Mit Spannungen leben: Agonien in human- und geisteswissenschaftlicher Forschung

Im Rahmen des durch Bundesmittel aus dem „Qualitätspakt Lehre“ geförderten Programms „FLiF – Forschungsbasierte Lehre im Fokus“ wird an der Fakultät IV eine gemeinsame Forschungsinitiative aller Institute zu dem Oberthema „Mit Spannungen leben: Agonien in human- und geisteswissenschaftlicher Forschung“ gefördert [Antrag]. Damit wird ein Themenfeld benannt, das auf das gemeinsame Interesse der Institute an der Analyse und Konzeption von Modellen, Strukturen und Erfahrungen der Gestaltung von Lebenswelt abhebt, konkret: auf die Analyse lebensweltlicher Spannungen. Dieses Themenfeld soll zunächst in allen Fachkulturen forschungsorientiert bearbeitet werden und in eine inhaltlich-methodische Zusammenführung auf Fakultätsebene einmünden. Hier finden Sie nähere Informationen zu folgenden Punkten:

Forschungsorientierte Lehre: Ziele und Herausforderungen

Forschungsorientierte Lehre zielt darauf ab, Studierende als Forschende zu fördern, auf dass sie sich selbst als solche wahrnehmen und in einem forschenden Gesamtzusammenhang verorten können. Dies bedeutet, Wissenschaft als dynamischen, sozialen und reflexiven Prozess erfahrbar zu machen, in dem vorliegende und selbst erarbeitete Erkenntnisse stets aufs Neue zu hinterfragen sind. Forschungsorientierte Lehre muss also die Entwicklung eigener Fragestellungen, eine intrinsische Motivation der Forschenden, einen multiperspektivischen und methodisch abgesicherten Zugang zu einzelnen Themen sowie die Entwicklung vielfältiger Kompetenzen befördern. Studierende werden zu aktiv Handelnden, indem sie nicht nur an aktueller Forschung teilhaben, selbst alle Phasen des Forschungsprozesses (mit)gestalten und entsprechende Forschungsaufgaben verschiedener Couleur übernehmen, sondern indem sie zugleich die Ergebnisse ihrer Forschung für interessierte Dritte zugänglich machen.

Projektskizze Geschichte

Das Projekt „Konkurrierende Deutungsansprüche und Definitionsmächte im Kontext religiöser Pluralisierung: Agonien in historisch-kulturwissenschaftlicher Perspektive“ nimmt das Reformationsjubiläum im Jahr 2017 zum Ausgangspunkt. Ausgehend von der Reformation als historisches Phänomen und dem anstehenden Jubiläum 2017 wird es in verschiedenen Lehr-/Lernformen forschungs- und projektorientierter Lehre um mehrere Ebenen konkurrierender Deutungsansprüche und Definitionsmächte gehen: zum einen um (religiöse) Pluralisierungen und damit zusammenhängend um konkurrierende religiöse Deutungsangebote, die sich seit 1517 intensivieren (u.a. Religionskriege, Märtyrer, Widerstandstheorien, Freiheit des religiösen Gewissens usw.); zum anderen um konkurrierende Formen des Gedenkens (Reformationsjubiläen in der Geschichte und aktuell 500 Jahre Reformation 2017) vor dem Hintergrund theoretischer und methodischer Reflexion von Erinnerungskultur. Einen weiteren Aspekt stellen geschichtspolitische und konfessionspolitische Deutungskonflikte (also kritische wissenschaftsgeschichtliche Perspektiven im internationalen Vergleich) dar sowie Konflikte in der alltäglichen Praxis religiösen Lebens im Kontext religiöser Pluralisierung und Konfessionalisierung, insbesondere am Beispiel von Generationenkonflikten. Einen besonderen inhaltlichen Forschungsschwerpunkt innerhalb dieser Ebenen konkurrierender Deutungsansprüche und Definitionsmächte wird das Thema „Generation“ und „Gender“ einnehmen. Die Angebote der forschungsorientierten Lehre zu dem oben skizzierten Thema werden eingebunden sein in ein Forschungsprojekt (Qualifikationsarbeit) zu dem Thema „Reformation und Generation“, das zusammen mit einer britischen Kollegin, Prof. Dr. Alexandra Walsham, University of Cambridge/UK durchgeführt werden wird. [ausführliche Beschreibung]

Projektskizze Theologie

Das Projekt widmet sich dem Thema "Christiliche Identität im Feld der Agonien eines konfessionellen Pluralismus". - Im deutschen theologischen Selbstverständnis christlicher Kirchen wurden bisher die Konfessionen und ihre Traditionen als Trägerinstitutionen für die Ausbildung von christlich-religiöser Identität angesehen. Eine davon unabhängige Identität könne nur eine spiritualistische Abstraktion real lebbaren christlichen Bewusstseins darstellen, in der Bindung und Rückbindung an die Perspektive des Evangeliums und eine Selbstverantwortung innerhalb christlich-theologischer Wirklichkeitsdeutung nicht mehr möglich seien.

