunkt für Versorgungsforschung derzeit im Aufbau. Warum ist dieser Schwerpunkt aus Ihrer Sicht für die Universität Oldenburg wichtig?

APPELRATH: Für die Fakultät haben wir natürlich zunächst auf unsere exzellente naturwissenschaftlich orientierte Medizin in Physik, Psychologie und anderen Fächern gesetzt – neben der für eine Humanmedizin unverzichtbaren klinischen Forschung in den regionalen Krankenhäusern, mit denen wir eng zusammenarbeiten. Doch für uns ist es auch wichtig, Forschung und Lehre stärker fach- und fakultätsübergreifend zu vernetzen. Zwischen der eher grundlagenorientierten naturwissenschaftlichen Medizin und der eher am Patienten orientierten klinischen Forschung ist das ohne ein Bindeglied schwierig. Die Versorgungsforschung kann hier Brücken bauen, zumal es bereits einen Fundus an Vorarbeiten gab, vor allem zum Thema „Datenmanagement und -analyse im  Gesundheitswesen“. Daraus haben wir dann 2008 und 2009 das Konzept „Versorgungsforschung“ entwickelt. Das hat den Wissenschaftsrat und alle bisher mit der European Medical School befassten Gremien überzeugt.

FRAGE: Die Realisierung des Konzepts geht voran: So konnte im Department für Versorgungsforschung der Medizinischen Fakultät mit Antje Timmer inzwischen die Professur für „Epidemiologie und Biometrie“ besetzt werden. Welches Profil soll das Department bekommen?

APPELRATH: Wir freuen uns sehr über die kompetente Verstärkung durch Frau Kollegin Timmer seit dem 1. März, ergänzend zur bereits vorhandenen Professur „Medizintechnik“ von Andreas Hein. Der weitere Aufbau folgt der im umfangreichen „Positionspapier Versorgungsforschung“ dokumentierten und von allen Gremien beschlossenen Profilbildung durch zunächst drei weitere wichtige Professuren: „Allgemeinmedizin“ mit Betonung der Versorgungsforschung, „Versorgungsforschung“ mit einem je nach Besetzung gewählten Akzent und „Medizinische Informatik“ mit einer gewünscht stärkeren Orientierung an der klinischen Forschung. Je nach Besetzung werden wir dann die zwei weiteren ordentlichen und zwei zusätzliche Juniorprofessuren ausschreiben. Die einzelnen Professuren werden methodisch gebündelt, und zwar auf den drei zentralen Ebenen „Versorgungsepidemiologie“, „Versorgungsqualität“ und „Datenintegration und -analyse“.
 
FRAGE: Können Sie bei dem Aufbau der Oldenburger Versorgungsforschung an bereits vorhandene Strukturen anknüpfen?

APPELRATH: Glücklicherweise ja. Für die Versorgungsforschung geht es zunächst um einen intensiven Austausch mit vorhandenen klinischen und nicht-klinischen Professuren innerhalb der Fakultät für Medizin und Gesundheitswissenschaften. Aber auch eine breite Zusammenarbeit mit bereits bestehenden Einrichtungen der Universität außerhalb der Fakultät ist wichtig. Hierzu gehören unter anderem das Zentrum für Hörforschung, das Institut für Sonder- und Rehabilitationspädagogik, das Department für Informatik sowie der große Bereich Gesundheit des Informatik-Instituts OFFIS.

FRAGE: Welche Bedeutung kommt der Zusammenarbeit mit den Partnern der Universität bei der Etablierung der Versorgungsforschung zu – also zum Beispiel mit den Oldenburger Krankenhäusern und der Universität Groningen?

APPELRATH: Versorgungsforschung ist per se sehr kooperativ und zwangsläufig auf Vernetzung angelegt. Mit den Oldenburger und weiteren Krankenhäusern arbeiten wir künftig vor allem bei klinischen Studien und in der klinischen Epidemiologie zusammen. Hier haben wir bisher die Anwendungsfelder klinische und epidemiologische Onkologie, Versorgung und Rehabilitation neurologischer Erkrankungen, Palliativmedizin, Kardiologie, Geriatrie und Rehabilitation von Hörschädigungen identifiziert, ohne weitere auszuschließen. Mit Groningen bieten sich binationale Vergleiche der Gesundheitssysteme an, aber auch Kooperationen bei Primärerhebungen wie dem großen Groninger „LifeLines“-Projekt oder beim Infektionsschutz. 

