Graduiertenkolleg Selbst-Bildungen

Forschungsfelder

© Roman Eichler

Die Forschungsfelder, denen die Projekte zugeordnet sind, markieren keine strikt voneinander abgegrenzten Forschungsgebiete, sondern sind als Fokussierungen zu verstehen, die sich im Sinne unserer Forschungsanalytik wechselseitig aufeinander beziehen.

A) Prozessualität und Sequenzialität: Ausbildung von Dispositionen

In diesem Forschungsfeld geht es in einer diachron-prozessualen Perspektive um die Ausbildung von physischen, affektuellen und kognitiven Dispositionen, die zur Teilnahme an den Praktiken verschiedener sozialer Felder befähigen, indem sie es Menschen gestatten, sich selbst auf die kontingenten Vollzüge dieser Praktiken einzustellen.

Das Subjekt des Fußballs. Eine Geschichte kollektiv bewegter Körper

Abstract

Das Fußballspiel stellt mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit die beliebteste Sportart in Deutschland dar; dem war allerdings nicht immer so. Neben anderen aus England 'importierten' Sports war es besonders das Fußballspiel, welches mehr als kritisch von den Zeitgenossen wahrgenommen wurde.

Wie dieses Spiel im deutschen Kaiserreich zwischen 1875 und 1918 etabliert wurde und wie 'die Deutschen' zu Fußballern wurden, dem wird in dem Promotionsvorhaben "Das Subjekt des Fußballs" nachgespürt. mehr...

Das kämpferische Subjekt. Der Kampf als Subtext moderner Subjektphilosophie und seine Aufführung im Boxring

Abstract

In meinem Dissertationsprojekt begreife ich den Boxring als einen kulturell und historisch hervorgebrachten Ausnahmeraum, in dem ein ethisierter, ästhetisierter und reglementierter Kampf aufgeführt wird. Nicht um Gewalt geht es hier, sondern um einen Kampf. Die moderne Vorstellung, dass sich zwischenmenschliche Gewalt zivilisieren lasse, ist keine, die genuin im Sport entsteht. mehr...

Motive der Fügsamkeit. Zur historischen Semantik der Treue in der neueren deutschen Geschichte

Abstract

Wie in einem politischen Gemeinwesen Herrschaft und Gefolgschaft zusammenwirken, offenbart sich in Situationen, in denen der Zusammenhalt dieses Gemeinwesens bedroht ist. Zu den extremsten Herausforderungen für eine politische Handlungsgemeinschaft zählen Kriege. Um sie führen zu können, versucht der Staat, die in Friedenszeiten eingeübte “Fügsamkeit“ (Max Weber) der Beherrschten zu mobilisieren. Im Kriegsfall ist zuerst die Fügsamkeit des Militärs gefragt, symbolisiert durch den Treueid auf die Fahne. Doch auch über den militärischen Bereich hinaus tragen Treuekonzepte dazu bei, die Loyalität der Bürger zum Staat sicherzustellen und für den Krieg dienstbar zu machen. Dabei fügt die Selbstbindung des Gehorsams an das Gewissen der äußeren Unterwerfung des Subjekts durch den Staat die innere hinzu. mehr...

Genealogie der Selbst-Führung. Zur Historizität von Selbsttechnologien in Lebensratgebern

Alexander Hesse

Stefan Hirsch

Informationen Zum gemeinsamen Promotionsprojekt

Vom Leidenden zum Entscheidenden. Eine Genealogie des Patienten als Entscheider-Subjekt

Im Zentrum des heutigen Medizinsystems steht der selbstbestimmte Patient, der informierte Entscheidungen zwischen Test- und Behandlungsoptionen treffen soll. Als „mündiger“, „autonomer“ oder „souveräner“ Patient ist er zugleich gesundheitspolitisches Ziel wie Grundpfeiler von Medizinethik, Medizinrecht und Arzt-Patienten-Begegnung. Ziel dieses Forschungsprojektes ist es, eine Genealogie dieser Figur des informierten, selbst entscheidenden Patienten zu schreiben. Dazu verbindet es ökonomiehistorische Forschungen über die Entstehung und Popularisierung eines neuen, formalen Entscheidungsbegriffes sowie der dazugehörigen Figur des „Entscheiders“ Mitte des 20. Jahrhunderts mit einer medizingeschichtlichen Aufarbeitung des Umbruchs vom doctor knows best zum heutigen patient decides best. Das Forschungsprojekt untersucht also den Einfluss der neuen Leitfigur des „Entscheiders“ auf die Genese und Durchsetzung des „selbstbestimmten Patienten“ im deutschen Medizinsystem seit den 1960er Jahren und wirft damit ein neues Licht auf die Genese und Charakteristika moderner Subjektivität.

