04.07.2013 – Forschung

Die Weltmacht, die keine Krise kannte

  • Kolosseum in Rom: "Die Römer hatten denen, die sie unterwarfen, etwas zu bieten." Foto: Bengelsdorf / photocase.com

Von einer kleinen Stadt in Mittelitalien zum Mittelpunkt eines riesigen Reichs: Wie war der unglaubliche Aufstieg der Römer möglich? Und warum ist die römische Geschichte gerade für uns als Zeitgenossen der Globalisierung interessant? Der Althistoriker Michael Sommer im Gespräch.

FRAGE: Ihre zweibändige Gesamtdarstellung der römischen Geschichte liegt nun vor. Über das rein historische Interesse hinaus: Worin besteht die Aktualität der römischen Geschichte heute?

SOMMER: Jede Generation blickt auf Geschichte immer wieder neu; das gilt auch, ja vielleicht ganz besonders für das Altertum, das im kulturellen Gedächtnis Europas und Nordamerikas noch immer einen besonderen Platz hat. Für uns als Zeitgenossen von Globalisierung und weltweiter Vernetzung ist wohl an der römischen Geschichte besonders interessant, dass sich in ihr ein Prozess vollendete, der ebenfalls die Mobilität von Menschen, Gütern und Ideen ungeheuer beschleunigte. Dieser Prozess beginnt mit der frühen Eisenzeit, als die Bewohner der Levante - die Phönizier - ihre Fühler in den Westen des Mittelmeers ausstreckten, und er endet mit der römischen Kaiserzeit, als sich die politische, rechtliche, teilweise auch soziale und kulturelle Einheit des Mittelmeerraums vollendete.

FRAGE: Wie haben Sie die Unmenge an Material letztendlich gebändigt?

SOMMER: Jedes Buch, selbst der dickste Foliant, ist zu dünn, um einen Überblick über die römische Geschichte zu geben, der auch nur annähernd den Anspruch auf Vollständigkeit stellen kann. Ich habe mich deshalb zum Verzicht auf Vollständigkeit entschlossen und mich auf die Fragen konzentriert, die unsere Generation stellt – eine Generation, die erlebt, wie postnationale Strukturen Gestalt annehmen und die Moderne, die mit der Französischen Revolution begann, allmählich Geschichte wird:

Welche Faktoren verhalfen dem Reich zu seiner Dauerhaftigkeit?

 

Wie schafften es die Römer, eine Welt, die kulturell, sprachlich, religiös, politisch und sozial so heterogen war wie der Raum zwischen dem Firth of Forth und den Katarakten des Nil, in ihr Imperium zu integrieren? Welche Faktoren verhalfen dem Reich zu seiner Dauerhaftigkeit? Wie nahmen Unterworfene die römische Herrschaft wahr und wie wurde sie legitimiert? Warum hält ein vormodernes Imperium kulturelle Dissonanzen aus, vor denen moderne Nationalstaaten kapitulieren? Es sind diese Fragen, die Rom zu einem Phänomen von solcher Faszinationskraft auch für unsere Generation werden lassen.

FRAGE: Von einer kleinen Stadt in Mittelitalien zum Mittelpunkt einer Weltmacht: Wie war dieser unglaubliche Aufstieg eigentlich möglich?

SOMMER: Am Anfang waren die Römer wie alle Eroberer: Sie räuberten sich Provinz um Provinz zusammen, die sie ökonomisch ausplünderten; Wohlstand floss in eine Richtung: Von der Peripherie ins Zentrum. Doch im 1. Jahrhundert v. Chr. änderte sich die Balance zwischen Zentrum und Peripherie. Die Römer hatten denen, die sie unterwarfen, etwas zu bieten: Teilhabe an ihrer Herrschaft und an der Zivilisation, für die Rom stand. Deshalb nahmen die Einheimischen in den Provinzen, von Gallien bis Syrien, begeistert alles an, was römisch war oder was sie dafür hielten.

Weil man keinen Fortschrittsoptimismus kannte, kannten die Römer auch kein Krisenbewusstsein.

 

Besonders für die Eliten war das, was Rom anzubieten hatte, enorm attraktiv. In der Regel erhielten die oberen Zehntausend ohne viel Federlesens das römische Bürgerrecht. Und dieses Bürgerrecht war für sie die Eintrittskarte in die Reichselite. Die relativ großzügige Vergabepraxis und die soziale Mobilität, die Rom ermöglichte, konnten jeden Bewohner einer Provinz hoffen lassen, dass seine Kinder römische Bürger, seine Enkel gar Ritter oder Senatoren und seine Urenkel vielleicht dereinst römische Kaiser sein würden. Von dieser Integrationsleistung abgesehen war die stetige Vergrößerung des römischen Bürgerverbandes durch Bürgerrechtsverleihung natürlich auch ein Machtfaktor ersten Ranges: Es gab schlicht irgendwann mehr Römer als Samniten, Syrakusaner oder Karthager.

FRAGE: Welche Erkenntnis hat Sie bei der Beschäftigung mit der römischen Geschichte besonders beschäftigt?

Man muss Alte Geschichte interessant machen.

 

SOMMER: Unweigerlich fragt man sich, welches Ende wohl unsere Zivilisation nehmen wird, wenn selbst das Imperium der Römer, das doch auf Dauer angelegt war, irgendwann an den Spannungen und politischen Umschichtungsprozessen der Völkerwanderungszeit zerbrach. Vielleicht am anrührendsten ist das pessimistische Geschichtsverständnis der Römer selbst, für die es schon ein Gewinn war, wenn es einer Generation gelang, den Besitzstand - moralisch, politisch, ökonomisch - der Väter und Mütter zu halten. Weil man keinen Fortschrittsoptimismus kannte, kannten die Römer auch kein Krisenbewusstsein, das aus der Dissonanz zwischen hohen Erwartungen und der Wirklichkeit entsteht. Unser Gefühl, Zeitgenossen einer Krise zu sein, ist die Kehrseite unserer optimistischen Zukunftsvision.

FRAGE: Inwiefern werfen Sie mit den beiden Bänden einen anderen Blick auf die römische Geschichte, was ist das Besondere Ihres Ansatzes?

SOMMER: Erstens möchte ich die römische Geschichte in die Geschichte ihrer Umwelt einbetten: Das Mittelmeer, der Orient und selbst der Raum nördlich der Alpen gehören untrennbar dazu, will man verstehen, warum etwa die Republik scheiterte. Zweitens möchte ich begreifbar machen, woher die Forschung ihr Wissen bezieht: aus Quellen. Wohl mehr als in manch anderen Überblicksdarstellungen kommen bei mir antike Menschen selbst zu Wort. Drittens setze ich nicht voraus, dass Alte Geschichte per se interessant ist. Man muss sie interessant machen, muss erklären, warum sie interessant ist und warum es sich lohnt, sich nach 2000 Jahren noch mit ihr zu beschäftigen. Ich hoffe, dass mir das in meiner Darstellung gelungen ist.

Rom und die antike Welt bis zum Ende der Republik. Römische Geschichte, Bd. 1, Stuttgart: Alfred Kröner Verlag. 654 Seiten, ISBN 978-3520449016.

Rom und sein Imperium in der Kaiserzeit. Römische Geschichte, Bd. 2. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag, 631 Seiten. ISBN 978-3-520-45801-8.


 

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