Zentrum für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung

Claudia Lohrenscheit

„The Struggle Continues" -

Societies in Transition - Challenges to Women’s and Gender Studies

Das Zentrums für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg) veranstaltete die zweite internationale Konferenz der Women’s- and Gender Studies.

Weltweit existieren heute in zahlreichen Ländern des Südens und des Nordens Programme der Frauen und Geschlechterforschung mit jeweils unterschiedlichen Traditionen, Schwerpunkten und Ausrichtungen. Vertreterinnen dieser Programme aus Universitäten, Forschungseinrichtungen und NGOs in einen Kommunikationsprozess zu bringen, sie miteinander zu vernetzen und Möglichkeiten zur Kooperation auszuloten, dies waren die anspruchsvollen Ziele der internationalen Konferenz über Women’s and Gender Studies vom 28.6. - 1.7.2001 an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Organisiert wurde die Konferenz (wie auch schon die erste acht Jahre zuvor 1993 - „International Perspectives of Women’s Studies") hauptverantwortlich von Heike Fleßner und Lydia Potts, beide Mitglieder des in diesem Jahr neu gegründeten Oldenburger Zentrums für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung (ZFG: www.uni-oldenburg.de/zfg); unterstützt und gefördert wurden sie u.a. durch das Niedersächsische Wissenschaftsministerium.

Die eingeladenen Referentinnen und Teilnehmerinnen aus Ungarn, Polen, Großbritannien, Deutschland, Indien, Jordanien, Nepal, Südafrika, Neuseeland, Jemen und der Türkei präsentierten und diskutierten Beiträge aus der jeweiligen Innenperspektive ihrer Programme: ihre Ziele, Praktiken, Inhalte und Curricula sowie ihre Lehr- und Lernmethoden. Die Länderauswahl stellt in diesem Zusammenhang jedoch keine repräsentative Auswahl dar; sie begründet sich vielmehr durch existierende Kontakte und Kooperationen und den gelungenen Versuch, die Diversität und Vielschichtigkeit weltweiter Programme der Frauen- und Geschlechterstudien abzubilden und die verschiedenen Erfahrungen zugänglich zu machen. Den beiden Zielen der Vernetzung und Kooperation wurde dabei unter zwei Hauptfragestellungen nachgegangen:

  • Welche gesellschaftliche Signifikanz und welchen Einfluss nehmen Frauen- und Geschlechterstudien in den verschiedenen Ländern und Regionen der Welt ein?
  • Wie können neue Formen internationaler Zusammenarbeit und Netzwerkarbeit in der Forschung und akademischen Lehre der Frauen- und Geschlechterstudien entwickelt und begründet werden?

Parallel zu diesen Fragen entwickelte sich im Laufe des Diskussionsprozesses ein weiterer Schwerpunkt bzw. Frage, die quasi ’unterschwellig’ mehrfach mitdiskutiert wurde: Wie lassen sich Theorie und Praxis der Women’s and Gender Studies wirkungsvoll miteinander verbinden und vernetzten? Welches Verhältnis kennzeichnet sie - sind sie die ’zwei Seiten einer Medaille’ oder ein zu akzeptierender Dualismus, der nur partiell überwunden werden kann? Neben der angesprochenen ’klassischen Kluft’ zwischen Theorie und Praxis ist diese Frage hier auch als Indikator für die ungleichen Voraussetzungen und Bedingungen der Frauen- und Geschlechterstudien in Nord und Süd sowie ihre unterschiedliche Anbindung an existierende soziale - und Frauenbewegungen zu sehen. Dieser Ansatz an der Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis und damit auch an den ungleichen Verhältnissen in deren Kontext Frauen- und Geschlechterforschung stattfindet, ist eine der großen Leistungen die diese Konferenz erbracht hat. Dabei wurde die Integration unterschiedlicher Erfahrungen schon im Vorfeld sichergestellt: neben wissenschaftlich-theoretisch fundierten Beiträgen über die Entwicklung der Women’s and Gender Studies im globalen Kontext bildeten die konkreten Erfahrungen von Frauen im Kampf gegen Armut und Diskriminierung einen wichtigen Schwerpunkt des Programms.