Dieser Sicht steht die Realität gegenüber, dass das Selbstverständnis der Christinnen und Christen immer weniger von den traditionellen konfessionellen Perspektiven geprägt wird, sondern sich die hier herausgeschälten Differenzen inzwischen auch innerhalb der einzelnen Konfessionskulturen Raum verschafft haben. Dies bedeutet auch, dass Theologiestudierende im Religionsunterricht mit dieser Auswirkung der gesellschaftlichen Pluralisierung zu tun bekommen und sich selbst fragen, in welcher Weise sie den Anforderungen an die Rolle von Religionslehrenden im konfessionellen Religionsunterricht entsprechen können, eine konfessionelle Identität zu repräsentieren. Dafür werden neue Forschungen zum Identitätsbegriff relevant, in denen dieser sich von einem quasi-ontologischen Verständnis hin zu dem von einer pluralen Matrix wandelt, die eben nicht nur theologisch erfassbare Selbstverständnisse reguliert. Unter Öffnung einer theologischen Binnenperspektive hin zu einer interdisziplinären Fragestellung, die vor allem kultur- und sozialwissenschaftliche Perspektiven berücksichtigt, wären diese Forschungen auf die gegenwärtige ökumenisch-kirchliche sowie auf die eigene Situation der künftigen Religionslehrerinnen und -lehrer zu beziehen. Das Projekt kann mit Forschungsarbeiten in Kirchengeschichte oder ökumenischer Theologie mit systematisch-theologischem oder religionspädagogischem Schwerpunkt durchgeführt werden. [ausführliche Beschreibung]

Projektskizze Philosophie

Wir müssen davon ausgehen, dass die Antagonismen in dieser Gesellschaft zunehmen und dass folglich die Konflikte in der Lebensorientierung der Menschen anwachsen und zudem in einer den Menschen fremden und diese von ihren Bedürfnissen entfremdenden Gestalt ablaufen. Welche Aufgabe kommt hier der Philosophie zu? Sie ist – klassisch – zunächst dem verpflichtet, was Humboldt die Bildung des wissenschaftlichen Geistes nannte. Zweitens ist sie Hegel verpflichtet: Lebendige und triftige Philosophie sollte ihre Zeit in Gedanken erfassen! Philosophie sollte gerade dort sich beweisen, wo es um die offenen Zukunftsfragen geht. Und drittens ist sie Adorno verpflichtet: Heutzutage kann Bildung nicht sein ohne Reflexion auf deren antinomisches Wesen.

Ausgangs- und Anknüpfungspunkt für das Projekt „Forschendes Lernen an Zukunftsfragen“ sind die aktuellen Orientierungskonflikte, die auf Studierende aller Fachbereiche einstürmen. Diesen Konflikten liegen ungelöste, „brennende“ gesellschaftliche Probleme zugrunde. Philosophische Forschung heißt hier, an diesen gesellschaftlichen Zukunftsfragen zu überprüfen: Was taugen 2500 Jahre Philosophie? In welcher neuen – und weiterentwickelten – Gestalt kann Philosophie ihren Beitrag zur Aufklärung leisten? In nuce geht es heutiger Philosophie darum, den von Kant geforderten „öffentlichen Vernunftgebrauch“ in einer Universität des 21. Jahrhunderts zu verwirklichen. Die forschungsorientierte Lehre am Institut für Philosophie konzentriert sich auf vier paradigmatische Debatten, in deren Zentrum Konflikte lebensweltlicher Wirklichkeitsdeutung und ihre philosophische Analyse stehen. [ausführliche Beschreibung]

Projektskizze Sportwissenschaft

Die Sportwissenschaft ist eine einzigartige Querschnittsdisziplin: Sie verknüpft zum einen sozial- und kulturwissenschaftliche mit naturwissenschaftlichen und medizinischen Perspektiven auf die Phänomene menschlicher Bewegung im Sport; und sie bietet aufgrund ihrer Theorie-Praxis-Verbindungen zum anderen die einmalige Chance, praktische und theoretische Erkenntnisweisen aufeinander zu beziehen. Indem Theorie und Praxis in ein dialogisches Verhältnis wechselseitiger Irritation, Befragung und Befruchtung gesetzt werden, rückt letztlich der Körper als eine eigenständige Ressource „praktischen Erkennens“ (Pierre Bourdieu) in den Fokus der Betrachtung und neue Forschungsfragen, etwa zum Zusammenhang von praktischem (leiblichem) sowie theoretischem Wissen und Erkennen, werden eröffnet. Gestützt auf diesen (sport-)soziologischen Ansatz bieten sich am Institut für Sportwissenschaft ganz besondere Möglichkeiten für forschungsorientierte Lehre: Das soll am Beispiel des Kampfsports verdeutlicht werden, dem in einer Welt zunehmender Antagonismen, Konflikte und Wettbewerbe eine geradezu paradigmatische Bedeutung als körperliche Aufführung und sinnliche Vergegenwärtigung mit diesen Interaktionsformen korrespondierender Muster des Wahrnehmens, Erkennens, Fühlens und Beurteilens zukommt. [ausführliche Beschreibung]