Graduiertenkolleg Selbst-Bildungen

Roman Eichler

Promotionsprojekt

"Urbane Sportsubjekte - sportive SelbstBildungen und der urbane Raum" (Arbeitstitel)

Abstract

Die Akteure von Praktiken wie Skateboarding, BMX- und Inlinerfahren, Parkour, Cross-Golf oder Urban Climbing haben die räumlich eingehegten, institutionalisierten Sportstätten verlassen, übertreten deren tradierte Bewegungsprogramme und bewegen ihre Körper mit neuen Gesten, Ritualen und Darstellungsformen im öffentlichen urbanen Raum. Eingefahrene Subjektformen wie in Institutionen, z.B. Schule oder Verein, existieren in diesen Spiel-Räumen des informellen Sports noch nicht. Diese neuen Sportkulturen sind insofern ein besonderer Bereich, als sich hier Subjekte und Räume im Fluss befinden. Die Praktiken erscheinen als ein Experimentierfeld, in dem neue Weisen der Selbst-Bildung praktisch erprobt und zugleich die Handlungsmöglichkeiten der städtischen Räume ausgelotet, erweitert und umcodiert werden. Mit den urbanen sportiven Praktiken etabliert sich ein dynamisches Zusammenspiel von Körpern, Raum und Artefakten, in dem 'die Stadt' oder 'der urbane Raum' zu einem bedeutsamen Element individueller Selbst- und Weltverhältnisses wird. Mit der Teilnahme an diesem spezifischen Zusammenspiel nimmt der Einzelne eine noch in Entwicklung begriffene Form an, deren individuelle oder gesellschaftliche Bedeutung weder einfach theoretisch abgeleitet, noch aufgrund seiner medialen Repräsentation allein eingefangen, sondern erst durch empirische Erforschung von beobachtbaren und erfahrbaren Praktiken als ein Prozess der Subjektivierung analysierbar gemacht werden kann. Die Zielsetzung des Projekts ist es, praxeologisch orientiert einen empirischen Einblick in eine urbane Sportkultur als Subjektkultur zu geben und dadurch zugleich zur Ausarbeitung einer praxeologischen Subjektanalytik beizutragen.
Empirischer Gegenstand meiner Arbeit ist das Fixed-Gear-Cycling, welches um die individuelle und kollektive (auch wettkampfförmig organisierte) Fortbewegung mit Bahn- bzw. Starrgangrädern ("Fixies") in der Stadt zentriert ist. Spezifisch für das Fixed-Gear-Cycling ist, dass es sich, anders als die meisten anderen posttraditionalen Sportarten, dezidiert in einen umfassenderen Praktikenkomplex 'einschaltet': den urbanen Verkehr(-sraum). Das puristische Fahrrad ohne Gangschaltung, Freilauf oder herkömmliche Bremsen provoziert eine schnelle und 'pragmatische', d.h. flüssige, oft als riskant und deviant wahrgenommene Fortbewegung in Zwischenräumen und Lücken des Straßenverkehrs, also einen eigensinnig anmutenden Umgang mit bewegten Körpern im Verkehrsgeschehen der Stadt. Eine weitere Besonderheit ist die Unschärfe des Gegenstandes: Die Akteure integrieren und identifizieren sich nicht ausschließlich über die Benutzung eines Fixies, sondern auch über einen bestimmten Fahr- und Lebensstil, der auf die Bike-Messenger-Kultur und den traditionellen Radsport sowie das Fahrrad im weiteren Sinne bezogen ist – aber mit dem Fixie besonders konkret wird.
Vor diesem Hintergrund lauten die Leitfragen meines Promotionsprojekts: Wie verknüpfen sich welche ‚Träger’, ‚Teilnehmer’ oder ‚Elemente’ regelmäßig so miteinander, dass wir überhaupt von einer bestimmten Praktik oder Subjektkultur sprechen können? Wie wird der Einzelne zu einem kompetenten und anerkannten Teilnehmer der Praktik und was charakterisiert diesen Prozess als einen (spezifischen) Prozess der Subjektivierung? Welche Beziehungen zeigt diese Praktik zum gesellschaftlichen Kontext sowie zu dort bereits existierenden Subjektformen?
Der methodologische Ansatz der Studie ist möglichst offen und als „toolkit approach“ (Nicolini) gewählt: Mit einer aus einigen wenigen praxistheoretischen Grundannahmen und subjektanalytischen Fragestellungen gebildeten generativen 'Optik' kann dem theoretisch wie empirisch ‚unscharfen’ Phänomen nach und nach eine intelligible Kontur gegeben sowie diese Ausgangsbasis schrittweise erweitert oder spezifiziert werden. Das empirische Material der Analyse ergab sich aus teilnehmender Beobachtung in Berlin und Oldenburg, aus Interviews mit Schlüsselakteuren, welche ‚die’ Szene kompetent und anerkannt verkörpern sowie aus einer „analytischen Autoethnografie“ (Anderson) der eigenen Selbst-Erfahrung mit dem Fixie; ergänzend wurden Medienanalysen von Blogs, Filmen und Printmedien vorgenommen. Die Feldforschung konzentrierte sich angesichts der konstitutiven Beteiligung von bestimmten Artefakten und dem besonderen Umgang mit räumlichen Anordnungen konsequent auf die „Interobjektivität“ (Latour) von Praktiken der Subjektivierung. Sie stand unter dem der Actor-Network-Theory und der Multi-Sited-Ethnography entlehnten Motto: Folge der Praktik, folge der prozessualen Verknüpfung unterschiedlichster ‚Träger’ und ‚Teilnehmer’. Die teilnehmende Forschung begann dort, wo jede/r Fixiefahrende als erstes plausibel greifbar wird: bei der Benutzung eines Starrgangrades. Seine spezifische Handhabung, aber auch die weiterer Artefakte (z.B. Kleidung oder Accessoires) sowie die Interaktionen im städtischen Verkehr(-sraum) wurden mikroethnografisch (Streeck) analysiert um die stilbildenden Momente und Subjektivierungseffekte des sich so nach und nach erschließenden Praktikenbündels herauszuarbeiten.