Thematisch gliederte sich das Programm durch vier regionale Schwerpunkte mit dem Focus auf Indien und Nepal, Europa, Südafrika und den Mittleren Osten. Da im Rahmen eines Konferenzberichts kein ausführlicher inhaltlicher Überblick möglich ist, sollen hier exemplarisch zwei Beiträge aus der Theorie und Praxis der Women’s and Gender Studies kurz vorgestellt werden; (die Dokumentation der Beiträge und Ergebnisse der Konferenz erscheint voraussichtlich im Herbst 2002).

Samiera Zafar: „Does the Policy and Legislative Framework Adress the Impact of HIV/AIDS on Women at Work and Girl Learners at Public Schools in South Africa?"

Samiera Zafar, Lehrerin, Diplompädagogin (Masters in Education) und Wissenschaftlerin aus Südafrika arbeitet seit einigen Jahren zum Schwerpunkt „Politik und Praxis von Anti-Diskriminierungsansätzen im schulischen Umfeld". Zur Zeit ist sie, nach einem Studien- und Praxisaufenthalt in London, am Centre for Education Policy Development, Evaluation and Management beschäftigt, einem unabhängigen Forschungsinstitut in Johannesburg, Gauteng.

In ihrem Konferenzbeitrag konzentriert sich Zafar auf die Frage, ob durch die derzeitigen politischen und gesetzlichen Vorgaben in Südafrika die Situation von arbeitenden Frauen und Mädchen (Schülerinnen) vor dem Hintergrund der HIV/AIDS Katastrophe ausreichend berücksichtigt wird. Der Wandel der südafrikanischen Gesellschaft und Politik vollzieht sich seit dem offiziellen Ende der Apartheid durch die ersten freien Wahlen 1994 auf allen Ebenen und in allen gesellschaftlichen Sphären. Diese Entwicklung wird jedoch u.a. begleitet durch das Aufdecken des katastrophalen Ausmaßes der HIV/AIDS Pandemie: Von 40 Millionen Südafrikaner/innen sind (laut einer Untersuchung von Statistics South Africa 1999) über 4,4 Millionen Menschen mit dem Virus infiziert; 22,4% davon sind Frauen und darunter sind insbesondere Mädchen im Alter zwischen 15-25 Jahren. Aktuelle Daten gehen von einer noch höheren Infektionsrate aus. Danach trägt jede/r neunte Südafrikaner/in das Virus im Blut; jährlich kommen rund 70.000 infizierte Neugeborene auf die Welt und rund 800.000 Kinder sind durch die Pandemie zu sog. Aidswaisen geworden (vgl. FR vom 4.9.2001). Zafar sieht in den hohen Infektionsraten von Mädchen und Frauen und der Bevölkerung insgesamt ein ernstzunehmendes Entwicklungs- und Transformationshindernis. Ohne notwendige und wirkungsvolle Strategien zur Bekämpfung von und Aufklärung über die Ursachen von HIV/AIDS sei die politische und sozio-ökonomische Entwicklung Südafrikas gefährdet beispielsweise durch den Zusammenbruch der Familienstrukturen und die dadurch entstehende Belastung des sozialen- und Wohlfahrtssystems oder durch die Effekte auf die Ökonomie des Landes und die ökonomisch aktive Bevölkerung generell. In ihrem Vortrag untersucht Zafar die relevanten nationalen Dokumente vor dem Hintergrund der AIDS Pandemie und ihren Konsequenzen für Mädchen und Frauen (z.B. ’The National HIV/AIDS Plan, South Africa; The National Policy for HIV/AIDS at Schools (Department of Education). Die Relevanz der Genderperspektive und die Notwendigkeit, in Kampagnen und Programmen zur Bekämpfung von HIV/AIDS direkt auf sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Frauen einzugehen, begründet sich allein schon durch die hohen Vergewaltigungsraten: alle 23 Sekunden wird, laut den (geschätzten) Angaben der NGO Rape Crisis Centre, in Südafrika eine Frau vergewaltigt; sehr viele Mädchen und Frauen werden so mit dem Virus infiziert. Vor diesem Hintergrund reichen die bisherigen Programme der Regierung nicht aus, so Zafar, um den Zusammenhang zwischen sexueller Gewalt und HIV/AIDS zu verdeutlichen und entsprechende Maßnahmen z.B. im Rahmen schulischer Bildung zu ergreifen. Hier wird auch die bedeutende Rolle und gesellschaftliche Funktion der Women’s and Gender Studies deutlich: Bei der Bekämpfung von ’Gender Inequity’ muss sie durch Lehre und Forschung, durch Kooperation mit zivilgesellschaftlichen Akteuren und internationale Netzwerkarbeit alle gesellschaftlichen Bereiche herausfordern.

