Didaktik der Biologie

Erfahrungswissen und handlungsleitende Orientierungen im Lehr-Lern-Labor Wattenmeer

Theoretischer Hintergrund und Fragestellung. Als Reaktion auf die ernüchternden Ergebnisse im Bereich naturwissenschaftlicher Bildung in internationalen Vergleichsstudien wie TIMSS und PISA, entstanden in den letzten Jahren vermehrt Schülerlabore. Ziele von Schülerlaboren sind, Interesse und Offenheit für Naturwissenschaften zu fördern und Einblicke in naturwissenschaftliche Berufs- und Tätigkeitsfelder zu ermöglichen. Eine besondere Form des Schülerlabors ist das Lehr-Lern-Labor. Auch das Lernlabor Wattenmeer zählt zu diesem Typ. Durch Einbindung in ein Seminar planen Studierende des Unterrichtsfachs Biologie eigene Lernangebote, um diese dann im Lernlabor zu erproben und abschließend im Seminar zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Als zusätzlicher Praxisbezug in der Lehramtsausbildung soll die Arbeit im Lehr-Lern-Labor die Studierenden dabei unterstützen, ihre fachdidaktischen Kompetenzen zu erweitern  (Euler, Schüttler & Hausamann, 2015; Haupt et al., 2013). Übergeordnetes Ziel der Studie ist, die Orientierungen der Lernenden und der Studierenden, die sich im Zusammenhang mit der Aktivität im Lernlabor Wattenmeer abzeichnen, zu rekonstruieren. Hierbei ist einerseits von Interesse, wie Schülerinnen und Schüler den Besuch im Lernlabor Wattenmeer erleben und welches Erfahrungswissen sie dadurch entwickeln. Andererseits sollen die handlungsleitenden Orientierungen und die Handlungskompetenz der Studierenden rekonstruiert werden, welche sie durch die Erfahrungen im Lehr-Lern-Labor hervorbringen.

Forschungsmethodik. Zur Erhebung der Orientierungen ist ein qualitativ-rekonstruktives Verfahren geplant, bei dem über Gruppendiskussionen Daten erhoben und mittels der dokumentarischen Methode nach Bohnsack (2014) ausgewertet werden. Im Anschluss an einen Labortag werden jeweils mit den Studierenden und mit den Schülergruppen Gruppendiskussionen geführt, in denen die Teilnehmenden darüber sprechen sollen, wie sie den Tag erlebt haben. Hier wird gezielt ein sehr offener Zugang zum Forschungsfeld gewählt, um die tatsächlichen Relevanzen der Erforschten erfassen zu können. Durch Gruppendiskussionen werden nicht individuelle Erfahrungen betrachtet, sondern kollektive Orientierungen, welche zum konjunktiven Wissen gehören. Dieses ist implizit und atheoretisch und daher den Individuen meist nicht bewusst zugänglich, es zeigt sich jedoch in den Handlungs- und Denkweisen.  In Gruppendiskussionen artikuliert sich das konjunktive Wissen unabhängig vom subjektiv gemeinten Sinn und wird durch die Auswertung mittels der dokumentarischen Methode zugänglich (Bohnsack, 2014; Przyborski & Wohlrab-Sahr, 2014). Hierbei „geht es darum, das, was (wörtlich) gesagt wird, also das, was thematisch wird, von dem zu unterscheiden, wie ein Thema, d.h. in welchem Rahmen es behandelt wird. Dieser Orientierungsrahmen (oder auch: Habitus) einer Gruppe oder eines Individuums ist der zentrale Gegenstand dokumentarischer Interpretation“ (Bohnsack, 2011, S. 43). Die Entstehung basiert auf dem konjunktiven Erfahrungsraum der Gruppe. Dieser umfasst gemeinsame Hintergründe und Erfahrungen, welche auf sozialen Interaktionsprozessen basieren. Diese konjunktiven Erfahrungen können z.B. bildungs-, generations- oder geschlechtsspezifisch sein (Bohnsack, 2014), so stellt auch die Aktivität im Lernlabor Wattenmeer einen solchen gemeinsamen Erfahrungsraum. In diesem entstehen durch soziale Interaktionen kollektive Orientierungen und Wissensbestände. Diese sollen im Rahmen dieser Studie  rekonstruiert werden.

Ausblick. Schülerlabore sind bereits Forschungsgegenstand verschiedener Studien, die sich mit pädagogisch-psychologischen Fragestellungen beschäftigen (Glowinski, 2007; Guderian, 2007; Pawek, 2009). Dennoch wurde bisher kaum untersucht, wie Lernende und Studenten aus ihrer Sicht einen Labortag erleben und welche Erfahrungen sie dabei als bedeutsam empfinden. Diese Lücke soll mit der geplanten Studie gefüllt werden. Durch die Ergebnisse kann einerseits das Lernlabor Wattenmeer evaluiert werden, andererseits können Rückschlüsse auf die Einbindung eines Lehr-Lern-Labors in das außerschulische Lernen und in die Lehramtsausbildung gezogen werden.

Die Untersuchung wird von Antje Saathoff im Rahmen ihrer Dissertation durchgeführt.

Literaturverzeichnis

Bohnsack, R. (2011). Dokumenatrische Methode. In R. Bohnsack, W. Marotzki & M. Meuser (Hrsg.), Hauptbegriffe qualitativer Sozialforschung. Opladen [u.a.]: Verlag Barbara Budrich.

Bohnsack, R. (2014). Rekonstruktive Sozialforschung Einführung in qualitative Methoden (9., überarb. und erw. Aufl. ed.). Opladen [u.a.]: Budrich.

Euler, M., Schüttler, T. & Hausamann, D. (2015). Schülerlabore: Lernen durch Forschen und Entwickeln. In E. Kircher, R. Girwidz & P. Häußler (Hrsg.), Physikdidaktik Theorie und Praxis (3. Aufl. ed.). Berlin [u.a.]: Springer Spektrum.

Glowinski, I. (2007). Schülerlabore im Themenbereich Molekularbiologie als Interesse fördernde Lernumgebungen.

Guderian, P. (2007). Wirksamkeitsanalyse außerschulischer Lernorte der Einfluss mehrmaliger Besuche eines Schülerlabors auf die Entwicklung des Interesses an Physik.

Haupt, O. J., Domjahn, J., Martin, U., Skiebe-Corrette, P., Vorst, S., Zehren, W. & Hempelmann, R. (2013). Schülerlabor – Begriffsschärfung und Kategorisierung. Der mathematische und naturwissenschaftliche Unterricht, 66(6), 324-330.

Pawek, C. (2009). Schülerlabore als interessefördernde außerschulische Lernumgebungen für Schülerinnen und Schüler aus der Mittel- und Oberstufe   

Przyborski, A. & Wohlrab-Sahr, M. (2014). Qualitative Sozialforschung ein Arbeitsbuch (4., erw. Aufl. ed.). München: Oldenbourg.