Didaktik der Biologie

Bioethik

Biologie und Ethik treffen in einem vielschichtigen Bereich aufeinander – der Bioethik. Der Anteil an ethisch zu reflektierenden Themen im Biologieunterricht ist groß, die Lehre vom Lebendigen ist eng verknüpft mit der Frage nach dem moralisch richtigen und ethisch vertretbaren Umgang mit allem Lebendigen. Der Biologieunterricht vermittelt eben nicht nur Fachwissen und leitet zu naturwissenschaftlichem Denken an, sondern er soll auch unter Berücksichtigung der Sonderposition des Menschen als entscheidendes und handelndes Wesen zur Reflexion über menschliches Handeln und über normative Grundsätze im Bereich der Biologie anhalten. Diese Aufgabe und Besonderheiten des Faches Biologie finden sich auch in den Bildungsstandards der KMK für den Mittleren Schulabschluss, die für Biologie seit Beginn des Schuljahres 2005/06 verbindlich gelten: „Der Beitrag des Faches Biologie zur Welterschließung liegt in der Auseinandersetzung mit dem Lebendigen. Die lebendige Natur bildet sich in verschiedenen Systemen ab (…). In diesem Systemgefüge ist der Mensch Teil und Gegenüber der Natur. Dadurch dass der Mensch selbst Gegenstand des Biologieunterrichts ist, trägt dieser zur Entwicklung individuellen Selbstverständnisses und emanzipatorischen Handelns bei. Dies ist die Grundlage für ein gesundheitsbewusstes und umweltverträgliches Handeln sowohl in individueller als auch in gesellschaftlicher Verantwortung.“

Gemäß der durch die KMK aufgestellten vier Kompetenzbereiche für das Fach Biologie sollen Schülerinnen und Schüler auch „Bewertungskompetenz“ entwickeln, die sie dazu befähigt „Wertschätzung für eine intakte Natur und eine eigene gesunde Lebensführung zu entwickeln, Verständnis für Entscheidungen im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung zu zeigen, sich neue Sachverhalte in Anwendungsgebieten der modernen Biologie zu erschließen und sich dann am gesellschaftlichen, z.T. kontrovers geführten Diskurs beteiligen zu können“.

An der Auseinandersetzung mit aktuellen, gesellschaftsrelevanten und ethisch konfliktreichen Themen wie der Gentechnik, der Sterbehilfe, Tierversuchen oder dem umweltverträglichen Handeln kann moderner Biologieunterricht also nicht mehr vorübergehen und somit muss auch die Lehrerausbildung angehende Biologielehrer/Innen auf die reflektierte Auseinandersetzung mit ethischen Problemen vorbereiten. Daher ist einer der Schwerpunkte der Abteilung Biologiedidaktik – sowohl in der Forschung als auch in der Lehre – die Bioethik, die sich in die Bereiche der Medizinethik, der Tierethik und der Umweltbildung aufteilt.

(siehe auch ­die Seiten von Ulrich Kattmann) 

Zum Weiterlesen

Geyer, C. (2001): Biopolitik. Die Positionen. Suhrkamp, Frankfurt am Main

Hößle, C., Hötteke, D., Kircher, E. (Hrsg.) (2004): Über die Natur der Naturwissenschaften lernen. Sammelband zum Thema Wissenschafts-verständnis. Schneider Verlag.

Korff, W./Beck,L./Mikat,P. (Hrsg.) (2000): Lexikon der Bioethik, Gütersloher Verlagshaus

Prüfer, T./Stollorz, V. (2003): Bioethik, Hamburg: Europ.Verl.-Anst.

