09.01.2017 – Campus-Leben

Frauen denken vernetzend, Männer hierarchisch

Seit einigen Wochen gibt es an der Universität das „Women Professors Forum“ – ein Netzwerk nur für Professorinnen. Im Interview erklärt Gründerin Katharina Al-Shamery, wie sie und ihre Mitstreiterinnen jungen Wissenschaftlerinnen helfen wollen.

FRAGE: Frau Prof. Dr. Al-Shamery, die Naturwissenschaften werden nach wie vor als Männerdomäne beschrieben, in der Frauen schwerer an die Spitze gelangen. Sie selbst haben sich allerdings schon vor Jahren einen Namen als Chemikerin gemacht. Sind Sie die Ausnahme von der Regel?

AL-SHAMERY (lacht): Das könnte man so interpretieren. Aber auch ich musste reichlich Lehrgeld bezahlen: Männer und Frauen sind tatsächlich unterschiedlich. Männer müssen erstmal vertikale Hierarchien festlegen, während Frauen sich gleich horizontal vernetzen, wenn sie an einer Sache arbeiten. Daraus resultiert eine ganze Reihe von spezifischen Verhaltensweisen. Ich wusste das früher nicht und habe viel Energie verpuffen lassen, weil ich einfach nicht verstanden habe, warum ich mich so schwer durchsetzen konnte. Diese Unterschiede sind insbesondere den jüngeren Kolleginnen überhaupt nicht bewusst. Sie denken: „Ich bin gut, also werde ich mich automatisch durchsetzen. Wozu dann die Gleichstellungsmaßnahmen?“ Tatsache ist aber, dass Wissenschaftlerinnen in vielen Disziplinen nach wie vor unterrepräsentiert sind, insbesondere in den Leitungspositionen. Übrigens nicht nur in den Naturwissenschaften. Ich denke da beispielsweise auch an die Wirtschaftswissenschaften, Philosophie, Musik und Geschichte. Der Frauenanteil unter den Professoren liegt an unserer Uni bei etwas mehr als 25 Prozent – das ist ein vergleichsweise guter Wert, aber durchaus steigerungsfähig.

FRAGE: Nun gibt es ja bereits diverse Förderprogramme und Angebote für Wissenschaftlerinnen. Warum braucht es da noch ein Women Professors Forum?

AL-SHAMERY: Wir verstehen uns als Mentorinnen von Nachwuchswissenschaftlerinnen, wollen uns aber auch gegenseitig unterstützen. Zwölf „Macherinnen“ aus der Universität waren bei dem Startschuss im Oktober beim Women Professors Forum dabei. Aber anders als beispielsweise das stärker elitäre, bundesweite Projekt AcademiaNet fördern wir breiter lokal. Wir richten uns nicht nur an Berufsanfängerinnen, sondern auch an Frauen, die schon ganz gut vorangekommen sind, es aber eben noch nicht bis ganz nach oben geschafft haben. Wir wollen ihnen helfen, indem wir sie beispielsweise gezielt für Preise vorschlagen. Das machen die Männer ja auch untereinander, sich gegenseitig protegieren. In erster Linie geht es uns darum, Wissenschaftlerinnen und ihre Forschung sichtbar zu machen, damit sie überhaupt die Chance kriegen, Karriere zu machen.

FRAGE: Frauen sichtbar machen? Was meinen Sie damit – sie verstecken sich doch nicht in ihren Büros, oder?

AL-SHAMERY: Sicher nicht, aber Frauen sind auf internationalen Konferenzen häufig weniger präsent als ihre männlichen Kollegen. Nur ganz selten bekommen sie die Chance, eine Keynote-Speech zu halten. Wenn sie Kinder haben, ist es so gut wie unmöglich, mehrmals im Jahr für eine Woche oder länger nach Asien oder in die USA zu reisen. Die Präsenz bei diesen Fachkonferenzen ist aber unabdingbar für das Vorankommen in der Wissenschaft.

