28.12.2014 – Forschung

„Wir müssen die Universität neu reflektieren“

  • Diskussionsrunde (v.l.): Corinna Dahm-Brey, Matthias Echterhagen (beide Presse & Kommunikation), Sabine Doering, Birger Kollmeier, Katharina Al-Shamery und Niko Paech.

  • „Linien der Forschungen zu erneuerbaren Energien“: Die Pläne zum energieautarken Energielabor – hier dessen Photovoltaikanlagen – entstanden in den 70er Jahren.

  • In einer Nacht- und Nebelaktion bringen Studenten im Oktober 1974 den Namenszug am Uni-Turm an. Offiziell genehmigt wurde der Name erst 1991.

Die Universität Oldenburg feierte im Jahr 2014 ihren 40. Geburtstag. Was macht sie aus? Wie muss Bildung in der Zukunft aussehen, und wie fördert man den Erkenntnisdrang bei Studierenden? Ein Meinungsaustausch zwischen Katharina Al-Shamery, Sabine Doering, Birger Kollmeier und Niko Paech.

FRAGE: Frau Al-Shamery, Sie kamen 1999 als Hochschullehrerin für Physikalische Chemie nach Oldenburg. Wie haben Sie die Anfangszeit erlebt? 

AL-SHAMERY: Ich war sofort in Diskussionen über Projekte eingebunden, die spannend und vor allem fachübergreifend waren. Da diskutierten Biologen mit Archäologen, Historikern, Philosophen – und eben mit Chemikern wie mir – beispielsweise über Patina auf Gemälden und Skulpturen. So etwas war für mich völlig neu. Auch die Diskussion mit den Fachdidaktiken war hier ganz anders. Die hatten an anderen Universitäten immer ein Mauerblümchendasein und wurden ein bisschen belächelt. Und hier waren sie mittendrin. Bis heute schätze ich genau diese andere Kultur an der Universität Oldenburg – sie macht sie besonders. Und sie ist wohl auch der Grund, warum viele Kolleginnen und Kollegen gerne bleiben, auch wenn sie hochkarätige Rufe erhalten.

FRAGE: Herr Kollmeier, wie war das bei Ihnen?

KOLLMEIER: An die Zeit meines Einstiegs erinnere ich mich genau. Ich war mit 33 Jahren der jüngste Professor des Fachbereichs, als ich 1992 an die Uni Oldenburg berufen wurde. In Göttingen hatte ich alle Studierenden geduzt und die Studierenden haben mich gesiezt. Dann kam ich nach Oldenburg, habe alle gesiezt – und alle haben mich geduzt. Das war ein kleiner Kulturschock. Die ersten Jahre waren insgesamt nicht so leicht als Jüngster mit der größten Gruppe von 16 Leuten, mit viel Equipment und dem entsprechenden Raumbedarf, aber sie haben mich geprägt, ganz sicher.

FRAGE: Frau Doering, haben auch Sie einen Kulturschock erlebt, als Sie 2001 ans Institut für Germanistik kamen?

DOERING: Ja, das kann man so sagen, im positiven Sinne. Besonders im Gedächtnis ist mir die Aufbruchsstimmung am Institut und dem damaligen Fachbereich, die aber auch mit Verunsicherungen einherging. Ich war knapp 40, es gab eine Handvoll Kollegen unter 50, der Rest ging der Pensionierung entgegen. Das war eine spannende Zeit, in der wir Jüngeren sehr schnell Verantwortung bekommen haben. In Bayern hatte ich das ganz anders erlebt. Hier, in Oldenburg, gab es plötzlich die Chance, das Institut und seine Arbeitsbedingungen mitzugestalten. Damals begegnete ich einer starken und auf den ersten Blick homogen wirkenden Gründergeneration, die zwischen Nostalgie, Beharrungsvermögen und einem wunderbaren Selbstbewusstsein hin und her schwankte. 

