22.04.2015 – Hochschulpolitik

„Die Universitätslandschaft
wird sich dramatisch verändern”

  • Hörsaalfoyer bei der Erstsemesterbegrüßung im Oktober 2014: „Wie können wir bei den stark gestiegenen Studierendenzahlen weiterhin unserem Bildungsauftrag gerecht werden?”

  • Katharina Al-Shamery: „In ganz anderen Beschäftigungsverhältnissen und Karrierewegen denken.”

Ist unser Bildungssystem zu starr, zu träge? Auf Initiative der Universität Oldenburg diskutieren Experten am 19. Mai im Schloss Herrenhausen in Hannover. Ein Interview mit Impulsgeberin Katharina Al-Shamery, kommissarische Präsidentin, über die Ziele und Hintergründe der Veranstaltung.

FRAGE: Frau Al-Shamery, „Welchen Bildungsauftrag hat die Universität?“, das ist die Leitfrage jenes Symposiums, das am 19. Mai im Schloss Herrenhausen in Hannover stattfinden wird. Die Veranstaltung, die auf Ihre Initiative hin entsteht, soll verschiedene Aspekte der aktuellen Debatte um das Thema Bildung und Universität aufgreifen. Als Mitveranstalter haben Sie die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina und die VolkswagenStiftung gewonnen, dazu die Unterstützung aller großen Wissenschaftsorganisationen. Was war Ihre Motivation, eine solche Veranstaltung zu initiieren?

AL-SHAMERY: Es war nicht zuletzt die Motivation, zu diskutieren, welche Konsequenzen das gefallene Kooperationsverbot zwischen Universität und außeruniversitären Einrichtungen hat, und zwar im Zusammenhang mit den sich abzeichnenden neuen Formaten der Exzellenzinitiative. Was bedeutet das für eine mittelgroße Universität, die keinen großen außeruniversitären Speckgürtel hat, wie zum Beispiel die unsere? Hinzu kommt sicher auch die Frage, wie wir bei den stark gestiegenen Studierendenzahlen weiterhin unserem Bildungsauftrag gerecht werden können.

FRAGE: Inwiefern?

AL-SHAMERY: In Oldenburg haben wir in den letzten zehn Jahren rund 50 Prozent mehr Studierende bekommen, ohne dass nennenswerte Aufwüchse unserer Grundfinanzierung zu verzeichnen sind. Es gab immer nur zeitlich befristete Budgeterhöhungen. Inzwischen ist die Hälfte unseres Haushalts nicht permanent zugewiesen. Diese Situation ist nicht gesund für eine Universität – gerade auch in Hinblick auf eine gute Ausbildung. Diese ist auf die Unterstützung eines für Kontinuität sorgenden permanenten Mittelbaus angewiesen. Genau das ist aber zurzeit unter den genannten Umständen nicht in dem Maße finanzierbar, wie es erforderlich wäre und wie wir es uns wünschten.

FRAGE: Welche Fragen haben Sie im Vorfeld der Veranstaltung noch bewegt?

AL-SHAMERY: Klar ist, dass sich die Universitätslandschaft in den kommenden Jahrzehnten dramatisch verändern wird. So sind es viele grundsätzliche Fragen, wie wir Bildung heute organisieren, die uns beschäftigen. In Hinblick auf die rasante Technologieentwicklung und den demographischen Wandel müssen wir mehr in einer Kette denken, wir müssen lebensabschnittsgerechte Aus- und Weiterbildung anbieten, so dass man in ganz anderen Beschäftigungsverhältnissen und Karrierewegen denken kann. Wie erneuern wir unser starres Hochschulsystem, um mit den technologischen Entwicklungen Schritt zu halten? Müssen wir nicht eigentlich unser Bildungssystem auf den Kopf stellen, wenn wir die modernen Medien wirklich ernsthaft nutzen wollen? 

FRAGE: Welche Entwicklungen stellen unser Bildungssystem vor die größten Herausforderungen?

