Promotionsprogramm Kulturen der Partizipation

Abstracts

Keynote Lectures (öffentlich)

Ulrich Bröckling (Freiburg):
Wir müssen immer tun was wir wollen. Paradoxien einer Erziehung zur Freiheit
(14.09.2016, 18:00 Uhr, BIS-Saal)

Partizipation in der doppelten Bedeutung einer Ermöglichung von Teilhabe und Aufforderung zur Teilnahme ist nicht zuletzt ein pädagogisches Projekt des learning by doing: Die Fähigkeit mitzumachen lässt sich nur durch Mitmachen erwerben. Zugleich beruht der Partizipationsimperativ auf einer paradoxen Nötigung zur Freiheit. Wer teilhaben darf, muss auch mitmachen.

Der Vortrag geht diesem Paradox nach, indem er kontrastierend zwei historisch weit auseinander liegende pädagogische Modelle gegenüberstellt, welche die Kantsche Frage „Wie kultiviere ich die Freiheit in dem Zwange?“ unterschiedlich beantworten: auf der einen Seite John Lockes Some Thoughts Concerning Education, einen Schlüsseltext der Frühaufklärung; zum anderen Thomas Gordons Familienkonferenz, einen pädagogischen Bestseller der 1970er Jahre, in dem sich der fortschrittlich-liberale Common Sense der westlichen Gesellschaften nach ’68 exemplarisch verdichtet.

Sebastian Haunss (Bremen):
Die (immer wieder) neuen Medien und das Versprechen der Partizipation
(16.09.2016, 09:00 Uhr, Senatssitzungssaal)

Dass das Internet neue Formen der Kollaboration ermöglicht hat, ist evident. Seine Netzwerkinfrastruktur ermöglicht asynchrone und ohne zentrale Koordination auskommende Kollaboration zwischen Menschen aus allen Teilen der Welt. Aufgrund dieses Strukturmerkmals wird auch oft behauptet, dass das Internet und insbesondere die (neuen) sozialen Medien auch zu einer Erweiterung und möglicherweise sogar demokratischen Vertiefung der Möglichkeiten politischer Partizipation führen würde oder sogar eine vierte Welle der Demokratisierung auslösen würde. Diesen Annahmen der Cyber-Optimisten halten Cyber-Pessimisten entgegen, dass Online-Partizipation kaum mehr als Augenwischerei sei und im schlechtesten Falle sogar von relevanteren Formen der politischen Partizipation abhalten würde.
Im Vortrag werde ich diskutieren, was von den verschiedenen Hoffnungen und Befürchtungen über den Einfluss des Internets auf politische Partizipation und Protest zu halten ist und welches Wissen bisher über die tatsächliche Nutzung neuer online Medien durch soziale Bewegungen bzw. im Kontext von Protesten existiert und was daraus über die durch das Internet eröffneten Möglichkeiten und Grenzen politischer Partizipation zu lernen ist.

Wilfried Nippel (Berlin):
Entlastung von Partizipation: Repräsentation statt Versammlungsdemokratie
(17.09.2016, 09:00 Uhr, Senatssitzungssaal)

Die parlamentarische Demokratie der Neuzeit hat ihre Wurzeln in ständischen, kommunalen und kirchlichen Vertretungsorganen, steht weder in institutioneller noch in ideengeschichtlicher Kontinuität zu einer Versammlungsdemokratie, wie sie im Athen des 5. und 4. Jh. v. Chr. entwickelt worden war. Auf das athenische Modell ist in einer die Epochen überbrückende Debatte über die Möglichkeit oder Wünschbarkeit von Volksherrschaft immer wieder rekurriert worden. Bis an die Schwelle zur Moderne wurde es jedoch fast durchgängig verworfen, zum einen, weil politische Gleichheit als unvereinbar mit der natürlichen Ungleichheit der Menschen angesehen wurde, zum anderen, weil klassische Quellen wie Thukydides, Xenophon, Platon, Aristoteles ein kritisches Bild gezeichnet hatten.

