Zentrum für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung

Projektbeschreibung "Geschlechterwissen in und zwischen den Disziplinen"

Ebenso wie Alltagswissen ist auch akademisches Wissen eingebettet in politische, kulturhistorische und soziale Rahmenbedingungen. Diese beeinflussen, was sagbar (und was nicht sagbar), was sichtbar (und was unsichtbar) ist. Diskurse materialisieren sich in Institutionen und in verschiedenen Standorten des Sprechens, genauso wie sie die Erkenntnis- und Produktionsbedingungen von Wissen(schaft) bedingen.

Im Mittelpunkt des Forschungsprojekts stehen unterschiedliche Denkstile und Wissenskulturen, die vergeschlechtlichtes und vergeschlechtlichendes (disziplinäres) Wissen hervorbringen. In Anlehnung an die „dissidente Partizipation“ (Hark 2005) fokussiert das Projekt auf die Auseinandersetzung mit der fundamental geschlechterhierarchischen Verfasstheit disziplinärer Wissensproduktion und -vermittlung, mit den Macht- und Herrschaftsaspekten im Verhältnis von Forschungssubjekt und -objekt und mit der Infragestellung von Objektivitäts- und Neutralitäts- bzw. Normativitätspostulaten sowie auf das disziplinenübergreifende Vorgehen der Geschlechterforschung.

Es gibt jedoch nicht die eine Geschlechterforschung, vielmehr differenziert sich das (kritische) Geschlechterwissen mit seiner unterschiedlichen Institutionalisierung im Hochschulbereich – sei es als Frauen- und Geschlechterforschung bzw. Gender Studies oder Queer Studies in Studiengängen, Disziplinen und Forschungszentren oder in Gestalt von Gender Mainstreaming u.a. Gleichstellungsprogrammen – aus. Zudem unterliegt es (hochschul-)politischen Entwicklungen und Zwängen, wie etwa dem aktuellen Stand der Wissensgesellschaften und der Ökonomisierung des Wissens, die sich, je nach Fach und Institutionalisierungsgrad, unterschiedlich auswirken. Da das Projekt mit zahlreichen disziplinär und interdisziplinär verankerten und argumentierenden Definitionsansätzen konfrontiert ist, untersucht es die unterschiedlichen Verläufe der Etablierung von kritischem Geschlechterwissen seit den 1970er Jahren im deutschsprachigen Raum. In seiner Analyse der fachspezifischen und disziplinenübergreifenden Bedingungen und Entwicklungen der Produktion von Geschlechterwissen betrachtet es insbesondere die natur- und technikwissenschaftlichen sowie die kulturwissenschaftlichen Fächer vergleichend. Dabei werden die disziplinär heterogenen Definitionen von Geschlechterwissen und dem Verständnis (oder der Konstruktion) von Gender in ihrer Herkunft, ihrer Ausprägung und ihrem wissenschaftskritischen Interventionspotential untersucht, sodass auch der Begründung und Ausprägung der Heterogenität des akademischen Geschlechterwissens im Detail nachgegangen wird. Gefragt wird beispielsweise: Von welchen Ausgangspunkten aus entsteht Geschlechterwissen in einer Disziplin? Welche wissenschaftskritischen Ansätze werden verfolgt und welche Definitionen von Geschlecht, gender, sex, Sexualität und weiteren Kategorien ergeben sich hieraus? Welche Effekte der Institutionalisierung in Bezug auf Prozesse der Tradierung und Auswahl/Ausblendungen von Geschlechterwissen bzw. die Entwicklung spezifischer Wissenskulturen oder Denkstile lassen sich beobachten? Welche Auswirkungen hat dies auf das Verständnis und die Praxis von Inter-/Transdisziplinarität? Wie wirken sich die Anforderungen der gegenwärtigen unternehmerischen Universität nach Anwendungsbezogenheit und Verwertbarkeit auf die Produktion von Geschlechterwissen aus, sowohl in einzelnen Disziplinen, Fachkulturen und interdisziplinär begründeten wissenschaftlichen Diskursformationen als auch bezogen auf das nicht selten spannungsreiche Verhältnis zwischen Geschlechterforschung und Gleichstellung? Welche Rolle nehmen die Forschungspolitik und -förderung, die curriculare Verankerung der Gender Studies, das Gender Mainstreaming und Diversity-Konzepte ein? Diese Fragen werden an den Beispielen der Biologie (Dr. Smilla Ebeling), der Informatik (Dr. Claude Draude), der Kulturwissenschaften mit dem Schwerpunkt Kunstgeschichte (PD Dr. Anja Zimmermann) und der Musikwissenschaften (Friederike Bunten, M.A.) bearbeitet.

Das Forschungsprojekt versteht sich als Grundlagenforschung zur Frage, wie nachhaltig Geschlechterforschung war bzw. wie sie es angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen der Wissensgesellschaft bleiben kann. Das Projekt verspricht somit auch einen Beitrag zur Frage nach Bedingungen und Möglichkeiten selbstreflexiver Wissenschaft in der „entrepreneurial university“.