03.03.2015 – Köpfe

Angst vor Religion?

  • Auf dem Weg in eine Migrationsgesellschaft: Für immer mehr Menschen gehört Religion zu ihrem Leben dazu - bei anderen löst sie Irritationen und gar Ängste aus. (Foto: © Syda Productions - Fotolia.com)

Zur Rolle von Religion in einer säkular geprägten Gesellschaft - und zur Bedeutung von Pegida- und Gegenprotesten: ein Debattenbeitrag der Theologin Ulrike Link-Wieczorek.

Menschen gehen wieder auf die Straße. Nach Jahrzehnten der politischen Lethargie wieder Flagge zeigen – das ist sicherlich die gute Seite des gegenwärtigen Schlagabtauschs an Aufmärschen. Menschen gehen auf die Straße – für und gegen Pegida und Legida, für eine „bunte Gesellschaft“ und gegen massiv gefühlte Verharmlosung bedrohlicher Aspekte eines gesellschaftlichen Transformationsprozesses, in dem nationale und kulturelle Identitäten „hybrid“ werden. Und mittendrin die Ermordung jüdischer Mitmenschen und einer ganzen Redaktion von Karikaturisten, deren Zeichnungen des Propheten Mohammed als kollektive Demütigung empfunden werden. In Afrika, in Ruanda, rufen immer noch christliche Extremisten zum Völkermord auf und berufen sich dabei auf die Bibel. Sie missbrauchen damit ihre Religion nicht minder als die Islamisten bei uns, im Nahen und im Fernen Osten, in Palästina, in Indien, in Nigeria und anderswo in der Welt. Ein Bremer evangelischer Pastor versetzt seine Kirche in Verlegenheit, indem er das Credo vom Heil durch Jesus Christus exklusivistisch auslegt und es für Gottes Willen hält, mit den muslimischen Nachbarn keine religiösen Feste gemeinsam zu feiern. Und schließlich: Die religiös motivierten israelischen Siedlerinnen und Siedler morden zwar nicht, aber sie scheuen auch keine noch so gefährliche Provokation unter Berufung auf die Religion.

Will sagen: Vor Missbrauch ist keine Religion geschützt. Das wissen Christinnen und Christen in Deutschland ganz besonders, haben sie doch in ihrer eigenen Geschichte sehen können, wie sich Christentum und Antijudaismus millionenfach todbringend verbinden konnten. Dieses Wissen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und seine kritischen und selbstkritischen Impulse nicht zu verdrängen, das bleibt eine immerwährende Aufgabe kultureller und religiöser Bildung in Deutschland. In spezifischer Weise wird dies zur Aufgabe in einer gegenwärtigen Gesellschaft, die sich in großen Teilen für säkular hält und die den Unterschied zwischen lebensachtender Religiosität und ihrem Missbrauch nicht mehr zu kennen meint.

Um den Missbrauch von Religion zu wissen, daran hapert es in einer sich säkular verstehenden Gesellschaft, in der scheinbar paradoxerweise religiöse Unsicherheit wächst, in der ein großer Teil der Bevölkerung ungeübt wird im religiösen Sprachspiel schlechthin. Einer Gesellschaft, der damit eine lange selbstverständliche kulturelle Kompetenz verloren zu gehen droht, weil sie an der Bettkante verdorrt, wohin die Religion sich aus der Öffentlichkeit heraus hat verbannen lassen. Wer regelmäßig theologische Bücher im Zug zu lesen hat, weiß aus daraus erwachsenden Gesprächssituationen, wie stark diese geprägt werden aus einer emotionalen Mischung aus Neugier, echten existenzbezogenen Fragen und dem Gefühl, sich peinlicherweise an den Grenzen von Intimität zu bewegen.

Dass nun unsere Gesellschaft plötzlich und unerwartet, geradezu über Nacht, wieder mitgeprägt wird von Menschen, die sich ein Leben ohne praktizierte Religion gar nicht vorstellen können, erzeugt zumindest Irritationen. Eine Unsicherheit, für die Pegida nur eine Äußerungsform von mehreren und sehr verschiedenen darstellt, zumal die neue Unsicherheit gegenüber Religion bei manchem lediglich unterbewusst mitschwingen mag. Sie fällt uns freilich besonders auf, wenn sie sich fremden-phobisch äußert, weil das Unbehagen gegenüber Religion womöglich noch verstärkt wird von der Tatsache, dass gelebte Religiosität häufig gerade bei Menschen aus anderen Kulturen anzutreffen ist.

