20.12.2012 – Forschung

„Unsere Gesellschaft hat gewaltige Schätze”

  • Dem Trainer zuhören – und vielleicht später selbst Übungsleiterin werden: Auch das ist möglich im MICK-Projekt.

  • Ulf Gebken: „Wir Forscher haben eine Verpflichtung zur Öffentlichkeitsarbeit.“

1996 startete Ulf Gebken in Oldenburg ein Mädchenfußballprojekt, das inzwischen in ganz Deutschland Schule macht. Im Interview erklärt der Sportpädagoge, wie der Erfolg zustande kam – und warum das Thema Armut so schwierig zu vermitteln ist.

FRAGE: Herr Gebken, so ziemlich alles, was in Deutschland unter dem Begriff „Mädchenfußball“ läuft, geht auf Ihre Initiative „MICK-Mädchen kicken mit“ zurück. Haben Sie mit diesem Erfolg gerechnet?

GEBKEN: Überhaupt nicht. Ich erinnere mich noch, wie ich mit dem Leiter der Integrierten Gesamtschule im Oldenburger Stadtteil Ohmstede zum ersten Mal zusammensaß. Und wie das Sofa unter uns eingebrochen ist. Das Kulturzentrum Rennplatz befand sich in einem Trümmerzustand. Wie die gesamte offene Kultur- und Jugendarbeit der 70er, 80er Jahre. Und die drei Gemeinwesenarbeiter, die dabei waren, stellten zu recht fest: Uns nimmt man gar nicht wahr.

FRAGE: Genauso wenig wie die sozial benachteiligten Kinder, um die es Ihnen bereits in der Anfangsphase ging.

Sozial benachteiligte Kinder - ein blinder Fleck in der Sportwissenschaft der 1990er Jahre

GEBKEN: Stimmt. Als ich durch die Oldenburger Rennplatz-Siedlung fuhr, war ich sehr überrascht, dass es tatsächlich so einen blinden Fleck gibt. Dort trat die Problemlage ganz offen zutage. In meiner Wissenschaft fand ich das nicht wieder: Die Sportwissenschaft und Sportpädagogik haben in den 1990er Jahren den Lebensraum sozial benachteiligter Kinder nicht wahrgenommen.

FRAGE: Wie entwickelte sich die Initiative?

GEBKEN: 1996 habe ich ein Seminar angeboten: „Sport mit sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen“. Mit den Studierenden haben wir eine Analyse der Sportangebote für Kinder und Jugendliche am Rennplatz in Ohmstede gemacht. Das Ergebnis war deprimierend. Es gab null Angebote für Mädchen und nur ganz wenige Angebote für Jungen. 

FRAGE: Von Mädchenfußball noch nichts zu sehen?

Fußball-AG in der Grundschule Ohmstede


GEBKEN: Die Spur bildete sich dann über meine Tochter. Wir haben so eine Art Fußball-AG in der Grundschule Ohmstede gegründet, und dann wollten plötzlich viele mitspielen. Der damalige Präsident des Deutschen Fußball Bundes, Dr. Theo Zwanziger …

FRAGE:  … mit dem Sie ein paar Jahre später in Oldenburg das An-Institut der Universität „Integration durch Sport und Bildung“ eröffnen konnten …

GEBKEN: … nahm das Projekt in den ersten deutschen Integrationsgipfel. Natürlich um zu sagen: Der DFB engagiert sich. Und um zu sagen: Da gibt es einen Hochschullehrer, der redet nicht nur, sondern der setzt das auch in der Praxis um. Und solche Projekte, die finden wir großartig. Das war kurz vor der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland 2006. Was dann folgte, war Pionierarbeit.

FRAGE: Inwiefern?

GEBKEN: Ich wollte an verschiedenen Orten die Universitäten mit ins Boot holen. Das ist mal gelungen, mal nicht. Es gibt ihn auch heute noch, den blinden Fleck in all den Untersuchungen über die so genannten ausgeschlossenen Jugendlichen und Kinder, die nicht am Sport partizipieren. Nur über den Begriff der Integration haben wir bei Politikern Chancen, Mittel zu akquirieren. Armut anzugehen, das war eigentlich mein Thema. Ursprünglich wollte ich mich nicht auf türkische und arabische Mädchen stürzen, sondern auf die Mädchen, die ausgeschlossen sind. Die nicht dabei sind.

FRAGE: Warum ist das Thema Armut so schwierig zu vermitteln?

Mit Armut kann sich selten ein Politiker profilieren.”

GEBKEN: Es gibt häufig die Zuweisung: Die sind selber schuld, dass sie aus ihrer Situation nicht herauskommen. Und dann kontere ich immer: Da können die Kinder und Jugendlichen nichts dafür. Die sind in diese Lebensverhältnisse hineingeboren. Es gibt immer die Sorge, dass es ein Fass ohne Boden ist: Man steckt Geld hinein, und heraus kommt sowieso nichts. Armut, das ist eher ein schmuddeliges Thema. Damit kann sich selten ein Politiker profilieren.

FRAGE: In Ihrer Arbeit mit den Fußballerinnen ist Armut dennoch immer präsent.

GEBKEN: Es gibt viele drastische Beispiele. Wenn ein Mädchen verschämt in die AG kommt und nur einen löchrigen Pyjama anhat. Gespräche mit der Schulleitung haben ergeben: Das Mädchen hat wirklich nur ihren Pyjama, über den zieht sie einen Pullover an und eine Hose. Dass Turnschuhe fehlen, ist keine Ausnahme. Wir haben dann Kleider- und Schuhbörsen organisiert.

FRAGE: Das Thema „Integration“ ist für Sie auch ein Weg, auf das Thema „Armut“ aufmerksam zu machen?

