21.06.2013 – Forschung

Erinnerung, verändere dich!

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  • Theologin Andrea Strübind: Das Reformationsjubiläum zu einem „Freiheitsraum für gemeinsames Fragen" machen.

2017 jährt sich der „Thesenanschlag“ Martin Luthers zum 500. Mal. Welche Funktion kommt dem Reformationsjubiläum zu? Kann man es für ein ökumenisches Gedenken nutzen? Und ist es möglich, „anders“ an die Reformation zu erinnern? Ein Beitrag von Theologin Andrea Strübind.

2017 jährt sich der „Thesenanschlag“ Martin Luthers, der traditionell als Beginn der Reformation gedeutet wird, zum 500. Mal. Obwohl schon lange umstritten ist, ob Luther seine Thesen zum rechten Verständnis des Bußsakraments tatsächlich an der Tür zur Wittenberger Schlosskirche angebracht hat, haben sich die „Hammerschläge“ vom 31. Oktober 1517 fest in das kulturelle Gedächtnis eingeschrieben: Ein einzelner Kämpfer, ein Heros des Glaubens bringt mit seinen Hammerschlägen die gesamte mittelalterliche Kirche ins Wanken. Schlag auf Schlag ein neues Zeitalter, ein neues Denken, ein neuer Mensch, eine neue Kirche – so die triviale, aber langlebige Deutung.

Die Reformation führte dagegen in einem langen Prozess zur Herausbildung einer Vielzahl selbständiger und sich von der römischen Kirche abgrenzender Konfessionen. Der theologisch motivierte Umbruch hatte Folgen für alle Bereiche des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens der Frühen Neuzeit und machte die religiös-kulturelle Differenzierung und Pluralisierung zu einer Signatur Europas.

„Reformationsjubiläen boten Anlässe zur Selbstdarstellung und Polemik”

Unter konfessionskultureller Perspektive war das Selbstverständnis des pluralen Protestantismus stets auch durch die Reflexion der eigenen Geschichte geprägt. Die Rezeption der reformatorischen Ursprungsgeschichte entwickelte sich zu einem Medium theologischer, gesellschaftlicher und kirchenpolitischer Auseinandersetzungen. Reformationsjubiläen boten Anlässe zur Selbstdarstellung und Polemik, sie waren aber immer auch Versuche, die reformatorische Glaubenslehre zu aktualisieren und auf die Gegenwart zu beziehen.

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat 2008 die Lutherdekade ausgerufen. Sie dient der Vorbereitung des Jubiläums 2017. Die Konzentration auf die Person Luther ist besonders in der innerevangelischen Ökumene auf Kritik gestoßen. Sie werde – so der Einspruch – dem Gesamtereignis der Reformation nicht gerecht. Es gehe um vielfältige reformatorische Bewegungen, die von Wittenberg und Zürich ausgingen und über Genf nach ganz Europa bis in die Neue Welt ausstrahlten.

„Dient das Jubiläum in erster Linie der eigenen konfessionellen Profilbildung?”

Der verzweigte weltweite Protestantismus versteht sich insgesamt als Aneignungsprozess der reformatorischen Botschaft in den verschiedenen Kontexten und Zeitphasen. Die Reformation ist daher mitnichten ein „deutsches Ereignis“, sondern hat eine weltweite Dimension und Bedeutung. Das Jubiläum 2017 findet in einer durch eine multilaterale und plurale Ökumene geprägten Situation statt. Beteiligt sein werden nicht nur die beiden großen Kirchen in Deutschland, sondern auch die orthodoxen Kirchen und der vielgestaltige freikirchliche Protestantismus. Unverzichtbar ist auch die Wahrnehmung der europäischen sowie der – nicht zuletzt in Gestalt der vielen Migrantenkirchen – globalen Perspektive.