Haben wir uns nicht in mühsamen Prozessen seit der Aufklärung glücklicherweise befreit von normativer Bevormundung religiöser Traditionen, von Glaubenszwang und indiskreter Gewissensprüfung? Sind wir nicht froh, dass gesellschaftliche Anerkennung nicht mehr gebunden ist an eine allgemein verordnete religiöse Bindung? Dass man frank und frei atheistisch sein darf, ohne in Verdacht zu geraten, eine sozial zwielichtige Gestalt zu sein? Werden nun religiös begründete Denkverbote – siehe Karikaturenstreit und Kreationismus in Schulen – wieder eine Stimme bekommen in unserer Gesellschaft, wenn gläubige Muslime Moscheen füllen, wenn afro-amerikanische Pfingstgemeinden in ekstatischer Freude über die Gegenwart des Heiligen Geistes tanzen oder wenn charismatische Heilungsgottesdienste gar auch die Menschen aus der nächsten Nachbarschaft anziehen? Können wir uns überhaupt mit diesen Menschen – abgesehen von gelegentlichen Sprachproblemen – verständigen und verstehen? Werden uns gar wieder praktizierende Gläubige einspannen in ein Netz von intellektuell nicht nachvollziehbaren Absonderlichkeiten und sozialen Zwängen, wieder neue Generationenkonflikte, und Kämpfe der Geschlechter?

Möglicherweise ist das kulturelle Gedächtnis langwährender und unendlich unerbittlicher, als wir ahnen. Wenn Irritation durch Religion mit Angst vor dem Verlust errungener Denk-Freiheiten in Wechselwirkung gerät, dann wird aus Irritation schnell Angst vor Religion. Der Schritt von hier zu generalisierender Islamophobie, die – wie bei Pegida – keinen Unterschied mehr sieht gegenüber lebensfördernder Religiosität, ihren Riten und Gemeinschaftsformen, ist nicht mehr weit. Angst vor Religion findet sich durchaus nicht nur bei Menschen in Ostdeutschland, die schon seit Jahrzehnten nicht nur in einer abstinenten Entfremdung von praktizierter Religiosität leben. Es wäre zunächst einmal verständlich, dass sie abgeschüttelte ideologische Fremdbestimmung nicht wieder eintauschen wollen gegen Rücksichtnahme auf religiöse Gefühle und die provozierende Herausforderung, hierfür Anerkennung und Aufmerksamkeit aufbringen zu sollen. Angst vor Religion als Angst vor dem Verlust von Freiheit aber gibt es in ganz Deutschland, möglicherweise in ganz Europa. Zeichen dafür sind z.B. die Humanistische Bewegung und die Literatur des „Neuen Atheismus“, die vor wenigen Jahren die Bestsellerlisten erklommen. Angst vor Religion als Angst vor dem Verlust von Freiheit zeigt sich nicht nur gegenüber Migrantinnen und Migranten, aber hier kann sie sich offensichtlich besonders deutlich Ausdruck verschaffen.

Die Befreiung von kirchlicher Bevormundung ist, soweit sie überhaupt als vollzogen empfunden wird, in unserer westlichen Gesellschaft noch nicht so lange her, dass sie eingegangen wäre in eine kollektive Identität. Manche Menschen, sicher auch solche in den „bunten“ Anti-Pegida-Demonstrationen, sind ausdrücklich auf der Suche. Der Verband der deutschen Buddhisten zum Beispiel setzt sich nach Untersuchungen des Heidelberger Religionsforschers Dr. Yukio Matsudo zu 80 Prozent aus konvertierten Christinnen und Christen zusammen, die sich nach einer Religion ohne verordnetes Schuldgefühl und Strafandrohung sehnen. Sie erhoffen sie von einer neuen buddhistischen Spiritualität ohne (bevormundenden) Gottesbegriff und mit hohem sozialethischen Potential. Wer meint, die Zeit der kirchlichen Gewissens-Kränkung sei längst vorbei, irrt offensichtlich.

Wem als Mensch „mit Migrationshintergrund“ (welch seltsam abstraktes Wortungetüm!) Ängste und Irritationen dieser Art entgegenschlagen, der oder die mag ihrerseits irritiert, ja verängstigt reagieren und zumindest ein Anerkennungs-Defizit verspüren. Insofern stimmt, was Pegida fürchtet: Die Gesellschaft steht durchaus vor der Herausforderung, eine Perspektivenveränderung vorzunehmen und eine aktive Kultur der Gastfreundschaft einzuüben – Interesse am anderen zu entwickeln, Lust auf Begegnung und gegenseitige Partizipation, um so den Widernissen des Lebens zu trotzen. In der Flüchtlingsarbeit tätige Profis beobachten glücklicherweise tatsächlich zurzeit vielerorts eine solche Perspektivenveränderung im Verhältnis gegenüber neu ankommenden MigrantInnen, die sich in vielen kleinen und größeren Initiativen zeigt. Mögen sie so weit gehen, dass sie auch zur Anerkennung von fremder beziehungsweise fremd gewordener Religiosität führen!