FRAGE: Herr Paech, Sie kamen 2001 von der Stadtverwaltung  …

PAECH: Richtig, ich war drei Jahre in Oldenburg Agenda 21-Beauftragter. Dann war eine Stelle ausgeschrieben: Ein Projekt des Bundesforschungsministeriums, es ging um Nachhaltigkeitsforschung mit Blick auf Märkte und Unternehmen. Natürlich kannte ich die Uni schon vorher und sie hatte einen guten Ruf. Ich merkte schnell, dass sie nicht nur gut in der Nachhaltigkeitsforschung ist, sondern auch durch ihre Offenheit für gesamtgesellschaftliche Probleme ein sehr gutes Standing hat. Später, nach meiner Habilitation, hatte ich natürlich noch viel mehr Möglichkeiten, Forschungsprojekte aktiv zu gestalten. Für mich gibt es aber noch einen wichtigen Punkt: Was mir wirklich gefällt, ist, dass an dieser Universität ein interdisziplinärer Charakter gelebt wird, den man sonst nur aus Sonntagsreden kennt. Der immer beschworen wird – gerade von der Hochschul- und Wissenschaftspolitik – aber nur selten auch gelebt. 

FRAGE: Herr Kollmeier, Sie gelten als eines der wissenschaftlichen Aushängeschilder der Universität, verantworten unter anderem den Exzellenzcluster Hearing4all. Wenn Sie es auf den Punkt bringen müssten: Worauf kommt es Ihnen in Ihrer Forschung an?

KOLLMEIER: Dass man das naturwissenschaftliche Grundlagenwissen weiter voranbringt. Wir widmen uns in dem Cluster ja dem Gehör, ein überaus komplexes System, das wir besser verstehen wollen – und das geht nicht ohne ständiges Dazulernen, und zwar in einem absolut interdisziplinären Feld, wie es hier in Oldenburg aufgestellt ist, da stimme ich Herrn Paech vollkommen zu. Und das ist für mich der Kern: Sich einer Sache von verschiedenen Seiten her zu widmen und dabei mehr Erkenntnisse über die zugrundeliegende Struktur und das System zu schaffen.  


 „Exzellente geisteswissenschaftliche Forschung kommt mitunter völlig ohne Drittmittel aus. Vor allem braucht sie, was kaum mehr vorhanden ist: Zeit.“
Sabine Doering


FRAGE: Frau Doering, als Geisteswissenschaftlerin haben Sie wahrscheinlich andere Prioritäten?

DOERING: Nun, uns alle verbindet, dass wir wissenschaftlichen Prinzipien verpflichtet sind. Und dass wir darum ringen, der Wahrheit näherzukommen. Dennoch erlebe ich oft eine gewisse Fremdheit gegenüber dem, womit wir Literaturwissenschaftler uns beschäftigen – auch deshalb, weil ich nicht so schnell sagen kann: Die Gesellschaft wird unmittelbar besser durch das, was ich tue. Doch Literaturwissenschaft hat eine große Bedeutung. Ich bin überzeugt: Kunst ist in ihren verschiedenen Ausdrucksmedien eine anthropologische Konstante und ein tiefes menschliches Bedürfnis. Wir müssen uns mit den Hervorbringungen der Künste beschäftigen, wenn wir verstehen wollen, wer wir sind und mit welchen großen Fragen wir uns auseinandersetzen müssen. 

FRAGE: Können Sie uns ein Beispiel geben?

DOERING: Wenn ich mich in meiner Arbeit intensiv mit der Literatur und dem Denken um 1800 beschäftige – eine der wichtigsten Etappen der jüngeren Literatur und Geistesgeschichte – dann helfe ich zu verstehen, wie Denkweisen und Entscheidungen zustande gekommen sind, mit denen wir heute noch immer zu tun haben. Und dabei geht es mir nicht unmittelbar um die Verwertbarkeit.  Sondern um die historische Tiefe unserer Gegenwart, die eine fundierte wissenschaftliche Reflexion bekommen muss. Das wertzuschätzen, dazu braucht es einen anderen Blick. Denn akademische Wertschätzung wird häufig in der Dimension von Drittmitteln und Mitarbeiterzahlen gemessen. Und das ist falsch. Exzellente geisteswissenschaftliche Forschung kommt mitunter völlig ohne Drittmittel aus. Und vor allem braucht sie, was in meiner Fakultät durch die überhandnehmenden Betreuungsaufgaben kaum mehr vorhanden ist: Zeit.