IN FORM(ung). Gesundheitsförderung, Mobilisierung und Subjektivierung im aktivierenden Sozialstaat

Abstract

Bevölkerungsbezogene Mobilisierungsmaßnahmen, die derzeit in der Gesundheits- und Arbeitsmarktpolitik Hochkonjunktur haben, nehmen den Einzelnen als selbstverantwortliches und im Sinne des Gemeinwohls handelndes Subjekt in die Pflicht.

Während sich Gesundheitswissenschaften und Public Health überwiegend für die Planung und Evaluation aktivierender Gesundheitsprogramme interessieren, fokussieren Gouvernementalitätsansätze häufig die Umsetzung von politischer Programmatik via Anrufungen in Selbst- und Fremdtechniken. In beiden Forschungszusammenhängen bleibt die Frage nach dem konkreten Machen eines Programms durch seine Akteure im Dunkeln.

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Post-Disziplinäre Architekturen. Subjektivierung im Dispositiv des Büros

Abstract

In meinem Forschungsvorhaben möchte ich nach den architektonischen Bedingungen der Regierung von Arbeit im flexiblen Kapitalismus fragen. Dabei soll in einer ethnographisch erweiterten Dispositivanalyse einerseits nach den räumlichen Steuerungsprogrammen gefragt werden, wie Management- und Architekturdiskurs sie hervorbringen. Auf der anderen Seite soll mit der Untersuchung der gelebten und verkörperten Praxis, die in und mit den durch solche Steuerungsprogramme ‚formatierten’ Räumen vollzogen wird, der Blick auf die inneren Beschränkungen dieser Programme frei gemacht werden.

Auf den Spuren von Integrationslotsen. Eine praxeographische Analyse der Selbstbildung in Begegnungsräumen der Migration

Abstract

Seit einigen Jahren boomt ein Markt an Lehrgängen, Fort- und Weiterbildungen für ein ehrenamtliches Engagement als Integrationslotse für MigrantInnen. Vorrangig sind es ebenfalls MigrantInnen, die im Rahmen solcher kommunalen Integrationsprojekte adressiert werden, da sie aufgrund ihrer Erfahrungen und interkulturellen Kompetenzen, d.h. ihrer spezifischen „biographischen Ressourcen“, als besonders befähigt angesehen werden, als Brückenbauer, Kulturdolmetscher und Vermittler sowohl zwischen Kulturen als auch zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Teilbereichen zu fungieren.

Was für ein migrantisches Mittler-Subjekt bildet sich hier? Wie wird es gemacht und wie macht es sich zugleich? Wie wirkt es an der Subjektivierung von MigrantInnen und Einheimischen mit? Welche Spannungen hat es auszuhalten und welche (neuen) Möglichkeitsräume vermag es sich zu erschließen? Diesen Fragen geht das Dissertationsprojekt aus einer praxeologisch-poststrukturalistisch angelegten Perspektive nach. Im Fokus stehen dabei Begegnungsräume der Migration, in denen sich Subjektivierungsszenen abspielen und welche gleichsam erst durch diese Szenen hervorgebracht werden. mehr...

Referendariat. Ethnographische Zugänge zu den Praktiken der Subjektivierung

Wie werden Lehramtsanwärter in ihrer zweiten Ausbildungsphase, dem Referendariat, zu Lehrern? Das ist die zentrale Frage dieser ethnographischen Studie, in der Thomas Pille den Praktiken der Subjektivierung von Lehrern nachgeht.

Vom wissenden Subjekt zur Mitspielfähigkeit und ihrer Subjektivierung in Praktiken. Eine praxeografische Studie am Beispiel der Sportakrobatik

Abstract

Dass die Akteure des Sports, um in seinem komplexen praktischen Geschehen mitspielfähig zu sein, lange Trainingsprozesse durchlaufen müssen, in denen sie durch kontinuierliche Übung eine sport(art)spezifische Wissensformen und Fähigkeiten ausbilden, umbilden und weiterentwickeln, liegt auf der Hand. Gleichwohl erweist sich die Frage nach der konkreten Hervorbringung kompetenter Sportler nicht nur in der Sportwissenschaft im Allgemeinen, sondern auch in der Sportsoziologie im Besonderen nach wie vor als weitgehend unbeantwortet. Unter Bezugnahme auf sozial- und kulturwissenschaftliche Praxis- und Subjekttheorien, interdisziplinäre Wissenskonzepte sowie unter Verwendung ethnografischer Methoden wird das Ziel verfolgt, dieses Forschungsdesiderat theoretisch und empirisch zu bearbeiten. mehr...

