Verona - von Manuela Janssen und Merle Wißmann

Am vierten Tag der Exkursion fuhren wir am Nachmittag mit dem Bus von Brescia nach Verona. Dort sollten wir die nächsten zwei Nächte in einem Hotel verbringen. Uns erwarteten alle wahr gewordenen Gerüchte dieser geschichtsträchtigen Stadt. Es wird gesagt, in Verona gäbe es an jeder Ecke Kultur und Geschichte zu entdecken und das Ganze auch noch zum Anfassen! Und es ist tatsächlich so, selbst ohne großem Geschichtsinteresse muss zugegeben werden, dass diese Stadt geradezu überquillt an Fakten aus vergangenen Tagen. Sie scheinen perfekt integriert in den modernen Alltag, denn an jeder Ecke gibt es Ausstellungen, Führungen und Bauwerke für Interessierte. Für uns gab es also am fünften Tag einiges zu entdecken. Auf unserer Tagesliste stand zunächst der Besuch des Museo Maffeiano. Eine ungeheure Masse an Grabtafeln, Reliefs und Inschriften griechischer und römischer Herkunft übermannte uns für die nächsten drei Stunden. Wir gewannen Einblick in das Leben des Titus Ursinius Castor, ein Soldat, der 26 Jahre dem Römischen Reich gedient hatte. Der noch erhaltene Teil seiner Grabplatte aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. verriet uns, dass er aus Sardinien kam und 56 Jahre alt geworden ist. Darüber hinaus kann aus der Inschrift entnommen werden, dass er kein gewöhnlicher Soldat war, sondern gemeinsam mit Titus Arenius Cordus als Marinesoldat auf der „Victoria“ (Name eines Kriegsschiffs) eingesetzt wurde. 

 


T = Titus
VRSINIVS = Ursinius
CASTOR = Castor
III VICT = Kriegsschiff “Victoria”
NAT SARD = Geboren in Sardinien
VIX AN LVI = gelebt 56 Jahre 
MIL ANN XXVI = 26 Jahre römischer Soldat
T = Titus
AR = Arenius
CORDUS = Cordus

EX EADEM = Ebenso

Auf unserer Reise durch das Leben individueller Griechen und Römer stießen wir immer wieder auf Grabtafeln und Stelen die Hinweise auf den Mithras-Kult enthielten.  Auf einem der Reliefs konnten wir den Ursprung des Mithras-Kultes und alle bezeichnenden Merkmale ausmachen. Mithras ist hier bei der Tötung des kosmischen Stieres dargestellt. Die Folge war, so die Sage, die Entstehung der lebenden Organismen auf der Erde. Diese werden typischerweise durch Getreideähren symbolisiert, die am Schweif des Stieres sichtbar sind. 

Neben Grabtafeln gab es außerdem einige Steinsärge bzw. Teile der Särge zu bestaunen. Auf den Sargseiten fanden wir u.a. Darstellungen aus dem alltäglichen Leben. Interessant war, dass zumeist die verstorbene Person zentriert dargestellt wurde. Es gab allerdings auch Särge, wo bei ebendieser Figur im Zentrum, das Gesicht noch nicht fertiggestellt war. Darum wird davon ausgegangen, dass diese Särge nie genutzt wurden. Die Gründe dafür werden vermutlich immer im Dunkeln verborgen bleiben.

Nicht nur die Ausstellung beeindruckte mit einer Flut an Informationen über das Leben von Römern und Griechen, auch das ca. 300 Jahre alte Bauwerk des Museums ist geschichtsträchtig. Es wurde bereits Mitte des 18. Jahrhunderts als Museum eröffnet. Die dazugehörige Vorhalle und der Innenhof sind sogar schon im 17. Jahrhundert entstanden. Die Vorhalle wurde ursprünglich als Teil eines Theaters erbaut. Hier kamen wir das erste Mal an diesem Tag mit einem für Verona typischen Phänomen in Berührung: Das Vorfinden geschichtlicher Zeugnisse aus ganz unterschiedlichen Zeitepochen am selben Ort. Zwar wurde die präsentierte Vielzahl an Grabinschriften und Reliefs aktiv dort gesammelt, allerdings sollten wir am Nachmittag herausfinden, dass sich unterhalb des heutigen Veronas eine Vielzahl an Überresten des antiken und mittelalterlichen Veronas finden lassen. Bei genauerem Hinsehen sind sie an der Oberfläche erkennbar. Gestärkt, durch eine kleine Mittagspause, begaben wir uns auf die Suche nach den römischen Spuren vor Ort. Zuerst bewunderten wir unterirdisch die Straßen, welche die Römer vor 100 – 200 Jahren v. Chr. so stabil bauten, dass sie bis heute extrem gut erhalten sind. Da es sich um Straßen handelt, können sie kaum in einem Museum zur Schau gestellt werden, die Italiener jedoch, sind sehr stolz auf ihre Geschichte und haben eine ungewöhnliche Lösung für das Problem der Erreichbarkeit gefunden: Neben einigen Zugängen, die über enge Treppen unter die Gebäude führen, gibt es ein aktives Restaurant (links im Bild), welches Führungen während der Öffnungszeiten anbietet. Neben dem Weinkeller des Hauses gibt es einen weiteren Kellerraum. Dort steht ein großer Tisch mit einer Lagekarte, um anschaulich erklären zu können, wie dieser Abschnitt Veronas zur Römerzeit, sprich um 200 v. Chr., aussah.

Nach einer solchen Erklärung wurden wir etwas tiefer in den Untergrund geführt und konnten neben den Römerstraßen das Fundament eines mittelalterlichen Turmes erblicken. Die Grundfläche war nahezu quadratisch und sein Gemäuer gut erhalten. Nur mit Vollständigkeit konnte der Turm nicht mehr beeindrucken, da ein großer Teil der Steine von früheren Generationen für Häuser oder Straßen wiederverwertet wurden. Es war spannend zu sehen wie sich die römische Straße und der mittelalterliche Turm in ihrer Bauweise unterschieden. Während die Römer für ihre Bauwerke große, Steinquader verwendet hatten, glich das Fundament des Turmes aus dem Mittelalter eher der Gesteinssammlung eines Flussbettes, mit gelegentlich eingearbeiteten Steinquadern der römischen Straße.

Nach diesem Erlebnis geleitete uns der Stadtführer zurück an die Oberfläche. Hier liefen wir nun zunächst auf der Römerstraße weiter, denn viele Straßen in dem ursprünglichen Teil des heutigen Veronas verlaufen bis heute so, wie die Römer sie vor ca. 2000 Jahren angelegt hatten.  Auf der Spur weiterer römischer Überreste an Veronas Oberfläche fanden wir erneut vereinzelte Steinquader, die in den Fassaden der Häuser verarbeitet wurden. Zum krönenden Abschluss dieses Tages, zeigte uns der Stadtführer noch besonders ehrfurchtgebietende Gebäude, wie das Rathaus oder die Kathedrale von Verona. Die Kathedrale wurde im 12. Jahrhundert nach einem über 100 Jahre andauernden Bau geweiht, romanische und gotische Elemente prägen das Antlitz des Domes. Außerdem gibt es neben der Kathedrale eine antike Bibliothek, die auf Anfrage besichtigt werden kann. Sie gilt als eine der ältesten Bibliotheken der Welt. Dieser Tag voller spannender Eindrücke konnte wahlweise mit einer Tasse italienischem Kaffee oder einem weiteren Stadtrundgang abgeschlossen werden.