Promotionsprogramm Kulturen der Partizipation

Marie Hoppe

Projektskizze

Subjekt-Werden in der Schule: Geschlecht und natio-ethno-kulturelle Zugehörigkeiten im türkischen Schulsystem (Arbeitstitel)

Das türkische Schulsystem, dessen Schülerschaft die natio-ethno-kulturell sowie religiös plurale Gesellschaft des Landes widerspiegelt, ist in Studien wiederholt dafür kritisiert worden, dass es diese Diversität größtenteils dethematisiert, sogar leugnet, oder aber negativ darstellt. Die Schulbildung, inhaltlich durchzogen von Nationalstolz und Glorifizierung türkischer Identität, wurde somit als ein Mittel der gesellschaftlichen Homogenisierung und Assimilation identifiziert. Neben ihrer Orientierung auf eine/n nationale/n StaatsbürgerIn werden laut Studien in der Schule auch Geschlechterrollen vermittelt, was sie zum Ort der Reproduktion nicht nur natio-ethno-kultureller, sondern auch patriarchaler Differenzordnungen und diskursiver Grenzziehungen macht.

Besonders Schülerinnen, die innerhalb der Diskurse über natio-ethno-kulturelle Zugehörigkeit als ‚Andere‘ konstruiert werden oder sich als solche konstruieren, werden mit national-religiösen und geschlechterrollenkonformen Identitätsangeboten konfrontiert und finden sich so in einem Spannungsfeld zwischen der Aufgabe ihrer Identität als Minderheitsangehörige und einer Aufrechterhaltung ebendieser trotz (oder möglicherweise gerade wegen) der erlebten Diskriminierung. Als Angehörige einer Minorität erfahren sie somit die Grenzen der Teilhabe an einem symbolischen „Wir“.

In meinem Dissertationsprojekt stelle ich die Frage, wie Individuen vor diesem Hintergrund im und durch das türkische Schulsystem zu handlungsfähigen und teilhabenden Subjekten werden. Konkret möchte es empirisch das Verhältnis von Positionierungen in Diskursen über Zugehörigkeiten (insbesondere Geschlecht und natio-ethno-kulturelle Zugehörigkeit) und Partizipation an einem mehrheitsgesellschaftlich gefassten ‚Wir‘ klären. Positionierung wird dabei im Sinne poststrukturalistischer und postkolonialer Subjektivierungstheorien verstanden, die Subjektwerden in der Gleichzeitigkeit von Unterwerfung und Ermöglichung verstehen. Das Projekt entwickelt überdies einen Partizipationsbegriff, der auch die Teilhabe an einer symbolischen Gemeinschaft als Doppel von Ermöglichung bzw. Emanzipation und Unterwerfung unter dominante Diskurse versteht. Die zentrale These dabei ist, dass die Möglichkeiten zur bzw. die Verweigerungen der Teilhabe an einem symbolischen ‚Wir‘ davon abhängen, wie Subjekte sich positionieren (können) bzw. positioniert werden. Gleichzeitig ist anzunehmen, dass sich auch (Selbst- und Fremd-)Positionierungen durch Partizipation ändern. Dieses wechselseitige Verhältnis gilt es innerhalb des Dissertationsprojektes empirisch zu bestimmen. 

Hierzu sollen ab Herbst 2016 biographisch-narrative Interviews mit jungen Frauen in Istanbul geführt werden, die innerhalb der natio-ethno-kulturellen Zugehörigkeitsordnung als ‚Andere‘ bzw. als ‚nicht-türkisch‘ markiert werden. Das Projekt lehnt sich an das Vorgehen der Grounded Theory an. Überdies verknüpft es methodologisch Biographieforschung und Diskursforschung, indem es sich ein diskurstheoretisch informiertes Verständnis von Biographie erarbeitet.