Was machen/macht KuratorInnen? Subjektivierungsformen in neuen Programmen kuratorischer Aus- und Weiterbildung in Deutschland

Abstract

Im Fokus meines Promotionsprojektes steht die Subjektform „KuratorIn“ sowie aktuelle Subjektivierungspraktiken von KuratorInnen. Aus einer praxistheoretischen Perspektive wird der Frage nachgegangen, wie innerhalb neuer Aus- und Weiterbildungsformate in Deutschland kuratorische Praxis vermittelt und eingeübt wird und welche Selbstverhältnisse in diesem Prozess Geltung erlangen, also welche neuen und alten Techniken und Formen der Subjektivierung wirkmächtig sind. Im Anschluss an Michel Foucault wird Subjektivierung dabei als ein permanenter Prozess der Verschränkung von Macht- und Selbsttechnologien, von Selbstführung und Fremdführung betrachtet. Ziel des Projektes ist es herauszuarbeiten, wie sich derzeit die Subjektform „KuratorIn“ und das Feld kuratorischer Praxis darstellen und verändern – und welche Effekte sich tendenziell für das Kunstfeld und die Position von KuratorInnen ergeben. mehr...

B) Situativität: Aktualisierung von Aktionspotenzialen

In diesem Forschungsfeld geht es um das situierte Sich-Zeigen eines Subjekts im Sinne einer Re-Figuration aktualisierter Dispositionen in einem neuen Kontext. Gefragt wird danach, wie sich die aufgerufenen Aktionspotenziale in der Praxis performativ als eine konkrete, sozial konstituierte Teilnehmer-Befähigung ausformen.

Die Körperlichkeit der Anerkennung. Subjektkonstitutionen im Sport- und Mathematikunterricht.

Wie konstituieren sich die Subjekte der Schule bzw. wie bringen sie sich wechselseitig in den Praktiken des Unterrichts hervor? So lassen sich in aller Kürze die zentralen Fragen dieses DFG-Projekts zusammenfassen.

Besondere Aufmerksamkeit wird vor diesem Hintergrund dem Konzept der Anerkennung entgegengebracht. Um Anerkennungspraktiken empirisch zugänglich zu machen, operationalisieren wir sie als Adressierungen: Es soll untersucht werden, wie sich Schüler und Lehrer in Adressierungsakten gegenseitig als Subjekte einsetzen oder bestätigen, indem sie sich sprachlich wie nicht-sprachlich, bspw. durch eine flüchtige Berührung, ein Hochziehen der Augenbraue, ein leichtes Nicken mit dem Kopf oder mittels verbaler Ansprachen, einander zuwenden. mehr...

Die Gabe der Analogie – Phänomenologische Erkundungen einer theologischen Denkform

Abstract

Der in der Untersuchung zu unterbreitende Vorschlag mit dem von der Theologie problematisch empfundenen „Analogie“-Denken umzugehen, basiert auf einer zugespitzen Lesart der Gabe-Theologie, die im Anschluss an Michel Henry, Jean-Luc Marion und Marc Richir etabliert und mit den Vorschlägen zum Umgang mit der Analogie, wie sie Erich Przywara, Karl Barth, Eberhard Jüngel und Wolfhart Pannenberg verstehen, in Kontrast gesetzt wird. Es wird dazu eine neue religionshermeneutische Phänomenologie des transpassiblen Momentes des Sakraments entwickelt, in der die Wir-Gestalt der Freiheit als eine Gabe eine zentrale Rolle spielt. „Die“ Analogie wird als ein Gabegeschehen re-konzeptionalisiert gedacht, welche die Rede von Gott als zurückgebunden an die transpassible Sprachgestalt der Freiheit von Gott und Mensch in ihrem Erschließungverhältnis als Ereignis zur Darstellung bringt.

Talentkonstruktionen. Eine praxeografische Studie über Sichtungsverfahren im Leistungssport.

