08.05.2015 – Forschung

Modernitätsschub durch das Mittelalter

  • Mittelalterliche Steinmauer: „Ohne das ‚Mittelalter’ gäbe es Europa nicht - erst recht nicht das mit Rationalität und Aufklärung gepaarte Vernunftverständnis.” Foto: fotolia/Friedberg

In der Epoche wird die Universität erfunden, der Gedanke von „Bildung“ als lebensgeschichtlicher Anspruch entsteht: Das Mittelalter war längst nicht so mittelalterlich, wie viele meinen. Zumal es „das“ Mittelalter gar nicht gibt.


VON PROF. DR. JOHANN KREUZER


In den durch die Terroranschläge in Paris, in Kopenhagen, die Greueltaten des IS oder der Boko Haram angestoßenen Debatten ist die Warnung vor einem Rückfall in ‚das Mittelalter‘ zu einem metaphorischen Standardelement geworden. Das Adjektiv ‚mittelalterlich‘ steht dabei für schrecklich finstere Zeiten, die man glücklicherweise überwunden habe. Angesichts der gegenwärtigen Schrecken, denen man nicht anheimfallen will, ist das verständlich. Aber war das metaphorisch herangezogene Mittelalter so mittelalterlich, wie es die pejorative Verwendung des Adjektivs anzeigt? Das war es nicht.

Schon der Singular ist eine grobe Verzeichnung: ‚Das‘ Mittelalter gibt es in der Epoche, die damit umschrieben wird, nicht. Auch wäre den in diesem Zeitraum – immerhin 1000 Jahre, wenn man vom 5. bis zum 15. Jahrhundert zählt – lebenden Zeitgenossen die Selbsteinschätzung, in einer mittleren, auf eine kommende ‚Neuzeit’ hin zu überwindenden Epoche zu leben, absonderlich vorgekommen. Die Schematisierung Antike-Mittelalter-Neuzeit entstand in Europa zu Legitimationszwecken: Auf einen guten Ursprung (Antike) folgt eine zu beklagende Verfallszeit, die es in der Rückbesinnung auf den Ursprung zu überwinden gegolten habe bzw. gelte – womit die eigene Gegenwart als Ausgang aus einer ‚dunklen’ Zwischenzeit (in der ‚Mitte’, dem medium aevus) gerechtfertigt erscheint.

„Fast könnte man folgern, dass das Mittelalter als erste ihrer selbst bewußte Moderne beginnt.”


Ist dieses Konstrukt ideengeschichtlich zwar willkürlich, so findet sich zu seiner Beglaubigung doch auch ein Anhaltspunkt. Er ist eher unspektakulär, dafür aber umso tiefgreifender. Im
4. Jahrhundert wurde die antike Papyrusrolle durch den Pergamentcodex als Medium kultureller Überlieferung ersetzt – eine Revolution vergleichbar dem die Neuzeit initiierenden Druck mit beweglichen Lettern, der das Ende ‚des’ Mittelalters markiert. Die Epochensequenz ‚Antike-Mittelalter-Neuzeit’ kann so als Überhöhung des Wandels von Speichermedien des kulturellen Gedächtnisses gelesen werden. Seit dem 5. Jahrhundert ist das vom Adverb „modo“ (‚jetzt’) abgeleitete Adjektiv „modernus“ belegt. Das lateinische Wort für ‚alt’ ist „antiquus“: ‚Antike’ entsteht so gleichzeitig mit einem Bewusstsein, das sich im Abstand von ihr als jetztzeitig, das heißt modernus begreift. Fast könnte man folgern, dass das Mittelalter als erste ihrer selbst bewußte Moderne beginnt – als Modernitätsschub, dem unzählig andere bis in die jeweils ‚neueste’ Neuzeit folgen.

Die Einschätzung bzw. pejorative Nachrede, beim Mittelalter handele es sich um einen monolithischen Block vorrationaler Düsternis, ist schon von seinem Beginn her unsachgemäß. Denn der setzt als höchst widerspruchsvoller Prozeß der Aneignung wie Umformung verschiedenster Sinnverständigungsvorgaben (diverser religiöser wie philosophischer) ein und entsprechend in divergierenden Entwicklungslinien wie Entwicklungsbrüchen sich fort. Das läßt sich an einigen Daten bzw. Namen illustrieren: Augustinus gegen Boethius zu Beginn – Abälard versus Bernhard v. Clairvaux später – die Hochscholastik und ihre Summierung bei Thomas v. Aquin im 13. Jahrhundert – kurz danach die Imagination eines Ordnungsgefüges, das geschichtliche Erfahrung wie die Formen, sich mit ihr auseinanderzusetzen, zu integrieren versucht, bei Dante – schließlich im 14. Jahrhundert der Ursprung der Entwicklungen, die von Wilhelm v. Ockham aus zum neuzeitlichen Erkenntnis- wie Wissenschaftsverständnis führen: All das ist jenes ‚Mittelalter’, ohne das es Europa nicht gäbe und das mit Rationalität und Aufklärung gepaarte Vernunftverständnis erst recht nicht.

