04.10.2016 – Forschung

"Wie im tiefsten Mittelalter"

  • "Das ist ein Bildersturm, der uns ans tiefste Mittelalter erinnert" - Althistoriker Michael Sommer zu den Zerstörungen in Palmyra. Foto: istockphoto.de/Joel Carillet

Mehrere Monate lag die historische Stadt Palmyra in den Händen von Terroristen. Antike Stätten wurden zerstört, archäologisches Grabungsgebiet verwüstet. Ein irreparabler Schaden, findet Althistoriker Michael Sommer.

FRAGE: Vergangenes Jahr hat der sogenannte Islamische Staat antike Stätten wie Palmyra in Syrien teilweise zerstört. Was hat das in Ihnen als Historiker ausgelöst?

SOMMER: Es hat mich sehr aufgewühlt. Was mich so fassungslos macht, ist die Systematik, mit der die Zerstörung betrieben wurde. Das ist ein Bildersturm, der uns ans tiefste Mittelalter erinnert. Mir als Althistoriker geht es dabei gar nicht so sehr um die Schäden an den antiken Gebäudeteilen oder der musealen Substanz. Das ist so eingehend dokumentiert, das können Sie letztlich originalgetreu wieder aufbauen. Katastrophal für die Wissenschaft ist der komplette Kontrollverlust der Behörden. Er hat dazu geführt, dass jetzt Raubgräber den Boden förmlich umpflügen. Hier liegt der Hase im Pfeffer: Wenn Sie heute Satellitenaufnahmen der Region sehen, entdecken Sie tausende kleine Löcher, das sieht aus wie ein Schweizer Käse.

FRAGE: Das klingt nach großen Schäden…

SOMMER: Definitiv. Was besonders tragisch ist: Palmyra ist für zukünftige systematische archäologische Arbeiten weitgehend verloren. Ein Archäologe sieht seine Funde stets im Kontext. Da spielt es eine Rolle, wo was gefunden wurde, in welcher Schicht, damit er es datieren und in den richtigen Zusammenhang setzen kann. Das heißt, viel wichtiger als die einzelnen Funde sind Befunde. Diese Befunde sind durch die Wühlarbeit der Raubgräber ein für alle Mal weg. Das ist ein irreparabler Schaden. Es ist sogar so, dass die Wissenschaftler in Palmyra Dinge bewusst im Boden gelassen haben, damit Archäologen künftiger Generationen auch noch was zu finden haben – in der Hoffnung, dass sie dann bessere Analyse-Methoden zur Verfügung haben werden. Das war jetzt natürlich alles für die Katz.

FRAGE: Hat es in der Geschichte schon einmal etwas Vergleichbares gegeben?

SOMMER: In der Dichte und Intensität nicht. Wir haben es hier mit einer Region zu tun, die zu den archäologisch interessantesten und wertvollsten Zonen überhaupt gehört. Palmyra war in der Antike ja nicht irgendeine beliebige Stadt, sondern die Handelsmetropole im Nahen Osten schlechthin. Die Palmyrener haben den Handel mit Luxusgütern wie Seide und Gewürzen quer durch die Wüste organisiert. Das hat sie sehr reich gemacht, sie konnten unzählige Prachtbauten errichten. Gerade deswegen ist der Schaden so immens hoch. Aus dem Verkauf dieser antiken Stücke kann sich der IS immerhin zum Teil finanzieren. Den Terroristen geht es aber noch um etwas anderes: Wenn wir im Westen über die Zerstörungen berichten und lamentieren, blasen wir natürlich genau in deren Horn. Das ist ja das, was sie wollen: den großen Aufschrei hier in Europa.

FRAGE: Was haben sie davon?

SOMMER: Sie erreichen gleich mehrere Ziele: Erstmal erschrecken sie uns in Europa. Dieser totale Zivilisationsbruch, das ist genau die Botschaft, die die an uns senden wollen. Zweitens sind das Werbeaktionen für den Kunsthandel. Bei willigen Käufern soll eine Art Torschlusspanik geschaffen werden: Kauft jetzt, bevor dort alles in Trümmern liegt. Das ist ein ganz perverser Werbefeldzug. Drittens zielen sie auf die eigenen Leute – sie senden eine Art Durchhaltebotschaft. Als Palmyra besetzt war, ging es in den westlichen Medien nicht mehr ausschließlich um das Töten von Menschen, sondern auch um die systematische Vernichtung von Kultur. Da kann der IS dann sagen: „Guckt mal, denen im Westen geht es nur um ein paar tote Steine und die Menschen sind denen egal.“ Die Berichterstattung hat ihnen also genau in die Karten gespielt. Dennoch war sie meiner Meinung nach richtig. Man raubt einer Region ihre Geschichte und damit auch ihre Würde. Es wäre nicht in Ordnung, das zu verschweigen.

FRAGE: Was sind das genau für Stätten, die dort zerstört wurden? Haben sie einen religiösen Bezug?

