Die Felszeichnungen des Valcamonica - von Mathias Müller

Die Felszeichnungen des Valcamonica - von Mathias Müller

Montag, 2. Mai 2016

Im Valcamonica, einem vom Fluss Oglio durchzogenen Tal in den italienischen Alpen, befindet sich eine große Anzahl verschiedenster und weiträumig verteilter Felszeichnungen, die als UNESCO Welterbe anerkannt sind. In insgesamt acht im Tal verteilten Felsbildparks lassen sich diese besonderen Felszeichnungen bewundern und als erste Etappe unserer Exkursion besuchten wir Oldenburger zusammen mit unseren italienischen Gastgebern und der anderen Exkursionsgruppe aus Klagenfurt einen dieser Parks, den Parco nazionale delle incisioni rupestri di Naquane in der Nähe der Ortschaft Capo di Ponte.

Nachdem unser Bus sein Ziel erreicht hatte, galt es noch ein Stückchen Fußwegs am Ortsrand, hinauf zum Eingang des Parks zu absolvieren. Hierbei konnte man den Anblick der umliegenden Landschaft genießen und auf sich wirken lassen. Die imposanten Felsformationen, die das Tal umgaben, vermittelten dabei einen guten Eindruck von der Isolation, in der sich dieser Raum und seine Bewohner dereinst befunden haben mochten und die auch einen Grund für die eigene, regionale Kultur dieses Landes in ferner Vergangenheit gebildet hatte. Von dieser altertümlichen Regionalkultur sollten uns die Felszeichnungen des Tals ein Zeugnis ablegen.

Im Park angekommen stellten wir fest, dass die Gravuren anfangs nicht immer gleichermaßen deutlich zu erkennen waren; der Archäologe des Parks, der unsere Reisegruppe führte, wies uns darauf hin, dass bei Sonnenlicht die mannigfaltigen Muster und Symbole dem Betrachter wohl regelrecht entgegen leuchten würden; leider jedoch war am Tag unseres Besuches der Himmel von Wolken bedeckt. Aber nachdem man sehr schnell erfuhr, wonach man eigentlich auf den glatten Sandsteinformationen zu suchen hatte, war es dennoch recht leicht, die entsprechenden Abbildungen zu finden. Hilfreich waren zudem die informativen Erklärungen des Archäologen, die uns von unseren deutschsprachigen Dozenten übersetzt wurden.

 

Es zeigte sich, dass die vielfältigen Gravuren ganz unterschiedlich zu datieren sind und sich mitunter auch Gravuren unterschiedlicher Perioden auf demselben Stein überlagern. Insgesamt wurden sie von der einheimischen Bevölkerung wohl vom Ende der Würmeiszeit bis zur Römischen Kaiserzeit in den dunklen Sandstein der das Tal umrahmenden Alpenausläufer gekratzt. Aufgrund dieser zeitlichen Bandbreite geben die Felszeichnungen auch einen recht guten Blick auf die im Zuge der Zeit in der Region stattgefundenen Kulturveränderung, die letztlich auch in Form der Romanisierung der regionalen Bevölkerung fassbar wird.

 

Die wahrscheinlich frühesten Zeichnungen sind als stilisierte Abbildungen von Menschen und Tieren zu deuten. Einige der im Valcamonica zu findenden Felsgravuren datieren bis ins 4. Jahrtausend v.Chr. und zeugen so von der sehr langen Kontinuität, mit der die einstigen Bewohner des Tals das Einkratzen von Darstellungen in das Felsgestein der Gegend praktizierten.

 

 

Der überwiegende Großteil (80%) der Gravuren stammt allerdings aus der Eisenzeit bzw. der Zeit vom 8. Jahrhundert vor Christus bis zum ersten Jahrhundert nach Christus. Unter diese Hauptgruppe an Felszeichnungen fallen unter Anderem viele großangelegte Jagdszenen, in denen mit Speeren und Bogen ausgestattete Figuren mitunter großen Gruppen von Tieren nachstellen, die aufgrund ihres Geweihs wohl als Hirsche gedeutet werden können. Dabei wurden wir darauf hingewiesen, dass die Abbildungen dieser Tiere eventuell auch als abstrakte Darstellung von Nahrung überhaupt angesehen werden können und somit auch Zeugnisse eines frühen Jagd- und Fruchtbarkeitskultes sein könnten.

 

 

 

 

Andere Gravuren aus dem gleichen Zeithintergrund zeigten uns Szenen aus dem sozialen und wirtschaftlichen Alltag der damaligen Bevölkerung. Dabei fanden sich Zeichnungen von Häusern und Nutzvieh und auch ein von Pferden gezogener Wagen konnte auf dem Stein gefunden werden.

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Außerdem gab es eine Szene, die für uns anfangs aufgrund schwer zu deutender Objekte nicht recht einzuordnen war, die aber wohl eine Darstellung von Menschen an ihren Webstühlen sein soll und somit als Abbild örtlicher Gewerbe zu deuten wäre. Es ist durchaus denkbar, dass die Menschen der damaligen Zeit die Felszeichnungen nicht nur zu kultischen Zwecken anfertigten, sondern der Nachwelt ihren Alltag und ihr soziales, auch wirtschaftliches Leben in den Zeichnungen greifbar machen und somit hinterlassen wollten. Somit hätten diese Abbildungen den Charakter der Tradition, was sie für uns in der Geschichtswissenschaft umso interessanter macht.

 

Auch fanden sich unter den Zeichnungen bald Kampfszenen vieler Figuren, die mit Helmen, Schilden und allerlei Waffen verschiedenster Art ausgerüstet waren. So lässt sich in Verbindung mit den vorherigen Abbildungen das Bild einer vielschichtigen Gesellschaft nachvollziehen, die wohl ursprünglich auf die Jagd fokussiert, aber auch technisch wie sozial relativ ausdifferenziert war und auch Krieg getrieben zu haben scheint.

 

 

 

 

Eine interessante Felszeichnung war zudem die eines Labyrinths. Man geht davon aus, dass diese Gravur auf den antiken Mythos des Labyrinths des Minos Bezug nimmt. Auf diese Weise stellen die Felsgravuren des Valcamonica ein erstaunliches Zeugnis dafür dar, wie weit dieser Mythos im antiken Mittelmeerraum, offenbar bis in die Alpen hinein, insgesamt verbreitet war.

 

 

 

 

 

 

Schließlich endete unsere Führung durch den Felsbildpark mit der Betrachtung einer Abbildung, die mit eindeutig römischen Buchstaben den Namen einer Person enthielt. Diese Tatsache stellte bereits ein Zeichen für das große Thema dar, unter welchem rückblickend betrachtet die ersten Stationen der Exkursion standen: der Romanisierung jener norditalienischen Regionalkultur, welcher auch die Felszeichnungen zuzurechnen sind. Und mit der zunehmenden Romanisierung des Valcamonica verschwand bald auch der Brauch in diesem Tal, Felszeichnungen als kulturelle Tradierungsmöglichkeit zu nutzen.

 

 

Nach einem spannenden Nachmittag in einer herrlichen Gebirgsumgebung gingen wir schließlich wieder hinab zu unserem Reisebus und steuerten das nächste Ziel an – unsere Unterbringung in der nahen Stadt Breno.