17.01.2014 – Forschung

Die Faszination Wagner

  • Gedenkjahre sind Ausdruck von Erinnerungskulturen: Briefmarke zum 200. Geburtstag Richard Wagners. © picture-alliance­/dpa

  • Musikwissenschaftlerin Melanie Unseld:"Wie oft haben wir Siegfried im Bärenfell gesehen?"

Das Kultur-Jahr 2013 stand ganz im Zeichen von Richard Wagners 200. Geburtstag: Festspiele und Inszenierungen, neue Biographien und Dokumentationen. Und doch ist längst nicht alles gesagt. Im Interview spricht Melanie Unseld über Geschlechtskonstruktionen und Selbstinszenierung, Liebe und Partnerschaft, Oper und Popkultur.

FRAGE: Frau Unseld, 200 Jahre Richard Wagner: Viele der großen Opernhäuser haben Neuinszenierungen des „Rings“ ins Programm genommen – die sofort ausverkauft waren. Das Feuilleton überschlägt sich. Was ist das Faszinierende an Wagner?

UNSELD: Zum einen ist es die Musik. Die Musik Wagners ist eine extrem für sich einnehmende Musik. Ein Blick in die Wagner-Rezeptionen zeigt, dass viele Menschen einfach von seiner Musik hingerissen waren und sind. In Frankreich hat Richard Wagner eine ganze ästhetische Strömung hervorgerufen – den so genannten Wagnérisme.  Daneben gibt es natürlich auch die Faszination des Künstlers Wagner.

FRAGE: Die Faszination dauert offenbar schon lange an. Was hat es mit dem aktuellen Wagner-Jahr auf sich? Ist das reine PR um neue Wagner-Bücher und Neuinszenierungen seiner Werke?

UNSELD: Gedenkjahre sind immer auch Ausdruck bestimmter Erinnerungskulturen. Sie sagen viel über unser eigenes kulturelles Selbstverständnis aus. Welche Komponisten kommen schon in den Genuss oder in die Zwangslage – je nach Standpunkt – mit einem Erinnerungsjahr gefeiert zu werden? Es ist nur eine Handvoll von Personen, und diese kleine Auswahl verrät viel über uns, genauer: unseren musikalischen Kanon. Aber Komponisten kommen nicht ohne Zutun in diesen Kanon. Wagner war ein Kind des 19. Jahrhunderts. Und er war sich sehr bewusst, dass dieser Kanon für ihn und das Nachleben seiner Werke maßgeblich ist. Er hat entsprechend viel dafür getan, um in diesen Kanon zu gelangen, und er hat viel getan,  um darin zu bleiben, so dass es für uns heute fast selbstverständlich ist, seinen „runden Geburtstag“ zu feiern.

Cosima hat die Weichen gestellt

FRAGE: Wie hat Wagner das erreicht – außer, dass er komponiert  hat?

UNSELD: Er hat viel geschrieben, nicht nur Musik, sondern auch ästhetische Schriften. Und er hat mit Bayreuth einen Wirkungsort geschaffen, der ausschließlich zur Aufführung seiner Musikdramen dient. Welcher Komponist kann das sonst vorweisen? Und er hatte natürlich mit Cosima Wagner eine Frau an seiner Seite, die als seine Chronistin, später, nach Wagners Tod, als diejenige aufgetreten ist, die für das Weiterleben seiner Werke die Weichen gestellt hat.

FRAGE: Wagner hat ihr ja auch seine Autobiographie diktiert.

UNSELD: Ja. Eine sehr eigentümliche Situation: Richard Wagner diktierte seiner zweiten Frau Cosima die eigene Biographie. Aber Cosima Wagner sah sich nicht nur als seine Stenographin, sondern vor allem als Chronistin. Sie  hatte damit auch Gestaltungsmöglichkeiten beim Schreiben seiner Autobiographie.

FRAGE: Sie hat also das Bild, das wir heute von Wagner haben, maßgeblich mitgestaltet?

UNSELD: Ja. Vieles, was wir über Wagner wissen, wissen wir durch ihre Aufzeichnungen, durch die Autobiographie aber vor allem auch durch ihre Tagebücher. Ihr Blickwinckel spielt also eine wesentliche Rolle. Und da die Dokumente zeigen, dass die beiden sich ausgiebig mit der Frage der Heroisierung des Künstlers auseinandergesetzt haben, floss das in ihre Aufzeichnungen mit ein. Sie haben beispielsweise immer wieder Thomas Carlyle gelesen.

FRAGE: Ein britischer Schriftsteller und Essayist, der als einer der Vordenker des Heroismus im 19. Jahrhundert galt.

