Warum es sein muss.
Aktuelle Legitimationen der Kunstvermittlung/pädagogik

Inszenierte Komplexität. Über das Nebeneinander in Kunstvermittlung und Kunstpädagogik

Gesellschaft ist komplex. Jedes Ding, jeder Satz, jedes Ereignis ist deutbar ist im Sinne mehrerer Perspektiven, die sich nicht auf einen eindeutigen und endgültigen Bezugspunkt reduzieren lassen. Kunst kann solche gesellschaftliche Komplexität kommunikabel machen, kann sie etwa in Form von Bildern, Installationen und Performances in Szene setzen.

Welche Aufgabe kommt dann der Vermittlung von Kunst zu? Muss sie Komplexität »herunterbrechen«, um künstlerische Komplexitätsstrategien erklär- und verstehbar zu machen? Oder muss sie im Sinne einer »Fortsetzung von Kunst« Komplexität neu aufführen; beispielsweise im Klassenzimmer? Beide Möglichkeiten werden im Vortrag neben- und gegeneinander gesetzt.

Alexander Henschel

Legitimation in Zeiten der Schwarzen Pädagogik 4.0

Die heutige pädagogische Aufmerksamkeit beschäftigt sich vor allem mit diagnostischen, psychometrischen und kompetenzorientierten Aspekten, die pädagogische Prozesse im Sinne von mess- und berechenbaren Einheiten beobachten, womit eine kybernetische Ausrichtung des Bildungsgeschehens einhergeht. Hierbei werden nicht nur die Lernenden steuernden Maßnahmen unterzogen, sondern auch die Lehrenden: Sie werden umfassenden Verfahren der Messung und Selbstregulation ausgesetzt (Qualitätsmanagement, Evaluationen etc.), und sie sollen dies an andere weitergeben. Dies ist das Resultat des pädagogischen Mainstreams, der sich von der unbestimmten Freiheit, die mit dem Bildungsbegriff historisch verbunden ist, zu Gunsten bestimmbarer und kleinschrittiger Fähigkeiten und Fertigkeiten deutlich abgewendet hat. Wie kann sich das Fach Kunst noch in diesen Zusammenhängen einer Schwarzen Pädagogik 4.0 legitimieren? Die aktuelle Entwicklung stellt eine enorme Herausforderung dar, denn der Kern des Faches ist seit Schillers Briefen über die Ästhetische Erziehung die Vorstellung von Freiheit. Diese zentrale historische Errungenschaft wird durch Kompetenzorientierung und Digitalisierung umgewertet.

Wie kann man aus dem Sog herausgelangen, den eine neue Schwarze Pädagogik erzeugt hat? Ein erster Schritt besteht m.E. darin, sich die Fragen zu stellen, worin eigentlich die Arbeit von Kunstpädagogik und Kunstvermittlung bestehen soll? Ist ihre Fachlichkeit überhaupt noch relevant? Sind Begriffe wie Imagination, Gestaltung, Experiment, sind die kritische Urteilskraft und ein historisches Bewusstsein noch zentral für unser Fach? Was ist das Gegenteil von App? Und wie verhält es sich mit dem Singulären, dem Ereignis, dem Unbestimmten, dem Zweck- und Sinnlosen?

Pierangelo Maset

 

Wenn nicht jetzt, wann dann – Die (neue) Verantwortung der KunstvermittlerInnen

Kunstmuseen sind Institutionen, an denen sich spezifische (bildungspolitische) Denk- und Handlungsweisen einer Gesellschaft ablesen lassen. Dies gilt sowohl für die dort Tätigen, als auch für den Umgang mit den BesucherInnen. Angesichts einer sich stark verändernden Gesellschaft wird diese Gruppe einerseits deutlich heterogener werden und andererseits werden die Ansprüche an die Publikumspolitik der Häuser differenzierter werden. Zentrales Thema des Vortrags ist es deshalb, die notwendigen Ansätze der Reformierung des eher exklusiven Lern- und Kontemplationsortes Kunstmuseum aufzuzeigen und hier insbesondere das Arbeitsfeld Vermittlung im Hinblick auf die Zukunftsfähigkeit der Einrichtung in seiner potenziellen Bedeutung einzuschätzen. Was ist also zu tun, um die überfälligen Veränderungen einzuführen, wer sollte wie initiativ werden und welche Widerstände gilt es zu überwinden

Wiebke Trunk

 

Räume bilden (!). Kunstvermittlung im Hier und Jetzt

Ein Gedankenspiel: Wenn Kunst sich immer auf andere Kunst beruft, die Kunstpädagogik ihre Legitimation aber sowohl in der Kunst als auch in der Pädagogik sucht, wäre es dann nicht folgerichtig, wenn eine Kunstpädagogik, die »von Kunst aus« geht, von einem Kunstbegriff ausgeht, der ihre Vermittlung gleich mitdenkt? Im Vortrag soll es um Berührungsängste und produktive Spannungsverhältnisse zwischen Kunst und Pädagogik gehen. Und um den Versuch, sich auftauchende Hindernisse zunutze zu machen. In der sich je aktuell zeigenden Form. Dabei kann eine Aufmerksamkeit für die Räume, die man betritt und die entstehen, nur hilfreich sein.