Denn die zunehmende Radikalisierung auch deutscher Muslime wiederum bringt auch den muslimischen Mitbürgern neue Probleme. Zusätzlich zu der Frage, wie sie ihre Religion im „neuen“ Umfeld einer westlichen Gesellschaft leben und verstehen sollen, kommt jetzt ein neuer Reflexionsdruck nach der anderen Seite: Wie sollen wir unsere religiöse Perspektive verstehen im Unterschied zur islamistischen Interpretation? Denn dass auch im radikalisierten Missbrauch religiös argumentiert wird, kann ja erst einmal nicht bestritten werden. Es geschieht ja offensiv auch gegenüber den muslimischen Gruppen, die sich ihrer Interpretation nicht anschließen. Es kann ihnen gegenüber sogar besonders aggressiv bedrohlich geschehen, wie das Beispiel des Leiters des Zentrums für Islamische Theologie an der Universität Münster, Prof. Dr. Mouhanad Khorchide, zeigt, der unter Polizeischutz gestellt werden musste.

Überhaupt haben wir Menschen im kulturell christlich geprägten Abendland in der Regel noch nicht wirklich verstanden, wie verschieden und wie wenig „ökumenisch“ in ihrer religiösen Identität die unterschiedlichen muslimischen Strömungen sind. Und wie sie jetzt in einer Gesellschaft, in der die Binnendifferenzierung nicht (mehr) entlang religiöser Grenzen verläuft, gerade damit zu ringen haben. So wie den nicht-muslimischen Menschen in Europa aufgetragen ist, nicht alles, was sich muslimisch nennt, über einen Kamm zu scheren, so finden sich Muslime und Musliminnen selbst plötzlich vor der Herausforderung, in einem neuen Sinn „Theologie“ zu betreiben, und zwar auf breiter Ebene, in den muslimischen Gemeinden, in Schulen und medialer Öffentlichkeit. Das ist zweifellos etwas Neues.

So wird es nicht verwundern, dass am Ende dieser Überlegungen die religiöse Bildung ins Spiel kommt: Sie wird in dieser Situation umso notwendiger, als wir auf dem Weg in eine Migrationsgesellschaft zunehmend mit Mitbürgerinnen und Mitbürgern leben werden, für die Religion als Selbstverortung eine unverzichtbare Form der Lebensbegleitung und -gestaltung darstellt. Eigentlich müsste unsere Gesellschaft wieder soweit „religiös musikalisch“ werden, dass sie Unsicherheiten zu besiegen vermag, die hier entstanden sind und die verhindern, dass die lebenswichtige Anerkennung und Würdigung von Lebensformen, die für ein Zusammenleben in pluraler Lebenswelt notwendig sind, nicht in unaufmerksamer Gleichgültigkeit erstickt werden.

Nicht zuletzt fällt diese Aufgabe in zentraler Weise dem Religionsunterricht an staatlichen Schulen zu, den wir in Deutschland ja noch weitgehend haben. Aber auch die sogenannten „Alternativfächer“ zum Religionsunterricht – Werte und Normen, Ethik oder Philosophie – werden sich dieser Aufgabe zu widmen haben und können das auch mit dem „Besteck“, das ihre Fächer bieten. Sie können das ebenso wie der Religionsunterricht in der Linie einer Religionskritik, die das Kind nicht mit dem Bade ausschüttet, sondern sie pflegt, im Rahmen der Anerkennung lebensfördernder Intentionen religiöser Perspektiven und Gemeinschaften. Religion kennen lernen heißt dann auch: Antijudaismus und Antisemitismus als inhuman und als religiöse Verzerrung zu erkennen. Das tut wieder not in Europa.


Prof. Dr. Ulrike Link-Wieczorek hat den Lehrstuhl für Systematische Theologie und Religionspädagogik am Institut für Evangelische Theologie inne.


 

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Ein weiterer Kommentar zum Thema "Pegida" findet sich auf der Titelseite der aktuellen Ausgabe von UNI-INFO