Als im Laufe des 18. Jahrhunderts die Selbstregierung von Bürgern wieder zum Thema wurde, haben schottische, französische und amerikanische Theoretiker dargelegt, warum das athenische Modell nicht wiederholbar sei. Eine Versammlungsregierung sei allenfalls unter kleinräumigen Bedingungen (wie in den Schweizer Kantonen) möglich; in großen Flächenstaaten könne der Wille des Volkes nur auf dem Weg über Repräsentativversammlungen umgesetzt werden. Repräsentation gilt aber nicht nur als technisches Mittel angesichts der Zahlen- und Größenverhältnisse in modernen Staaten; sie wurde nicht als „sorry substitute for the real thing“ verstanden. Sie entspreche vielmehr den Bedürfnissen einer arbeitsteiligen Gesellschaft, in der die Bürger vielfältigen wirtschaftlichen Aktivitäten nachgehen müssen. Eine dauernde Inanspruchnahme durch politische Funktionen habe nur zu den antiken Gesellschaften gepasst, die ihren Wohlstand auf dem Weg über kriegerische Expansion zu sichern suchten, aber gerade deshalb nicht jene Dynamik entwickeln konnten, die einer auf friedlichen Erwerbsmöglichkeiten basierenden Gesellschaft eigen ist.

Repräsentation bedeutet auch ein Verfahren zur Filterung des Volkswillens. Die Wahl sollte garantieren, dass nur für eine solche Aufgabe geeignete Bürger entsandt würden und ihre Freistellung von unmittelbaren Weisungen durch die Wählerschaft dafür sorgen, dem Gemeinwohl dienende Entscheidungen zustande zu bringen.

Ausgehend von den Theorien des 18. Jahrhunderts und den Debatten in der amerikanischen und französischen Revolution soll auch die weitere Entwicklung dieser Entgegensetzung von antiker und moderner Demokratie am Beispiel von Autoren wie Benjamin Constant, Jacob Burckhardt und Max Weber erörtert werden.

Forschungstheater, Performative Studien, Podiumsdiskussion

Performative Studien 1

(14.09.2016,16:00 Uhr, BIS-Saal)

Jörg Holkenbrink (Bremen)

Fremdheit und Partizipation

Wissenschaftler*innen suchen nach theoretischer Anschlussfähigkeit, Künstler*innen erzählen gerne Anekdoten, wenn sie ihre Arbeit dokumentieren wollen. Jörg Holkenbrink, Regisseur und Leiter des Zentrums für Performance Studies der Universität Bremen, ist ein Grenzgänger zwischen beiden Welten. In einem einleitenden Kurzvortrag berichtet er zunächst von künstlerischen Orientierungen in wissenschaftlichen Arbeitszusammenhängen und von Erfahrungen mit Partizipationsmöglichkeiten im Projekt TSCHECHOW – Eine Landpartie*.  Danach können ihn die Teilnehmer*innen auf ungewohnte Weise zu seinen Einsichten und Eingriffen befragen. Dabei werden die Verständigungsformen, die dieses Setting auszeichnen (Spiel mit Raum- und Zeitstrukturen, Vortrags- und Fragetechniken, Aufmerksamkeitslenkungen etc.), selbst zum Thema und auf ihre Wirkungen hin untersucht.

*Zum Projekt TSCHECHOW – Eine Landpartie

Tschechow starb 1904. Seine Figuren gelten als unsterblich. Wo aber leben sie dann?

Kurz vor der russischen Revolution wanderte das sogenannte „Tschechow-Völkchen“ nach Deutschland aus. Von der Weltöffentlichkeit unbemerkt, ließ es sich im ländlichen Norden nieder. Doch wie schon zu Zeiten des Autors, werden die Figuren immer wieder aus ihren Landhäusern vertrieben.

Das Theater der Versammlung bietet nun seit einigen Jahren Forschungsreisen zu den prekären Aufenthaltsorten des Tschechow-Völkchens an.

Tschechows großes Thema ist die Zeit. Als Forscher*in treffen Sie auf Figuren, die vor allem langsam leben. Die Figuren erhalten sich einen Raum für Erinnerung, der ansteckend wirkt. Sie folgen den Fragmenten ihrer (Lebens-)Stücke, die mal zu unerwarteten Begegnungen, mal zum Absinken in innere Welten führen. Die Forscher*innen beobachten und interagieren mit dem Tschechow-Völkchen, bewegen sich aufmerksam durch die Räume und den Garten des ländlichen Domizils. Nähe und Distanz zwischen den beiden Gruppen werden immer wieder neu ausgehandelt. Auf der Rückfahrt tauschen die Forscher*innen die Erlebnisse und Ergebnisse ihrer Erkundung untereinander aus.

