12.07.2012 – Forschung

„Wir sind von Energiesklaven umgeben”

  • Fahrradwerkstatt auf dem Campus der Unviersität: "Warum soll jemand nicht zu einem Vortrag über Immanuel Kant in den eigenen Garten einladen – im Austausch gegen eine Fahrradreparatur? "

„Befreiung vom Überfluss” heißt das jetzt erschienene Buch des Oldenburger Wirtschaftswissenschaftlers Niko Paech. Darin fordert er  konsequenten Klimaschutz – der nur ohne Wohlstandsballast gehe. Paech im Interview über sein Modell einer „Postwachstumsökonomie”. 

FRAGE: Herr Paech, Sie schreiben, dass wir als Konsumenten über unsere Verhältnisse leben. Wie bemessen Sie das?

PAECH: Aus Sicht des Klimaschutzes trifft das auf jeden in Deutschland zu, der mehr als 2,7 Tonnen CO2 pro Jahr verursacht - direkt oder indirekt. Diese Zahl geben seriöse Quellen wie der wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung für globale Umweltveränderungen an. Dass wir in Deutschland bei circa elf Tonnen liegen, zeigt, wie sehr wir ökologisch über unsere Verhältnisse leben.

FRAGE: Nach Ihrer Auffassung hat der Wohlstandszuwachs der westlichen Gesellschaften wenig mit gestiegener Produktivität zu tun …

PAECH: … dafür um so mehr mit immer rücksichtsloserer Ausbeutung der Natur. Der technische Fortschritt hat insgesamt lediglich die Art der ökologischen Plünderung verändert. Nehmen Sie all die Apparaturen, die der Physiker Hans-Peter Dürr „Energiesklaven“ genannt hat! Das sind Geräte, die nur einem Zweck dienen – von außen zugeführte Energie so umzuwandeln, dass der Mensch keine physische Anstrengung mehr aufwenden muss, um bestimmte Aufgaben zu erledigen. Ob Mechanisierung, Elektrifizierung oder Digitalisierung: Wir waren und sind von Energiesklaven umgeben. Der Wohlstand, den wir als Resultat menschlicher Schaffenskraft wähnen, wird von Energie und Ressourcen umwandelnden Maschinen erzeugt.

FRAGE: Die meisten technischen Innovationen seit der Industrialisierung sind also Teufelszeug?

PAECH: Das sage ich nicht. Ich bezweifle aber, dass es jemals technische, zudem kapitalintensive Innovationen gab, die der Menschheit Vorteile brachten, ohne dies mit schleichender ökologischer Zerstörung zu erkaufen. Die Nebenwirkungen bahnbrechender Innovationen offenbaren sich erst langfristig. Die Stop-Taste zu drücken, ist dann kaum noch möglich.

FRAGE: In den Ausbau der Erneuerbaren Energien setzen Sie keine Hoffnungen?

PAECH: Auch Windkraft, Photovoltaik und Bioenergie haben Nebenwirkungen, die zumeist verschwiegen werden. Wenn wir Klimaschutz ernst nehmen, ist die Hoffnung auf ein grünes Wirtschaftswachstum oder einen „Green New Deal” illusorisch. Stattdessen müssen wir uns vom Dogma des Wirtschaftswachstums abwenden, was wiederum heißt, unser Konsum- und Mobilitätsverhalten durch Reduktion zu mäßigen.

FRAGE: Wie sieht das Modell einer Postwachstumsökonomie aus, das Sie vorschlagen?

PAECH: Die globale Industrie müsste auf Bereiche beschränkt werden, in denen sie unumgänglich ist. Wo immer es möglich ist, sollte eine regionale Ökonomie an ihre Stelle treten. Statt wie bisher rund 40 Stunden sollten Arbeitnehmer nur noch etwa 20 Stunden pro Woche arbeiten, um Geld zu verdienen. Die übrigen 20 Stunden dienten nicht nur der Freizeit, sondern auch der kreativen Selbstversorgung: Anbau von Obst und Gemüse, Ausbesserungs- und Reparaturarbeiten, Eigenproduktion … Manche Güter und Dienstleistungen könnten im sozialen Umfeld getauscht werden. Moderne Subsistenzwirtschaft könnte die Verringerung des Geldeinkommens auffangen, indem eine verringertes Güterquantum durch eigene Instandhaltung und Reparatur „veredelt“, also länger genutzt werden kann.

FRAGE: Ein Paradies für Hobbyhandwerker und passionierte Gärtner. Für alle anderen ein ernsthaftes Problem, oder?

PAECH: Auch ein völlig verkopfter Mensch würde das überleben. Warum soll jemand nicht zu einem Vortrag über Immanuel Kant in den eigenen Garten einladen – im Austausch gegen eine Fahrradreparatur? Oder einem Nachbarn helfen, das Betriebssystem Linux zu nutzen? Jedem sollte es möglich sein, sich in den 20 Stunden außerhalb der Erwerbsarbeit zwei bis drei moderne Subsistenzfähigkeiten anzueignen, die er in seinem lokalen Netzwerk einsetzt.

FRAGE: Ist es wirklich erstrebenswert, mit dem grantigen Nachbarn über eine Dienstleistung oder die gemeinsame Nutzung eines Gerätes verhandeln zu müssen, statt einfach mit etwas Geld ins nächste Geschäft zu gehen?

