Literaturwissenschaft

KLASSIKER DER DEUTSCHEN LITERATUR

Eine studentisch organisierte Ringvorlesung der Germanistik

im Wintersemester 2006/2007 


"Der wahre Zweck eines Buches ist, den Geist hinterrücks zum eigenen Denken zu verleiten." (Christopher Morley)

Diesem Motto folgend, haben wir uns überlegt, die Lehrenden der Germanistik anzusprechen, ob sie Lust hätten mit uns gemeinsam ein Projekt zu wagen: eine breit angelegte Diskussion über Literatur in ihrem ganzen Facettenreichtum. Deswegen haben wir nicht nur DozentInnen der Literaturwissenschaft, sondern auch der Sprachwissenschaft und der Didaktik angesprochen, ob sie einen Beitrag zur Ringvorlesung leisten möchten. - Damit haben wir scheinbar offene Türen eingerannt, denn die positive Resonanz war überwältigend. Innerhalb kürzester Zeit hatten wir eine umfangreiche Sammlung von Vorschlägen aus der sich eine ansprechende Reihe von Vorträgen zusammenstellen ließ:

02.11. 2006: Das 'Nibelungenlied'. Vom vergessenen Heldengedicht zum verdrängten Nationalepos (Prof. Dr. Eckhard Grunewald)

09.11. 2006:  Wissensdurst, Teufelspakt und Liebesschwur. Goethes 'Faust I' (Prof. Dr. Sabine Doering)

16.11. 2006: Die Bedeutung des Gesprächs in Fanz Kafkas "Das Schloss" (Dr. Ulf Harendarski)

23.11. 2006: Klassiker auf der Bühne (Andreas Frane)

30.11. 2006: Aufklärungen - die Modernität von Frank Wedekinds Kindertragödie "Frühlingserwachen" (Prof. Dr. Johannes Pankau)

07.12. 2006: Von einem "alten Moortopf, der auf seinem eigenen Herd sitzt und sich selbst kocht". Zu Annette v. Droste-Hülshoffs Prosafragmenten "Ledwina" und 'Joseph' (Uwe Schwagmeier)

14.12. 2006: Zwischen Frühromantik und Vormärz: Bettina von Arnims Briefroman "Die Günderode" (Prof. Dr. Helga Brandes)

11.01. 2007: Theodor Fontane - "Schach von Wuthenow" (Prof. Dr. Frank Wagner)

18.01. 2007: J.W. v. Goethe: Die Logik des jungen Werther (Prof. Dr. Franz Januschek)

25.01. 2007: ... in der Kunst das Höchste ...: die selbstbewußte Freiheit des Geistes. - Der "göttlichen Bosheit" Heinrich Heines auf der Spur (Dr. des. Anne-Margret Wallrath-Janssen)

01.02. 2007: Männer ohne Eigenschaften und Frauen ohne Charakter. Robert Musils Roman "Der Mann ohne Eigenschaften" als Klassiker der Moderne (Prof. Dr. Sabine Kyora) - ENTFÄLLT!

08.02. 2007: Ödön von Horváth - "Geschichten aus dem Wiener Wald" und andere Volksstücke (Prof. Dr. Thomas Zabka)


Ausführliche Beschreibungen finden Sie weiter unten auf dieser Seite. Die Vorträge finden immer Donnerstags von 18 - 20 Uhr im BIS-Saal statt. An die Vorträge der DozentInnen soll sich eine Diskusssion anschließen, es empfiehlt sich also, zu den Vorträgen, zu denen konkrete Werke angegeben sind, diese vorzubereiten.
Um die Diskussion über den universitären Rahmen auszudehnen, sind GasthörerInnen und Literaturinteressierte außerhalb der Universität besonders herzlich willkommen.

Weitere Rückfragen beantwortet das studentische Organisationsteam (Annegret Kunde, Henning Baden und Kerstin Ricker, siehe Foto v.l.) unter folgender E-mail-Adresse gern:

Ringvorlesung@gmx.de

 

MEHR ZU DEN EINZELNEN VORTRÄGEN:

Sabine Doering: Wissensdurst, Teufelspakt und Liebesschwur. Goethes "Faust I"

Mit seinem Faust-Drama hat Goethe zweifellos die bekannteste Faust-Dichtung geschaffen, doch ist er in der Reihe derjenigen, die den Faust-Stoff produktiv aufgegriffen haben, der "erste nicht", um ein berühmtes Wort aus seinem Drama zu zitieren. - Die Vorlesung wird zunächst kurz die Geschichte des Faust-Stoffes vorstellen und dann die wesentlichen Handlungselemente von Goethes 'Faust' erläutern, wobei die Frage nach dem Zusammenhang von Wissendurst und Teufelspakt im Vordergrund stehen wird. Ist der Teufel notwendig im Spiel, wenn es ums Wissen und noch mehr Wissen geht? Wie kann die Liebe den Wunsch nach Allwissenheit durchkreuzen? Und muß derjenige, der sich mit dem Teufel einläßt, zwangsläufig zur Hölle fahren?

"Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen" - verspricht der Prolog im Himmel. In diesem Sinne bemüht sich die Vorlesung um eine fast unmögliche Aufgabe: Ein großes und vielfältig interpretierbares Drama in einer Stunde vorzustellen.

Ulf Harendarski: Die Bedeutung des Gesprächs in Franz Kafkas "Das Schloss"

"Unlogisch, paradox, wie ein Traum, symbolisch, realistisch ..." sind Urteile über Franz Kafkas Romanfragment Das Schloss, die vielfach zu hören sind. Werden nun aber mit sprachwissenschaftlichen Mitteln Gespräche unter dem Begriff Intentionalität im Roman untersucht, dann lösen sich zahlreiche Widersinnigkeiten rasch auf. Denn niemand wird durch die Erzählweise Kafkas privilegiert, weder Erzähler und Leserin, noch irgendwelche Handelnde. So sind alle immer nur auf das angewiesen, was sie aus jeweiligen Einzelperspektiven erzählt bekommen - das gilt auch für die Lektüre. Vieles aber stimmt dadurch nicht überein. Und darin liegt der Realismus Kafkas. Wie kaum jemand sonst hat Kafka die Begrenzung der Handlungsmöglichkeiten einzelner durch übermächtige und doch nicht strafende Institutionen erfasst. Parabel? Symbol? Das Schloss entzieht sich der eindeutigen Kategorisierung.

Andreas Frane: Klassiker auf der Bühne

Für eine Fernsehdokumentationsreihe für den ZDF Theaterkanal und 3sat bezeichnete Peter von Becker, der Feuilletonchef des Berliner Tagesspiegels, das 20. Jahrhundert als das "Jahrhundert des Theaters". In der Theatergeschichte wird es das Jahrhundert der Regisseure sein: Am sogenannten 'Regietheater' - und in erster Linie an dessen Klassikerinszenierungen - entzündeten und entzünden sich die Diskussionen. Was ist Regietheater, was sind seine Chancen und Grenzen? Welche Funktion haben 'Klassiker' auf den Spielplänen der Theater? Und welchen Reiz üben sie auf Theatermacher und Publikum aus? Sind sie der Rettungsanker in der immer wieder beschworenen Theaterkrise? - In seinem Vortrag versucht der Dramaturg Andreas Frane eine Bestandsaufnahme und gibt eine Art Werkstattbericht aus der Theaterpraxis.

Johannes Pankau: Aufklärungen - die Modernität von Frank Wedekinds Kindertragödie "Frühlings Erwachen"

Mit "Frühlings Erwachen" schrieb Frank Wedekind einen Klassiker der deutschen literarischen Moderne, zugleich ein skandalöses Stück, das, vollendet 1891, erst 1906 uraufgeführt werden konnte. Pornographie, sexuelle Aufklärung, radikale Schulkritik - die zeitgenössischen Beurteilungsinstanzen und das Publikum kamen zu höchst kontroversen Einschätzungen. Heute ist Wedekinds 'Kindertragödie' fester Bestandteil des Deutschunterrichts und des Theaterrepertoires. Tabus kennen wir kaum noch, das Sexuelle in den meisten Spielarten scheint freigegeben - Ist das Skandalstück von einst inzwischen zum harmlosen Klassiker degeneriert? Der Vortrag wird die Entstehungsbedingungen, die Modernität des Textes und die zeitgenössische Rezeption untersuchen und versuchen, zu einer Einschätzung der möglichen Relevanz von "Frühlings Erwachen" für die Gegenwart zu gelangen.

Uwe Schwagmeier: Von einem "alten Moortopf, der auf seinem eigenen Herd sitzt und sich selbst kocht". Zu Annette von Droste-Hülshoffs Prosafragmenten "Ledwina" und 'Joseph' 

Nach einigen allgemeinen Bemerkungen zu Annette von Droste-Hülshoff, soll überblicksartig das Prosaschaffen der Dichterin vorgestellt werden, um im Anschluß daran, die inneren und äußeren Bedingungen der Prosafragmente "Ledwina" (1819) und 'Joseph' (entstanden in den 1840er Jahren) in vorsichtiger Annäherung zu erläutern. So wird hoffentlich die Neugierde auf diese geweckt oder (gegebenenfalls) zur Relektüre animiert. Abschließend soll nach generellen Tendenzen im Erzählwerk der Droste gefragt werden und - falls diese auszumachen sind - beschrieben werden, worin sie bestehen. Damit läuft der letzte Punkt des Vortrages unter dem hoffentlich einprägsamen Slogan 'Im Schatten der Judenbuche'.

