Forschungsprojekte:

„Schulpädagogisches Coping angesichts progredient erkrankter Kinder und Jugendlicher“ -Zum pädagogischen Umgang mit Tod, Sterben und Trauer in der Schule-

Forschungsteam:


Leitung: Prof. Dr. Monika Ortmann

Dipl. Heilpädagoge Sven Jennessen

Christian Bruns (student. Hilfskraft)

Unter Mitarbeit von: Kathrin Uhrlau, Sonderschullehrerin

Laufzeit des Projektes: Mai 2000 - Oktober 2002


Kontakt: Sven Jennessen, Tel. 0441-7983674, E-Mail: sven.jennessen(at)uni-oldenburg.de

Finanziert durch das Wissenschaftsministerium des Landes Niedersachsen

Ausgangslage:

Bereits in dem 1993 vom Bundesministerium für Forschung und Technologie erarbeiteten Programm „Gesundheitsforschung 2000“ wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die besonderen Bedingungen der psychosozialen Entwicklung progredient erkrankter Kinder und Jugendlicher bislang nur unzureichend wissenschaftlich erforscht und in der pädagogischen Praxis berücksichtigt werden.

Psychosomatische Störungen, Probleme der Krankheitsbewältigung und der sozialen Eingliederung dieser Kinder stellen für den pädagogischen Umgang innerhalb dieses Problemfeldes besondere qualifikatorische Anforderungen. Vor allem an Schulen für Körperbehinderte, an denen Kinder und Jugendliche mit chronischen oder progredienten Erkrankungen vorwiegend beschult werden, sehen sich für den prä-, peri- und posthanatalen Förderbereich nicht oder unzureichend qualifizierte Pädagoginnen und Pädagogen mit besonderen Belastungssituationen konfrontiert. Die berufliche Situation dieser Lehrkräfte ist häufig auf theoretischer Ebene von Orientierungslosigkeit und auf praktischer Ebene von persönlichen Ängsten und Hilflosigkeit geprägt.

Häufig flüchten sich Lehrkräfte auch auf Grundlage der gesellschaftlichen Tabuisierung des Problembereiches „Sterben und Tod“ und der aktuell erlebten Bedrohung der physiologischen und psychischen Integrität angesichts des wahrscheinlichen Eintretens des frühen Ablebens der betroffenen Kinder und Jugendlichen in Vermeidungs- und Verdrängungsstrategien.

In der Klassen- und Schulgemeinschaft des progredient erkrankten Kindes oder Jugendlichen fehlt oftmals die notwendige pädagogische Anleitung, Stützung und Begleitung, um das Sterben und den Tod der Freunde/Mitschüler angemessen bewältigen zu können. Infolgedessen erleben sowohl die progressiv erkrankten Schüler und Schülerinnen als auch ihre Mitschüler Handlungs- und Kommunikationsunfähigkeit sowie Tabuisierung im Kontext von Tod und Sterben.

Ziele des Forschungsvorhabens

 

 

Ausgehend von der Grundannahme, dass kulturell- und sozialisationsbedingte, subjektive Theorien von Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern eine offene und direkte Auseinandersetzung mit den Erlebnisinhalten „Sterben und Tod“ verhindern, stellt sich das Forschungsvorhaben die Aufgabe, herauszufinden, ob die subjektiven Theorien, die Kognitionen und Bedeutungszuschreibungen der Pädagoginnen und Pädagogen zu der Thematik dahingehend beeinflusst werden können, dass diese Kompetenzen entwickeln, die sie befähigen, chronisch und final erkrankte Schülerinnen und Schüler zu begleiten, sowie das soziale Umfeld (Mitschüler, Elternhaus) zu stützen.

Darüber hinaus sollen die Resultate der Forschungsarbeit Aufschluss gewähren über prä- und perithanatales Erleben und Handeln final erkrankter Kinder und Jugendlicher sowohl im Hinblick auf ihre psychosoziale Entwicklung als auch auf ihr schulisches Lernverhalten. Auch postthanatale Copingstrategien betroffener Lehrkräfte und Mitschülerinnen und Mitschüler werden im Rahmen der Forschungsarbeit erforscht und qualitativ analysiert.

Ein weiterer thematischer Schwerpunkt des Projektes ist die Erforschung von Möglichkeiten zur Stressprävention und sozialen Stützung der Lehrkräfte und die Konzipierung von Fortbildungsmöglichkeiten für Pädagoginnen und Pädagogen auf Grundlage der gewonnenen Erkenntnisse.