Schramme, T. (2002): Bioethik, Campus Verlag, Frankfurt am Main

Van den Daele, W. (Hrsg.) (2005): Biopolitik, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden­


Tierethik

Der Umgang des Menschen mit den Tieren, die ihn umgeben, ist ein zentrales Thema der Bioethik. Unterschiedliche Ansätze der Ethik fordern unterschiedliche Handlungsweisen, so fordert z.B. ein pathozentristischer Ansatz den Schutz aller leidensfähigen Lebewesen, der Biozentrismus hingegen den Schutz alles Lebendigen, Vertreter des Präferenzutilitarismus fordern des Status der Menschenwürde für hochintelligente Lebewesen wie Menschenaffen. In vielen Bereichen der Tierethik ist eine intensive Auseinandersetzung mit den involvierten Werten und möglichen Gründen für die Akzeptanz oder Ablehnung notwendig, um ein reflektiertes Urteil zu fällen: so z.B. im Bereich der Tierversuche oder der Zootierhaltung. Hinter all diesen Abwägungsprozessen steht die Frage: Haben Tiere eine Würde?

Auch die aktuellen Bildungsstandards der KMK für das Fach Biologie fordern im Bereich der Bewertungskompetenz von den Schüler/Innen einen verantwortungsbewussten Umgang mit sich selbst, aber auch mit der sie umgebenden Umwelt und nennen als einen Standard bezüglich tierethischer Konfliktfelder: „Schülerinnen und Schüler beschreiben und beurteilen die Haltung von Heim- und Nutztieren“ und verweisen explizit auf das Feld der Massentierhaltung. Jedoch auch z.B. die Entscheidung bezüglich der gentechnischen Veränderung von Tieren oder des Verbrauchs von Tieren für die Forschung bedarf einer abwägenden Betrachtung, um zu einem reflektierten Urteil zu gelangen.

Die Beschäftigung mit ethischen Fragen, die den Umgang mit Tieren betreffen und die Hinterfragung und Beleuchtung ethischer Rechtfertigungs- und Argumentationsstrategien bezüglich des Status des Tieres, stellt einen wichtigen Bereich innerhalb der Bioethik dar und wird im Rahmen der Biologielehrer/Innenausbildung von uns als ein weiterer Schwerpunkt behandelt.

Zum Weiterlesen:

Hoerster, N. (2004): Haben Tiere eine Würde? Grundfragen der Tierethik. Beck'sche Reihe, München

Hößle, C.(2001). Ethische Dimensionen der Gentechnik im Biologieunterricht-Serie. In: Praxis der Naturwissenschaften - Biologie in der Schule.

5. Teil: Transgene Tiere und ihre ethische Vertretbarkeit. Heft 2, 51. Jahrgang.

Medizinethik

Neue Möglichkeiten im Bereich der Biotechnologie wiederbeleben ethische und anthropologische Fragen, die den Menschen in seinem Handeln und seinem persönlichen Sein betreffen. Wann beginnt menschliches Leben, ab wann ist es schützenswert, wann endet menschliches Leben? Was macht den Menschen zum Menschen? Ist Glück objektiv bestimmbar? Welchen Stellenwert hat eine Ethik des Heilens? Was beinhaltet der Begriff der Menschenwürde? Gibt es einen Unterschied zwischen dem Status des Menschen und dem Personenstatus?

Embryonale Stammzelltherapie, Organtransplantation, Präimplantationsdiagnostik oder Sterbehilfe – eine Reihe medizinethischer Konfliktfelder sind Mittelpunkt aktueller gesellschaftsrelevanter Debatten, in denen die Interessen, Hoffnungen und Ängste von Forschern, Ärzten, Privatpersonen, Betroffenen und Institutionen wie Kirche o.ä. kollidieren und sich verschiedene ethische Werte unvereinbar gegenüber stehen. Zwei ethische Denktraditionen liefern dabei unterschiedliche Kriterien für eine mögliche Bewertung: Die deontologische Ethik stellt unveränderliche, absolut gültige Prinzipien wie z.B. die Menschenwürde oder das Recht auf Leben ins Zentrum allen Urteilens, wohingegen der Utilitarismus eine Handlung von ihren Folgen her betrachtet und die Minderung von Leid sowie die Förderung des allgemeinen Wohlergehens ins Zentrum des Urteilens stellt.