PAECH: Die Bedeutung des Aushandelns von Gemeinschaftsnutzungen würde in einer Postwachstumsökonomie ohne Frage zunehmen. Und viele nähmen das sicher erst einmal als Freiheitsverlust wahr. Aber eine Freiheit zu propagieren, die langfristig nicht verantwortet werden kann, halte ich für unaufgeklärt. Im Übrigen besteht eine der Verrücktheiten heutiger Gesellschaften darin, dass wir uns einerseits durch Kaufkraft von anderen Menschen unabhängig machen wollen, andererseits aber viel Zeit bei Facebook verbringen, um uns dann über die digitale Hintertür als soziale Wesen zu fühlen. Langfristig könnte die Zunahme persönlicher Kontakte bei gleichzeitiger Entschleunigung der Lebensweise die Menschen glücklicher machen.

FRAGE: Zur Verbesserung des Klimaschutzes – und als Teil einer Postwachstumsökonomie – fordern Sie nicht nur die Regionalisierung der Wirtschaft, sondern auch größere Sesshaftigkeit. Der billige Urlaubsflug ins Ausland wäre also tabu?

PAECH: Das hinge von Ihrer CO2-Bilanz und Ihren persönlichen Präferenzen ab. Wenn Sie 2,7 Tonnen CO2 pro Jahr zur Verfügung haben, müssen Sie rechnen: Vielleicht haben Sie kein Einfamilienhaus, kein Auto, keinen Fernseher und kein Handy – dann könnte von Zeit zu Zeit mal ein Flug möglich sein. Oder Sie leihen sich von mehreren Freunden jeweils eine halbe Tonne, die Sie dann aber abstottern müssen. Wir müssen uns daran gewöhnen, mit CO2 zu rechnen wie mit einem nicht vermehrbaren Budget.  

FRAGE: Viele würden dann also AusländerInnen nur noch aus dem Fernsehen kennen? Ihr Sesshaftigkeits-Ideal klingt nach 1950er-Jahre-Muff.

PAECH: Gebraucht wird ein Kompromiss zwischen intoleranten Laubenpiepern und verkrampft weltoffenen Zeitgenossen, die ökologische Schadensmaximierung betreiben. Sind Toleranz und Weltoffenheit nur durch ausufernde Mobilität herzustellen oder wird damit nur ein ruinöses Vergnügen schön geredet? Ob Vielreiserei übrigens nicht ebenso wahrscheinlich Vorurteile über bestimmte Kulturen bestätigt, fragt niemand. Ich will niemandem das Reisen verbieten, sondern nur darauf hinweisen, dass Klimaschutz und globale Mobilität unvereinbar sind. Wer die Regel ablehnt, dass jedem Menschen jährlich nicht mehr als 2,7 Tonnen CO2 zustehen, will entweder keinen Klimaschutz oder keine globale Gerechtigkeit und sollte das dann bitte auch offen sagen.

FRAGE: Wie könnte sich die Idee der Postwachstumsökonomie durchsetzen?

PAECH: Eine politische Mehrheit für ein solches Wirtschaftsmodell ist derzeit kaum zu erwarten. Ich sehe vor allem zwei Tendenzen, die für  eine Postwachstumsökonomie arbeiten: Zum einen schleichende Zusammenbrüche bestimmter Teilsysteme – denken wir an die Finanzkrisen, die Ressourcenverknappung oder die nächsten Zeichen des Klimawandels. Zum anderen haben sich bereits kulturelle Avantgarde-Bewegungen gebildet, die alternative Lebensweisen praktizieren. Denken Sie an die „transition town“ - Initiativen für lokales und nachhaltiges Wirtschaften. Oder das „urban gardening“ - die gemeinsame landwirtschaftliche Nutzung städtischer Flächen. Oder auch die „I fix it“-Bewegung. Das sind Menschen, die wieder Spaß daran haben, in kleinen sozialen Netzen Dinge des alltäglichen Lebens zu reparieren. Entkommerzialisierte Konzepte der Gemeinschaftsnutzung sind ebenfalls zu nennen.

FRAGE: Inwieweit leben Sie selbst bereits im Sinne einer Postwachstumsökonomie?

PAECH: Tja, das klingt für manche negativ (lacht). Aber gut: Ich habe kein Einfamilienhaus, kein Auto, kein Handy, keinen Fernseher und bin in meinem 51-jährigen Leben nur einmal geflogen. Seit 1979 bin ich Vegetarier und versuche, mich saisonal, regional und ökologisch zu ernähren. Und ich benutze Sachen, bis sie kaputt gehen, lasse Hosen und Schuhe flicken. Ich repariere Fahrräder, backe Brot und habe mir auch sonst einige Subsistenzfähigkeiten angeeignet.

FRAGE: Und Sie ermuntern Ihre Freunde, Verwandten und Kollegen, genauso zu leben?

PAECH: Niemals! Das würde ohnehin nichts bewirken, zumal nicht schlaue Reden, sondern nur vorgelebte Praktiken glaubwürdig sind. Nur wer mich fragt, bekommt eine Antwort. Ich bin kein Partyschreck, der anderen Vorwürfe macht. Das wäre ja Terror!

Niko Paech: Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. Oekom Verlag, München 2012, 14,95 Euro.  


 

Kontakt

Prof. Dr. Niko Paech
Department für Wirtschafts- und Rechtswissenschaften
Tel: 0441-798/4264
niko.paech@uni-oldenburg.de