Promotionsprogramm Kulturen der Partizipation

Claas Neumann

Projektskizze

Im Rahmen seines Promotionsvorhabens verfolgt Claas Neumann das Ziel, zeithistorische Entwick-lungslinien erinnerungskultureller Partizipation „vor Ort“ anhand entsprechender Partizipationsdis-kurse, -strukturen, -mechanismen und -praktiken nachzuzeichnen, kontextuell zu verorten und zu analysieren. Als vorläufiger Ausgangspunkt dient hier die Betrachtung sogenannter „Counter Memory“ auf lokaler Ebene: Das Aufstellen von Gegendenkmälern, das Sprühen vergangenheitsbezogener Graffiti, die Umwid-mung von Straßennamen und Denkmälern oder auch die Etablierung sogenannter Gegenarchive – unsere Gesellschaft zeitigt(e) vielerlei widerständige „Gegenerinnerungspraktiken“, die sich bezüglich ihrer ästhetischen Gestaltung, der gesellschaftlichen Positionierung ihrer Urheber oder in puncto gesellschaftliche Sprengkraft stark unterschieden und dennoch eine Gemeinsamkeit offenbarten: Das Bemühen um kulturelle Teilhabe und erinnerungskulturelle Deutungsmacht im öffentlichen Raum. Legt man – etwa mit Jacques Rancière – einen weiten Politikbegriff an und versteht Partizipation nicht allein als Mitwirkung in vorgegebenen, institutionalisierten Bahnen des demokratischen Rege-lungsprozesses, sondern als Eintritt in einen Streit um die „Aufteilung des Sinnlichen“, sprich die Wahrnehmung der gemeinsam geteilten Welt, kann alsdann sichtbar gemacht werden, dass das Feld der kulturellen Erinnerung ein stark umkämpftes ist. Wer verfügt über die entsprechenden Kapitalien (Pierre Bourdieu), um durchzusetzen, dass etwas als erinnerungswürdig anerkannt wird? Wer etabliert eine Version der Vergangenheit, die imstande ist, als „kulturelle Hegemonie“ (Antonio Gramsci) eine Verankerung von Werten und Normen im „Mentalitätshaushalt“ einer (lokalen) Gesellschaft zu etablieren? Und vor allem: Wie hat sich die – gegenwärtig vorherrschende – positive Konnotation des Partizipationsbegriffes im Rahmen von öffentlichen Erinnerungsprojekten im historischen Längsschnitt herausgebildet und vermögen diese Formen von Partizipation ihr Versprechen nach Teilhabe tatsächlich einzulösen? Die Untersuchung des historischen Wandels widerständiger Gegenerinnerungspraktiken „vor Ort‘“ bietet somit gleichsam ein lokales „Brennglas“, unter dem sich der Wandel des Partizipationsdiskur-ses und der damit verbundenen Mechanismen und Praktiken im Spannungsfeld erinnerungskultureller Aushandlungsprozesse beobachten lässt.