Medizinische Physik

"How does linguistic complexity influence intelligibility in a German audiometric sentence intelligibility test?"

Verena Uslar , Esther Ruigendijk , Cornelia Hamann , Thomas Brand, Birger Kollmeier, International Journal of Audiology 2011; 50: 621–631

Das Verstehen von Sprache in akustisch schwierigen Situationen (Cocktail-Party-Effekt) ist eine der wichtigsten Fähigkeiten in der zwischenmenschlichen Kommunikation. Bisher wurden die dieser Fähigkeit zugrunde liegenden Mechanismen noch nicht genügend erforscht. Deswegen arbeiten im DFG-Projekt AULIN (http://www.aulin.uni-oldenburg.de/ ) Physiker und Psycholinguisten zusammen, um Sprachverarbeitung gleichzeitig aus sensorisch-akustischer/sprachaudiologischer Sicht und aus Sicht der zentralen linguistischen Verarbeitung im Gehirn zu untersuchen.

Aus psycholinguistischen Studien wissen wir, dass erhöhte Satzkomplexität einen negativen Einfluss auf das Verstehen von Sprache hat. In dem vorliegenden Artikel untersuchen wir den Effekt von syntaktischer Komplexität auf Sprachverständlichkeitsmessungen wie sie im audiologisch-diagnostischen Alltag angewendet werden. Mit Sprachverständlichkeitstests wie dem Göttinger Satztest wird die Sprachwahrnehmbarkeitsschwelle bestimmt, d.h. es wird gemessen wie laut Sprache (meist verdeckt von einem Hintergrundgeräusch) für eine bestimmte Person dargeboten werden muss, damit sie 50 % der dargebotenen Wörter korrekt versteht. Für die Entwicklung neuer Sprachtests stellt sich im Rahmen dieser Studie vor allem die Frage, ob die syntaktische Komplexität als zusätzliches Testdesignkriterium mit betrachtet werden muss.

Daher haben wir untersucht ob die Sprachwahrnehmbarkeitsschwelle im Göttinger Satztest abhängig ist von der linguistischen Komplexität der benutzten Sätze. Die Messungen wurden mit jungen und älteren normalhörenden und mit älteren schwerhörenden Versuchspersonen durchgeführt. Unsere Ergebnisse zeigen, dass bei jungen Normalhörenden die Sprachwahrnehmbarkeitsschwelle tatsächlich abhängt von der Komplexität der Sätze. Für ältere Normalhörende und Schwerhörende (d.h. bei der klinisch relevanten Population) zeigt sich dieser Effekt nicht. Daraus lässt sich schließen, dass linguistische Komplexität kein entscheidender Faktor bei der Entwicklung neuer Sprachtests sein muss. Allerdings könnte die Berücksichtigung der linguistischen Komplexität bei der Entwicklung neuer Tests dafür sorgen, dass die Varianz zwischen den Versuchspersonen reduziert wird.

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