Didaktik der Biologie

Studierende erwerben Diagnosefähigkeiten im Lehr-Lern-Labor Wattenmeer

Theoretischer Hintergrund und Fragestellung

Vor dem Hintergrund der großen Heterogenität unter den Schülerinnen und Schülern haben die Leitprinzipien der Diagnose und der individuellen Förderung in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung in den bildungspolitischen, didaktischen und professionstheoretischen Untersuchungen gewonnen (Hußmann, Selter 2013; Meier 2014). Den diagnostischen Fähigkeiten von Lehrkräften wird dabei „eine wichtige Stellschraube der Qualitätsentwicklung von Unterricht zugedacht“ (Artelt & Gräsel 2009, S. 157). Diagnosen manifestieren sich nach Hesse und Latzko als „explizite Aussagen über Zustände, Prozesse oder Merkmale von Personen, die in einem reflektierten und methodeisch konrollierten Prozess gewonnen werden“ (2011, S. 25). Die vorliegende Untersuchung schließt sich dieser Definition an. Bisherige Untersuchungen zur Diagnosekompetenz fokussieren hauptsächlich auf die Struktur von Diagnoseprozessen (Chi, Siler & Jeong 2004, Dübbelde 2013) und die Genauigkeit diagnostischer Urteile (Südkamp, Kaiser, Möller 2012). Die vorzustellende Studie greift den aktuellen Forschungsstand dazu auf und fokussiert darüber hinaus auf die Entwicklung der Diagnosefähigkeiten von Studierenden. Die Fragestellung der Studie lautet:  Wie entwickeln sich die Fähigkeiten von Lehramtsstudierenden, die im Rahmen eines 14 Wochen umfassenden Moduls mehrfach im Lehr-Lern-Labor Wattenmeer tätig werden,  Experimentierkompetenzen von Schülern zu diagnostizieren?

 

Forschungsmethodik

Im Rahmen des Prä-Posttest Designs wurden zur Erfassung der diagnostischen Fähigkeiten von 20 Lehramtsstudierenden Vignettentests mit insgesamt 10 Vignetten entwickelt und eingesetzt, die Lernaktivitäten von Schülern zum Kompetenzbereich Experimentieren in schriftlicher und videographierter Form beinhalten (Rehm & Bölsterli 2014). Die Studierenden wurden in Anlehnung an Baer und Buholzer (2005) im Rahmen eines offenen Beurteilungsformates aufgefordert, die dargestellten Lernaktivitäten schriftlich zu diagnostizieren. Zur Auswertung der Daten wurde ein Codier-Manual entwickelt (Hammann, Jördens 2014). Darin sind die in den Vignetten dargestellten Lernaktivitäten detailliert aufgeschlüsselt und den Teilkompetenzen des Experimentierens in Anlehnung an das Modell von Nawrath, Maysienka, Schecker (2013) zur Experimentierkompetenz zugeordnet. Mit einer dreistufigen Skala wurde ein Manual gestütztes Rating durchgeführt, das sowohl die Qualität als auch die Breite der Diagnose berücksichtigt (Rehm, Bölsterli 2014).  Alle Datensätze wurden unabhängig voneinander doppelt geratet und mit Cohens Kappa berechnet. Die interne Konsistenz wird durch Cronbachs Alpha geprüft.


Ausblick 

In den bisher publizierten Untersuchungen zur Wirksamkeit von Lehr- und Lern-Laboren wurden in erster Linie motivationale Effekte und die Entwicklung fachspezifischer Interessen dokumentiert (Guderian, 2007; Glowinski, 2007; Pawek, 2009). Die Ergebnisse der vorgestellten Studie liefern erstmalig Aufschluss darüber, welchen Einfluss die Tätigkeit im Lehr-Lern-Labor auf die Entwicklung von Diagnosefähigkeiten angehender Lehrkräften  haben kann. Die Ergebnisse können genutzt werden,  um weitere Lehr- und Lernangebote zur Förderung dieser Fähigkeiten zu entwickeln. Darüber hinaus stehen erprobte Vignetteninstrumente zur Erhebung der Diagnosefähigkeiten zur Verfügung.

Die Untersuchung wird von Lea Brauer im Rahmen ihrer Dissertation durchgeführt.