Graduiertenkolleg Selbst-Bildungen

Lucas Haasis

Institut für Geschichte - Abteilung Frühe Neuzeit

Tel.: +49 (0) 441 798-4714
E-Mail: lucas.haasis@uni-oldenburg.de
Büro: Campus Haarentor, Raum A11 1-119

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Promotionsprojekt

Das Geheimnis des Erfolgs: Kaufmännische Briefschaften zur Mitte des 18. Jahrhunderts

Kontext: Reederei, Kommissionshandel, Kredit- und Versicherungswesen, Compagnie-Geschäft: Als Wege und Mittel deutscher Handelsbeteiligung am entstehenden Weltmarkt des 18. Jahrhunderts nehmen diese kaufmännischen Betätigungsfelder eine prominente Rolle ein. Es handelt sich dabei um Mittleraktivitäten und das nicht ohne Grund. Im Unterschied zu den Kaufleuten der Kolonialmächte war der deutschen Kaufmannschaft der Direkthandel mit den Kolonien untersagt. Zudem besaßen sie keinen eigenen Zugriff auf Kolonien. Kolonialpolitisch und merkantilistisch geprägt, rein rechtlich erscheint das deutsche Kaufmannswesen dadurch im Aufgebot der Handelsmächte des 18. Jahrhunderts marginalisiert. Doch weit gefehlt. Tatsächlich mischten die deutschen Handelshäuser gehörig mit auf den Absatzmärkten um Zucker, Tabak oder Indigo und auf den Seewegen manövrierend zwischen den kolonialen Großmächten. Auch im 18. Jahrhundert gelangten insbesondere norddeutsche, allen voran die Hamburger Kaufleute, zu Vermögen und Einfluss. Wie war das möglich? Die Antwort: als ihr entscheidender Vorteil im Geschäft fungierte ihre weitestgehende handelspolitische Neutralität, wodurch die Kaufleute den eingangs benannten Handelssektor so lukrativ und legitim besetzen konnten. Im Geschäft als Zwischenhändler, Gewährsmänner oder in der Bereitstellung von Infrastruktur profitierten sie von ihrer Funktion als Scharnier der Kolonialmächte. Ebenso forderte es ihnen diese besondere Stellung jedoch ab, auch mit den zwangsläufig enstehenden Reibungsflächen kompetent zu verfahren, Grauzonen zu nutzen. Die kaufmännische Losung und Kernkompetenz von deutscher Seite lautete daher Verhandlungsgeschick, ein Changieren mit Möglichkeiten. Das Medium, das dieses tragen und begründen sollte war: die Korrespondenz. Insbesondere für den deutschstämmigen Kaufmann avancierte der Brief im 18. Jahrhundert zur Triebfeder des Handels, zum Passierschein in die Welt des Atlantikhandels, zur Verhandlungsgrundlage, die im Stande war sprachliche, rechtliche und länderspezifische Grenzen zu überwinden, zu unterlaufen oder zumindest vermittelnd einzutreten. Feder, Papier, der heimische Schreibtisch und der imaginierte gemeinsame Briefraum wurden zum eigentlichen Ort kaufmännischer Sozialität, das Briefeschreiben zum Gradmesser, zum effizienten Instrument und zur Belastungsprobe. Es fungierte als das sprichwörtliche Zünglein an der Waage von Unternehmungen, folglich ebenso der erfolgreichen Karriere. Welche Form und welchen Einschlag diese objektivierte Sozialität ‚Briefwechsel’ im 18. Jahrhundert für die deutschen Kaufleute annahm, oder besser: annehmen musste, steht in dieser Dissertation zur Frage.