PAECH: Stimmt, die fehlt auch bei uns Wirtschaftswissenschaftlern, um kreative und problemorientierte Theoriegehalte zu entwickeln. Weil wir gehetzt sind. Wir müssen ständig vorzeigen, wie viele Projekte wir haben und was sie wiegen. Das ist quasi ein physischer, zuweilen sinnentfremdeter Vorgang des Bewertens: Man sagt, das Projekt wiegt ja nichts, weil nur 350.000 Euro bewilligt wurden. Ein anderes ist deshalb wichtiger, weil es doppelt so viel eingebracht hat. Aber die Frage muss zuallererst doch sein: Was bringt es dieser Gesellschaft, ein bestimmtes Forschungsprojekt durchzuführen oder einen bestimmten Korpus zu entwickeln, der aus vielen Mitarbeitern und Zuständigkeiten besteht? 


„Die Persönlichkeitsbildung muss eine große Rolle
spielen.“
Katharina Al-Shamery



FRAGE: Sind Universitäten letztlich blind geworden gegenüber den Problemen der Gesellschaft?

PAECH: Sie wirken auf mich oft wie die Cocktailbar auf der Titanic. Wo der Barkeeper sich fragt, wie er die Cocktails optimieren kann, während das Schiff schon in Schräglage ist. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Finanzkrise 2008 ist gesellschaftlich nicht bewältigt worden. Es wurden keine Konsequenzen aus ihr gezogen. In Hinblick auf die vielen Instabilitäten des Geld- und Finanzsystems befinden wir uns wirklich auf der Titanic. Wo bleiben die ökonomischen Alternativentwürfe? Wir müssten mehr darüber reflektieren, was an Veränderungen anstünde, um eine Gesellschaft krisensicherer zu machen. Und die damit angesprochene Resilienz wäre geradezu prädestiniert für interdisziplinäre Zusammenarbeit.

KOLLMEIER: Um im Bild zu bleiben: Ich fühle mich eher wie der Professor in der Cocktailbar. Letztendlich haben wir doch zwei Währungen: die eine ist Geld, die andere Zeit. Es ist eine Frage der Effizienz, wie viel Zeit wir für die Akquise verwenden können, zu der wir gezwungen sind, um Forschung unter bestimmten  Rahmenbedingungen realisieren zu können. Dementsprechend halte ich das Reduzieren auf das Geld für nicht so ausschlaggebend. Ich habe nicht den Eindruck, dass unsere Universität primär durch Geld oder durch den Einsatz von Drittmitteln beherrscht wird. Und der Stellenwert einer Person lässt sich gewiss nicht an dem Einsatz von Drittmitteln messen.

AL-SHAMERY: Ich finde es schon problematisch zu sehen, wohin sich Universitäten heute bewegen. Der Anspruch, den die Gesellschaft immer mehr an uns stellt, ist: Ich forsche drei Jahre an einem Projekt und sofort kommt das Produkt heraus. Das greift für mich zu kurz. Die Universität ist doch nicht nur ein Ort, an dem geforscht wird. Hier werden auch junge Menschen ausgebildet, die später Verantwortung im Beruf tragen sollen. Die Persönlichkeitsbildung muss also eine ganz große Rolle spielen. In der Wirklichkeit hecheln die Studierenden von einer Prüfung zur nächsten. Die Frage muss sein: Wie können wir die Universität weiterentwickeln, so dass man später Verantwortung übernehmen kann, dass man lernt, verknüpfend und strategisch zu denken und in der Lage ist, Visionen zu entwickeln? Auch und gerade Visionen für die Zukunft unserer Gesellschaft? Wir müssen also gegensteuern und ganz neu reflektieren, was Universität ist. Und hier kann die Universität Oldenburg einen wichtigen Beitrag leisten.

FRAGE: Herr Paech, Sie gelten als Querdenker, die „Zeit“ bezeichnete Sie einmal als „radikalen Wachstumskritiker“.  Wie wichtig ist es Ihnen, „quer“ zu sein und sich auch in der Wissenschaft so zu positionieren? 

PAECH: Klar, wer heute gegen wirtschaftliches Wachstum argumentiert und sogar von sich behauptet, dies mit wissenschaftlichem Anspruch zu tun, gilt wohl als Querdenker. Spannend ist für mich aber die Frage, wie man sich als Querdenker verortet innerhalb eines Gefüges aus Kolleginnen und Kollegen und auch innerhalb einer Fakultät. Und da bleibe ich bei meinem positiven Eindruck von dieser Universität, denn ich werde nicht nur toleriert, sondern zuweilen sogar unterstützt.

FRAGE: Inwiefern?