AL-SHAMERY: Zu Wilhelm von Humboldts Zeiten war die Universität eine Ausbildungsstätte einer kleinen männlichen Elite aus zumeist vermögenden Verhältnissen. International ist man inzwischen vor ganz andere Herausforderungen gestellt. Was ist, wenn ein Land wie China eine ähnlich hohe Übergangsquote in das Bildungssystem erreicht wie wir? Sind die Ausbildungsformate, die wir pflegen, überhaupt noch haltbar – oder müssen wir mehr auf virtuelle Ausbildung setzen? In Deutschland ist der Zugang zur Universität barrierefrei, während im Ausland hohe Gebühren gezahlt werden müssen. Unter diesem Blickwinkel erhält etwa die Entwicklung von MOOCs, den Massive Open Online Courses, eine ganz neue Bedeutung, die in Deutschland noch nicht wirklich gesehen wird.

FRAGE: Noch können sich Interessierte anmelden – wie ist die Veranstaltung in Hannover aufgebaut?

AL-SHAMERY: Die Themen werden in drei Diskussionsrunden aus unterschiedlicher Perspektive beleuchtet. Es freut mich sehr, dass namhafte Diskutantinnen und Diskutanten versammelt sein werden. Mit dabei sind beispielsweise Manfred Prenzel als Vorsitzender des Wissenschaftsrats, der Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, Mattias Kleiner, und HRK-Vizepräsident Holger Burckhart. Die erste Diskussionsrunde bietet einen Diskurs zum Bildungsbegriff. Soll man sich auf die Ideale Wilhelm von Humboldts zurückbesinnen oder Bildung ganz neu denken? Hier werden auch die ganz neuen Lernwelten – Stichwort „YouTube“ – der heranwachsendenden Studierendengeneration in den Blick zu nehmen sein. 

FRAGE: Was ist Thema der zweiten Diskussionsrunde?
 
AL-SHAMERY: Sie widmet sich der Frage, inwieweit die Hochschullandschaft eigentlich noch zur heutigen Struktur der Wissenschaft passt. Dabei stellen sich Fragen nach den Studienbedingungen angesichts etablierter Strukturen und zugleich einer wachsenden und zunehmend heterogenen Studierendenschaft. Die Experten loten aus, wie groß die Freiräume für ein interessengeleitetes Selbststudium sind und ob forschungsorientiertes Lernen den klassischen Bildungsauftrag ersetzt. Die Frage ist: Wie gelingt es unter diesen Umständen, die Begeisterung für die interessengeleiteten Erkenntnisse in die Gesichter der Studierenden zu zaubern?

FRAGE: Und das dritte und letzte große Thema der Veranstaltung?

AL-SHAMERY: Das widmet sich der bereits genannten Frage, welche Rolle die akademische Bildung vor dem Hintergrund hoher Studierendenzahlen, der Exzellenzinitiative und des fallenden Kooperationsverbots spielt. Der wissenschaftssystembezogene Diskurs fordert viele Antworten, denn Bologna-Prozess und Exzellenzinitiative haben starke Umbrüche in den deutschen Universitäten bewirkt. Wie werden sich eine mögliche weitere Differenzierung der Hochschullandschaft und eine neue Qualität der Zusammenarbeit von Universitäten mit Wissenschaftsorganisationen auf die Einheit von Forschung und Lehre auswirken? Wie ist dies im internationalen Vergleich zu beurteilen? Und was bedeutet die Entwicklung für den gesellschaftlichen Stellenwert akademischer Bildung?

FRAGE: Welche Effekte wünschen Sie sich – wie soll es nach der Veranstaltung weitergehen?

AL-SHAMERY: Mein Anliegen ist es, mit den drei Diskussionsrunden und natürlich den zu erwartenden Vernetzungsgesprächen einen deutschlandweiten Diskussionskreis zu erschaffen, der sich mit den aktuellen Herausforderungen intensiv beschäftigt – diese Veranstaltung könnte den Anstoß dazu geben. Denn wir sind sicher gut beraten, wenn wir uns gemeinsam dafür stark machen, die Universität für das 21. Jahrhundert richtig aufzustellen.