Abstract

In bisherigen Untersuchungen zum Thema Talent(-sichtungen) wird davon ausgegangen, dass Talent etwas Gegebenes ist, das man durch geeignete Verfahren und Testinstrumente überprüfen könnte. In meiner Dissertation begreife ich Talentsichtungen als Praktiken der Konstruktionen von Talent. Aus einer praxeologischen Perspektive soll untersucht werden, wie in Talentsichtungen Athletinnen und Athleten in verschiedenen Sichtungs- und Selektions-verfahren als Talente / Nicht-Talente aufgerufen und subjektiviert werden. mehr...

„Hängen wir die bischöfliche Würde an die Wand!“. Praktiken und (Selbst-)Bildungen im Reichsepiskopat des 14. und 15. Jahrhunderts

Abstract

In seinem Auftreten, seinen Worten und Taten war er wahrhaftig, beständig und immer ernst. Doch in der Zeit seiner Jugend, die dem Frohsinn zugetan ist, sprach er privat mit seinen Rittern, Kaplänen, Kämmerern und Junker wie der Geringste von ihnen: »Hängen wir die bischöfliche Würde an die Wand« - und war, bald überlegen, bald unterlegen, der heiterste Gefährte beim Sprung, leichtfüßig beim Lauf; er warf den Stein weiter als die übrigen und übertraf sie an Körperkräften.“ (Die Taten der Trierer. Gesta Treverorum, hrsg. Emil Zenz, Bd. V: Balduin von Luxemburg 1307-1354, Trier 1961, Kapitel CCXVIII S. 22.)

Die mittelalterliche Geschichtsschreibung übermittelt uns viele Bilder von Herrschaftsträgern, wie dieses des Trierer Erzbischofs Balduin von Luxemburg (1307-1354). Abhängig von der Intension des Auftraggebers erschien der Dargestellte in einem guten oder in einem schlechten Licht. Entsprechend versucht die Mittelalterforschung, die wahren Umstände zu rekonstruieren und das Bild des Herrschers innerhalb eines politischen Machtgefüges zu deuten. In diesem Fall bietet sich jedoch eine neue Sichtweise auf das überlieferte Herrscherbild an. In diesen Worten über Bischof Balduin können wir "beobachten", wie er es macht: wie er sich "zum Bischof macht". Balduin weiß genau, welche Handlungen mit der "Würde seines Amtes" zu vereinbaren sind, und welche es nicht sind. "Sportliche" Aktivitäten zählen demnach nicht zur Lebensweise eines Bischofs. Und so legt er hier seine Amtswürde für einen kurzen Zeitraum bewusst (aber symbolisch) ab, um auf diese Weise seinen Vergnügungen nachzugehen. Natürlich ist diese Tat als herrschaftspolitisch zu deuten: Balduin macht sich in gewisser Weise zu einem "primus inter pares", der trotz seiner "hohen Würde" immer noch zum Kreis seiner (zweifellos untergebenen) Freunde gehört.

Für uns spannend ist die Art und Weise, wie diese Tat geschieht. mehr...

Der hybride Autor. Subjektbildung und die Praktik der autofiktionalen Selbstinszenierung in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur

Abstract

Die Dissertation untersucht Praktiken der Subjektbildung im Blick auf literarische Selbstinszenierung in sieben Werken der Gegenwartsliteratur. Die sehr unterschiedlichen Autoren und Werke sind symptomatisch für ein Subjektkonzept, das ich als „Unternehmer seiner selbst“ bezeichne und das für Gegenwartsliteratur und –kultur von zentraler Bedeutung ist. Denn die Ökonomie ist mittlerweile auch im literarischen Feld zum Leitdiskurs der Subjektbildung avanciert und ist in Bezug auf die Akteure handlungsleitend. Indem mein Projekt also einen Blick auf literarische Autordarstellungen wirft, leistet es einen interdisziplinär anschlussfähigen Beitrag zum Graduiertenkolleg. mehr...