PAECH: Meine Kollegen und Kolleginnen vertreten oft andere Auffassungen. Aber sie tun das im Kontext ihrer Arbeit und auch ihrer Vernetzung über die Lehrstühle hinweg, lassen aber auch andere Ansichten zu. Es gilt ja für uns alle generell: Das Querdenken an sich darf nicht ablenken von den Kriterien guter Forschung und guter Lehre. Für mich ist es sehr wichtig, eben auch handwerklich gut zu sein.

DOERING: Das sehe ich auch so. Quersein, das ist kein Wert an sich. Wie es Herr Paech gesagt hat: Wir brauchen eine gute handwerkliche  Basis. Und bei uns sehe ich als ganz große Stärke, dass Selbstständigkeit gegenüber Fachtraditionen gefördert wird. Gleichzeitig müssen wir aufpassen, dass sich bestimme Querthemen nicht petrifizieren. Nicht alles, was vorgestern quer und innovativ war, muss heute noch relevant oder gut sein. Und da erlebe ich gerade auch unter den Kollegen und Kolleginnen sehr viel neue Energie, die in die Frage hineingeht: Was sind heute – und viel wichtiger – was sind morgen die wichtigen Themen?

AL-SHAMERY: Diese Fragestellung hat die Uni Oldenburg aber auch schon immer bewegt. Nehmen wir nur die Forschungen zu erneuerbaren Energien. Entstanden ist sie aus der Anti-Atomkraft-Bewegung, und wenn man sich damals wie Joachim Luther mit den „Erneuerbaren“ beschäftigt hat, wurde man gleich in eine bestimmte Ecke gestellt. Wenn man überlegt, wie diese Linie der Forschungen zu erneuerbaren Energien inzwischen auch weltweit einflussreich geworden ist, dann müssen wir sagen: Es hat sich mehr als nur ausgezahlt. Wichtig finde ich auch, sich nicht rein auf große Schwerpunkte zu fokussieren und alles andere herunterzuschrauben. Es ist sehr wichtig, auch Projekte zu fördern, die anderswo als exotisch eingestuft würden. Henrik Mouritsens Forschung zur Navigation von Zugvögeln ist da ein gutes Beispiel. Es geht uns um eine bestimmte Vielfalt, und es muss dabei Platz für Neues sein, und dieser Platz kann nur entstehen, wenn man auch ungewöhnliche Projekte zulässt. 


„Es ist eine Frage der Effizienz, wie viel Zeit wir für die Akquise verwenden, um Forschung unter bestimmten Rahmenbedingungen zu realisieren.“
Birger Kollmeier



FRAGE: Ungewöhnlich – mit einem Lärmschutzprojekt – nahm auch die Oldenburger Hörforschung ihren Ausgang. Herr Kollmeier, welchen Stellenwert besitzt das Querdenken in Ihrer Forschung?

KOLLMEIER: Bestimmt einen großen, jedenfalls fängt das schon bei mir an, da ich nicht so recht in eine Kategorie hineinpasse. Ich bin weder reiner Physiker noch Arzt, habe schon in der Ausbildung in der Physik die bessere Methodik und in der Medizin die interessanteren Fragestellungen gesehen. Schließlich habe ich versucht, beides zusammenzubringen – was sich inzwischen auch in der Medizinausbildung an unserer Universität niederschlägt. Zugute kommt uns allen dabei, dass diese Uni keine altstrukturierte und ehrwürdige ist, sondern eben sehr dynamisch ist und man sich gut in nicht-klassischen Bereichen finden kann – und da ist gerade das Querdenken eine Stärke.

DOERING: Für mich bedeutet Querdenken eher, nicht jeder Mode hinterherzurennen. Das ist gerade in den Geisteswissenschaften sehr oft so. Es wird ein „Turn“ nach dem anderen ausgerufen. Und es gibt Universitäten, die sehr flink darin sind, sich dem jeweils neuesten Turn anzupassen, um dann doch wieder hinterherzuhängen. Deshalb finde ich es wichtig, dass wir hier auch Orte haben, an denen wir Vertrauen erfahren. Und beispielsweise auch dem nachgehen, was nicht das Modischste ist, aber eben dauerhaft substanziell. Unsere Verantwortung als Wissenschaftler oder Wissenschaftlerin in gutem Sinne ist es, egal ob die Themen nun modisch oder eher traditionell sind, Vorbild zu sein und Beharrungsvermögen zu zeigen und zu sagen: Das sind die Themen, an denen wir dran sind.

