20.04.2015 – Forschung

Europäische Union:
Leben und Lieben über Grenzen hinweg

  • "Erneut ein riskanter Sprung notwendig": Soziologe Martin Heidenreich analysiert die Europäisierung und deren Grenzen. Foto: Daniel Schmidt

Analysieren, wie die europäischen Gesellschaften zusammenwachsen - oder eben nicht: Das steht im Zentrum der Forschergruppe, die der Oldenburger Soziologe Martin Heidenreich koordiniert und die die Deutsche Forschungsgemeinschaft weiterhin fördert. Ein Interview.


FRAGE: Herr Heidenreich, im Zentrum der Forschung Ihrer Gruppe steht die Transnationalisierung sozialer Felder und Räume. Was verbirgt sich dahinter?

HEIDENREICH: Die Tatsache, dass Menschen nicht mehr nur im nationalen Kontext leben, sondern zunehmend grenzübergreifend leben und sterben, lieben und reisen, studieren und arbeiten. Es gibt kaum Aktivitäten, die noch auf den nationalen Raum beschränkt sind. Und wir untersuchen eben, wie sich Gesellschaft ändert durch diese Ausweitung sozialer Felder und Räume.

FRAGE: Was sind genau soziale Felder, was sind soziale Räume – wo liegt der Unterschied?

HEIDENREICH: Diese Unterscheidung hat der französische Soziologe Pierre Bourdieu vorgeschlagen. Felder sind soziale Gebilde wie das Hochschulsystem oder die Asylverwaltung, die durch ein spezifisches Thema, durch spezifische Akteure und umkämpfte Regeln und Positionen gekennzeichnet sind. Der soziale Raum ist letztendlich nichts anderes als ein Ausdruck für die Gesellschaft, in der man lebt, in der man sich austauscht, seine Freizeit verbringt und sich als gleich oder ungleich erlebt.

FRAGE: Sie sagen, man lebt und liebt und arbeitet und stirbt auf europäischer Ebene – und prägen dafür den Begriff der horizontalen Europäisierung. Wie ist diese für jeden Einzelnen greifbar?

HEIDENREICH: Mit dem Begriff setzen wir uns von der politikwissenschaftlichen Europäisierungsforschung ab. Diese konzentriert sich auf die Wechselwirkung zwischen den politischen Institutionen der Europäischen Union und der nationalen Politik und Verwaltung. Als Soziologen versuchen wir, andere Aspekte transnationaler Vergesellschaftung einzubeziehen, etwa die zunehmend grenzüberschreitende Definition von Ungleichheiten, von Geschichtsdeutungen, von alltäglichen Praktiken, von Aushandlungsbeziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern und von professioneller Expertise.

FRAGE: Können Sie ein Beispiel nennen?

HEIDENREICH: Das Projekt der gemeinsamen Wirtschafts- und Währungsunion, die Einführung des Euro, ist ja zunächst einmal eine politische Entscheidung gewesen, verankert im Vertrag von Maastricht 1992. Aber sie wirkt sich natürlich massiv aus auf die Art, wie Menschen leben. Das sehen wir gerade in Südeuropa: Die Arbeitslosigkeit insbesondere von Jugendlichen hat dramatisch zugenommen, die Einkommen sind etwa in Griechenland um 25 Prozent gesunken. Solche Auswirkungen auf die Lebenswelten der Menschen, auf die Migrations- und Mobilitätsprozesse in Europa oder auf  die Bereitschaft zu einer grenzüberschreitenden Solidarität und Umverteilung stehen für uns im Vordergrund. Diese zunehmende grenzüberschreitende Verflechtung der Lebenswelten nennen wir horizontale Europäisierung.

FRAGE: Und woran erkennt man diesen Prozess?

HEIDENREICH: In Vorlesungen frage ich immer: Wer von Ihnen hat schon im Ausland studiert? In Masterkursen sind das etwa 20 oder 30 Prozent der Studierenden. Weitere Beispiele sind natürlich Einkäufe oder Urlaube in anderen Ländern: Wenn Sie etwa nach Groningen fahren, um dort Tulpen zu kaufen, oder wenn Sie Ihren Urlaub auf Mallorca oder Madeira verbringen. Dieser Prozess betrifft auch die Forschung. Durch die EU und speziell den Europäischen Forschungsrat ERC wird wissenschaftliche Reputation in erheblichem Maße in transnationalen, grenzüberschreitenden Räumen definiert.

FRAGE: In Ihrer Forschergruppe sind verschiedene Teilprojekte angesiedelt. Gibt es aus der bisherigen Laufzeit zentrale Erkenntnisse, die Sie selbst überrascht haben?

HEIDENREICH: Ein zentrales Ergebnis ist die Herausbildung einer neuen Peripherie. Europa war in sozialer Hinsicht niemals einheitlich. Aber die Unterschiede vor allem zwischen dem nord- und westeuropäischen Zentrum und der südeuropäischen Peripherie haben zuletzt erheblich zugenommen. Die Euro-Einführung 1999 beschleunigte zunächst den wirtschaftlichen und sozialen Angleichungsprozess. Seit 2008 allerdings nehmen die Unterschiede zwischen Zentrum und Peripherie wieder deutlich zu, während die bisher peripheren mittel- und osteuropäischen Länder rasch aufholen. Kaufkraftbereinigt ist das Haushaltseinkommen in Tschechien schon jetzt höher als in Portugal. In Polen ist es höher als in Griechenland. Die baltischen Länder waren in einer tiefen Krise, aber haben schnell wieder aufgeholt, während Griechenland im freien Fall ist.

FRAGE: Sie beobachten eine doppelte Spaltung?

