11.09.2017 – Forschung,Studium

Automatisch international?

  • Vizepräsidentin Esther Ruigendijk: „Warum müssen Studierende in ein Flugzeug steigen, wenn sie interkulturelle Erfahrungen auch in der eigenen Stadt sammeln können?“ Foto: Daniel Schmidt

Für die Universität Oldenburg ist Internationalisierung mehr als ein Schlagwort. Studierende und internationale Wissenschaftler stehen besonders im Fokus. Esther Ruigendijk, Vizepräsidentin für Wissenschaftlichen Nachwuchs und Internationales, über Willkommenskultur und die besten Köpfe.

FRAGE: Von Seiten der Politik heißt es, die internationale Ausrichtung deutscher Hochschulen sei wichtiger denn je. Wie ist Ihre Sicht darauf?

RUIGENDIJK: Eigentlich ist das nichts Neues. Die Globalisierung schreitet voran, das betrifft natürlich auch die Universitäten, und zwar schon seit Jahrzehnten. Der momentane Hype ist aber auch gut: das bringt Aufmerksamkeit für das Thema und damit auch finanzielle Möglichkeiten für neue Strukturen.

FRAGE: Der Wettbewerb ist schon national sehr groß. Wie kann sich eine mittelgroße Universität wie unsere auch international beweisen?

RUIGENDIJK: Aus meiner Sicht ist man als Bildungseinrichtung ganz automatisch international. Und: wir sollten unbedingt auf unsere eigenen Stärken setzen. Dazu haben wir auch unsere ausländischen Studierenden befragt: Herauskam, dass das Leben in Oldenburg im internationalen Vergleich sehr günstig ist. Noch wichtiger waren den meisten aber die Inhalte. Heißt: Wir tun gut daran, die Studiengänge, von denen wir wissen, dass wir spitze sind und uns abheben, noch offensiver zu bewerben.

FRAGE: Sie sprachen gerade von „automatisch international“ – was genau meinen Sie damit?

RUIGENDIJK: Zwei Dinge: In Deutschland leben viele Immigranten und Geflüchtete. Familien in dritter, vierter Generation. Die Gruppe der Studierenden ist so viel bunter geworden, mit vielen ethnischen Identitäten. Wir sind also längst international, und zwar im eigenen Land, in der eigenen Stadt, an der eigenen Uni. Zum anderen ist die Wissenschaft ja per se grenzüberschreitend: Erkenntnisse können nur in einem offenen, freien und internationalen Diskurs gewonnen werden.

FRAGE: Wenn wir schon international sind: An welchen Stellschrauben sollte die Uni trotzdem noch drehen?

RUIGENDIJK: An allem, was nicht automatisch da ist – zum Beispiel die Willkommenskultur. Ob Studierende, Wissenschaftler oder Mitarbeiter aus dem Ausland – sie alle sollen sich bei uns willkommen fühlen. Ganz entscheidend ist dabei das Informationsangebot, das wir nach und nach verbessert haben: vom erweiterten englischsprachigen Internetauftritt über angepasste Formulare bis zur aktuell laufenden Übersetzung von Stud.IP. Das alles flankiert von adäquaten Beratungs- und Serviceleistungen. Sehr gut finde ich auch eine Initiative unserer Personal- und Organisationsentwicklung: Mitarbeiter in Verwaltung und Wissenschaft können sich heute durch neu strukturierte Englisch-Sprachkurse noch bedarfsgerechter schulen lassen.

FRAGE: Gibt es etwas, was sie in diesem Kontext noch vermissen?

RUIGENDIJK: Ja, mehrsprachige Hinweisschilder auf dem Campus! Wobei ich unter Internationalisierung nicht nur verstehe, „Wir machen das jetzt mal auf Englisch“. Warum nicht auch Schilder auf Russisch oder Niederländisch, da wo es passt?

FRAGE: Ist es geplant, auch weitere Studiengänge auf Englisch anzubieten?