UNSELD: Cosima und Richard Wagner waren davon überzeugt, dass man das Bild des Künstlerheroen nur in der doppelten Konstellation verwirklichen kann: Richard Wagner als genialischer Komponist und Cosima Wagner als seine Chronistin. Beide haben sich bewusst entschieden, auf diese Weise das Image Wagners zu kreieren.

FRAGE: Wagner, der Held, der heroische Künstler. Aber auch seine Opern sind nicht gerade arm an Heldengestalten. Sind das festgefahrene Sichtweisen, die Sie in Ihrer Forschung hinterfragen?

UNSELD: Ich möchte gerade im Wagner-Jahr zeigen, dass es Aspekte der Wagner-Forschung gibt, die bislang unterbelichtet geblieben und die dennoch von zentraler Bedeutung sind.

Die Heteronormativität wird brüchig

FRAGE: Die Gender-Forschung in der Musikwissenschaft hat sich mit Wagner kaum auseinandergesetzt?

UNSELD: Wagner wurde dort vergleichsweise wenig behandelt. Mir stellt sich dabei die Frage nach dem Warum. Ist Wagner ein zu offensichtlicher Forschungsgegenstand, da man bei ihm ständig über „das Weib“  und „den Helden“ nachdenkt? Oder gibt es andere Gründe? Wagner lebte in einer Zeit, in der eine starke Geschlechter-Dichotomie postuliert wurde, eine Heteronormativität, die sich scheinbar klar im Schema Weib – Held widerzuspiegeln scheint. Er selbst hat sehr viel und immer wieder über Geschlecht und Geschlechterverhältnisse nachgedacht und geschrieben. Aber die Eindeutigkeiten der Heteronormativität werden bei ihm an vielen Stellen brüchig: sowohl in seinen theoretischen Schriften als auch in seinen Bühnenwerken. Da lohnt sich ein genaueres Hinschauen. Zudem gab es lange auch in der Wagner-Rezeption das Festhalten an diesen  Dichotomien, keine Differenzierung. Auch hier lohnt also ein genaueres Nachdenken.

FRAGE: Machen wir das doch an einem konkreten Beispiel greifbar. Da hätten wir dann auf der einen Seite Siegfried den strahlenden, männlichen Helden…

UNSELD: … vorherrschend ist tatsächlich seine Darstellung als männlicher Held – wie oft haben wir Siegfried im Bärenfell gesehen! Die New Yorker Metropolitan Opera zum Beispiel zeigt eine Ausstellung mit Bildern ihrer Wagner-Inszenierungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts: eine schier unermessliche Ansammlung von Bärenfellen, Hornhelmen und  Speeren.  Was aber spannend ist: Die Ausstellung verdeutlicht Inszenierungsmuster, die sich einerseits noch stark an Inszenierungen zu Wagners Lebzeiten anlehnen. Andererseits bekräftigt sie visuell die Vorstellung  jener Dichotomie zwischen Mann und Weib, und das in einer Zeit, in der die Frauen für ihr Wahlrecht auf die Straße gingen. Spannend ist auch: Während die Inszenierungen Heteronormativität vereindeutigen, finden sich in der Partitur, in den Texten und in Wagners Schriften durchaus Friktionen dieses Modells. Da lugen hinter dem Bärenfell auch viele Fragen an das Konzept „Held“ hervor.

FRAGE: Ist dafür „Tristan und Isolde“ ein gutes Beispiel?  Das Faszinierende am „Tristan“ ist doch, dass Wagner hier das Konzept  „Paar“ noch einmal ganz anders denkt.

UNSELD: Es gibt ja zunächst  eine Dreieckskonstellation, die für Dramatik sorgt. Im Grunde aber stehen sich zwei unterschiedliche Paarkonzepte gegenüber: das legitime Paar – das Ehepaar König Marke und Isolde – und das „eigentliche“ Paar – Tristan und Isolde. Bei allem, was für die  lange Motivtradition  des mittelalterlichen Stoffes wichtig ist, scheint mir das der für Wagner so reizvolle Aspekt gewesen zu sein. Denn wir müssen bedenken, dass das dominante Paarkonzept zur Entstehungszeit des „Tristan“  die bürgerliche Ehe ist.  Aus der Ehe auszubrechen, sie zu hinterfragen – wie es Tristan und Isolde tun –, deutet auf  einen „wunden Punkt“  in der Gesellschaft hin. Insofern stellt Wagners „Tristan“ die Ehe als Konzept zur Diskussion. Dass er als Raum für die Liebe von Tristan und Isolde dann nur die Utopie findet, ist ein weiterer spannender Aspekt.