HEIDENREICH: Genau. Wir nennen das doppelte Dualisierung, weil die sozialen Ungleichheiten nicht nur zwischen zentralen und peripheren Ländern zunehmen, sondern auch innerhalb der einzelnen Länder. Also die Spaltungen zwischen höher und geringer qualifizierten Beschäftigungsgruppen, zwischen Alleinerziehenden und anderen Familienformen, zwischen unbefristet und befristet Beschäftigten nehmen etwa bei Einkommens-, Arbeitslosigkeits- oder Gesundheitsrisiken deutlich zu.

FRAGE: Die Krisen- und Konflikthaftigkeit europäischer Integration wollen Sie in den kommenden drei Jahren der DFG-Förderung nun als Querschnittsthema stärker ins Zentrum rücken. Was wollen Sie ergründen?

HEIDENREICH: Jedes Teilprojekt unserer Forschergruppe setzt sich mit krisenhaften Entwicklungen auseinander. Zum Beispiel geht es im Asylverwaltungssystem um die umstrittene und kosten- und konfliktträchtige Verwaltung der europäischen Außengrenzen. Und im Bereich des Wissenschafts- und Hochschulsystems gilt es, die ERC-Förderung zu analysieren, die nationale Wissenschaftssysteme aufbricht. Meine Bamberger Kollegen wollen die Vergabe von ERC-Grants anhand erfolgreicher und gescheiterter Bewerber nachvollziehen – und ergründen, ob es etwa für südeuropäische Wissenschaftler systematische Barrieren gibt.

FRAGE: Kann Ihre Forschung denn auch Hinweise geben, wie man einer weiteren Spaltung zwischen Europäisierungsgewinnern und -verlierern und zwischen zentralen und peripheren Staaten in Europa entgegen wirken könnte?

HEIDENREICH: Eine zentrale Ursache der aktuellen Krise ist die Inkonsistenz zwischen einer europäischen Geldpolitik und weiterhin nationalen Haushaltspolitiken. Ökonomen haben schon vor der Währungsunion darauf hingewiesen, dass diese ohne eine gemeinsame Haushaltspolitik und damit letztlich eine politische Union kaum funktionieren kann. Auf jeden Fall braucht man nach der Abschaffung flexibler Wechselkurse andere Ausgleichsmechanismen wie eine europaweit koordinierte Tarifpolitik, die im Zentrum des Teilprojektes unserer Linzer Partner steht. Eine andere Möglichkeit wäre eine gemeinsame Arbeitslosenversicherung. Die Kommission hat ja in der Tat vorgeschlagen, dass ein bestimmter Teil der nationalen Arbeitslosenversicherungen auf europäischer Ebene finanziert wird. Ökonomisch macht es natürlich Sinn, auf diese Weise Konjunkturzyklen abzufedern.

FRAGE: Wäre denn eine Europäisierung etwa der Arbeitslosenversicherung geeignet – oder haben Sie aus Ihrer Forschung andere Hinweise, was der Spaltung entgegenwirken könnte? Diese kann ja so nicht gewünscht sein.

HEIDENREICH: Die Spaltung ist dramatisch. Derzeit erodieren die Grundlagen der europäischen Integration: Das Vertrauen der Bürger in die EU-Institutionen bricht ein, die Lebenszufriedenheit geht zurück, zugleich gefährden Arbeitslosigkeit und Ungleichheiten den sozialen Frieden. Die Beziehungen zwischen den Menschen in Europa sind auf einem Tiefstand: Unionsbürger bewerten Deutschland in Umfragen als das vertrauenswürdigste, aber auch als das arroganteste und am wenigsten mitfühlende Land. Als Wissenschaftler tun wir uns natürlich schwer damit, politische Empfehlungen zu formulieren. Allerdings ist es schon beeindruckend, wie viel Mut und Weitsicht vorangegangene Generationen und Politiker aufgebracht haben, als sie sich für die Zollunion, den gemeinsamen Binnenmarkt oder später eine gemeinsame Währung entschieden haben. Ich glaube, dass erneut ein riskanter Sprung notwendig ist.

FRAGE: Welcher Sprung könnte das sein?

HEIDENREICH: Letztlich geht es um eine politische Union. Man könnte über Eurobonds nachdenken, eine gemeinsame europäische Verschuldung, die es über die Rettungsfonds faktisch ja schon gibt. Wobei ich da als Soziologe leicht reden habe, da ich ja nicht politisch dafür geradestehen muss. Ich kann bloß sagen, dass es eine massive Kluft zwischen systemischer und sozialer Integration gibt. Und die Defizite in der sozialen Integration, die sich in der Zunahme von Armut, Arbeitslosigkeit und Ausgrenzung dokumentieren, gefährden insgesamt die Integration der europäischen Gesellschaften und der EU. Das europäische Projekt kann auch scheitern.

Der Soziologe Prof. Dr. Martin Heidenreich ist Inhaber des Jean-Monnet-Lehrstuhls für Europäische Studien in den Sozialwissenschaften. An der von ihm koordinierten Forschergruppe, die die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) seit 2011 fördert, sind Fachkollegen aus Bamberg, Berlin, Bremen, Leipzig, Linz, Nürnberg und Siegen beteiligt.


 

Mehr zum Thema

DFG-Forschergruppe "Horiziontale Europäisierung"

Jean Monnet Centre for Europeanisation and Transnational Regulation Oldenburg (CETRO)

Kontakt

Prof. Dr. Martin Heidenreich
Institut für Sozialwissenschaften
Tel: 0441/798-4867
martin.heidenreich(at)uni-oldenburg.de