PAECH: Die Frage ist: Wie kann man jungen Menschen Mut machen, auch mal eingetretene Pfade zu verlassen, ganz gleich in welcher Disziplin? Das ist nur möglich an Hochschulen, an denen der Meinungsstreit produktiv ausgetragen wird. Da schadet es nicht, wenn es mal weniger kuschelig zugeht. Ein Aspekt, über den wir in den Wirtschaftswissenschaften streiten, ist dieser: Wollen wir dieses expansive Wohlstandsmodell, das nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist, auf Biegen und Brechen erhalten? Oder müssen wir uns tatsächlich auch an Universitäten fragen, ob nicht eine andere, mit tradierten Vorstellungen brechende Ökonomie zu entwerfen ist? Aus solchen Kontroversen lässt sich viel lernen. Und ich glaube, dass ist es, was die Studierenden fesselt: ein ehrliches und faires Ausfechten von Standpunkten. 

DOERING: Ein Problem liegt bei uns in der Germanistik aber auch darin, dass immer mehr Studierende betreut werden müssen. Vor ein paar Jahren hatten wir rund 150 Studenten in der Erstsemestervorlesung Germanistik. Jetzt sind es 300. Die müssen mit guter Lehre versorgt werden. Wir haben zwar das Geld vom Hochschulpakt – aber vieles übernehmen eben doch Doktoranden und Postdocs, die dadurch weniger Zeit zum Forschen haben. Und ich würde mir wünschen, dass es uns noch besser gelingt, von der Studieneingangsphase an ein forschungs- und leistungsfreundliches Klima zu schaffen. Die Folge eines falsch verstandenen Bachelorsystems ist die Einstellung, mit geringstmöglichem Aufwand die größtmögliche Menge an Kreditpunkten und Scheinen zu bekommen. Leider erlebe ich manchmal, dass besonders engagierte Studierende es schwer haben und lieber den Mund halten, damit sie nicht als Streber gelten. Wir müssen von Beginn an zeigen: Universität und Studium bedeuten eben nicht nur, den Bachelor zu bekommen, sondern sich begeistern zu lassen für wichtige Problemstellungen und substanzielle Fragen und diese gemeinsam zu meistern.

FRAGE: Bildung, die begeistert: Frau Al-Shamery, muss die Universität dafür stärker etwas tun? 

AL-SHAMERY: Wir müssen diesen Zeitpunkt nutzen, um wieder über die universitäre Bildung nachzudenken. Wir sind ja alle ein bisschen älter und wissen, wie Universität war, als wir studiert haben. Es gab eine massive Streitkultur, manches fand man furchtbar, manches nicht, aber die Atmosphäre war immer sehr lebhaft und man hat sich bewusst mit der Gesellschaft auseinandergesetzt. Heute spüre ich die Begeisterung für ein Fach immer weniger. Die Augen müssen wieder glühen – und man soll an die Universität Oldenburg kommen, weil man Erkenntnisse gewinnen will. Dafür muss die universitäre Bildung wieder in die Diskussion kommen, und wir können hier mit anderen Universitäten die Speerspitze zu diesem Thema bilden. Ich wünsche mir zugleich, dass wir die Nachwuchsförderung – schon jetzt sind wir in Niedersachsen mit 18 Programmen neben Göttingen führend – weiter voranbringen.

FRAGE: Herr Paech, was wünschen Sie sich für die Zukunft der Universität?

PAECH: Als Wirtschaftswissenschaftler wünsche ich mir, dass unterschiedliche zukunftsfähige Ökonomieentwürfe unvoreingenommen auf gleicher Augenhöhe behandelt werden. Wie Sie es gesagt haben, Frau Al-Shamery: Es geht darum, die jungen Leute für die Studieninhalte zu begeistern – und nicht nur an die Karriere nach dem Studium denken zu lassen. Universitäten sind derzeit leider keine Schrittmacher einer nachhaltigen Entwicklung, weil sie zu unkritisch gegenüber einer modernen Gesellschaft sind, die auf entgrenzten, völlig illusorischen Lebensstilen beruht.

FRAGE: Was bedeutet das konkret für die Universität?

