Fragestellungen

„Den Tatbestand der Achsenzeit wirklich zu sehen, ihn zum Boden unseres universalen Geschichtsbildes zu gewinnen, das heißt: etwas gewinnen, was der ganzen Menschheit, über alle Unterschiede des Glaubens hinweg, gemeinsam ist“, schreibt Jaspers in 1. Teil seines geschichtsphilosophischen Werkes (UZG, 40). Es lasse sich „von den Jahrhunderten zwischen 800 und 200 v. Chr. sagen: sie sind die empirisch einsehbare Achse der Weltgeschichte für alle Menschen.“ Nicht normatives Postulat ist Jaspers also eine Geschichte, die alle Menschen einschließt, sondern empirisch nachweisbare, historische Gegebenheit.

Den Nachweis bleibt Jaspers schuldig. Deshalb setzt hier unsere Tagung an: Wo sind, falls vorhanden, die empirischen Grundlagen für das Jaspers’sche Modell der Achsenzeit? Lagen im 1. Jt. v. Chr. strukturelle Voraussetzungen für die von Jaspers behauptete Achse vor – Voraussetzungen, die Jaspers noch nicht kennen konnte und die ihn auch nicht sonderlich Interessierten? Lässt sich das Modell des beschleunigten kulturellen Wandels und bahnbrechender Veränderungen in ungefährer Gleichzeitigkeit in eine Verflechtungsgeschichte der antiken euro-asiatischen Welt einbetten, die gerade jetzt, vor dem Hintergrund sich globalisierender Forschungsanstrengungen Gestalt annimmt?

Zweitens soll gefragt werden, wie die von ihr erfassten Zivilisationen mit dem Erbe der „Achsenzeit“ umgegangen sind. Zwei Perspektiven sind, auch angesichts der aktuellen Weltlage, von besonderer Bedeutung: die des Judentums und die das Islam. Speziell die christlich-jüdische – „abendländische“ – und die islamische Welt begegnen einander zunehmend als Fremde. Alteritätskonstruktionen herrschen vor. Jaspers selbst skizziert „Orient“ und „Okzident“ als Antipoden, das „Abendland“ als Ergebnis eines säkularen Sonderwegs, der in die Moderne führte. zugleich warnt er davor, den Gegensatz zum „mythischen Prinzip“ zu erheben: dann werde er zum „Schreckgespenst“ (UZG, 97). Die Tagung will deshalb in zwei Stichproben die transzendentalen Durchbrüche zweier Religionen erkunden, die für Jaspers von der Achsenzeit direkt bzw. indirekt berührt wurden.

Drittens gilt es, den Standort des Jaspers’schen Konzepts im Tableau universalhistorischer Großentwürfe des 20. Jahrhunderts zu ermitteln. Wie wurde Jaspers von Max Weber und seiner Modernisierungstheorie inspiriert? Welche Parallelen, welche Unterschiede zeigen sich zwischen Jaspers’ Achsenzeit (und Kosellecks Sattelzeit) einer- und den geschichtsphilosophischen Deutungsmustern der 1920er und 1930er Jahre andererseits? Taugt gar Jaspers’ Achsenzeit mit ihrer wegweisenden Durchbrechung der eurozentrischen Perspektive zum Gegenentwurf zum Kulturessentialismus à la Spengler, Toynbee und Huntington?

Viertens schließlich fragen wir nach der Stellung des Achsenzeit-Modells im Werk von Jaspers selbst. Was ist die individuelle Handschrift des Psychiaters und Existenzphilosophen Jaspers in seinem geschichtsphilosophischen Werk? Wo lassen sich Querbezüge zu Die großen Philosophen (1959) herstellen, inwiefern bereitet Jaspers mit UZG eine Universalgeschichte des Denkens vor? Welche Niederschlag findet Jaspers’ Methode der „universalen Kommunikation“ im Achsenzeit-Konzept und wie lässt sich „universale Kommunikation“ für die Bewältigung von Globalisierung und Interkulturalität dienstbar machen? Welchen Erkenntniswert haben die Fragen, denen Jaspers sich in UZG stellt, im 21. Jahrhundert? Und darüber hinaus: Eignet sich der Jaspers’sche Ansatz, allen Vorbehalten der jüngeren Forschung zum Trotz, als Grundlage für eine neue, globale Geschichtsphilosophie?