Promotionsprogramm Kulturen der Partizipation

Corinna Schmechel

Projektskizze

Fitting Queer-Queering Fitness? Zum Spannungsfeld von Normativität und Empowerment und dem Paradox queerer Identifikation (Arbeitstitel)

Die Arbeit möchte sich der Ambivalenz körperformender sportiver Praxen zwischen Selbstermächtigung und Normunterwerfung empirisch am Beispiel queerer Fitnesssportpraxen nähern. Die Charakterisierung als ‚queer‘ orientiert sich hierbei an der (Selbst)Bezeichnung der Gruppen und Trainingskontexte in ihren Werbetexten und/oder durch die Teilnehmenden. Hiermit ist gemeinhin ein Widerspruch zur gesellschaftlich vorherrschenden heterosexuellen Zweigeschlechtlichkeit gemeint, oft auch eine grundlegende Ablehnung körpergebundener Identitätszuschreibungen per se, über Kategorien von Geschlecht und Sexualität hinaus. Die inhaltliche Definition des Begriffs, und entsprechende praktische Auslegungen sind im Feld variabel und umkämpft (z.B. Jagose 2001). Meine Forschungsperspektive sieht den Begriff als eine Art Platzhalter oder leeren Signfikanten. Entsprechende Kämpfe und Aushandlungen über seine ‚Füllung‘ stellen einen Fokus der praxeologischen Untersuchung dar, welche die praktische Konstruktion von ‚Queerness‘ - bspw. durch Umkleidenorganisation, Trainingspraxen und nicht zuletzt das Führen von Diskursen - im Vollzug betrachtet. Wie wird aus einer Schulsporthalle für die Teilnehmenden ein ‚queerer Safe(r) Space‘ des sportlichen Empowerments und welche Kontroversen und Ambivalenzen ergeben sich und werden wie ausgehandelt?

Forschungsgegenstand sind also Prozesse der Aus- und Verhandlung um die Hervorbringung und Gestaltung eines geteilten Raumes und gemeinsamer Praktiken unter bestimmten geteilten Werten. Es geht um die praktische Ausgestaltung einer abstrakten und weitläufigen kollektiven Identität unter dem Begriff „queer“. Fokus ist dabei die Konzeptualisierung und praktische Verhandlung von körperbezogener Normativität.

Konkretes Forschungsobjekt sind mehrere Trainingsgruppen und Events queeren Fitnesssports. Diese stellen Räume dar, an denen der Begriff der Queerness auch über Kategorien von Geschlecht und Sexualität hinaus verstanden wird, als der Anspruch, Hierarchisierung bspw. nach körperlicher Leistungsfähigkeit und Bewertungen verschiedener Körperlichkeiten bspw. nach Fett- oder Muskelanteil, zu vermeiden - eine “Insel außerhalb der normativen Fitnesswelt” (in vivo) zu sein. Es treffen in diesem Feld also mitunter verschiedene Logiken aufeinander, die einer anti-normativen Queerness und die Logik des Fitnesssports, welcher genuin körper- und leistungsnormativ erscheint. So ergeben sich im Feld spezifische Diskurse, Spannungen, Kämpfe und Aushandlungen.

Die Aushandlungen sind nicht zuletzt als Kämpfe um die paradoxe Idee queerer Identifikation zu sehen – paradox, weil ein Grundelement der Definition von ‚queer‘ eine Abkehr von starren Kategorien der Identitätspolitik war und ist, gleichsam aber eine queere Gemeinschaft, die queere Räume und Praktiken erschafft und ermöglicht, eine Vorstellung davon braucht, was queer – queere Räume, queere Praxen, queeres Sein - bedeuten soll und somit in Strukturen und Problemen identitätspolitischer Bewegungen und Kämpfe steckt (vgl. Hark 1999). Der Prozess der Konstitution solcher sportiven „Schutzräume“ soll exemplarisch am konkreten Gegenstand untersucht werden.

Die Arbeit folgt einem sozialkonstruktivistischen und praxeologischen Paradigma. Die Queerness von Räumen, Körpern, Subjekten oder Praktiken wird also explizit nicht als essentielle Eigenschaft, sondern als kontextgebundenes Produkt kollektiver praktischer Herstellungsprozesse betrachtet.

Zur Datenerhebung werden Methoden der Teilnehmenden Beobachtung und der problemzentrierten Interviews genutzt. Die eigenen Beobachtungen werden so durch Interviewergebnisse ergänzt und relativiert, gleichsam werden die Interviewinhalte auch einem „Lackmustest“ der Beobachtung unterzogen (Reckwitz 2008).

Der Forschungsprozess ist im Sinne der Grounded-Theory zirkulär angelegt. Dies erleichtert den Perspektivwechsel zwischen Beobachter_Innen- und Teilnehmendenperspektive, welcher notwendig ist, um den Blick einerseits auf die Mikropraktiken im Feld zu fokussieren, ohne die Verortung dieser in gesamtgesellschaftliche Gefüge aus den Augen und die eigene Forschungsperspektive in der Logik des Feldes zu verlieren. Auch wird die Selbstreflexion der eigenen Forscher_Innenperspektive durch dieses regelmäßigen Perspektivwechsel begünstigt.