Untersuchungsfeld

Die Sonderschule für Körperbehinderte als Lern- und Lebensfeld für final erkrankte Kinder und Jugendliche steht im Fokus der Forschungsaktivitäten. Den o.g. Fragestellungen nähert sich das Forschungsteam durch folgende methodische Vorgehensweisen:

· Problemzentrierte Interviews mit Lehrkräften

· Unterrichtsbeobachtungen

· Beratung von Lehrkräften

· Fortbildungen für Lehrerinnen und Lehrer

Literaturauswahl

Monika Ortmann:

· „Progredient erkrankte Schüler als schulpädagogische Herausforderung für die Körperbehindertenpädagogik“, Zeitschrift für Heilpädagogik, 46. Jg., Heft 4/1995, S. 160-167

· „Progredient erkrankte Kinder und Jugendliche – Pädagogische Aufgaben und Probleme im prä-, peri- und postthanatalen Problemkreis“, Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete. Jg 65, Heft 4/1996, S. 502-526

· „Qualifizierung für den schulpädagogischen Umgang mit progredient erkrankten Schülern im Grundschulalter“, Sonderpädagogik. Jg. 27, Heft 1/1997, S. 30-39

· „Die persönliche Würde des Kindes erhalten. Umgang mit Tod und Sterben in der Schule“, Das Band. Zeitschrift des Bundesverbandes für Körper- und Mehrfachbehinderte e.V., Jg. 28, Heft 4, 1997, S. 12-16

· „Theorie und Praxis der pädagogischen Förderung chronisch kranker und final erkrankter Kinder“. In: Bergeest, H. & Hansen, G. (Hrsg.): Theorien der Körperbehindertenpädagogik, Bad Heilbrunn 1999, S. 383-410

Internationale, ethnomethodologische forschungsstelle: kriegsverletzte und von krieg traumatisierte menschen im irak

Forschungsteam:

Eileen Schwarzenberg

Birgit Hennig

Carl Hehmsoth

Projektbeginn:

Oktober 2010

Auslangslage und Forschungsziel:

Im Irak sind durch die drei in jüngster Vergangenheit geführten Kriege und die bis heute andauernden Kampfhandlungen eine Vielzahl von Soldaten und Zivilisten getötet und verletzt worden. Die demographische Entwicklung im Irak unterscheidet sich wesentlich von der unseren, da ca. 50 Prozent der Bevölkerung unter 15 Jahren sind, d.h. es gibt eine sehr hohe Zahl kriegsverletzter Kinder, Jugendlicher und junger Erwachsener. Eine exakte Bezifferung der kriegsverletzten und traumatisierten Menschen ist derzeit aufgrund fehlender problembezogener Informationen nicht möglich. Die UNICEF geht im Irak davon aus, dass mindestens 10 Prozent aller Kinder im Grundsachulalter traumatisiert sind. Erfahrungen mit kriegsverletzten und traumatisierten Kindern und Jugendlichen zeigen, dass eine Vielzahl der Betroffenen lebenslang mit immer wieder kehrenden Kriegsbildern, Gedanken und Ängsten (flasch backs) zu kämpfen haben.

Aufgrund der Zerstörung der gesamten Infrastruktur sind eine ausreichend medizinische Akutversorgung, die krankheits- und verletzungsspezifische Behandlung und eine notwendige sich anschließende heilpädagogische Rehabilitation nicht möglich. Drohende Dauerschäden und Behinderungen können nicht präventiv und intervenierend geheilt oder reduziert werden, sie manifestieren sich zu lebenslagen lebensqualitäts- und leistungseinschränkenden Behinderungen.

In diesem Zusammenhang ist es wichtig, unter Berufung auf internationale Hilfsorganisationen (Rotes Kreuz; Roter Halbmod; Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen), darauf hinzuweisen, dass eine große Zahl der Schulen und Bildungseinrichtungen zerstört sind. Nur drei von vier Kindern können eine Schule besuchen. Gründe hierfür liegen z.B. in schwerwiegenden Kriegsverletzungen, bei der fehlenden Infrastruktur (fehlende Schulbusse; wenige öffentliche Verkehrsmittel; zerstörte Straßen und Gehsteige; zerstörten Schulgebäuden und fehlendes Lehrpersonal).