Gegenstand: Erstmalig umfassend und im Detail dokumentiert das Projekt die soziale Praxis des kaufmännischen Korrespondierens als Standbein, Wiege und Weichensteller deutscher Handelspraxis und des dabei wirksamen Selbstverständnisses im 18. Jahrhundert. Im Vordergrund stehen Wege der Behauptung und Plausibilisierung der deutschen Kaufmannsgruppe im unsteten und hart umkämpften Feld des Handels. In diesem Bezug fokussiert das Projekt mit Bedacht auf die Phase im Leben deutscher Kaufleute, in der das Recht und die Befähigung zur Teilnahme auf dem Handelsparkett noch zur Disposition stand: die kaufmännische Etablierungsphase. Die Analyse von Briefwechseln aus gerade diesem Lebensabschnitt bietet aussagekräftige Einblicke in kaufmännische Such- und Findungsprozesse, Manöver und Winkelzüge und erlaubt es festzumachen, welche Handels- und Verhandlungvollzüge wie im Kaufmannsgeschäft von Erfolg gekrönt sein konnten. Denn Gegenteiliges führte hier zum Fiasko. Die Briefe zeugen dadurch einschlägig von adäquaten Arten und Weisen kaufmännischer Selbst-Bildung. [Weiterlesen]

Forschungsschwerpunkte

  • Europäische und atlantische Geschichte der Frühen Neuzeit
  • Kaufmannsforschung
  • Historische Praxeologie
  • Briefforschung
  • Globale Mikrogeschichte

Kurzbiografie

seit 10/2014

Lehrkraft für besondere Aufgaben am Institut für Geschichte, Abteilung Frühe Neuzeit bei Prof. Dr. Dagmar Freist, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Promotionsprojekt: Das Geheimnis des Erfolgs. Kaufmännische Briefschaften zur Mitte des 18. Jahrhunderts

02/2015

DHI London, Stipendiat

2011-2014

Stipendiat im DFG-Graduiertenkolleg 1608/1 „Selbst-Bildungen. Praktiken der Subjektivierung", Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

2011

Master of Arts, Abschlussarbeit: Von Müßiggängern und Heißspornen, Männern und Memmen - Junge Kaufleute in der frühneuzeitlichen Fremde und auf der Suche nach sich selbst. Ausgezeichnet als herausragende Abschlussarbeit im Fachbereich Geschichte

08/2010-01/2011 

Universität Uppsala, Schweden: Consistencies and Contradictions, Early Modern Northern Europe 1450-1850

2009-2011

Fachmaster Europäische Geschichte, Carl-von-Ossietzky Universität Oldenburg

2009

Bachelor of Arts, Abschlussarbeit: Schattenfiguren in militärischer Kulisse - Eine diskursanalytische Annäherung an die Konstruktion und Konzeption des Phänomens Söldner-Invalidität in Bildquellen des Dreißigjährigen Krieges. Ausgezeichnet als beste Abschlussarbeit im Fachbereich Geschichte

2006-2009Zwei-Fach-Bachelor Geschichte und Musik, Carl-von-Ossietzky Universität Oldenburg

Lehre

Regelmäßiges Angebot seit SoSe 2014: Tutorium Einführung in die Frühe Neuzeit; Forschungskolloquium Frühe Neuzeit 

WiSe 2016/2017

Historische Briefpraxis. Ein (echter) Rekonstruktionsversuch (mit Christina Beckers)
Globale Mikrogeschichte(n): Die Londoner Prize Papers (mit Annika Raapke)

SoSe 2016

Einfach unverbesserlich. Die Entdeckung des Ich in der Frühen Neuzeit
ausgezeichnet mit dem Preis der Lehre der Universität Oldenburg in der Kategorie „Forschendes Lernen“

WiSe 2015/16

Global Lifes. Extreme Frühe Neuzeit (Projektseminar mit Annika Raapke)
Ausstellungssoiree: 3ZKB. Zeiten-Räume der Frühen Neuzeit

SoSe 2015

Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie. Zugänge zur Vergangenheit (mit Jörn Eiben)
The Glory Days of Etiquette. Zu Conduct books, Briefstellern und galantem Benehmen im 18. Jahrhundert