Doing Rurality. Interdependenzen von Ländlichkeit und Geschlecht

Abstract

Während bislang v.a. urbane Kulturen, Praktiken und Räume erforscht wurden, wendet sich dieses Forschungsvorhaben dem ländlichen Sozialraum zu, der als Raum der Geschlechter¹ entlang traditioneller Rollenaufteilungen konstruiert wird, wofür Formate wie „Bauer sucht Frau“ und „Land sucht Liebe“ mediale Beispiele darstellen. Es wird danach gefragt, wie in einer Städtegesellschaft, in der Urbanität zur allgemeingültigen Semantik avanciert, Ländlichkeit versubjektiviert, vergeschlechtlicht und veräumlicht wird. Unter Bezugnahme auf sozial- und kulturwissenschaftliche Praxis- und Raumtheorien, sowie unter Verwendung ethnografischer Methoden wird das Ziel verfolgt, dieses Desiderat der Forschung theoretisch und empirisch aufzuarbeiten. mehr...

Making Moves. Eine soziologische Untersuchung von Ballett- und Taijiquanpraxis

Abstract

Das Projekt ist eine ethnographische Studie von Ballett- sowie Taijiquan-Unterrichtssituationen. Dabei ist die zentrale Frage, wie Bewegungen gemacht werden, bewusst im doppelten Sinne gemeint, einmal aus Sicht der sich Bewegenden und der Arbeit, die sie leisten müssen, um diese Bewegungen auszuführen, sowie der dabei entstehenden praktischen Probleme, andererseits aus Sicht der zu machenden Bewegungen mit der Frage, wie ihre körperliche Ausführung zu einer sozial konstruierten Konkretheit und Systematik führt, die sonst nur sozialen Phänomenen wie Sprachen und ihren Grammatiken zugebilligt wird. Ein zentrales methodisches Vehikel des Projektes ist ‚mein eigener Körper‘, der ehedem als professioneller Ballett-Körper fungierte und für die Zwecke dieser Forschung autoethnographisch an Taijiquan-Unterrichten teilnahm. So ergibt sich die Gelegenheit für dichte Analysen der – zumindest versuchten – Transformation zwischen diesen zwei ‚ways of moving‘. Das Projekt wird einen Beitrag insbesondere zur Körpersoziologie und den Praxistheorien leisten, wobei letztlich das Ziel angestrebt wird, in Anlehnung an Wittgenstein zu fragen, inwiefern die Grenzen unserer Bewegungen die Grenzen unserer Welt bedeuten.

Peinliche Berührung. Zur Analyse der Materialität von sozialen Praktiken

Abstract

Wer schon mal andere gepflegt hat, mit Kranken oder Behinderten zu tun hatte, wird vermutlich erfahren haben, dass auch eine Diagnose, eine Zustandsveränderung, ein Blick, eine Erinnerung oder die Anwesenheit bestimmter Personen »berühren« kann. Einem dominanten, meist impliziten Verständnis zufolge wären dies aber nur Berührungen im übertragenen oder nebensächlichen Sinn. Berührung gilt allgemein als (sanfter) Haut- oder Körperoberflächenkontakt. Das ist Berührung natürlich auch. In meinem Dissertationsprojekt interessiert mich dagegen vor allem die Vielseitigkeit des Begriffs gerade dort wo er über direkten Körperkontakt hinausgeht: Die Berührung von Kulturkreisen, durch subtile Gewalt, durch Blicke, Worte, Gesten u.v.a.m. Die Studie geht der Frage nach, wie ein solcher »weiter« Berührungsbegriff präzise bestimmt und analytisch handhabbar gemacht werden kann für eine soziologische Perspektive. mehr...

Das Geheimnis des Erfolgs: Kaufmännische Briefschaften zur Mitte des 18. Jahrhunderts

