Literaturwissenschaft

Ästhetik des Depressiven in der Literatur der Moderne/Postmoderne

Literaturwissenschaftlicher Workshop

1./2. Dezember 2017, Schlaues Haus Oldenburg, Schlossplatz 16

Kontakt:

Dr. Till Huber (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Institut für Germanistik)

Email: till.huber(at)uni-oldenburg.de

Dr. Immanuel Nover (Universität Koblenz-Landau, Institut für Germanistik)

Email: nover(at)uni-koblenz.de

 

Die Depression wird derzeitig als weit verbreitete Diagnose diskutiert und als dominante psychische Krankheit moderner Gesellschaften gehandelt. So lässt sich in den Sozialwissenschaften eine Konjunktur der Depressions- und Burn-Out-Diskurse im Sinne einer Gegenwartsdiagnostik beobachten (z.B. durch Ehrenberg, Neckel/Wagner, jüngst auch durch Reckwitz). Der Begriff „Depression“ wird Ende des 19. Jahrhunderts terminologisch, und hier beginnt auch der Beobachtungszeitraum des Workshops, der sich bis in die Gegenwart erstreckt. Innerhalb dieses Zeitraums soll nach einer spezifisch modernen/postmodernen ‚Verfasstheit‘ im Zeichen der Depression und entsprechenden ästhetischen Repräsentationen gefragt werden, wobei der aktuelle Diskurs zum Thema auf Texte der Moderne rückprojiziert wird.

Ein Ziel des Workshops ist es, eine Differenzierung der verwandten Begriffe „Depression“ und „Melancholie“ vorzunehmen. Als Hypothese kann formuliert werden: Melancholie steht eher für latente Traurigkeit, die sich noch ästhetisch produktiv auswirkt. Mit Aufkommen des Depressionsbegriffs im medizinischen Diskurs wird Melancholie nun rein ästhetisch besetzt. Depression wird im Zuge dessen als ästhetisch entfärbter Zusammenbruch und solipsistischer Zustand gedacht. So bemerkt Susan Sontag in ihrem Essay Illness as Metaphor: „Depression is melancholy minus its charms“. Auch lässt sich nach Bereichen fragen, die vom umfangreichen Melancholie-Diskurs mit langer Tradition (kunstgeschichtlich: Klibansky/Panofsky/Saxl; literaturwissenschaftlich: Wagner-Egelhaaf) nicht erfasst wurden und damit der Differenzierung dienen können. Wo Melancholie mit einem gewissen Glanz der Genialität verbunden ist, treten die Aspekte des Depressiven womöglich eher in gehemmter und marginalisierter Form in Erscheinung oder verharren gänzlich im Klandestinen, womit eine Ästhetik des Depressiven als Verfahren des Formlosen, des Unproduktiven und des Nicht-Zustandekommens gedacht werden kann.

Ausgehend von der Tatsache, dass noch keine literaturwissenschaftliche Depressionsforschung existiert, bietet das Format des Workshops ein konstitutives Forum und bringt zunächst Forscherinnen und Forscher zusammen, die zu verschiedenen ‚Randgebieten‘ gearbeitet haben wie z.B. Erschöpfung, Passivität, Melancholie, Stagnation etc. Depression steht also zunächst als Chiffre für einen Komplex aus Motiven.

Im Zuge des aktuellen sozialwissenschaftlichen Diskurses soll ausgelotet werden, ob sich das Thema Depression literaturwissenschaftlich im Blick auf konkrete Texte und Autoren produktiv machen lässt. So können beispielsweise Motive des Depressiven auf Figurenebene untersucht werden, aber auch entsprechende literarische Verfahren lassen sich identifizieren: Ausgehend von Meyer-Sickendiek („Über die Faszination des Grübelns“) wäre etwa nach einer literarischen Rumination zu fragen, bei der sich bestimmte Motive ständig wiederholen, der Text nicht ‚vorankommt‘ usw. Auch einschlägige Metaphern der Depression gilt es zu untersuchen, etwa ausgehend von Freud („Der Schatten des Objekts fiel auf das Ich“) oder Kristeva („schwarze Sonne“).

Mit interdisziplinären und intertextuellen Anknüpfungspunkten in Richtung Medizin, Psychoanalyse, Psychiatrie, Psychologie und Soziologie wird eine kulturwissenschaftlich ausgerichtete, auch über enge nationalphilologische Horizonte hinausreichende Diskussion angestrebt.

 

Programm

Freitag, 1. Dezember 2017

9.00

Begrüßung durch die Organisatoren

 

Moderation: Dr. Immanuel Nover (Koblenz-Landau)

9.30

Prof. Dr. Sabine Kyora (Oldenburg)

„Ein Schwarm von Raben“: Depressionen, Geldkomplexe und Idiosynkrasien im Werk von Franziska zu Reventlow

10.30

Kaffeepause

11.00

Jun.-Prof. Dr. Yasmin Temelli (Bochum)

„Le sel n’est pas salé“. Depressives Erleben in der französischen Prosa um die Jahrtausendwende

12.00

Prof. Dr. Martin Butler (Oldenburg)

„Great Depression“ als Metapher: Zum zeitdiagnostischen Potential der Krisenrhetorik der 1930er Jahre

13.00

Mittagspause

 

Moderation: Dr. Julian Osthues (Bremen)

14.30

Dr. Till Huber (Oldenburg)

Prekäre Männlichkeit und Depression in Heinz Strunks Fleisch ist mein Gemüse

15.30

Miriam Zeh, M.A. (Frankfurt/M.)

Schöpfung aus Erschöpfung: Thomas Melles Die Welt im Rücken als Depressionsmemoir

16.30

Kaffeepause

 

Moderation: Dr. Britta Bußmann (Oldenburg)

17.00

Dr. Lucas Marco Gisi (Basel)

Figurationen des Depressiven im Werk Robert Walsers

18.00

Eva Stubenrauch, M.A. (Bonn)

Strukturen des Depressiven – jenseits des Lustprinzips: Marlene Streeruwitz’ Verführungen und Lars von Triers Nymph()maniac als kupierte Utopie

19.00

Abendessen

 

Samstag, 2. Dezember 2017

 

Moderation: Marcella Fassio, M.A. (Oldenburg)

9.30

Elias Kreuzmair, M.A. (Greifswald)

Versuch einer Hauntology der Gegenwartsliteratur: Rainald Goetz: Klage – Terézia Mora: Das Ungeheuer – Katrin Röggla: Nachtsendung

10.30

Dr. Ruth Steinberg (Oldenburg)

„Krank werden am Versuch, normal zu sein.“ Depression in Terézia Moras Der einzige Mann auf dem Kontinent und Das Ungeheuer.

11.30

Kaffeepause

 

Moderation: PD Dr. Jörg Schuster (Marburg)

12.00

Dr. Immanuel Nover (Koblenz-Landau)

Prozesse der Stagnation bei Leif Randt

13.00

Ella Margaretha Karnatz, M.Ed. (Oldenburg)

Wie bändigt man den „schwarzen Hund“? Zu (Schreib-) Techniken des Umgangs mit Depressionen und Suizidalität in Michael Köhlmeiers Zwei Herren am Strand

14.00

Ende des Workshops