WiSe 2014/15

Closets, Clocks & Close-ups: Das 18. Jahrhundert in Miniatur (Projektseminar mit Annika Raapke)
Ausstellungssoiree: 8 Szenen Jahrhundert. Ein Abend im 18. Jahrhundert

WiSe 2013/14 

Wir richten eine Botschaft an einen bestimmten Menschen, aber er, der Brief, richtet sich zuerst an uns. Eine Einführung in die Briefforschung (mit Annika Raapke)

SoSe 2013Käse-Würmer-Lebenswelten: Die wahrhaftige Geschichte von der Wiederkehr der Alltags- und Mikrogeschichte. Eine Einführung

Vorträge

04/2016

“Historical Praxeology. A Methodological Approach to Past Practices“, zusammen mit Constantin Rieske, European Social Science History Conference (ESSHC) 2016, Valencia, ESP.

02/2016

„Historische Praxeologie. Eine methodologische Annäherung an vergangene Praktiken“, auf der Tagung „Historisch. Praktisch. Gut? Potential und Grenzen praxeologischer Ansätze für die Geschichtsschreibung zum 19. und 20. Jahrhundert“, Köln, DE.

09/2015

“All the World(s) in a Postbag. Reflections on a Global Microhistory“, zusammen mit Annika Raapke, Arbeitstagung der Arbeitsgemeinschaft „Frühe Neuzeit“ im Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands „Globale Verflechtungen – Europa neu denken, Heidelberg, DE.

03/2015

“Reading Past Materiality: Praxeological insights into Letters of the 18th Century and how they were handled“, Renaissance Society of America 2015 Annual Conference (RSA) 2015, Berlin, DE.

10/2014

“Against all Odds: German Merchants, their Letters & a Glimmer of Hope“, Vortag auf der Konferenz “All at Sea“ des European Prize Papers Networks in den National Archives Kew, London.

09/2014

"The World on a Merchant’s Desk: On German Merchants, their Commission Trade, and the Backdoor to Atlantic hoppensäcken“, Vortrag auf der German History Society Annual Conference, Maynooth, IE.

04/2014

"O Captain! My Captain! Hierarchies in 18th Century Correspondences between Merchants and Ship`s Captains“, Vortrag auf der European Social Science History Conference (ESSHC) 2014 in Wien, AT, 23.-26. April 2014.

01/2014

Organisation des Workshops Doings-Sayings-Writings. 3. Historiker-Workshop des DFG-Graduiertenkollegs 1608/1 „Selbst-Bildungen. Praktiken der Subjektivierung“, 17.-18. Januar 2014, Vortrag: Zer(r)dehnte Polyphonien: Briefforschung konversationsanalytisch. Anton Lütkens und die Frage nach Lurrendreyereyen.

09/2013

„Postwendend. Be(-)schriebene Materialität als Marker historischer Praxeologie“, Vortrag auf der Arbeitstagung der Arbeitsgemeinschaft Frühe Neuzeit „Praktiken der Frühen Neuzeit“ an der LMU München, 12.-14. September 2013.

07/2013

Organisation des Workshops Doings-Sayings-Writings. 2. Historiker-Workshop des DFG-Graduiertenkollegs 1608/1 „Selbst-Bildungen. Praktiken der Subjektivierung“, 12.-13. Juli 2013, Vortrag: Seith Jüngsten, in Eil, in Zeitten: Zeitlichkeiten und kaufmännische Briefpraxis.

12/2012 

Organisation des Workshops Doings-Sayings-Writings. 1. Historiker-Workshop des DFG-Graduiertenkollegs 1608/1 „Selbst-Bildungen. Praktiken der Subjektivierung“, 07.-08. Dezember 2012, hsozkult.geschichte.hu-berlin.de. Vortrag: Correspondence makes the merchant: Die Briefe Nicolaus Gottlieb Lütkens`(1744-1746).

09/2012

“A Merchant`s Son and his Letters: A praxeological view on young Early Modern mercantile Self-Formation“, Vortrag auf der internationalen Doktorandenkonferenz „Crossroads. Networks, Communication, and Exchange in the Early Modern World“ am St. Catharine’s College, University of Cambridge, 31. August - 01. September 2012.