Der irakische Staat steht unter anderem vor folgender schwer lösbaren Nachkriegsaufgabe: Körperbehinderte, traumatisierte junge Menschen, z. T. mit schweren und schwersten Verletzungen, Behinderungen fehlenden Gliedmaßen, und chronischen wie progredienten Erkrankungen müssen in die sich umstrukturierende und neu formierende Gesellschaft integriert, ausgebildet und auf ein möglichst unabhängiges Leben vorbereitet werden. Hierzu bedarf es einer weitgehend barrierefreien Architektur, einer angemessenen Hilfsmittelversorgung, der Gewährleistung des Rechtes auf Bildung, entsprechender schulischer Angebote, besonderer Hilfen und Einrichtungen zur beruflichen Eingliederung und spezieller Rechte hinsichtlich des Nachteilsausgleiches für Menschen mit Behinderungen.

Intention unserer Kooperations- und Forschungsinitiative ist die Unterstützung der irakischen Wissenschaftler und ministeriellen Entscheidungsträgern beim Ausbau eines interdisziplinären Netzwerkes zur Rehabilitation und Prävention für Menschen, insbesondere für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit körperlichen und motorischen Beeinträchtigungen sowie chronischen und progressiven Erkrankungen.

Literatur:

Braude, J. (2003): The new Iraq: rebuilding the country for its people, the Middle East, and the world. New York: Basic Books.

Flieder, P. (2009): Der Barbier von Bagdad. St. Pölten und Salzburg: Residenz Verlag.

Herz, D. (2007): Die Amerikaner im Krieg: Bericht aus dem Irak im vierten Kriegsjahr. München: C.H. Beck Verlag.

Kizilhan, J. (2000): Zwischen Angst und Aggression. Kinder im Krieg. Unveröffentlichtes Manuskript.

Kizilhan, J. (2000): Kinder im Krieg - Soziale und psychologische Einwirkungen des Krieges auf Kinder. Unveröffentliches Manuskript.

Kopelmann, J. & Roth, M. (2007): Lava und ich. Stuttgart: Kosmos Verlag.

Kuntz, F. (2007): Der Weg zum Irak-Krieg: Groupthink und die Entscheidungsprozesse der Bush-Regierung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Malanowski, A. & Stern, M. (1987): Iran - Irak. Bis die Gottlosen vernichtet sind. Reinbek bei Hamburg: Rowohlth.

Ortmann, M. (2011): Rehabilitation und Sonderpädagogik im Irak-Bericht über eine deutsch-irakische Forschungskooperation, 4. Vierteljahr, N.r 4, H 2906, Verband Sonderpädagogik (VDS), Sonderpädagogik in Niedersachsen.

Ortmann, M. (2011): Forschungsbericht zu der Forschungsreise nach Bagdad/Hauptstadt und Regierungssitz des Iraks vom 30.09.2011 - 08.10.2011, unveröffentlichtes Manuskript.

Reuter, C. & Fischer, S. (2004): Café Bagdad: Der ungeheure Alltag im neuen Irak. Reinbek bei Hamburg: Rowohlth.

Rechmann, A. (2008): Von Kriegsverächtern und Kriegsverfechtern: Die Berichterstattung über den Irak-Krieg 2003 in deutschen und amerikanischen Qualitätszeitungen. Wiesbaden: Deutscher Universitäts-Verlag.

Riverbend (2007): Bagdad Burning. Reinbek bei Hamburg: Rowohlth.

Simon, A. (2005): UN-Schutzzonen - Ein Schutzinstrument für verfolgte Personen? Eine Analyse anhand der internationalen Schutzzonen im Irak, in Ruanda und Bosnien-Herzegowina mit besonderem Blick auf die schweren Menschenrechtsverletzungen in der safe area Srebrencia. Berlin, Heidelberg: Springer-Verlag.

Sigrena, G. (2006): Friendly Fire. Als Geisel zwischen den Fronten. Berlin: Ullstein-Verlag.

Solomon, N. & Erlich, R. (2003): Angriffsziel Irak. München: Wilhelm Goldmann Verlag.

Sponeck, H. v. & Zumach, A. (2003): Irak - Chronik eines gewollten Krieges. Köln: Kiepenheuer & Witsch.

Stiglitz, J. & Bilmes, L. (2008): Die wahren Kosten des Krieges. München: Pantheon Verlag.

Todenhöfer, J. (2009): Warum tötest Du, Zahid? München: Wilhelm Goldmann.