Graduiertenkolleg Selbst-Bildungen

Meldungen aus dem Graduiertenkolleg

01.08.2016 – DFG Graduiertenkolleg "Selbst-Bildungen"


Call for Papers

Selbstsein als Sich-Wissen? Zur Bedeutung der Wissensgeschichte für die Historisierbarkeit des Subjekts

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Selbstsein als Sich-Wissen? Zur Bedeutung der Wissensgeschichte für die Historisierbarkeit des Subjekts

Internationale Tagung am DFG-Graduiertenkolleg "Selbst-Bildungen. Praktiken der Subjektivierung in historischer und interdisziplinärer Perspektive", Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg, 26.-28. Januar 2017

Keynote-Vorträge: Alain Ehrenberg, Hans-Jörg Rheinberger; Joseph Vogl (angefragt)

Dass das Subjekt nicht als Universalie, sondern als lokalisierbares und historisierbares Phänomen zu konzeptualisieren sei, hat sich als Forschungsprämisse in der jüngeren Zeit etabliert. Die Kontextabhängigkeit von Selbstbildungen lässt sich mittels des Begriffs der Subjektivierung denken: Das Subjekt ist nicht gegeben, sondern wird erzeugt, und erzeugt sich selbst, in einem komplexen Wechselspiel zwischen Individuum und den realen Zusammenhängen und Gegenständen seines Tuns und Denkens. Den methodologischen Zugriff auf diese Problematik haben zuletzt vor allem gouvernementalistische und (im deutschen Sprachraum) praxeologische Perspektiven bestimmt: Zum einen legt schon die Etymologie des "sub-iectum" den Zusammenhang von Unterwerfung und Selbstwerdung nahe, zum anderen erlaubt die Beschreibung des Subjekts als Tun (nicht: Sein), die sozialen Verflechtungen zu erfassen, innerhalb derer es sich zugleich selbst engagiert und geformt wird. Beide Ansätze setzen dabei auch eine Implikation von Wissen voraus: der gouvernementalistische, indem er mit Dispositiven als Macht/Wissen-Komplexen argumentiert (vgl. etwa Nikolas Rose), der praxeologische, indem er den Praktiken in Form von „Codes“ eingeschriebene Sinnstrukturen voraussetzt (Andreas Reckwitz).

Die geplante Tagung wirft die Frage auf, wie sich ein solches Wissen konzeptualisieren lässt und welche methodologische Relevanz es für die Arbeit mit dem Begriff der Subjektivierung besitzt. Die Problemstellung geht dabei über die Verortung von Wissen in den genannten Ansätzen hinaus: Zu klären ist, inwieweit die Wissensgeschichte des Subjekts selbst – und zwar als Geschichte seiner theoretischen Konzeptionen – für die Problematik der Subjektivierung relevant ist. Inwiefern werden wir Subjekte durch das, was wir über das Subjektsein wissen? Und inwiefern aktualisieren und transformieren wir dieses Wissen dabei? Damit ist auch die Frage danach gestellt, inwiefern sich Subjektivierung als ein nicht nur durch Praktiken oder Machtverhältnisse, sondern vor allem durch Wissen hervorgebrachter Vorgang konzeptualisieren lässt, und auf welche Weise (humanwissenschaftliche) Diskurse, die die historische Existenz eines Subjektwissens verbürgen, dabei zusammenwirken.

Dieses Anliegen impliziert nicht zuletzt eine Rückbesinnung auf die philosophische Tradition der Bestimmung des Subjekts als Form des reflexiven Selbstbezugs: Während Subjektvierung in aktuellen Forschungskontexten zumeist im Sinne einer Selbst-Bildung in konkret lebensweltlichen Zusammenhängen verstanden wird, ließe sich im Sinne einer strukturellen Beschreibbarkeit von Selbstverhältnissen auch fragen, inwieweit sich die Historisierbarkeit des Subjekts an den Formen des Wissens festmachen lässt, die seinen reflexiven Selbstbezug konkretisieren und vermitteln (Marcel Gauchet). Thema der Tagung sind folglich zum einen die verschiedenen "Subjektgeschichten", die der historischen Entwicklung von Theologie, Philosophie, Psychologie, politischer Theorie und Sozialwissenschaften zu entnehmen sind und sich aus dem Zusammenhang dieser Entwicklungen ergeben; zum anderen das Verhältnis der unterschiedlichen – impliziten oder expliziten – Formen subjektivierungsrelevanten Wissens, wie sie einerseits praxeologische, andererseits theoriegeschichtliche Ansätze fokussieren.

Im Rahmen der Tagung sollen, neben denkbaren weiteren, folgende Fragestellungen diskutiert werden:

  • Welche Wissensgebiete bringen subjektivierungsrelevantes Wissen hervor?
  • Erscheinen die Entwicklungen verschiedener Subjektwissens-Gebiete häufiger als ko-evolutiv oder als antizyklisch? Welche Modelle von Historizität lassen sich auf entsprechenden Beobachtungen aufbauen?
  • Wie ist die Bedeutung von Populärwissen oder „interdiskursiven“ Wissensformen im Verhältnis zu Expertenwissen einzuschätzen? Kommt ersteren eine größere Bedeutung für die Subjektivierung zu?
  • Welche Formen von Wissen sind subjektivierungstheoretisch (wie) relevant? Implizieren Anwendungswissen, (implizites) Know-how und theoretisch-propositionales Wissen unterschiedliche Formen von Subjektivierung?
  • Lässt sich der doppelte Aspekt von Subjektivierung, der praxeologisch als ein Geformtwerden durch die Aneignung von Praktiken bei gleichzeitiger, bedingter Autonomie in deren Ausgestaltung beschrieben werden kann und gouvernementalistisch in der doppelten Bedeutung von „assujettissment“ gefasst wird, auf eine Perspektive übertragen, die Subjektivierung durch propositionales bzw. theoretisches Wissen in den Vordergrund stellt? Erscheint Subjektivierung aus letzterer als freier – oder aber gebundener?
  • Worin bestünde die Spezifik einer Subjektivierung durch theoretisches/propositionales Wissen (im Unterschied zu implizitem Wissen oder Know-how)? Könnte sie darin liegen, dass diese nicht, wie in Forschungen zur Subjektivierung häufig impliziert wird, auf Identitätsbildung beruht, sondern auf dem Wissen von (mentalen) Funktionsweisen und Abläufen – also nicht auf der Frage nach dem Wer des Selbstseins, sondern dem Wie des Subjektseins? Welche Rolle spielt dabei die Definition des Subjekts als reflexiven Selbstbezugs?


Das ausführliche Tagungskonzept ist unter folgendem Link hier abrufbar:

Beitragsvorschläge (max. 300 Wörter) sowie eine bio-bibliographische Notiz werden bis zum 30.9.2016 an sandra.janssen(at)uni-oldenburg.de erbeten.

Kontakt:

Sandra Janßen

DFG-Graduiertenkolleg "Selbst-Bildungen"
Ammerländer Heerstraße 114-118, D-26129 Oldenburg

sandra.janssen(at)uni-oldenburg.de

 

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