30.09.2015 – Forschung

Warum Zugvögel immer den Weg finden

  • Rotkehlchen können das Navigieren auch noch lernen, wenn sie in ihrem ersten Lebensjahr keine Sterne – bei Nachtflügen eine wichtige Orientierungshilfe – gesehen haben.

Zugvögel sind Meister im Navigieren. Jungtieren, die dies nicht in den ersten Lebensmonaten erlernen, fehlt dauerhaft der Orientierungssinn – so dachten Biologen bisher. Ein Oldenburger Forscherteam fand nun heraus, dass die Natur den Tieren eine zweite Chance gibt, etwa nach einer Verletzung.

In ihren ersten Lebensmonaten lernen Zugvögel das Navigieren. Dafür prägen sie sich unter anderem die Sternenbilder ein. Doch was ist mit Jungvögeln, die den Himmel gar nicht sehen können, weil sie beispielsweise wegen einer Verletzung in einem geschlossenen Raum gepflegt werden? Haben Sie die Chance verpasst? Bisher ist die Wissenschaft davon ausgegangen. Ein Oldenburger Forscherteam um die Doktoranden Bianca Alert und Andreas Michalik unter der Leitung des Biologen Prof. Dr. Henrik Mouritsen hat jetzt in einer Studie mit Rotkehlchen herausgefunden, dass dies nicht immer der Fall ist. Zugvögel können das Navigieren auch noch später lernen. Die Ergebnisse sind online in den renommierten „Scientific Reports“ der „Nature“ Verlagsgruppe (NPG) veröffentlicht worden.

Seit mehr als einem Jahrzehnt erforscht der von der VolkswagenStiftung geförderte Biologe Mouritsen an der Universität Oldenburg, wie Zugvögel es schaffen, ihren Weg zu finden. Nach und nach kommt seine Arbeitsgruppe den vielen Geheimnissen hinter der perfekten Navigation auf die Spur: Die Vögel orientieren sich unter anderem an den Feldlinien des Erdmagnetfelds, die an den Polen senkrecht zur Erdoberfläche stehen und am Äquator fast parallel sind. Diese können sie wahrnehmen und wissen so ziemlich genau, auf welchem Breitengrad sie sich gerade befinden und wohin sie fliegen. Außerdem nutzen sie den Stand der Sonne, um sich zu orientieren. Bei Nachtflügen ist das Sternenbild eine wichtige Navigationshilfe. All diese Fähigkeiten entwickeln Rotkehlchen bereits in ihren ersten Lebensmonaten und bauen sich daraus ihren nahezu perfekten Orientierungssinn für ihren Flug im Herbst zusammen.

Doch was passiert, wenn Vögel das Sternenbild nicht sehen können? Das war die Ausgangsfrage der aktuellen Studie. Es könnte zum Beispiel sein, dass sie verletzt sind und von Menschen gepflegt werden. Das passiert häufig in geschlossenen Räumen.

Bisher gingen Experten davon aus, dass Vögel nur in den ersten Monaten die Sternenbilder lernen können. Das haben die Ergebnisse der Oldenburger ForscherInnen nun widerlegt. Diese haben in mehreren Experimenten gezeigt, dass auch ältere Vögel das Navigieren noch lernen können, wenn sie im ersten Lebensjahr keine Sterne gesehen haben. Die Tiere bauen sich ihren Orientierungssinn einfach etwas später auf. Die Studie beweist somit, dass die Navigationsfähigkeit von Zugvögeln deutlich flexibler ist als bisher gedacht. Ausgewilderte Vögel haben also eine größere Chance zu überleben, da sie ein funktionierendes Navigationssystem auch noch nachträglich etablieren können.


 

Mehr zum Thema

Vollständiger Forschungsbericht (auf Englisch)

Forschungsbereich Neurosensorik

Kontakt

Prof. Dr. Henrik Mouritsen
Institut für Biologie und Umweltwissenschaften
Tel: 0441-798/3081

henrik.mouritsen(at)uni-oldenburg.de