Als zentrales Thema der Studie erwies sich die Transformation individueller und die Irritation kollektiver Bewegungsgewohnheiten: Kontingente, immer schon potentiell vorhandene räumlich-körperliche und symbolisch-normative Spielräume werden – auch unter Missachtung von Regeln und Konventionen – realisiert und damit Grenzbereiche etabliert und stabilisiert, innerhalb derer sich Einzelne und Gesellschaft auf eine neue oder eigene Weise arrangieren bzw. arrangiert werden. Grundlegend für das mit der Zeit immer besser berechenbare Ausloten von eigenen körperlichen Spielräumen, aber auch der Spielräume des Straßenverkehrs, ist es, dass Körper, Rad und andere Artefakte (Kleidung, Accesoires) zu einer (Bewegungs-)Einheit verschmelzen; das ‚Fixed-Gear-Subjekt’ wird nur unter Berücksichtigung dieser hybriden Qualität verständlich.
Die Partizipanden bilden in einem Prozess informellen Lernens sukzessive ein komplexes Engagement (Fähigkeiten, Haltungen, Überzeugungen) aus, vor allem eine spezifische, situative Aufmerksamkeit und eine befremdliche Vertrautheit mit Räumen, in denen man sich ‚eigentlich’ nicht bewegt. Der Straßenverkehr(-sraum) erscheint aus Sicht der Fixiefahrenden einerseits als ‚quasi-natürliche', unpersönliche Umwelt, als fließende, bedrohliche, aber beherrschbare Umgebung. Beim flow-artigen ‚Durchschlängeln’ mit hoher Geschwindigkeit kann eine mit anderen teilbare Erfahrung als 'kompetentes' Selbst erlebt werden. Andererseits ist der Verkehrsraum eine soziale Umwelt, die durch explizite Regeln und lokal-spezifische Bewegungskonventionen strukturiert ist und in der die Akteure Anderen scheinbar respektlos, aber dennoch äußerst gewissenhaft begegnen.
Das Fixed-Gear-Cycling erweist sich als eine vergleichsweise sehr offene Szene, die neben der Praktik des (individuellen oder kollektiven) Starrgangfahrens im engeren Sinne auch Radkultur, technisierte Individualmobilität und den gesellschaftlichen Stellenwert des Fahrrades im weiteren Sinne 'verhandelt'. Fixiefahrende erfahren sich nicht nur als Mitglieder einer immer noch sehr dynamischen Szene, sondern auch als überzeugte Radfahrer und (besondere) Verkehrsteilnehmer. Das Spiel mit Regeln und Räumen kann so auch zu einer expliziten Auseinandersetzung mit kollektiven Rechtfertigungsordnungen führen: Das Wahrnehmen von Zwischenräumen und Situationspotentialen des Straßenverkehrs scheint grundlegend mit der Ausbildung einer kritischen Haltung gegenüber der etablierten Form der Subjektordnung Radfahrer-Kraftverkehr einherzugehen, deren inhärente gesellschaftliche Spannungen in den Konflikten von ‚Fixiekörpern’ und ‚Automenschen’ konkret werden. Die Missachtung von Regeln und Konventionen des Straßenverkehrs stellt nicht nur diese in Frage, sondern auch den (tagtäglich erfahrbaren) gesellschaftlichen Primat einer „car-culture“ (Furness). Der Fixiefahrer lässt sich gewissermaßen als der performative ‚Idealtyp’ der noch viel unschärferen Subjektform eines selbstbewussten ‚urban cyclist’ begreifen, die zunehmend auch diskursive Kontur gewinnt.
Mit der Analyse der Spielräume des Fixed-Gear wird nicht nur die reproduzierende, sondern vor allem auch die transformierende Dynamik von Subjektivierungspraktiken sichtbar. Ihre Analyse erlaubt somit auch aktuelle Einsichten in gesellschaftliche Spannungen und Neuorientierungen in urbanen Räumen, die auf die materiale Verfasstheit und die technische Vermittlung des Selbst bezogen sind. Diese Sportsubjekte sind immer auch (spezifische) Stadtsubjekte; ihre Praktiken nicht nur ein Indikator sondern ein Katalysator gesellschaftlicher Konjunkturen im Kontext urbaner Mobilität.