Kontext: Reederei, Kommissionshandel, Kredit- und Versicherungswesen, Compagnie-Geschäft: Als Wege und Mittel deutscher Handelsbeteiligung am entstehenden Weltmarkt des 18. Jahrhunderts nehmen diese kaufmännischen Betätigungsfelder eine prominente Rolle ein. Es handelt sich dabei um Mittleraktivitäten und das nicht ohne Grund. Im Unterschied zu den Kaufleuten der Kolonialmächte war der deutschen Kaufmannschaft der Direkthandel mit den Kolonien untersagt. Zudem besaßen sie keinen eigenen Zugriff auf Kolonien. Kolonialpolitisch und merkantilistisch geprägt, rein rechtlich erscheint das deutsche Kaufmannswesen dadurch im Aufgebot der Handelsmächte des 18. Jahrhunderts marginalisiert. Doch weit gefehlt. Tatsächlich mischten die deutschen Handelshäuser gehörig mit auf den Absatzmärkten um Zucker, Tabak oder Indigo und auf den Seewegen manövrierend zwischen den kolonialen Großmächten. Auch im 18. Jahrhundert gelangten insbesondere norddeutsche, allen voran die Hamburger Kaufleute, zu Vermögen und Einfluss. Wie war das möglich? Die Antwort: als ihr entscheidender Vorteil im Geschäft fungierte ihre weitestgehende handelspolitische Neutralität, wodurch die Kaufleute den eingangs benannten Handelssektor so lukrativ und legitim besetzen konnten. Im Geschäft als Zwischenhändler, Gewährsmänner oder in der Bereitstellung von Infrastruktur profitierten sie von ihrer Funktion als Scharnier der Kolonialmächte. Ebenso forderte es ihnen diese besondere Stellung jedoch ab, auch mit den zwangsläufig enstehenden Reibungsflächen kompetent zu verfahren, Grauzonen zu nutzen. Die kaufmännische Losung und Kernkompetenz von deutscher Seite lautete daher Verhandlungsgeschick, ein Changieren mit Möglichkeiten. Das Medium, das dieses tragen und begründen sollte war: die Korrespondenz. Insbesondere für den deutschstämmigen Kaufmann avancierte der Brief im 18. Jahrhundert zur Triebfeder des Handels, zum Passierschein in die Welt des Atlantikhandels, zur Verhandlungsgrundlage, die im Stande war sprachliche, rechtliche und länderspezifische Grenzen zu überwinden, zu unterlaufen oder zumindest vermittelnd einzutreten. Feder, Papier, der heimische Schreibtisch und der imaginierte gemeinsame Briefraum wurden zum eigentlichen Ort kaufmännischer Sozialität, das Briefeschreiben zum Gradmesser, zum effizienten Instrument und zur Belastungsprobe. Es fungierte als das sprichwörtliche Zünglein an der Waage von Unternehmungen, folglich ebenso der erfolgreichen Karriere. Welche Form und welchen Einschlag diese objektivierte Sozialität ‚Briefwechsel’ im 18. Jahrhundert für die deutschen Kaufleute annahm, oder besser: annehmen musste, steht in dieser Dissertation zur Frage.

Gegenstand: Erstmalig umfassend und im Detail dokumentiert das Projekt die soziale Praxis des kaufmännischen Korrespondierens als Standbein, Wiege und Weichensteller deutscher Handelspraxis und des dabei wirksamen Selbstverständnisses im 18. Jahrhundert. Im Vordergrund stehen Wege der Behauptung und Plausibilisierung der deutschen Kaufmannsgruppe im unsteten und hart umkämpften Feld des Handels. In diesem Bezug fokussiert das Projekt mit Bedacht auf die Phase im Leben deutscher Kaufleute, in der das Recht und die Befähigung zur Teilnahme auf dem Handelsparkett noch zur Disposition stand: die kaufmännische Etablierungsphase. Die Analyse von Briefwechseln aus gerade diesem Lebensabschnitt bietet aussagekräftige Einblicke in kaufmännische Such- und Findungsprozesse, Manöver und Winkelzüge und erlaubt es festzumachen, welche Handels- und Verhandlungvollzüge wie im Kaufmannsgeschäft von Erfolg gekrönt sein konnten. Denn Gegenteiliges führte hier zum Fiasko. Die Briefe zeugen dadurch einschlägig von adäquaten Arten und Weisen kaufmännischer Selbst-Bildung. [Weiterlesen]

C) Überschreitungen: Transformation, Kritik, Ausstieg

In diesem Forschungsfeld geht es um die Reproduktion, Transformation und Subversion von Spielräumen der Fremd- und Selbstgestaltung. Gefragt wird danach, unter welchen Bedingungen und aufgrund welcher Befähigungen Menschen als kritisch-reflexive Subjekte in Erscheinung treten und in welchen sozialen Feldern und Praktiken sie versuchen, die Spielräume des Sozialen auszudehnen oder zu überschreiten.