SOMMER: Nein, nicht zum Islam. Sie sind aus der Römerzeit, genauer gesagt, aus dem ersten bis dritten Jahrhundert nach Christus, also gerade bevor der Islam dort Fuß gefasst hatte. Deswegen müsste man richtigerweise auch sagen, dass den meisten Menschen dort dieser Teil ihrer Geschichte ziemlich egal ist. Bei den Europäern sieht es, ehrlich gesagt, auch nicht viel besser aus. Wir wissen ja kaum etwas über die Zeit nach der Römischen Republik. Der Geschichtsunterricht endet mit Augustus, und das war es dann. Nach meiner Meinung wird es da aber erst richtig interessant: Wir haben plötzlich statt der Römischen Republik ein multikulturelles polyethnisches Imperium, das die Aufgabe zu bewältigen hat, ganz viele Ethnien und Kulturen zu integrieren. Die Römer schaffen das erstaunlich gut. Wenn wir uns anschauen, welche Probleme wir in Europa mit Integration haben derzeit, dann wäre ein Blick ins römische Imperium manchmal gar nicht so verkehrt. Die Römer haben es fünfhundert Jahre lang stabil gehalten, und das weitgehend ohne Gewalt.


FRAGE: Wie haben die Römer das geschafft?

SOMMER: Die Römer haben den Menschen, die im Imperium wohnten, schlichtweg bessere Existenzbedingungen geboten, als sie die Menschen außerhalb vorfanden. Das war ein Anreiz, der jedem sofort klar war. Das kommt ganz gut in dem Film „Life of Brian“ zur Sprache. Da sitzen die Mitglieder der Volksfront von Judäa zusammen und einer sagt: „Was haben die Römer jemals für uns getan?“ Und dann kommt eine ziemlich lange Aufzählung: Aquädukte, Gesundheit, Bildung, sichere Straßen - es ist alles sehr stark zugespitzt, aber genau das ist es: die Zivilisation. Sie schafft einen Anreiz, und lädt die Menschen, die von den Römern erobert worden sind, dazu ein, selbst Römer sein zu wollen. Der zweite Punkt: Die Römer haben mit Zuckerbrot und Peitsche Anreize für loyales Verhalten geschaffen. Wir haben in Deutschland im Moment ja wieder die Debatte um die deutsche Staatsangehörigkeit. Die Römer haben praktisch jedem das Bürgerrecht in Aussicht gestellt. Sie waren da sehr offen. Aber sie haben keinen ungedeckten Wechsel auf loyales Verhalten unterschrieben. Das Bürgerrecht war nicht der Beginn einer erfolgreichen Integrationsgeschichte, sondern stand am Ende. Die Römer haben es geschafft, den Nahen Osten und weite Teile Europas zu einem großen Imperium zu vereinen. Insofern ist die heute so häufig bemühte Aufspaltung in Orient und Okzident historisch gar nicht haltbar, es ist eine künstliche Polarisierung. 

FRAGE: Orient und Okzident gehören also geschichtlich betrachtet zusammen?

SOMMER: Ja, klar. Das wird in Palmyra sehr gut sichtbar. Angenommen, wir könnten da hinfahren, und Sie vergleichen das mit antiken römischen Stätten, die Sie aus Italien kennen. Da merken Sie ziemlich schnell, dass Ihnen vieles bekannt vorkommt. Dann gucken Sie hinter die Kulissen und sehen, dass es aber doch irgendwie nicht so richtig zusammenpasst. Die Säulen oder die Giebelfassade mit einer Portikus, also einem Säulenvorbau, stehen plötzlich in einem neuen Zusammenhang. In Rom wird eine Portikus-Fassade beispielweise für einen Tempel verwendet, in Palmyra ziert sie aber ein Grab. Denn was haben die Palmyrener gemacht? Sie haben das ganze Inventar der römischen Architektur wie aus dem Baukasten nachgebaut, aber es für ihre eigenen Bedürfnisse genutzt. Genau so funktioniert das Imperium. Die Römer machen ein modularisiertes Angebot, jeder kann sich aus diesem Baukasten bedienen und daraus etwas machen, das seinen Vorstellungen entspricht. Das heißt, Sie werden auf der einen Seite Römer, Sie bleiben aber auch das, was Sie schon immer waren, also Palmyrener mit eigenen Vorstellungen vom sozialen Miteinander, von Religion und so weiter. Für diese kreative Aneignung ist Palmyra ein sehr schönes Beispiel. Nirgendwo war diese Architektur bis vor kurzem so perfekt erhalten wie dort. Und nirgendwo sonst war so viel im Boden zu erwarten, was uns Aufschluss darüber gibt, wie sich die Menschen in diesem Spannungsfeld zwischen lokaler Identität und dem „römisch sein“ genau definiert haben. Darin besteht für mich die große Tragik: dass solche Dumpfbacken wie die vom IS uns so einer einmaligen Chance beraubt haben.

Interview: Birgit Bruns


 

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