Nach der Halbzeit der Lutherdekade stellt sich heute die Frage, welche Funktion dem Jubiläum 2017 zukommt. Dient es in erster Linie der eigenen konfessionellen Profilbildung oder kann es für ein ökumenisches Gedenken genutzt werden? Zu Beginn der Dekade dachte man bei Besetzung der Jubiläumsgremien und -initiativen kaum an Mitwirkende aus anderen Konfessionen oder Ländern. Sie sind weder im Kuratorium, noch im Lenkungsausschuss vertreten. Immerhin wurde ein katholischer Theologe für den Wissenschaftlichen Beirat nachnominiert.

Das Spektrum an Positionen ist auch in der katholischen Kirche sehr weit. Es reicht von einer Ablehnung gemeinsamer Feiern – mit der Begründung, dass eine Kirchenspaltung und der Verlust der Kircheneinheit kein Anlass für Feierlichkeiten sei – bis hin zu dringenden Mahnungen zur Verständigung. Nach anfänglichen Irritationen ist derzeit ein gemeinsamer Bußgottesdienst für 2017 als „heilende Geste“ zwischen der katholischen Kirche und den protestantischen Kirchen in Planung.

„Selbstverständnis der Christinnen und Christen immer weniger von traditionellen konfessionellen Perspektiven geprägt”

In ökumenischer Perspektive gehört zu den pluralen Deutungen der Reformation auch das katholische Verständnis einer tragischen Glaubensspaltung und des Verlusts der kirchlichen Einheit der Westkirche. Zum Gedenken gehört aber auch die Folgegeschichte religiös motivierter Auseinandersetzungen und Kriege. Die dissentierenden protestantischen Bewegungen – etwa die Täuferbewegung oder die Puritaner –, die von katholischen und reformatorischen Obrigkeiten verfolgt und marginalisiert wurden, verweisen auf einen anderen Zugang zum Reformationsgedächtnis: die Schattenseite der religiösen Konflikte wie Gewalterfahrungen, Zwangsmigrationen bis zu Hinrichtungen Tausender Andersdenkender.

Das Reformationsjubiläum 2017 wird zudem in einer Gesellschaft stattfinden, in der viele mit der christlichen Religion beziehungsweise den sie repräsentierenden kirchlichen Institutionen nicht mehr lebensweltlich verbunden sind. Hinzu kommt, dass auch das Selbstverständnis der Christinnen und Christen immer weniger von den traditionellen konfessionellen Perspektiven geprägt wird.

Projekt „Freiheitsraum Reformation“

Vor diesem Hintergrund stellt das Projekt „Freiheitsraum Reformation“ einen Versuch dar, zukunftsweisend an die Reformation und ihre umfassende Wirkungsgeschichte zu erinnern. Das Projekt der Universität Oldenburg bietet in Kooperation mit vielen Partnern aus Wissenschaft, Kirchen, Kultur und Gesellschaft eine einzigartige Plattform für Schulen, Bürgerschaft, Initiativen und Gemeinden.

Um das Gesamtereignis Reformation im Nordwesten und seine Bedeutung für die Gegenwartsgesellschaft zu erforschen, nutzen die Akteure innovative Wege der Vermittlung. In Konzerten, Vorträgen, Ausstellungen, Schulprojekten, Wissenschaftlichen Tagungen und Exkursionen, aber auch in Theaterstücken, Konzertgesprächen, Internetpräsentationen, Installationen und Debattier-Runden thematisieren, analysieren und inszenieren sie unterschiedliche Aspekte der religiös-kulturellen Pluralisierung.

Das Projekt will die drängenden Fragen nach religiöser Vielfalt und Toleranz, nach religiöser Zugehörigkeit und der identitätsstiftenden Bedeutung von Religion und kulturellen Werten aufwerfen. Es will Mut zu kritischem Hinterfragen machen und Menschen miteinander ins Gespräch bringen. Mit diesem Ansatz wird das Reformationsjubiläum zu einem „Freiheitsraum“ für gemeinsames Fragen, Erinnern und kritisches Aneignen von Traditionen.
 

Die ungekürzte Fassung dieses Beitrags lesen Sie in der aktuellen EINBLICKE-Ausgabe.


 

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