Gabriel Griffin: „Co-option or Transformation? Women and Gender Studies Worldwide

Gabriel Griffin war Professorin für Women’s Studies und Dekanin der „School of Cultural Studies" an der Leeds Metropolitan University und Professorin der Anglistik an der Kingston University. Seit dem 1. September 2001 hat sie die Professur für Gender Studies an der Universität Hull inne . Darüber hinaus koordiniert sie zur Zeit unter anderem ein Projekt der Europäischen Union mit Partner/innen in neun europäischen Ländern zum Thema "Women’s Studies Training and Women’s Employment in Europe".

"How global is Sisterhood?" - Mit dieser, an den ähnlich lautenden Buchtitel von Robin Morgan (1984) angelehnten Frage, untersucht Griffin die organisatorische und inhaltliche Etablierung und Institutionalisierung der Frauen- und Geschlechterstudien auf der globalen Ebene. Im internationalen Vergleich der Akteur/innen und Schwerpunkte wird deutlich, dass "Sisterhood" vor allem als globales Negativum konstruiert wird: Frauen sind weltweit durch die Erfahrungen von Unterdrückung, Diskriminierung und Leid verbunden. Doch abhängig von den machtpolitischen und sozio-ökonomischen Bedingungen eines Landes sowie der jeweiligen Stellung in der internationalen Staatengemeinschaft zeigen sich die globalen Strukturen und Mechanismen von Patriarchat und Kapitalismus mit zum Teil extrem unterschiedlichen Konsequenzen. Insgesamt betrachtet sieht Griffin (mit Audre Lorde) den eigentlichen Erfolg der Frauen- und Geschlechterstudien darin, dass heute weltweit mehr Studierende denn je über Feminismus, Gender und Frauenstudien an Universitäten und Forschungseinrichtungen lernen. Gender ist heute zentrales Analyseinstrument und Schlüsselkategorie in Wissenschaft, Politik und Praxis gesellschaftlicher, sozialpolitischer und ökonomischer Institutionen und Organisationen. Diese positive Entwicklung darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es bislang nicht gelungen ist auch das Wissenschaftssystem insgesamt zu transformieren; so gibt es beispielsweise international kaum etablierte ’ordentliche’ Lehrstühle für Women’s and Gender Studies an den Universitäten. Ein weiteres Problem ist die Dominanz des Genderdiskurses. Mit der weltweiten – auch durch die Rhetorik der internationalen Organisationen (beispielsweise von IWF und Weltbank) aufgenommenen Genderfrage verschwinden zentrale Begriffe/Konzepte wie Feminismus und Patriarchat aus dem Diskurs. Gender, so Griffin, scheint als neutrale Kategorie akzeptabler und handhabbarer zu sein. Darüber hinaus läuft diese Entwicklung parallel zu einer generellen Entpolitisierung dieses Bereichs. Frauen- und Geschlechterstudien trennen sich (vor allem im Norden) von den sozialen Bewegungen und Initiativen auf der Graswurzelebene ab, während sich im Bereich der NGOs eine zunehmende Professionalisierung verzeichnen lässt. Anstatt politische Kampagnen und Initiativen bieten sie heute oftmals eher Serviceleistungen an - in Zusammenarbeit mit und Abhängigkeit von staatlichen und internationalen Institutionen. Gerade hieraus leitet Griffin die künftigen Herausforderungen der Women’s und Gender Studies ab, deren Bedingungen sie für die Zukunft als exzellent beschreibt.