GEBKEN: So könnte man es sagen. Integration heißt dann für mich, dass alle Kinder mitspielen können. Wirklich alle. Die Frage ist doch: Wie sollen Kinder mit fünf und mehr Geschwistern am Vereinssport teilnehmen, wenn die Eltern das überhaupt nicht finanzieren können? Deshalb geht der schwierige Transfer, den wir leisten, über die niederschwelligen Angebote in den Schulen in die Vereine. Über die Institution Schule sind die Kinder bundesweit dabei. 

FRAGE: Nutzen können Sie auch die integrative Kraft des Fußballs selbst …

Wertschätzung durch Erfolge im Fußball

GEBKEN: Ja, es ist so einfach: Ein Ball, zwei Tore. Überall kann man spielen. Das gilt auch für Mädchen – vorausgesetzt, die Eltern erlauben es. Beim Fußball kommt es darauf an, dass man seine Rolle in der Gruppe findet. Dadurch werden die Kinder wirklich in ein soziales Gefüge integriert. Bei einem Individualsport wären sie nur für sich. Der zweite großartige Punkt: Migrantische Kinder erhalten durch die Erfolge im Fußball sehr viel Wertschätzung. In der Schule, aber auch in den Elternhäusern. Sinnbild ist immer der Pokal. Wenn der durch die Schule getragen wird, dann ist das für die Kinder ein großartiger Moment – der für viele so nie wieder kommt. 

FRAGE: Um auf Ihr Hochschulprojekt aufmerksam zu machen, haben Sie von Anfang an die Öffentlichkeit gesucht. Sogar die New York Times hat breit berichtet.

„Verpflichtung zur Öffentlichkeitsarbeit


GEBKEN: Ja, auch für die Universität gibt es eine Verpflichtung zur Öffentlichkeitsarbeit. Wir wollten Vereine, Verbände, Schulen mitnehmen. Nicht nur auf die englischsprachige Zeitschrift schauen, wo man als Wissenschaftler Punkte ergattert, wenn man dort veröffentlicht. Wir wollten die Menschen mitnehmen, die solche Projekte ermöglichen. Nicht nur Sportwissenschaftler, sondern Vereinsvorsitzende, Schulleiter, Oberbürgermeister. Das ist ganz wichtig. Das fordere ich auch bei meinen Kollegen in Deutschland stärker ein. 

FRAGE: Sie meinen Ihre Kollegen der Wissenschaft, auch in anderen Disziplinen?

GEBKEN: In den lokalen Raum, in das Gemeinwesen, in die Region zu transportieren, was man untersucht und welche Erkenntnisse man gewonnen hat – dafür gibt es keinen Ersatz. Unser Projekt wird ja heute nur noch gelobt, manchmal ist das beängstigend (lacht). Aber funktioniert hat das alles, weil wir uns auf die Kärrnerarbeit eingelassen haben, mit den Schulen ins Gespräch zu kommen und die dortigen Befindlichkeiten herauszufinden.

FRAGE: Was muss sich noch ändern, damit mehr sozial benachteiligte Kinder eingebunden werden können? 

GEBKEN: Ganz klar: Wir können das benachteiligte Milieu nur erreichen, wenn wir sehr früh in diese Kinder investieren. Die Kita-Pflicht für sozial benachteiligte Kinder, die ist ganz wichtig. Durch sie nehmen die Kinder früh an Bewegungs- und Sprachförderung teil. Ich denke, dass die Möglichkeiten, die Bewegungsförderung in den Kindertagesstätten zu fördern, noch nicht ausreichend erkannt sind. Das heißt überhaupt nicht, dass wir dort Fußball spielen müssen. Darum geht es nicht. 

FRAGE: Sondern?

„Wir wissen: Sprache und Bewegung hängen eng miteinander zusammen.

GEBKEN: Wir haben eine Untersuchung zu Eltern-Kind-Angeboten in sozialen Brennpunkten gemacht. Und festgestellt: Die gibt es bundesweit gar nicht. Wie sollen die Kinder da eine Chance haben, Anschluss zu finden? Im Bildungssystem und im Sport? Und wir wissen: Sprache und Bewegung hängen eng miteinander zusammen. Ganz eng. Das hat man immer unterschätzt. Man kann eigentlich Sprache nur fördern, wenn man auch die Bewegung fördert. Die Bewegung kann man auch nur fördern, wenn sich die Kinder auch artikulieren können.

FRAGE: Es geht Ihnen nicht nur um die Integration benachteiligter Kinder, sondern auch um Kompetenzgewinn: Sie bilden in den Fußball-AGs Jugendliche als Helfende und Übungsleiter aus.

GEBKEN: Wir haben da Schätze in unserer Gesellschaft. Gewaltige Schätze. Zum Beispiel Hayet, die arabischer Herkunft ist und im Ruhrgebiet vor vier Jahren als Fußballassistentin ausgebildet wurde. Heute leitet sie zwei Mädchenmannschaften. Damals hat es ihr Vater verboten, an der Ausbildung teilzunehmen und eine Mannschaft zu betreuen. Heute steht sie im Medienfokus des Ruhrgebiets, weil sie das so prima macht. Ich glaube, dass es Jugendliche wie Hayet überall gibt. Man muss sie nur gewinnen – dadurch, dass sie sich engagieren dürfen und dafür Anerkennung bekommen.

Das Interview ist der Herbstausgabe des Forschungsmagazins EINBLICKE erschienen.


 

Mehr zum Thema

An-Institut Integration durch Sport und Bildung

Kontakt

PD Dr. Ulf Gebken
An-Institut „Integration durch Sport und Bildung”
Tel: 0441-36116/568
gebken(at)integration-durch-sport.com