Promotionsprogramm Kulturen der Partizipation

Michael Czolkoß

Projektskizze

Transnationale Möglichkeitsräume. Deutsche Diakonissen in London (1846-1918)

Das Projekt untersucht den Einsatz deutscher Diakonissen, die von verschiedenen Mutterhäusern aus als Krankenpflegediakonissen an das German Hospital London sowie als Gemeindediakonissen in einige deutsche protestantische Gemeinden nach London entsandt worden sind. Mit Ansätzen der historischen Praxeologie, der Mikrogeschichte und der transnationalen Geschichte sollen die Handlungsspiel- bzw. Möglichkeitsräume der entsandten Frauen analysiert werden. Auf normativer Ebene waren die Diakonissen in nahezu jeder Hinsicht weisungsgebunden und unmündig - als Kardinaltugenden galten Selbstverleugnung, Uneigennützigkeit und Demut. Betrachtet man jedoch ihren Arbeitsalltag, der sich vor allem mithilfe von Briefen (die die Diakonissen aus London regelmäßig an ihr jeweiliges Mutterhaus schickten) rekonstruieren lässt, so zeigt sich, dass die Frauen im Alltag oft eigenverantwortlich handelten, Konflikte eingingen und austrugen und generell Eigenschaften zeigten, die nach der herrschenden Geschlechterideologie des 19. Jahrhunderts männlich konnotiert waren.

Neben der großen räumlichen Distanz zum Mutterhaus und seinen Vorsteher*innen war eine der Hauptursachen hierfür das Eingebunden-sein der Frauen in ein komplexes Gefüge relationaler Machtverhältnisse (Mutterhausleitung, Ärzte, vorgesetztes Personal in London, Hilfspersonal, Patient*innen etc.), wobei der Umstand, dass die Diakonissen im Zuge der voranschreitenden Technisierung der Medizin und der damit einhergehenden Arbeitsteilung zahlreichen weiblichen und männlichen Angehörigen des jeweiligen Hilfspersonals gegenüber weisungsbefugt waren, von der Forschung bislang oft vernachlässigt wurde. Mit dem Projekt möchte ich einen Beitrag leisten zu einer transnationalen Erweiterung der Geschichte der weiblichen Diakonie sowie der Frauen- und Geschlechtergeschichte.