Eine begründete und reflektierte Stellungnahme in medizinethischen Konfliktfeldern fällt auch Schülern oft sehr schwer, es fehlt an Sensibilisierung für den moralischen Gehalt von Situationen, an Informationen, an konsistent begründeten Argumenten. Zudem geht es um essentielle, den Menschen in seinem Kern betreffende Fragen – wie z.B. die Frage nach der Menschenwürde – die eine Reihe von Emotionen und Fragen loslösen, denen gerade in der Schule offen begegnet werden muss. Denn wo anders als in der Schule sollten Jugendliche ethische Urteilsfähigkeit erlernen, um sich reflektiert mit neuen Biotechnologien auseinandersetzen zu können und Demokratiefähigkeit zu erwerben? Die neuen Bildungsstandards der KMK für das Fach Biologie fordern als eine der vier zentralen Kompetenzen „Bewertungskompetenz“ und formulieren als einen Standard in diesem Bereich: „Schülerinnen und Schüler beschreiben und beurteilen Erkenntnisse und Methoden in ausgewählten aktuellen Bezügen wie zu Medizin, Biotechnik und Gentechnik, und zwar unter Berücksichtigung gesellschaftlich verhandelbarer Werte“. Der bzw. die heutige Biologielehrer/In muss also in der Lage sein, auch medizinethische Themen in den Unterricht zu transportieren und sie dort effektiv umzusetzen. Dazu benötigt er/sie selbst Hintergrundinformationen, „Urteilstraining“ und Metareflexionsfähigkeit. In diesem Sinne ist die Beschäftigung mit der Ethischen Urteilskompetenz im Bereich der Medizinethik sowohl ein Forschungsschwerpunkt unserer Abteilung als auch einer unserer Schwerpunkte in der Lehrerausbildung.

Zum Weiterlesen:

Bögeholz, S.; Hößle, C.; Langlet, J.; Sander, E. & Schlüter, K. (2004). Bewerten - Urteilen - Entscheiden im biologischen Kontext: Modelle in der Biologiedidaktik, Zeitschrift für Didaktik der Naturwissenschaften, Jg. 10, S. 89-115.

Gebhard, U., Hößle, C., Johannsen, F. (2004): Eingriffe in das vorgeburtliche menschliche Leben - Naturwissenschaftliche Grundlagen und ethische Reflektionen. Neukirchener Verlagshaus.

Hößle, C.(2001). Ethische Dimensionen der Gentechnik im Biologieunterricht-Serie. In: Praxis der Naturwissenschaften-Biologie in der Schule.

1. Teil: Risikoanalyse am Beispiel des gentechnischen Produktionsverfahrens von Humaninsulin. Heft 5, 50. Jahrgang.

2. Teil: Ethische Bewertung der Keimbahntherapie am Menschen. Heft 6, 50. Jahrgang.

3. Teil: Ambivalenz des genetischen Tests. Heft 7, 50. Jahrgang.

4. Teil: Wissenschaft und Verantwortung. Heft 1, 51. Jahrgang.

Hößle, C. (2003): Modell moralischer Urteilsbildung am Beispiel der embryonalen Stammzelltherapie. Oldenburger VorDrucke 466. Oldenburg

Hößle, C. (2003): Präimplantationsdiagnostik-medizinische und rechtliche Aspekte. In: Praxis der Naturwissenschaften-Biologie in der Schule, September 2003, Heft 6, Jhrg. 52.

Kollek, R.(2002): Präimplantationsdiagnostik. Embryonenselektion, weibliche Autonomie und Recht. Francke Verlag, Tübingen und Basel

Kreß, H.(2003): Medizinische Ethik. Kulturelle Grundlagen und ethische Wertkonflikte heutiger Medizin. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart

Reitschert, K./ Hößle, C./ Langlet,J./ Mittelsten Scheid, N./ Schlüter, K. (2006): Dimensionen Ethischer Urteilskompetenz - Dimensionierung und Niveaukonkretisierung, (bislang unveröffentlichtes Manuskript), 12 Seiten