The Way Forward – Blick nach vorn

Einige der Teilnehmerinnen trafen sich zu der diesjährigen Konferenz bereits zum zweiten Mal in Oldenburg. Sie waren bereits Teilnehmerinnen der IFU – Internationalen Frauenuniversität, die im Rahmen der EXPO 2000 auch in Oldenburg Station gemacht hatten. Auf den Kontakten und Erfolgen der IFU konnten die Organisatorinnen der internationalen Konferenz zum Teil aufbauen, gingen aber auch darüber hinaus: Bestehende Kooperationsstrukturen wurden so gestärkt und neue Ideen und Perspektiven für zukünftige internationale Zusammenarbeit auf diesem Gebiet entwickelt. Dass "Frau sein allein jedoch kein Programm" sein kann, bestätigte auch diese Konferenz. Wenn auch internationale durch das globale Patriarchat und Kapitalismus gesetzte Bedingungen Frauen weltweit in ähnliche Strukturen und Verhältnisse zwingen, stellt sich die konkrete Erfahrung und der praktische Umgang damit lokal und regional sehr unterschiedlich dar. Durch die Kommunikation dieser unterschiedlichen Erfahrungen und die internationale Vernetzung der aktiven Frauen in Universitäten, Forschungseinrichtungen und NGOs werden neue Lernhorizonte und gegenseitige Lernprozesse ermöglicht, die zur Grundlage für gemeinsame Projekte werden können. Ideen für solche gemeinsamen Initiativen konnten im Rahmen dieser Konferenz jedoch nur andiskutiert werden. Die konkrete Planung und Organisation des Netzwerks und der zukünftigen Zusammenarbeit wird die zentrale Aufgabe der Auswertung und Nachfolge der Konferenz sein. Mögliche Themen von gemeinsamen Interesse sind hier beispielsweise die Zusammenarbeit im Bereich „Frauen und Gewalt – Gewalt gegen Frauen" oder „Frauen und Arbeit". Es wurde jedoch auch deutlich, dass sich z. B. im Rahmen der Forschungsförderung der Europäischen Union zwar verschiedene finanzielle Möglichkeiten für die Frauenforschung ergeben, diese gleichwohl für Organisationen und Institutionen aus dem Süden kaum anders zugänglich als über Partnerinnen aus dem Norden sind. Diese systematische Ausblendung der Süd-Perspektive kennzeichnet eine eurozentrische oder nördlich-zentrierte Wissenschaftsförderung - nicht nur im Bereich der Frauen- und Geschlechterstudien. Ein konsequentes Angehen gegen diese Politik ist auch eine der Aufgaben der internationalen Women’s- and Gender Studies sowie der internationalen science community generell: „The Struggle Continues".

Literatur

Fleßner, Heike; Kriszio, Marianne; Potts, Lydia (Hrsg.): Women’s Studies im internationalen Vergleich. Pfaffenweiler 1994

Zentrum für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung (Hrsg.): International Conference. Societies in Transition - Challenges to Women’s and Genderstudies. 28 June - 1 July 2001. Carl von Ossietzky Universität Oldenburg (Konferenzprogramm mit den Zusammenfassungen der Beiträge und Angaben zu den Referentinnen unter: www.uni-oldenburg.de/zfg

Zafar, Samiera: Does the Policy and Legislative Framework Adress the Impact of HIV/AIDS on Women at Work and Girl Learners at Public Schools in South Africa? (bislang unveröffentlichtes Manuskript, s.o.)

Griffin, Gabriel: Co-option or Transformation? Women and Gender Studies Worldwide. (bislang unveröffentlichtes Manuskript, s.o.)

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