Graduiertenkolleg Selbst-Bildungen

Meldungen aus dem Graduiertenkolleg

24.05.2018 – DFG Graduiertenkolleg "Selbst-Bildungen"

Hochschulinterner Call for Papers
„Verzeihen ist zum Kotzen“. Literarische Positionen im erinnerungskulturellen Versöhnungsdiskurs

Ein Workshop des DFG-Graduiertenkollegs 1608/2 „Selbst-Bildungen. Praktiken der Subjektivierung in historischer und interdisziplinärer Perspektive“ an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg in Kooperation mit dem Germanistischen Institut der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, 26.-27. September 2018

Die grundsätzliche Annahme von Versöhnlichkeit ist ein zentraler Bestandteil in der erinnerungskulturellen Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus. Häufig wird diese jedoch mit unterschiedlichen Erwartungen und Bedürfnissen verknüpft.

  • Individuelle Erinnerungsbedürfnisse von Opfern und deren Nachfahren stehen häufig in einem Spannungsverhältnis zu kollektiven Versöhnungserwartungen, etwa wenn der Geschädigte das Verzeihen verweigert. Dieses kann vonseiten einer auf Versöhnung bedachten Gesellschaft nicht erzwungen werden.
  • Ein Angebot zur Versöhnung kann mit unterschiedlichen Absichten einhergehen. Zum einen wird Versöhnung als Prozess verstanden, der nicht zwangsläufig zum Abschluss kommen muss. Zum anderen wird damit die Vorstellung von einem abgeschlossenen Zustand hervorgerufen. Folglich können Versöhnungsangebote unterschiedlich interpretiert werden, nämlich entweder als Vorschlag zur Bearbeitung oder Beilegung des Konflikts. Die disparate Bezugnahme auf diese beiden Begriffsdimensionen kann die Verständigung zwischen den Positionen stören.
  • Das Konzept der Versöhnung impliziert ein dynamisches Verhältnis von Erinnern und Vergessen. In diesem Spannungsfeld von „Erinnernwollen“ und „Vergessenkönnen“ bleibt offenbar stets ein unverhandelbarer Rest, der sich dem Versöhnungsanspruch entzieht und als Andenken an Konflikterfahrungen bewahrt wird. In Jenseits von Schuld und Sühne spricht Jean Améry in diesem Zusammenhang von einer „unüberbrückbare[n] Kluft“ und in weiter leben weist Ruth Klüger die Versöhnung mit dem provokanten Statement „Verzeihen ist zum Kotzen“ zurück.

Daraus ist zu folgern, dass eine Erinnerungskultur auch konträre Positionen anerkennen und Antagonismen aushalten können muss. Diese Herausforderung bleibt über das Ende der Zeitzeugenschaft hinaus bestehen und setzt sich im Verhältnis der nachfolgenden Generationen fort.

Im Workshop soll untersucht werden, inwiefern diese und ähnliche Probleme der Versöhnlichkeit in der Literatur verhandelt werden und inwieweit die Literatur hierbei erinnerungskulturelle Funktionen erfüllt. Dabei können die folgenden Fragen im Mittelpunkt stehen:

  • Wie wird Unversöhnlichkeit dargestellt (discours)? Gibt es spezifische literarische Verfahren (Erzählweisen, sprachliche Mittel, Verfremdungstechniken, Intertextualität etc.), die für die Inszenierung des Unversöhnlichen besonders geeignet sind?
  • Wie wird Unversöhnlichkeit thematisch umgesetzt (histoire)? Gibt es spezifische Motive (z. B. Verdrängung, Rache), Handlungsschemata (z. B. Liebesbeziehung), Figurenkonstellationen (z. B. Generationenbeziehungen) etc.?
  • Inwiefern kann im Rahmen literarischer Kommunikation zwischen AutorInnen und LeserInnen Versöhnung angeboten oder verweigert werden? Lassen sich hierbei für Fiktion und Nichtfiktion (z. B. Autobiografien) unterschiedliche Funktionspotenziale feststellen?

Diese und ähnliche Fragen sollen aus germanistischer oder komparatistischer Perspektive anhand konkreter Textbeispiele erörtert werden. Zudem sind Beiträge zu systematischen Aspekten willkommen, die auch in anderen disziplinären Kontexten verortet sein können (Philosophie, Theologie, Geschichte, Soziologie, Psychologie).

Konzeption, Organisation und Kontakt:

bianca.pick(at)uni-oldenburg.de

robert.forkel(at)germanistik.uni-halle.de