Promotionsprogramm Kulturen der Partizipation

Zeit: jeweils von 18:00 - 20:00 Uhr

Ort:  BIS-Saal der Universität Oldenburg

Vorträge Ringvorlesung "Autonomieversprechen und Kollektivität"

25. April 2016

Prof. Dr. Andreas Pečar
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Institut für Geschichte

Friedrich II. als Philosoph. Aufgeklärte Gesellschaftskritik als Mittel der Selbstinszenierung

Der preußische König Friedrich II. war als Person zunächst und vor allem eingebettet in die Herrscherfamilie, genauer die Dynastie der Hohenzollern. Als König war er außerdem prominenter Teilnehmer der europäischen Fürstengesellschaft. In seinem Beitrag untersucht Andreas Pečar, wie die Selbststilisierung Friedrichs als Philosoph – als selbstgewählte Praxis der Subjektivierung –  von ihm dazu genutzt wurde, sich in bestimmten kommunikativen Kontexten aus den gängigen sozialen Bezugsfeldern zu lösen (Adel / Dynastie / Fürstengesellschaft) und stattdessen seine Vergemeinschaftung mit einer anderen Gruppe zu betreiben: dem Kreis der philosophes in der gelehrten Öffentlichkeit. Im Vortrag soll zur Sprache kommen, welche Vorteile sich Friedrich von dieser Art der Selbstdarstellung erhofft haben mochte und welche Folgen mit ihr einhergingen.

02. Mai 2016                               

Prof. Dr. Thomas Bedorf
FernUniversität in Hagen, Institut für Philosophie

Politik, Affekte und ambivalente Identitäten

Das politische Versprechen, autonom handeln oder souverän entscheiden zu können oder zu dürfen, hängt unter anderem von der Beantwortung der Fragen ab, wer wir sind, von wo aus wir sprechen und wo wir hin wollen: anders gesagt, der Frage nach der Identität oder den Identifizierungen. Identitäten, kollektive zumal, sind affektiv grundiert und getragen, nicht bloß kognitives Wissen oder volitionale Entschlüsse. Politische Affekte grenzen ab, setzen in Bewegung und erzeugen Kontinuität. Dabei ist es zwar möglich, aber keineswegs sicher, dass sie zu Freiheit oder Autonomie verhelfen. Identitätsstiftende politische Affekte bleiben ambivalent. 

23. Mai 2016                  

Prof. Dr. Daniel Wrana
Pädagogische Hochschule FHNW, Institut Primarstufe

Zur diskursiven Praxis der Positionierung in Wissensfeldern

In den erziehungswissenschaftlichen Debatten der letzten Jahre hat sich der Subjektivierungsbegriff als einer etabliert, der den Bildungsbegriff nicht ersetzen kann und soll, ihn aber auf ein bestimmtes kulturwissenschaftliches Forschungsprogramm hin spezifiziert. Mit dem Begriff der Subjektivierung werden vor dem Hintergrund praxeologischer und diskurstheoretischer Analytiken Prozesse und Konstellationen von Bildung beschreibbar. Eine zentrale Denkfigur ist dabei, dass sich Bildungsprozesse in Anerkennungsverhältnissen vollziehen und dass das Subjekt zu einem solchen erst wird, indem es sich selbst im Horizont der Normen der Anerkennung erkennbar macht und dennoch dazu eine Differenz bildet. Diese Denkfigur soll in dem Vortrag entfaltet und in diskursanalytischer Perspektive weiter geführt und an empirischem Material aus der Professionsforschung illustriert werden. Es soll insbesondere gezeigt werden, inwiefern mit diesem Prozess der Anerkennung nicht nur eine Positionierung gegenüber Normen impliziert ist, sondern auch eine Positionierung in einem Wissensfeld, das differente Lesarten dessen bereithält, was – in diesem empirischen Fall – angemessenes professionelles Handeln von Lehrerinnen ist. Subjektivierung beinhaltet in dieser Perspektive damit zwar auch eine singulär vollzogene Differenz  zum Gegebenen, aber ebenso eine Positionierung und damit ein Engagement innerhalb von Wissensfeldern.