Intersex Narratives and the Binary Order of the Sexes

The birth of an infant with a set of genitals that challenge standard notions of male or female is rarely threatening to the infant’s life, but rather threatening to the infant’s culture, explained sociologist Suzanne Kessler in 1990 (cf. “The Medical Construction of Gender: Case Management of Intersexed Infants.” Signs: Journal of Women in Culture and Society 16.1 (1990): 3-26). This proposed ‘threat’ to a cultural binary order of the sexes has recently been the object of studies in sociology, psychology, gender studies, and the history of science and medicine. Furthermore, intersex and the question of early infant surgery has become a pressing Human Rights issue. The topic has been widely ignored, though, in literary and cultural studies. In my dissertation I aim to breach this gap and to complement research on intersex with an analysis of cultural representations of intersex and hermaphroditism. My focus is on selected literary and autobiographical texts from North America and Western Europe published between 1850 and 2010. I analyze their respective position within a multi-faceted discursive net (What is said about hermaphroditism/intersex by whom when and where? How does the narrative text relate to other contemporary discourses such as medicine, psychology, or activism?). I scrutinize concepts of self and subject (Which subject positions are claimed by the intersex/hermaphrodite subject or assigned by someone else? And, on what basis are these positions claimed or assigned?), and look at negotiations of the prevailing order of the sexes (In what way does the narrative challenge or reinforce the sexual order?).

Distanznahme als Strategie in der Literatur von Überlebenden der Shoah

Abstract

Über die Erfahrung von Distanz zur es umgebenden Welt bildet sich das Subjekt selbst. Von dieser Hypothese ausgehend erfasst das Dissertationsprojekt Distanzierungen als eine Strategie literarischen Schreibens. Ziel der Arbeit ist es, eine über die Praktik der Distanznahme verlaufende Wiedergewinnung und Behauptung von Subjektivität in den literarischen Texten von Überlebenden der Shoah sichtbar zu machen.

Das Promotionsprojekt versucht eine Antwort auf die Frage zu finden, ob ein Mensch, der zum Opfer gemacht worden ist und in den ‚Abgrund‘ schaute, sich als Subjekt im literarischen Schreiben konstituieren kann. Die Ausgangsfrage lautet daher: Wie gehen Überlebende der Shoah schreibend mit ihren Erinnerungen um? An diese Frage schließt sich eine weitere an: Distanz, wovon und wozu? mehr...

Von der »Torheit, wählerisch zu sterben«. Zur Funktion und Bedeutung von Suizidarten 
in Texten der deutschsprachigen Literatur um 1900

Abstract

Die Selbsttötung als tragische Lösung literarischer Konflikte ist so alt wie die abendländische Literatur selbst. Wenig verwunderlich ist es also, dass sich auch die literaturwissenschaftliche Forschung des Suizidthemas bereits in verschiedenen Arbeiten angenommen hat. In all diesen Untersuchungen, die stets entweder die Ursachen oder die moralischen Bewertungen der Suizide in den Blick nehmen, bleibt indes ein Aspekt durchgängig unbeachtet: die Art und Weise der Selbsttötung. Am Beispiel verschiedener literarischer Texte der deutschsprachigen Literatur zwischen 1880 und 1914 - einer Phase, in welcher das Suizidthema inner- wie außerliterarisch intensiv diskutiert wurde - soll die Produktion eines bestimmten kulturellen Wissens um die Art und Weise des Suizids untersucht werden. mehr...

Karibische Körperwelten: Eine körperhistorisch-praxeologische Annäherung an Körper des späten 18. Jahrhunderts in Bewegung

Abstract

In diesem Projekt soll unter kulturgeschichtlich-körpersoziologischer Fragestellung untersucht werden, inwieweit das Aufeinandertreffen unterschiedlichster sozialer Praktiken im Kolonialgefüge der Karibik des 18. Jahrhunderts vor allem über die jeweiligen Körper der Akteure wahrgenommen, kommuniziert und reflektiert wurde. Dabei interessiert, ob und wie sich Praktiken veränderten und wie die aus diesen Veränderungsmomenten resultierenden Subjektivierungsprozesse konstitutiv auf das koloniale Alltagsgeschehen einwirken. Als Untersuchungsmaterial dient ein umfassender Bestand bis dato unerforschter Briefe aus den karibischen Kolonien, verfasst von Männern, Frauen und Kinder aller sozialen Schichten, in dem sich ein erstaunliches Spektrum intelligibler Körper und ihrer Praktiken abbildet. mehr...