07/2012

„Nur Lug und Trug? Annäherungen an eine historisch-praxeologische Briefforschung“, Vortrag auf dem Intensivkolloquium des DFG-Graduiertenkollegs 1608/1 „Praktiken der Subjektivierung“ an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, 13.-14. Juli.

05/2012

„Der Atlantik als Kommunikationsraum und die Wahrnehmung fremder Welten in Briefen des 17. und 18. Jahrhunderts“, zusammen mit Prof. Dr. Dagmar Freist, Kommentar zum maritimhistorischen Abend „Gekaperte Briefe“ in der Landesbibliothek Oldenburg, 24. Mai 2012.

02/2012

" ... auff dass auch ein mensch und recht mann auss mir werd" - Von jungen Kaufmannsanwärtern in der Fremde, dem Ruf nach Anerkennung und den ernsten Spielen männlicher Alltagspraxis, Vortrag auf der Tagung des DFG-Graduiertenkollegs 1608/1 "Praktiken der Selbstbildung im Spannungsfeld von ständischer Ordnung und gesellschaftlicher Dynamik" an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, 16.-18. Februar 2012.

01/2012Die Lehrzeit des Kaufmanns der Frühen Neuzeit - Eine Blaupause kaufmännischer "Selbst-Bildung"?, Vortrag am Bamberger Oberseminar zur Mittelalterlichen und Neueren Geschichte, Otto-Friedrich-Universität Bamberg, 18. Januar 2012.

Publikationen

Herausgeberschaften

Haasis, Lucas/Rieske, Constantin (Hrsg.): Historische Praxeologie. Dimensionen vergangenen Handelns, Paderborn 2015.

Aufsätze

Haasis, Lucas: Papier, das nötigt und Zeit, die //drängt// übereilt. Zur Materialität und Zeitlichkeit von Briefpraxis im 18. Jahrhundert und ihrer Handhabe, in: Brendecke, Arndt (Hrsg.): Praktiken der Frühen Neuzeit (Frühneuzeit Impulse), Wien/Köln/Weimar 2015.

Haasis, Lucas: „Noch bleibt mir ein Augenblick Zeit um mich mit Euch zu unterhalten.“ Praxeologische Einsichten zu kaufmännischen Briefschaften des 18. Jahrhunderts, in: Freist,
Dagmar (Hrsg.): Diskurse-Körper-Artefakte. Historische Praxeologie in der Frühneuzeitforschung, Bielefeld 2014.

Haasis, Lucas/Raapke, Annika: „Ihr ergebenster und sehr gehorsamer Diener und Sohn". Frühneuzeitliche Jugendbriefe an Mütter, in: Geschichte Lernen 156, Themenheft "Selbstzeugnisse“ (2013), S. 16-23.

Tagungsberichte

Haasis, Lucas/Rieske, Constantin: Tagungsbericht Doings-Sayings-Writings. 2. Historiker-Workshop des DFG-Graduiertenkollegs 1608/1 „Selbst-Bildungen. Praktiken der Subjektivierung“. 12.07.2013-13.07.2013, Oldenburg, in: H-Soz-u-Kult, 21.10.2013, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=5080.

Haasis, Lucas/Rieske, Constantin: Tagungsbericht Doings-Sayings-Writings. 1. Historiker-Workshop des DFG-Graduiertenkollegs "Selbst-Bildungen. Praktiken der Subjektivierung". 07.12.2012-08.12.2012, Oldenburg, in: H-Soz-u-Kult, 23.02.2013, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4665.

Haasis, Lucas: Tagungsbericht Praktiken der Selbst-Bildung im Spannungsfeld von ständischer Ordnung und gesellschaftlicher Dynamik. 16.02.2012-18.02.2012, Oldenburg, in: H-Soz-u-Kult, 12.05.2012,