Helga Brandes: Zwischen Frühromantik und Vormärz: Bettina von Arnims Briefroman "Die Günderode"

Bettina von Arnim veröffentlichte 1840 ihren Briefroman "Die Günderode", die literarische Umarbeitung des Briefwechsels zwischen beiden Schriftstellerinnen aus der Zeit von 1802 bis 1806. Die Sammlung besteht aus Originalbriefen sowie umgearbeiteten und erfundenen Briefen. Das zentrale Motiv stellt die Freundschaftsbeziehung beider Frauen dar, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Noch während ihrer Arbeit an dem Werk betont Bettina von Arnim die große Bedeutung, die diese Freundschaft für sie besaß: "(...) wie denn überhaupt mein Briefwechsel mit der Günderode mein ganzes Innere viel gründlicher betätigt, als der mit Goethe es vor den Augen der Welt tun kann". Der Briefroman, im Spannungsfeld zwischen Frühromantik und Vormärz angesiedelt, thematisiert aus weiblicher Perspektive den Konflikt zwischen Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Anpassung.

Frank Wagner: Theodor Fontane - "Schach von Wuthenow"

Zwei Einschätzungen zu Fontanes "Schach von Wuthenow":

"'Schach von Wuthenow' (1883) ist Fontanes kleines Meisterwerk in dieser Kritik des historischen Preußenen, ein noch lange nicht in seiner vollen Bedeutung erkannter einsamer Gipfel der deutschen historischen Erzählungskunst. Es ist Fontane hier gelungen, die gesellschaftlich-moralischen Gründe der Vernichtung des friderizianischen Preußen in der Schlacht von Jena durch das Auf und Ab einer Liebesgeschichte in der Berliner 'Gesellschaft' blendend zu beleuchten." (Georg Lukács)

"Indessen ist ein Erzähler wie Fontane doch weit davon entfernt, den Menschen nur als 'geschichtliches' Objekt zu sehen, dessen durchschnittliches Dasein völlig von den Voraaussetzungen geprägt ist, die durch Herkunft, Klasse, öffentliche Meinung und Erziehung vorgegeben sind. Trotz der stellvertretenden Geschichtlichkeit des Erzählens behält die Fabel ihren individuellen Charakter; das rein Menschliche, das Subjekt im wechselseitigen Verhalten der Personen läßt sich nicht einfach in übergreifende, kollektive Zusammenhänge auflösen. Gerade die doppelte Optik - von der geschichtlichen Situation und von der menschlichen Existenz aus - weiß Fontanes Erzählung sich meisterhaft zunutze zu machen, daß sie eben dadurch den Leser unwiderstehlich in ihren Bann zieht." (Benno von Wiese) 

Franz Januschek: Die Logik des jungen Werther

Mit den 'Leiden des jungen Werther' wurde Goethe weltberühmt. Der Roman wird populär gern als ein Werk angesehen, in dem es um schwärmerische Gefühle und Selbstmord aus Liebeskummer geht. Das ist aber sehr ungerecht. Der Roman ist kein Manifest der Irrationalität. Vielmehr ist die Geschichte von geradezu beklemmender Logik; und deren Konsequenz, Werthers Scheiden aus dem Leben, sollte man gründlich verdauen, wenn man nicht zum Zyniker in Liebesangelegenheiten werden will.

Sabine Kyora: Von Männern ohne Eigenschaften und Frauen ohne Charakter. Robert Musils "Der Mann ohne Eigenschaften" als Klassiker der Moderne

Welche Ingredienzien braucht ein Buch, von dem man sagen kann, es sei ein Klassiker der Moderne? Muß es möglichst viele Seiten haben? Von möglichst vielen Menschen nicht gelesen werden? Besonders wenig Spaß bei der Lektüre machen? Viele Seiten hat Musils "Der Mann ohne Eigenschaften" allerdings, der Roman zeigt sich aber auch bei seinen Themen und im Stil als modern. Er zeigt die moderne Großstadt, die Komplexität moderner Lebensverhältnisse und die Problematik moderner Identität. Der Vortrag wird in zwölf Thesen und in einem Bekenntnis darstellen, was einen Roman zu einem Klassiker der Moderne macht und warum dafür mindesten ein Mann ohne Eigenschaften und eine Frau ohne Charakter notwendig sind. - ENTFÄLLT!

Thomas Zabka: Ödön von Horváth - "Geschichten aus dem Wiener Wald" und andere Volksstücke

Die Vorlesung will zeigen, warum Ödön von Horváth als einer der bedeutendsten Dramatiker des 20. Jahrhunderts gilt. Vergleiche mit Volksstücken von Carl Zuckmayer, Bertolt Brecht, Peter Turini und Werner Schwab verdeutlichen die Stellung seiner Werks in der Geschichte dieser literarischen Gattung. Mit welchen gestalterischen Mitteln es Horváth gelingt, Ideologien und Sprachmuster seiner Figuren aufzudecken und zu kritisieren, wird an einzelnen Dialogen untersucht.