20.01.2015 – Forschung

Auf den Spuren millimeterkleiner Blutsauger

  • Nicht einmal zwei Millimeter klein - aber als Virusüberträger für die Gesundheit verschiedener Nutztiere von großer Bedeutung: Gnitzen der Art Culicoides obsoletus.

  • Das stechend-saugende Mundwerkzeug einer Gnitze. Fotos: Sonja Steinke

Klein, aber tückisch: Gnitzen der Gattung Culicoides sind wesentlich kleiner als die verwandten Stechmücken, können aber als Krankheitsüberträger Epidemien bei Schafen oder Rindern mit dreistelligen Millionenschäden auslösen. Nachwuchsforscher der Universität ergründen die Ökologie der Blutsauger.

Von Sonja Steinke, Renke Lühken und Ellen Kiel

Nicht einmal zwei Millimeter groß ist ein Exemplar der unscheinbaren Insektenart Culicoides obsoletus, die zur Familie der Gnitzen gehört. Wie so oft steht Größe in keiner Relation zur Bedeutsamkeit, denn Vertreter der Gattung Culicoides sind Überträger (Vektoren) verschiedener Krankheitserreger – darunter das Blauzungenvirus.

Dieses Virus befällt Wiederkäuer und führt etwa bei Schafen oder Rindern zum Beispiel zu Fehlgeburten und verringerter Milchleistung. Vor allem bei Schafen verläuft die Blauzungenkrankheit oft tödlich. Als sie 2006 in Nordeuropa ausbrach, verhinderten Wissensdefizite hinsichtlich der übertragenden Gnitzen und ihrer Brutstätten eine wirksame Bekämpfung der Epidemie. Allein in Deutschland belief sich der geschätzte Schaden auf eine Viertelmilliarde Euro.

Die Arbeitsgruppe Gewässerökologie an der Universität Oldenburg hatte bereits zuvor zur Brutökologie von Gnitzen und anderen potenziellen Vektoren unter den Insekten geforscht – und hat diese Arbeit seither in nationalen und internationalen Projekten intensiviert.

Unter anderem beteiligt sich unsere AG am EU-Projekt VICE, in dem Wissenschaftler aus acht Ländern Modelle entwickeln, um die Überwachung und Risikoeinschätzung für von Gnitzen übertragene Krankheiten künftig zu erleichtern. Zentrales Element unserer Arbeit in diesem Projekt ist eine bundesweite Studie zur Verbreitung und Brutökologie der wichtigsten Arten in Deutschland.

Auf 20 Bauernhöfen, gleichmäßig übers Bundesgebiet verteilt, haben wir während der vergangenen zwei Jahre die Gnitzenpopulation und potenzielle Bruthabitate untersucht. Erste Ergebnisse zeigen, dass sich zum Beispiel Culicoides obsoletus – ein wesentlicher Überträger der Blauzungenkrankheit – besonders zahlreich in Misthaufen entwickelt, während andere Arten zum Beispiel bevorzugt Kuhfladen als Brutstätte nutzen.

Mehrere Abschlussarbeiten und zwei Promotionsvorhaben beschäftigen sich darüber hinaus mit weitergehender Grundlagenforschung zu Umwelteinflüssen auf die Entwicklung der Gnitzenpopulation: Welcher Schlüsselreiz ist für den Eintritt ins nächste Entwicklungsstadium verantwortlich? Wie gut vertragen Larven und Puppen Überflutung oder Austrocknung? Wie frostresistent sind die überwinternden Larven?

Diese und andere Fragen sollen Freiland- und Laborexperimente beantworten. Dazu werden Brutsubstrate inklusive der darin lebenden Larven zum Beispiel überflutet, eingefroren oder im Dunkel gehalten. Im Anschluss daran gilt es, die schlüpfenden Gnitzen zu fangen, um den Entwicklungserfolg zu messen.

Zwar gilt Deutschland seit 2012 offiziell als frei von Blauzungenkrankheit – 2011 brach jedoch eine neue, ebenfalls von Gnitzen übertragene Krankheit aus: Das Schmallenberg-Virus kann bei Rindern, Schafen und Ziegen unter anderem Frühgeburten und embryonale Fehlbildungen verursachen. Der plötzliche Ausbruch dieser neuen Erkrankung hat die Bedeutung vektorökologischer Forschung erneut bestätigt.

Sonja Steinke und Renke Lühken sind Doktoranden in der AG Gewässerökologie und Naturschutz am Institut für Biologie und Umweltwissenschaften (IBU). Leiterin der Arbeitsgruppe ist Prof. Dr. Ellen Kiel.