PAECH: Viele junge Menschen gehen an die Universität, um eine Rechtfertigung dafür zu haben, sich nicht mehr die Hände mit dem schmutzig machen zu müssen, was wir früher einmal als Produktion, Arbeit oder Versorgung bezeichnet haben. Die Menschen, die heute eine Universität besuchen, erwarten, später ein sozial anerkanntes, bequemes und global unbegrenztes Leben führen zu dürfen – alles andere gilt als indiskutabel. Während die materielle Schattenseite unseres Daseins nach Indien und China ausgelagert wird. Der Fortschrittsglaube, Materie durch Wissen und Symbole ersetzen zu können, zählt zu den größten Missständen unseres Bildungssystems. Und ich erwarte von Universitäten, insbesondere den Wirtschaftswissenschaftlern, dass sie endlich zukunftsfähige Gegenentwürfe entwickeln.

FRAGE: Herr Kollmeier, wo sehen Sie die wichtigsten Aufgaben der Universität – was würden Sie sich wünschen?

KOLLMEIER: Für mich ist das Wichtigste der Kampf um die besten Köpfe. Das müssen nicht notwendig Leute aus aller Welt sein, es reichen auch Leute aus Deutschland. Die Qualität der Leute nimmt nicht zu, je weiter sie weg sind. Wir haben schon sehr viel in der Region, auf dem man aufbauen kann. Mein Wunsch wäre, dass wir immer besser werden und das auch umsetzen – um die besten Köpfe zu bekommen.


„Universitäten sind derzeit leider keine Schrittmacher einer nachhaltigen
Entwicklung.“
Niko Paech



FRAGE: Und Sie, Frau Doering?

DOERING: Wir haben das Glück, dass die Generation vor uns darum gekämpft hat, einen wunderbaren Namensgeber zu haben. Carl von Ossietzky war ein Querdenker, der mit seiner Persönlichkeit für das eingetreten ist, was ihm das Wichtigste war: Freiheit, Recht und Frieden. Und ich würde mir wünschen, quer durch die gesamte Universität wieder zu diskutieren, wie sehr uns dieser Mensch als Namenspatron verpflichtet. Mir ist dabei auch wichtig, die Studierenden zu erreichen. Denn es waren keine weltfremden Spinner, die sich damals für die Namensgebung eingesetzt haben. Sondern sie haben in der Person Carl von Ossietzky ein Programm gesehen, über das jede neue Generation neu nachdenken muss.

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DIE GESPRÄCHSPARTNER

Prof. Dr. Katharina Al-Shamery
Katharina Al-Shamery ist kommissarische Präsidentin der Universität Oldenburg. Die Chemikerin gehört dem Senat der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) an. Sie ist Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina. Für ihre besonderen Verdienste in Wissenschaft und Forschung wurde Al-Shamery mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Von 2011 bis 2014 gehörte sie dem unabhängigen Gremium „Ombudsman für die Wissenschaft“ an.

Prof. Dr. Sabine Doering
Sabine Doering ist Hochschullehrerin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft in Oldenburg. Derzeit forscht sie im Rahmen eines Fellowship des Notre Dame Institute for Advanced Study (NDIAS) an der University of Notre Dame (Indiana, USA). Doering ist Präsidentin der internationalen Hölderlin-Gesellschaft mit Sitz in Tübingen und unter anderem Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (BKGE).

Prof. Dr. Birger Kollmeier
Birger Kollmeier, Physiker und Mediziner, ist Sprecher des Exzellenzclusters „Hearing4all“. Zudem leitet er die Abteilung für „Medizinische Physik“, die Hörzentrum Oldenburg GmbH und die Fraunhofer Projektgruppe für Hör-, Sprach- und Audiotechnologie. Der Oldenburger Wissenschaftler hat renommierte Auszeichnungen erhalten, so zum Beispiel den International Award der American Academy of Audiology und den Deutschen Zukunftspreis.

Prof. Dr. Niko Paech
Niko Paech ist außerplanmäßiger Professor für „Produktion und Umwelt“ an der Universität Oldenburg und Vorstandsmitglied der Vereinigung für Ökologische Ökonomie (VÖÖ). Paech gilt als radikaler Wachstumskritiker – und hat für seine Ideen einer „Postwachstumsökonomie“ unter anderem den „Zeit Wissen“ Nachhaltigkeitspreis erhalten. Paech engagiert sich in Institutionen wie der Oldenburger Energiegenossenschaft (OLEGENO), bei KoBE (Kompetenzzentrum Bauen und Energie) oder der Genossenschaft Polygenos.


 

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