„Die Kreuzzüge sind mit ihren Greueltaten bis heute in der arabischen Welt ins kulturelle Gedächtnis eingebrannt.”


Nun soll man keine Epoche und keinen Kulturraum schönreden. Es gibt kein „Dokument der Kultur“, das nicht „zugleich ein solches der Barbarei“ ist (Walter Benjamin). Das zeigt auch und gerade der Zeitraum ‚Mittelalter’ als Epoche exemplarisch, am einschneidendsten vielleicht anhand der Kreuzzüge. Sie sind mit ihren Greueltaten bis heute in der arabischen Welt ins kulturelle Gedächtnis eingebrannt. Nun gab es nicht nur die (von Mitteleuropa aus gesehen) nach außen greifenden, sondern ebenso innereuropäische Kreuzzüge, verbunden mit Judenpogromen, die seit dem 12. Jahrhundert das christliche Europa epidemisch durchschütteln. Die Wunden, die diese innerimperialen Feinderklärungen geschlagen und hinterlassen haben, gehören zum kulturellen Gedächtnis ‚Europa’ (oder sollten zu ihm gehören).

Als spezifisch ‚mittelalterliche’ Leistung sollte man sich aber auch bewusst machen, was dabei im Umgehen wie als Umgehen mit der durch machtpolitische wie religiöse Fundamentalismen verursachten Gewalt zu lernen war. Dass die folgende europäische Geschichte selbst massiv hinter den damit erreichten Maßstab zurückgefallen ist, ist kein Argument gegen ihn, im Gegenteil. Hierher gehört auch der Hinweis, dass das Dunkel und die Grausamkeiten, die man mit der Verwendung des Adjektivs ‚mittelalterlich’ evoziert – die Schrecken der Inquisition ab 1500, die wenig später einsetzenden Exzesse der Hexenverfolgungen, der Missbrauch des Adjektivs ‚göttlich‘ zur Maskierung von Unterdrückung und Willkür: Dass all das, wie zum Beispiel auch der Dreißigjährige Krieg, schaut man auf die Datierung genauer hin, nachmittelalterliche Daten bezeichnet. Offenkundig sitzt die dadurch bewirkte Furcht vor dem Rückfall in antizivilisatorische Gewalt so tief im kulturellen Gedächtnis, dass die dabei erlebten Desaster der Vernunft wie die damit zusammenhängende Dienstbarmachung religiöser Erfahrungs- wie Erwartungsschichten in eine Zeit ‚davor’ zurückprojiziert werden.

„In der Institution Universität zeigt sich der Geist der Epoche am sinnfälligsten.”


Auf die Frage, was man gegen den Rückfall in antizivilisatorische Gewalt tun kann, ist die beste Antwort aus dieser Zeit davor – der Vorneuzeit des Mittelalters – die Institution, in der sich der ‚Geist’ dieser Epoche vielleicht am sinnfälligsten zeigt. Das ist die Institution Universität. Wenn Moderne das Wort ist, das den Beginn des Mittelalters begleitet, so ist die Universität die ‚Erfindung’, in der sich sein Geist ausspricht: 1088 Bologna, circa 1150 Oxford, 1209 Cambridge, circa 1215 Paris (Sorbonne), 1222 Padua, 1240 Siena, 1303 Rom (La sapienza), 1348 Prag, 1365 Wien usw. – alles Gründungsdaten, in denen sich zugleich etwas zeitversetzt spiegelt, dass seit dem 11./12. Jahrhundert die Städte Zentren gesellschaftlicher Verständigung werden.

Was hier als Standard erreicht wird, zeigt sich auch an einer Wortneubildung aus dem 14. Jahrhundert: Ab da gibt es das Wort ‚Bildung’ und mit ihm den lebensgeschichtlichen Anspruch, für den es steht. Angesichts der ‚Überwindung’ von Bildung durch technisch steuerbare Kompetenzen wie der Aushöhlung der Universität als eines Ortes der freien universitas studiorum kann man daran nur erinnern. Tut man das, so wird einem eine mittelalterliche Errungenschaft präsent. Das mag verdeutlichen, dass zivilisatorische Standards keine Besitzstände, sondern jederzeit bedroht wie gefährdet sind. Zivilisatorische Errungenschaften gründen im Bewusstsein von Nöten: Man sollte sie sich präsent machen, gerade wenn sie vergangen erscheinen. Aus diesem Grund – nicht im Sinne eines ‚zurück zu’ – braucht es die Präsenz des Vergangenen.

Freud hat auf die Gefahr hingewiesen, die von der Wiederkehr des Verdrängten ausgeht. Dagegen hilft nur die Fertigkeit, mit den Daten der eigenen Geschichte umzugehen. Ohne diese intrakulturelle Fertigkeit dürfte das Gespräch zwischen den Kulturen und den religiösen Fermenten, von denen sie jeweils imprägniert sind, nicht gut möglich sein. Denn gerade hier geht es darum, Differenzen nicht zu verdrängen, sondern sie zu begreifen, um differenzieren zu lernen. Deshalb braucht es den Sinn für die Präsenz des Vergangenen.

Prof. Dr. Johann Kreuzer ist Hochschullehrer für Philosophie.

 

 


 

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