Masken denken – in Masken denken. Zur Konstitution von Personalität in der Philosophie Friedrich Nietzsches

Abstract

Das angestrebte Dissertationsprojekt widmet sich dem Problem der Maske in den Texten Friedrich Nietzsches. Die Arbeit möchte das Denken Nietzsches als Ganzes einerseits als eine Philosophie der Maske, andererseits als ein Philosophieren in Masken erschließen. Sie thematisiert insofern Nietzsches inhaltliche Abkehr von identitätsphilosophischen und ontologischen Fragestellungen im Namen eines am Übergang von Rollen orientierten Maskengebrauchs und zeigt den performativen Vollzug dieses Denkens in den schriftsprachlich verfassten, textuellen Gesten der Maskerade, des Rollenspiels, des Umgangs mit Formen der Re- und Depersonalisierung. mehr...

Praktiken des Glaubenswechsels im 17. Jahrhundert

Abstract

Frühneuzeitliche Konversionen und Glaubenswechsel bedeuteten für die sie betreffenden Menschen eine prozessuale Veränderung des Selbst- und Weltverhältnisses. Ausgelöst durch schleichende Glaubenszweifel, Alteritätserfahrungen aufgrund von Reisen oder politischen Opportunismus wurden jahrelang ausgeführte religiöse Praktiken fragwürdig, veränderten Konvertiten ihr körperliches Verhalten und verwickelten sich in einem neuen religiösen Selbst. mehr...

Künstlerhäuser in England (1850-1920): Konzept und Selbstentwurf

Abstract

Ziel des Projektes ist eine Typologie des Künstlerhauses von 1850 bis 1920 in England, wo über die viktorianische Zeit hinaus sehr unterschiedliche Spielarten des Phänomens entstanden. In dieser Zeit entwarfen oder veränderten Künstler Häuser, um diese sowohl als Wohnung wie Atelier zu nutzen. Die Bauaufgabe des Künstlerhauses, die damals im architektonischen Fachdiskurs auftauchte, war für das genannte Phänomen symptomatisch, blieb darauf jedoch nicht beschränkt: Vielmehr entstanden darüberhinaus ganz unterschiedliche Selbstentwürfe, mit denen der Status des modernen Künstler-Subjekts ausgehandelt, sowie neue Arbeits-, Distributions- und Inszenierungsweisen erprobt wurden.

Kunst und Selbstbewusstsein. Kritik des Subjekts und ästhetische Erfahrung bei Adorno

Dieses Projekt widmet sich der Aufgabe, den kritischen Subjektbegriff Adornos zu untersuchen. Er zeichnet sich dadurch aus, dass er sich im Spannungsfeld zwischen Philosophie und Geschichte bewegt. Dadurch tritt zu Tage, dass der emphatische Subjektbegriff der modernen Philosophie nicht in sich subsistiert, sondern auf die geschichtlich existierenden Subjekte als ihre Substanz verwiesen ist. Die Kunstwerke nehmen in der Ästhetischen Theorie Adornos die Stellung zwischen dem kritischen Begriff und der geschichtlichen Situation ein, ohne selbst das eine oder andere zu affirmieren und stellen so indirekt eine Verarbeitung des Subjektproblems in der Philosophie dar. Dieses Projekt widmet sich der Ausarbeitung dieses Problems in der "Ästhetischen Theorie" Adornos und bewegt sich dabei selbst zwischen den Gegenstandsbereichen: der Philosophie einerseits und ausgewählten literarischen Modellen andererseits.

Urbane Sportsubjekte – sportive Selbst-Bildungen und der urbane Raum

Abstract

Die Akteure von Praktiken wie Skateboarding, BMX- und Inlinerfahren, Parkour, Cross-Golf oder Urban Climbing haben die räumlich eingehegten, institutionalisierten Sportstätten verlassen, übertreten deren tradierte Bewegungsprogramme und bewegen ihre Körper mit neuen Gesten, Ritualen und Darstellungsformen im öffentlichen urbanen Raum. Eingefahrene Subjektformen wie in Institutionen, z.B. Schule oder Verein, existieren in diesen Spiel-Räumen des informellen Sports noch nicht. Diese neuen Sportkulturen sind insofern ein besonderer Bereich, als sich hier Subjekte und Räume im Fluss befinden. Die Praktiken erscheinen als ein Experimentierfeld, in dem neue Weisen der Selbst-Bildung praktisch erprobt und zugleich die Handlungsmöglichkeiten der städtischen Räume ausgelotet, erweitert und umcodiert werden. Mit den urbanen sportiven Praktiken etabliert sich ein dynamisches Zusammenspiel von Körpern, Raum und Artefakten, in dem 'die Stadt' oder 'der urbane Raum' zu einem bedeutsamen Element individueller Selbst- und Weltverhältnisses wird.

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