RUIGENDIJK: Wir schauen von Fakultät zu Fakultät. In Bereichen, in denen wir schon sehr international ausgerichtet sind und uns einen Namen gemacht haben, wie beispielsweise im Masterstudiengang Sustainable Economics and Management, macht das natürlich Sinn. Ein anderes Beispiel ist der neue IT-Studiengang Engineering of Socio-Technical Systems der Fakultät II. Auch hier knüpft das Fach an ein starkes Forschungsprofil an. Wichtig finde ich übrigens auch fakultätsübergreifende Programme wie EuGl…

FRAGE: Sie meinen die European Studies in Global Perspectives…

RUIGENDIJK: Genau. Wir richten uns damit speziell an Austauschstudierende. In dem Programm können sie Europa aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten: aus der gesellschaftspolitischen, sprach- und kulturwissenschaftlichen, geschichtlichen und ökonomischen Perspektive.

FRAGE: Sie nehmen aber nicht nur die „Incoming Students“ in den Fokus, sondern wollen auch die eigenen Studierenden fit fürs Ausland machen.

RUIGENDIJK: Stimmt. Spannend finde ich hier die Idee „Internationalisation at home“. Dabei lautet die Frage: Warum müssen Studierende in ein Flugzeug steigen, wenn sie interkulturelle Erfahrungen auch in der eigenen Stadt sammeln können? Gerade hier bei uns sind die Bedingungen dafür sehr gut: Wir haben einen Studiengang, der sich mit Interkultureller Bildung befasst, und Wissenschaftler, die sich mit Migration beschäftigen. Hinzu kommen konkrete Projekte mit Geflüchteten, an denen wir als Uni partizipieren können. Diese Voraussetzungen könnten wir noch stärker auch für „Internationalisation at home“ nutzen.

FRAGE: Wir haben bisher nur von den Studierenden gesprochen. Wie steht es um die Wissenschaftler?

RUIGENDIJK: Die sind für uns ebenso wichtig. Zumal wir bei der Rekrutierung deutlich erfolgreicher sind. Der Anteil ausländischer Studierender ist in Oldenburg leider noch unterdurchschnittlich, da müssen wir besser werden. Bei den Promovenden sieht es ganz anders aus: Jeder fünfte kommt aus dem Ausland – für eine mittelgroße Universität ist das ein Spitzenwert.

FRAGE: Warum sind Ihnen die Wissenschaftler so wichtig?

RUIGENDIJK: Mir geht es bei meiner Arbeit weniger darum, angesichts der demographischen Entwicklung die Studierendenzahlen hoch zu halten. Viel wichtiger und zukunftsweisender ist für mich, die besten Köpfe nach Oldenburg zu holen – egal ob aus China, Italien oder Deutschland. Und das gelingt uns umso besser, je breiter wir rekrutieren. In der Folge profitieren davon auch unsere Studierenden.

FRAGE: Wie machen Sie denn potenziellen internationalen Wissenschaftlern die Uni Oldenburg schmackhaft?

RUIGENDIJK: An unserer Universität gibt es wenig Vorstrukturiertes – für Wissenschaftler bedeutet das, dass sie große Spielräume haben. Außerdem ist die Wertschätzung für erfolgreiche Arbeit schnell sehr hoch – anders als an großen Hochschulen, wo man als Neuling länger „unsichtbar" bleibt. Ebenfalls ein großes Plus: Da auch die Forschungsgruppen in der Regel kleiner sind, wird unser wissenschaftlicher Nachwuchs sehr gut betreut.

FRAGE: Und was sagen sie ausländischen Studierenden?

RUIGENDIJK: Bei uns sind die „Wege“ sehr kurz – auf dem Campus, aber auch im Miteinander. Entscheidend sind aber auch die Themen, für die wir stehen. In manchen Forschungsfeldern gehören wir zur Weltspitze. Wir haben wahnsinnig gute Wissenschaftler, die sich auch in der Lehre hervortun und gute Mitarbeiter suchen. Das in Kombination mit dem Flair einer kleineren Großstadt nah am Meer – das ist schon ziemlich attraktiv.


 

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