06. Juni 2016                  

Dr. Sandra Janßen
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, DFG-Graduiertenkolleg „Selbst-Bildungen”

Totale Demokratie versus Massenwahn. Zur psycho-politischen Überwindung des Nationalsozialismus nach Hermann Broch

Die 1930er und 1940er Jahre stehen nicht nur politisch im Zeichen des ‚Totalen‘; auch psychologische und philosophische Subjektkonzeptionen dieser Zeit rekurrieren auf diesen Begriff. Die These, dass zwischen beiden ein epistemischer Zusammenhang anzunehmen ist, wird der Vortrag am Beispiel des österreichischen Schriftstellers Hermann Broch verfolgen. Broch, für dessen ästhetische Theorie der Begriff der „Totalität“ seit den 1930er Jahren eine entscheidende Rolle spielt und der zu dieser Zeit auch ein psychologisches Subjektmodell entwirft, das mit einem Konzept der Ich-Erweiterung durch Welt-Anverwandlung operiert, wendet sich mit demselben konzeptuellen Rüstzeug in den 1940er Jahren sozialtheoretischen und politischen Fragestellungen zu. Als Verfolgter des NS-Regimes, der sich nach der Annexion Österreichs in die USA absetzen musste, reflektiert er auf zweierlei Wegen die Möglichkeit einer Überwindung der faschistischen Gefahr: Zum einen mittels einer „Massenwahnpsychologie“, die das Zustandekommen derartiger Bewegungen zu erklären sucht, zum anderen durch Überlegungen zu einer konzeptuellen Neufundierung der Demokratie. Der Umstand, dass im einen Fall die „ekstatische“ Ich-Überschreitung, im anderen die „Diktatur der Humanität innerhalb einer totalen Demokratie“ die Leitrezepte abgeben, lässt allerdings Ambivalenzen ahnen, denen der Vortrag nachgehen wird.

13. Juni 2016                  

Prof. Dr. Hauke Brunkhorst
Europa-Universität Flensburg, Institut für Gesellschaftswissenschaften und Theologie, Seminar für Soziologie

Selbstbestimmung durch deliberative Demokratie

Hauke Brunkhorst versucht, drei Thesen an zwei historischen Beispielen (Französische Revolution 1848, neue soziale Bewegungen seit 1968) stark zu machen. Durch die drei Thesen trennt sich die Theorie deliberativer Demokratie von allen Varianten empiristischer oder entscheidungstheoretischer Demokratietheorien ebenso wie von der alteuropäischen Theorie der Demokratie als bloßer Mehrheitsherrschaft. Sie markieren überdies die Äquidistanz deliberativer Demokratie zum modernen Liberalismus (Constants ‚Freiheit der Modernen‘) und zum alteuropäischen Republikanismus (Constants ‚Freiheit der Alten‘). Die Theorie deliberativer Demokratie behauptet demgegenüber einen internen Wahrheitsbezug egalitärer Selbstgesetzgebung (1). Sie setzt die Aufhebung des idealistischen Dualismus von Vernunft und Wirklichkeit voraus (2), und sie begründet die gesetzgeberischen Entscheidungsverfahren (Rechtsetzung und Konkretisierung) in öffentlichen Debatten und sozialen Kämpfen (3).

27. Juni 2016                  

Prof. Dr. Reinhard Schulz
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Institut für Philosophie

Kollektivbewusstsein im Zwischenraum von praktischer Lebensgewissheit, Selbstsorge und Verdinglichung

Mit der Behauptung, dass auch in der modernen westlichen Kultur unser Weltverhältnis vor allem ein praktisches sei, betritt man keineswegs philosophisches Neuland. So sind vor allem Nietzsche, der philosophischen Hermeneutik, Wittgensteins Sprachspielkonzept oder dem Pragmatismus Hinweise zu verdanken, dass aller rationalen Erkenntnis ein komplexes, emotionale, kognitive und willentliche Momente verbindendes Weltempfinden vorausgeht. Wissenschaftliche Objektivität erscheint dann als das Ergebnis einer lebensweltlichen Abstraktion sekundär und das “Zuschauermodell“ der Erkenntnis wird zum Anlass philosophischer Kritik. Ob mit dem ’Kollektivbewusstsein’ eine gelungene Wahl bezüglich der Bezeichnung für die Beschreibung eines die Menschen verbindenden praktischen Weltverhältnisses getroffen ist, soll im Folgenden diskutiert werden.

Denn wir versuchen uns selbst mit den Augen der anderen zu sehen, weil das aber prinzipiell nicht möglich ist, hat gemäß dem hier diskutierten Verständnis der Begriff des ’Kollektivbewusstseins’ zwangsläufig eine virtuelle Dimension. Dieser Virtualität bzw. den symbolischen Verkörperungen soll im Vortrag auf drei Ebenen nachgegangen werden: der Ebene der kollektiv geteilten Gefühle, der Ebene der kollektiv praktizierten Selbstsorge und der Ebene der kollektiv genutzten Massenmedien.