Rahel Puffert

 

Ästhetische Bildung in der digitalen Medienkultur

Der Vortrag setzt an der metaphorischen Rede von der digitalen Medienkultur an und geht von der medienwissenschaftliche These aus, dass Medien und mediale Gefüge konstitutive und machtförmige Strukturbedingungen für alle symbolischen Aktivitäten einer Gesellschaft sind, die sich gleichsam in ihrer Komplexität und ihrem Werden einem begrifflich-rationalen Verständnis entziehen. Vor diesem Hintergrund lotet der Vortrag Praktiken und Potentiale der Kunstvermittlung und -pädagogik, allgemeiner: der Ästhetischen Bildung aus, sich reflexiv und gestaltend auf die digitale Medienkultur zu beziehen.

Manuel Zahn

 

Kunstvermittlung aus kunstwissenschaftlicher, feministischer und postkolonialer Perspektive

In einem Roundtable-Gespräch wollen wir darüber diskutieren, was es heißt, Kunst aus der Perspektive feministischer und postkolonialer Kunstwissenschaft und Visueller Kultur zu ‚vermitteln’ und warum wir das für sinnvoll halten. Dabei verstehen wir sowohl Schreiben als auch Sprechen über ‚Kunst’ in den unterschiedlichen Kontexten (in der Uni, im Museum/in Ausstellungen, in Zeitschriften und Büchern usw.) als eine Form der ‚Kunstvermittlung’. Aktuelle und tradierte gesellschaftliche Phänomene und Tendenzen, wie z.B. die zunehmende Normierung von Körpern und aktuell wieder massiv geäußerte Rassismen stellen uns immer wieder vor neue Herausforderungen. Welche – wenn auch beschränkte – Möglichkeiten es für uns gibt, darauf zu reagieren und zumindest etwas ‚Sand ins Getrieben zu steuern’ werden wir gemeinsam mit dem Publikum besprechen.

Kea Wienand und Anja Hermann im Gespräch mit Rahel Puffert und Alexander Henschel

 

Die Bildung der A_N_D_E_R_E_N mit Kunst: Kunstvermittlung, Kolonialität und weisse Weiblichkeit

In dem Vortrag wird es am Beispiel Grossbritannien um eine historische Rekonstruktion der Feminisierung und des Paternalismus in der Kunstvermittlung gehen. Darin werden einige Überlegungen dazu angestellt, was a) die Tatsache, dass dieses Arbeistfeld weiterhin überwiegend aus weissen Cisfrauen besteht und b) der für das Arbeitsfeld hegemoniale Diskurs eine_r defizitären Anderen, die_der durch Kunstvermittlung verbessert/gerettet werden müsste, mit Nationenbildung, Empire und Kapitalismus zu tun haben. Vor diesem Hintergrund werden Überlegungen zu Kunstvermittlung als hegemoniekritischer und ermächtigender Praxis angestellt

Carmen Mörsch

 

Kontextualisieren, Verfremden, Ermutigen. Kunstvermittlung in der Migrationsgesellschaft

In den letzten Jahren ist in der kulturell-ästhetischen Bildung im amtlich deutschsprachigen Raum das Interesse an der Auseinandersetzung mit dem Themenfeld Migration deutlich gestiegen. So begrüßenswert die Thematisierung der Migrationstatsache auch im Feld kulturell-ästhetischer Bildung ist, so sehr muss doch darauf hingewiesen werden, dass die Thematisierung auf Grund von beispielsweise Praktiken der Projektförderung, aber auch der in der Logik des Feldes begründet liegenden Gefahr der Kulturalisierung und Ästhetisierung des Sozialen gefährdet ist, den problematischen Haupttendenzen der allgemeinen Thematisierung von Migration in den letzten knapp zwei Jahrzehnten nachzufolgen. Was alternative Zugänge gewissermaßen methodologisch oder didaktisch kennzeichnet, soll im Vortrag unter den Stichworten Kontextualisierung,  Verfremdung und Ermutigung angesprochen werden.

Paul Mecheril