FRAGE: Und wie wollen Sie da helfen?

AL-SHAMERY: Indem wir uns als Frauen zusammentun und diese Schieflage zum Thema machen. Wir arbeiten da intensiv mit der ETH, der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich und der Ruhr-Universität Bochum zusammen, wo es schon seit längerer Zeit solche Professorinnen-Netzwerke gibt. Meine Kollegin, die in Fachkreisen sehr bekannte Physikerin Professor Dr. Ursula Keller von der ETH, hat kürzlich eine Publikation in einem physikalischen Fachmagazin veröffentlicht, in der sie einige der aus unserer Sicht entscheidenden Fragen aufwirft: Wie kann man wissenschaftlich arbeitenden Eltern über eine Kinderbetreuung unter anderem den Besuch von Tagungen ermöglichen? Wie kann man Postdoktorandinnen in der besonders entscheidenden Karrierephase bei Schwangerschaft unterstützen, damit diese nicht zum Karriereknick wird? Sie verweist auf eine Untersuchung, in der besonders berühmte, sehr kompetitiv denkende wissenschaftliche Kaderschmieden in den USA teilweise sogar gar keine Postdoktorandinnen beschäftigen, weil sie eine Produktivitätseinbuße für die Arbeitsgruppe bei Schwangerschaften befürchten. Es muss doch möglich sein, die Ideen der Frauen auch während Mutterschutz und Elternzeit weiterzutragen – beispielsweise könnte ihnen ein Doktorand oder eine Doktorandin an die Seite gestellt werden, der oder die ihre Forschung über die Betreuungsleistung der Postdoktorandin weiter voranbringt, auch wenn die Postdoktorandin nicht mehr die volle Präsenz aufgrund der Familienbetreuung zeigen kann. So könnten wir vermeiden, dass sich diese intensive Familienphase gleich negativ in Publikationsrate und Drittmittelakquise niederschlägt. Es gibt darüber hinaus noch viele weitere Dinge, die es Frauen erschweren, Karriere zu machen.

FRAGE: Welche zum Beispiel?

AL-SHAMERY: Die Gremienbelastung ist bei ihnen extrem hoch. Das hat mit dem Niedersächsischen Hochschulgesetz zu tun: Demnach soll der Anteil von Frauen und Männern in Gremien und Besetzungskommissionen ausgeglichen sein – was dazu führt, dass in den Disziplinen, in denen Frauen unterrepräsentiert sind, sie sich überdurchschnittlich stark in Gremien engagieren müssen. Erschwerend kommt noch hinzu, dass Frauen häufig versuchen, es sehr ordentlich zu machen: Sie lesen alle Akten und prüfen jede Bewerbung besonders sorgfältig. Da kommen dann schnell mehrere Wochen Arbeitsaufwand zusammen – Zeit, die von der eigenen Forschung abgeht. Auch dort muss es neue Konzepte geben, wie man diese Frauen entlasten oder zum Beispiel finanziell unterstützen kann.

FRAGE: Wie gehen Sie da konkret vor?

AL-SHAMREY: Wir wollen die  Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für diese Situation sensibilisieren. Die Vizepräsidentin für Gleichstellung der Universität, Frau Professor Dr. Sabine Kyora, hat uns bereits ihre Unterstützung zugesagt. Wir planen zwei Mal pro Semester spezielle Netzwerk-Veranstaltungen, bei denen wir uns intensiv austauschen – regelmäßig unterstützt von externen Referentinnen. Darüber hinaus wollen wir die Öffentlichkeit auf frauenspezifische Veranstaltungen aufmerksam machen. So ist es meiner Kollegin, Frau Professor Dr. Jutta Kunz gelungen, die Physikerinnentagung 2018 nach Oldenburg zu holen. Unsere Veranstaltungen werden wir übrigens immer über den Professorinnen-Verteiler verschicken, so dass wir den Kreis der Mitstreiterinnen hoffentlich nach und nach erweitern können.