Elsa ist für Wagner das "Ur-Weib"

FRAGE: Und demgegenüber steht die Oper „Lohengrin“ mit der Figur der Elsa, die Wagner als Prototypen des Weiblichen ansieht.

UNSELD: Elsa ist für Wagner das „Ur-Weib“ – so hat er sie bezeichnet. Dieses „Ur-Weib“ ist auf die Erlösung durch den strahlenden Ritter angewiesen. Dieses Moment der Erlösung des Helden durch das Weib ist für Wagner zentral.

FRAGE: Aber Wagner thematisiert doch auch dort das Prinzip der Partnerschaft – ähnlich wie beim „Tristan“.

UNSELD: Wagner greift zwar auf das gleiche Modell zurück. Nur im „Lohengrin“ funktioniert dies anders: Wenn Elsa Lohengrin nicht gefragt hätte, wer er ist, woher er kommt, dann hätte es ja mit den beiden funktioniert, und sie hätten geheiratet…

FRAGE: Also geht es im  „Lohengrin“ auch wieder um das Scheitern einer bürgerlichen Vorstellung von Ehe und Partnerschaft?

UNSELD: Ja, aber in einer Form, die sich stärker der Geschlechterdichotomie des 19. Jahrhunderts verpflichtet fühlt. Bedenken Sie: Lohengrin ist Träger eines Geheimnisses. Elsa darf nicht danach fragen. Sie muss unwissend bleiben. Wenn sie um sein Geheimnis, wenn sie um seine wahre Identität wüsste, dann wäre dies für sie gewissermaßen ein Auf-rücken auf Augenhöhe: Und die bürgerliche Ehe im 19. Jahrhundert war alles andere als ein Konzept auf Augenhöhe. Sie war ein ganz klares Modell von Abhängigkeit. Sowohl emotional, als auch juristisch und gesellschaftlich. Und dieses Abhängigkeitsverhältnis wird durch Elsas Frage angefochten – daran scheitert dann das Paar.

FRAGE: Wieviel von Wagners eigenem Leben spiegelt sich hier wider? Immerhin hatte er neben seinen beiden Ehen zahlreiche amouröse Verhältnisse.

UNSELD: Hier müssen wir aufpassen: Können wir direkt in Wagners Leben schauen? Oder sehen wir nicht vielmehr nur das, was über Wagners Leben geschrieben wurde? Wagner selbst hat ja, wie gesagt, sein Künstlerimage stark über verschiedene Medien geprägt. Dazu gehört das Bild des Genies, das seine Muse als Quelle der Inspiration braucht,  aber auch des Revolutionärs, des Visionärs. Wir sollten versuchen, den Selbst- und Fremdinszenierungen hier nicht auf den Leim zu gehen.

FRAGE:  Das scheint ja ein sehr modernes Spiel mit Identität und der Selbstinszenierung als Künstler – wie es heute in der Popkultur selbstverständlich ist.

UNSELD: Wagner und die Popkultur sind ja auch keine Gegensätze. Im Gegenteil: Schon in Carlyles Konzept ging es um Größe und Popularität oder auch um Popularität durch Größe. Der Held ist für Carlyle auch immer der in der Gesellschaft sichtbare, öffentlich gefeierte Mann. Spannend wird es dann wiederum, wenn sich Wagner und Popkultur begegnen. Wir können beispielsweise heute nicht mehr den „Walküren-Ritt“ hören, ohne an „Apocalypse Now“ zu denken. Übrigens inszeniert Francis Ford Coppola in dieser Szene auch eine Art Heldentum, das durchaus gebrochen ist. An solchen Stellen sollte die Wagnerforschung ansetzen. Es geht nicht darum zu zeigen, dass Siegfried der strahlende Held, Elsa das Ur-Weib ist – sondern es geht um die Nuancen, die Friktionen, die Wagner in die Konzepte von Held und Weib eingearbeitet hat. Ich bin fest davon überzeugt, dass in diesen Nuancen und Differenzierung der Grund liegt, warum Wagner auch heute noch attraktiv ist.

Das Interview erschien in der aktuellen "EINBLICKE"-Ausgabe.
Einblicke online lesen: http://www.presse.uni-oldenburg.de/63102.html

Am Freitag, 24. Januar, 18.00 Uhr, im Kammermusiksaal (Gebäude 11, Campus Haarentor) der Universität Oldenburg hält Prof. Dr. Melanie Unseld den Vortrag „Am Ende eines Wagner-Jahres: Erkenntnisse oder Ernüchterungen?". Der öffentliche Vortrag ist Teil des Komponisten-Colloquiums "Musik unserer Zeit". Der Eintritt ist frei.