 

Performative Studien 2

(15.09.2016, 17:00 Uhr, A14 1-112)

 

THEATER DER VERSAMMLUNG zwischen Bildung, Wissenschaft und Kunst

(Bremen)

„Jeder hat Einfluss, niemand steuert das Ganze“

C COPY A, VERSCHLÜSSELT  - Ein Spiel mit der Geschwindigkeit

Aktionen: Carolin Bebek, Simon Makhali, Manfred Palm, Clara Schließler,Tom Schröpfer

Dramaturgie: Anna Seitz

Leitung: Jörg Holkenbrink

Wie verändern sich Wahrnehmung, Denken, persönliche Begegnungen und Gespräche in unserer immer schneller werdenden Zeit? Wie können wir sinnvoll auf die sich häufenden abgebrochenen Anfänge in unserem Alltag reagieren? Wie können wir produktive Aspekte von Fremdheit und Verwirrung im Umgang mit Gegenständen und Situationen mit anderen und mit uns selbst erproben?

Bei der Klick-Performance des Theaters der Versammlung erhalten Sie Gelegenheit das Ensemble mit Hilfe von Computerbefehlen wie „kopieren“, „ausschneiden“ oder „verschlüsseln“ live in Bewegung zu setzen. Dabei greifen die Darsteller*innen auf Bewegungsabläufe und Textbausteine von Rollen zurück, die sie ansonsten in unterschiedlichen Stücken verkörpern. In mehreren Spielrunden sollen aus diesen Fragmenten gemeinsam und in hohem Tempo neue Beziehungs- und Bedeutungsmuster komponiert werden. Das Ziel besteht darin, dem entstehenden Chaos immer wieder kleine Sinninseln abzugewinnen. Das komponierende Publikum lernt mit den Befehlen umzugehen und spiegelt sich dabei selbst durch seine Anweisungen, indem es beispielsweise durch ständiges Eingreifen Verwirrung stiftet oder aber den Rollen Raum zur Entfaltung lässt. Die Klick-Performance wirkt dabei als „organische Benutzeroberfläche“, die erfahrbar macht, ob bzw. wie wir in komplexen Systemen handlungsfähig bleiben.

Dauer: ca. 90 min, mit anschließender Podiumsdiskussion

Podiumsdiskussion mit:

Thomas Alkemeyer (Sportsoziologe, Sprecher des Graduiertenkollegs “Selbst-Bildungen”, Universität Oldenburg)

Gesine Geppert (Leitung Sparte 7 am Oldenburgischen Staatstheater)

Jörg Holkenbrink (Künstlerischer Leiter des Zentrums für Performance Studies der Universität Bremen)

Marc-Oliver Krampe (Leitender Dramaturg Schauspiel am Oldenburgischen Staatstheater)

Eckart Voigts (Anglist, Universität Braunschweig)

Moderation: Martin Butler (Amerikanist, Sprecher des Promotionsprogramms „Kulturen der Partizipation“, Universität Oldenburg)

Theater der Versammlung

Das Theater der Versammlung zwischen Bildung, Wissenschaft und Kunst (TdV) gilt als eines der ersten Forschungstheater Deutschlands. Es wurde 1992 unter der Leitung von Jörg Holkenbrink im Rahmen eines gleichnamigen Modellversuchs der Bund-Länder-Kommission für Bildungsfragen erfunden, erhielt 1993 den Berninghausen-Preis für ausgezeichnete Lehre und ihre Innovation im Hochschulbereich und wirkt seit 2004 als Herzstück des Zentrums für Performance Studies an der Universität Bremen.

Im Mittelpunkt der Aktivitäten des TdV steht die Zusammenarbeit von Studierenden und DozentInnen unterschiedlicher Fachrichtung mit professionellen Aufführungskünstler*innen unterschiedlicher Sparten. Das Ensemble wandert von der Produktionstechnik über die Informatik bis zu den Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaften durch die verschiedenen Fachbereiche. Dort untersucht es Themen und Fragestellungen, die in den Seminaren theoretisch behandelt werden, mit den Mitteln der Performance. Die entstehenden Inszenierungen werden regional, überregional und international aufgeführt und diskutiert, - unter anderem in den Bereichen Beruf und Wirtschaft, Schule und Hochschule, Gesundheit oder Kultur. Die Bremer Performance Studies bilden für diese untersuchende und intervenierende Form der Theaterarbeit aus.