FRAGE: Welche Kooperationsbereiche sind noch aufzubauen?

APPELRATH: Versorgungsforschung ist immer auf praxisrelevante Fragestellungen und eine aussagekräftige Datenbasis angewiesen. Daher ist es zwingend erforderlich, Aktivitäten mit den vorhandenen Zentren und Oldenburger Kliniken – also Klinikum, Pius-Hospital, Evangelisches Krankenhaus, Karl-Jaspers-Klinik – zu forcieren, genauso übrigens wie mit dem niedergelassenen Bereich, der Kassenärztlichen Vereinigung und weiteren Trägern des Gesundheitswesens. Auch die Zusammenarbeit mit Kostenträgern wie den Krankenkassen oder der Rentenversicherung ist wichtig und bereits angelaufen. Darüber hinaus sehen wir Kooperationsmöglichkeiten in der methodischen Forschung, naturgemäß mit passenden Professuren der Universität Groningen sowie benachbarten Instituten in Bremen wie dem Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS) und dem Zentrum für Sozialpolitik (ZeS). Schließlich gibt es gute Anknüpfungspunkte mit etablierten Registern wie dem in Oldenburg ansässigen Epidemiologischen Krebsregister Niedersachsen.

FRAGE: Nicht die Menge der Leistungserbringung sei Maßstab, hielten die Veranstalter des vergangenen Deutschen Versorgungsforschungskongresses in Berlin resümierend fest, „sondern die vom Patienten erlebte Qualität der Versorgung.“ Woran liegt es aus Ihrer Sicht, dass oftmals Patienten die Versorgung ganz anders erleben als die Versorger selbst?

APPELRATH: Es liegt – und das zeigen Studien seit langem – manchmal an der unmittelbar und aktuell wahrgenommenen Versorgungsqualität. Die besitzt ja neben direkten diagnostischen, therapeutischen und pflegerischen Aspekten auch psychologische, soziale und andere Dimensionen. Deutlich häufiger wird die Versorgungs- und Betreuungsqualität aber an den lückenhaften intersektoralen Übergängen zwischen ambulanter, stationärer, häuslicher und pflegerischer Versorgung bemängelt. Hier gibt es trotz in der Regel bester Absichten der einzelnen Leistungserbringer oft Brüche mit Qualitätseinbußen, die natürlich mit gesetzlichen Rahmenbedingungen und ökonomischen Interessen zu tun haben. 

FRAGE: Welche Schritte sind notwendig, damit die Erkenntnisse und Resultate der Versorgungsforschung direkt dem Patienten zugutekommen? 

APPELRATH: Die Lehrenden an der Medizinischen Fakultät müssen es schaffen, die beiden inhaltlich und methodisch weitgehend getrennten Welten für die Studierenden zusammenzubringen: Hier die Welt der klassischen, sektoralen und fachgebundenen Humanmedizin mit der unmittelbaren, direkt patientenbezogenen Versorgung. Dort die Welt der Betrachtung des gesamten Gesundheitssystems aus der tendenziell bevölkerungsbezogenen Versorgungsforschung. Unter dem Begriff einer evidenzbasierten, an Leitlinien orientierten Medizin nähern sich diese verschiedenen Perspektiven einander an. Denn in eine einzelfallbezogene diagnostische oder therapeutische Entscheidung müssen auch allgemeine Erkenntnisse der Versorgungsforschung aus Datenbanken und anderen Informationsquellen einfließen.

FRAGE: Was sind die nächsten Schritte am Department für Versorgungsforschung?

APPELRATH: Wir planen, bis zum Jahresende fünf der sieben ordentlichen Professuren zu besetzen – einschließlich der Unterbringung ihrer Arbeitsgruppen in einem gemeinsamen Gebäude. Alle Akteure haben dann hoffentlich für sich und untereinander und mit externen Partnern vernetzt Fahrt aufgenommen. Das ist auch wichtig, denn die Evaluation zur Absicherung der Fakultät durch den Wissenschaftsrat 2019 mit rechtzeitig von uns vorgelegten Berichten rückt jeden Tag näher. Und wir alle wissen: Herausragende Publikationen, erfolgreich eingeworbene und überzeugende Ergebnisse vorweisende Projekte sowie ein attraktives Lehrangebot brauchen Zeit.


 

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Kontakt

Prof. Dr. Dr. h.c. Hans-Jürgen Appelrath
Department für Informatik
Tel.: 0441/9722-200
appelrath(at)offis.de