Germanistische Sprachwissenschaft

DFG-Projekt "Variation im Gebrauch kompetenter Schreiber"

Variation wird heute in fast allen linguistischen Teildisziplinen ernstgenommen und als Phänomen in eigenem Recht untersucht; für die Graphematik gilt das nur eingeschränkt. Vor allem für das geschriebene Standarddeutsch liegen kaum einschlägige Arbeiten vor. Dabei ist graphematische Variation auch aus praktischen Gründen besonders wichtig, weil sie für die Formulierung der Norm grundlegend sein sollte. Im Projekt wird graphematische Variation systematisch untersucht, und zwar anhand eines Korpus von Abiturarbeiten der letzten 90 Jahre. Diese Textsorte hat drei Vorteile: Erstens handelt es sich bei den Verfassern um maximal ausgebildete, fertige Schreiber, die - zumindest institutionell - wahrscheinlich keine orthographische Schulung mehr erhalten werden. Zweitens kann der Einfluss von Hilfsmitteln bei dieser Textsorte kontrolliert werden. Im Gegensatz dazu sind Texte, die am Computer verfasst werden, potentiell von Textverarbeitungsprogrammen korrigiert, teilweise sogar automatisch; Texte, die veröffentlicht werden, sind potentiell von End- oder Schlussredakteuren oder Lektoren redigiert. Drittens entstehen Abiturklausuren seit Jahrzehnten unter sehr vergleichbaren Bedingungen. Es wurden bereits 1.397 Abiturarbeiten kompiliert, die nun digital erfasst, aufbereitet und morphologisch und syntaktisch annotiert werden.

Das Projekt hat drei zentrale Ziele:

  • Erstens soll die synchrone graphematische Variation erfasst werden. Das Ergebnis ist eine Bestandsaufnahme, in welchen Bereichen in welchem Umfang Variation zu verzeichnen ist.
  • Zweitens soll die diachrone Entwicklung dieser Variation beschrieben werden.
  • Drittens soll ein Korpus erstellt werden, mit dem sich diese Ziele bearbeiten lassen und das vielfältig nachnutzbar ist. Ein nachgeordnetes Ziel ist die Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Variation im Gebrauch und der jeweils gültigen Norm.