Kunst- und kulturwissenschaftliche Gender Studies

Für das Verständnis von Kunst und visueller Kultur ist die Kategorie des Geschlechts/Gender von grundlegender Bedeutung. Lange Zeit lag der Fokus des Fachs Kunstgeschichte/-wissenschaft ebenso wie der Institution Universität insgesamt auf dem weißen, heterosexuellen Mann. Dies betraf sowohl die wissenschaftlichen Akteure als auch die Untersuchungsgegenstände (Künstler, Auftraggeber usw.). Die feministische Kunstwissenschaft, die seit nunmehr 40 Jahren Forschungsergebnisse erarbeitet, hat die Auslassungen, etwa von Künstlerinnen aus der Kunstgeschichtsschreibung, problematisiert und nach den Gründen dafür gefragt. Die Suche nach Erklärungen führte zu wichtigen neuen Fragestellungen, wie den Mythen von künstlerischer Autor- und mitunter auch Autorinnenschaft, Kritik der Repräsentationen von Weiblichkeit und Männlichkeit, Körperdiskursen, Blickregimen oder dem Verhältnis von Raumpraktiken, Visualität und Geschlecht.

Diese Themenfelder sind für frühere Jahrhunderte ebenso relevant wie für die Gegenwart. Das kunst- und kulturwissenschaftlichen Gender Studies gemeinsame Forschungsinteresse zielt darauf, den Anteil von Kunst und visueller Kultur an der Herstellung von Zweigeschlechtlichkeit und den damit verknüpften Machtstrukturen zu analysieren und zu kommentieren. Die Beschäftigung mit der kulturellen und auch sozialen Konstruiertheit von Geschlecht und Geschlechterverhältnissen ist vor allem deswegen so wichtig, weil die binäre Geschlechterordnung (männlich/weiblich) oft eingesetzt wird, um Hierarchien, Hegemonien und die Naturalisierung von Ungleichheiten zu legitimieren.

Unter der Prämisse, dass die Produktion von Bedeutung und die Produktion von Macht untrennbar miteinander verbunden sind, ist die Kategorie des Geschlechts in Verschränkung mit anderen Kategorien zu erörtern – Kategorien, die ebenfalls für Ungleichheiten mit verantwortlich sind und anhand derer Privilegien begründet, verfestigt und oft hartnäckig zu verteidigen versucht werden. Besondere Aufmerksamkeit erfordern die Kategorien Ethnizität, Religion, Klasse, Territorium, Alter, Befähigung, sexuelle Orientierung u.a.m. Für die Erforschung dieser kategorial bedingten Wissens-, Ordnungs- und auch Vermittlungssysteme in den Bereichen Kunst und visuelle Kultur ist die Zusammenarbeit verschiedener (kulturwissenschaftlicher) Disziplinen erforderlich und gewinnbringend.

Letztlich geht es auch um die Geschichte und Konstruktion disziplinärer Gegenstände, die ebenso einer kontinuierlichen Revision unterzogen wurden und werden wie die Zuständigkeiten und Begrenzungen einzelner Fächer. Deren Umschreibung und Ausbau durch Fragestellungen, welche die Kategorie Geschlecht zusammen mit weiteren hegemonial wirksamen Kategorien konzeptionell beinhalten, betrifft nicht nur den weithin westlich geprägten Kunst- und Künstlerbegriff, sondern auch die Materialität, Medialität, Raum- und Zeitstruktur von künstlerischen Arbeiten. Dabei rücken kulturelle Ordnungen, Techniken und Apparate verstärkt in den Fokus.

Unter den gegenwärtigen Bedingungen einer Globalisierung des Kunstbetriebs, wobei oft politisch wertkonservative Überzeugungen und diskriminierende Verhaltensweisen wieder aufgerufen und forciert werden, ist die Gefahr erneuter Ausschlüsse groß – wenn es nicht gelingt, die lange Zeit für gültig gehaltene, konstitutive Bedeutung der Konstruktionen von (westlicher) Moderne UND Geschlecht für die Vorstellungen von Kunst, Künstler und Kunstinstitutionen zu relativieren. Transkulturelle Perspektiven und Geschlechtergerechtigkeit sind auch für die kunstwissenschaftliche Gender-Forschung fundamental.

Während die Gender Studies ihre Aufmerksamkeit vor allem auf das biologische (sex) und sozio-kulturelle Geschlecht (gender) richten, interessieren sich die Queer Studies zudem für die lange Zeit vernachlässigte Kategorie der Sexualität bzw. des sexuellen Begehrens (desire). Mit dieser Erweiterung der Fragestellung werden zum einen heteronormative Strukturen und Vorstellungen kritisiert und in Hinblick auf normalisierende Wirksamkeiten und Mechanismen kultureller Regulierungsverfahren wie Homogenisierungszwänge untersucht. Jenseits der vermeintlich natürlichen heterosexuellen Zweigeschlechtlichkeit, die nach wie vor oft machtvoll Ausschlüsse produziert, geht es zum anderen um alle Geschlechter und Sexualitäten: um Homosexuelle/Schwule und Lesben, Bisexuelle, Trans*Personen, Intersexe, TransInterQueers und viele mehr. Deren Thematisierung in Kunst und visueller (Alltags-)Kultur, in Theorie, Politik bzw. politischem Aktivismus ist ebenso Gegenstand wie die Lektüren und Re-Lektüren nicht-heteronormativer Konzepte, Erzählungen, Sichtweisen und Fantasien. Ins Zentrum rücken damit auch Fragen nach Politiken der Un/Sichtbarkeit und nach dem Zusammenhang von Wissen und Sichtbarem bzw. Zu-sehen-Gegebenem und mithin nach den Möglichkeiten, herrschende Codes von Intelligibilität zu durchkreuzen und wirksam zu verschieben.