Semester: Wintersemester 2017/2018

4.03.221 Erkenntnis und Praxis: Descartes und Vico


Veranstaltungstermin

  • Dienstag: 16:00 - 18:00, wöchentlich

Beschreibung

Im Mittelpunkt des Seminars stehen die Lektüren von Giambattista Vicos Frühschriften De nostri temporis studiorum ratione (Vom Wesen und Weg der geistigen Bildung, 1708), Liber metaphysicus. De antiquissima Italorum sapientia (Die uralte Weisheit der Italiker, 1710) und das Hauptwerk Scienza Nuova (Prinzipien einer Neuen Wissenschaft über die gemeinsame Natur der Völker, 1744), die Kernpunkte seiner praxisorientierten Wissensmethodologie und hermeneutischen Sprach- und Kulturphilosophie markieren. Zu erörtern ist die Frage, welchen Einfluss die Erkenntnistheorie und der Gottesbeweis des französischen Philosophen René Descartes auf Vicos Bestimmung der Freiheit und die in ihr verborgenen Gefahren des Übels als Möglichkeit zum Absturz ins Chaos ausübte.
Mittels des Vergleichs soll deutlich werden, dass das bei Descartes vernachlässigte Problem der Moral und Geschichte die Erforschung des Wahren einseitig auf das Studium der Gewissheit physikalisch-naturwissenschaftlich erklärbarer Welt beschränkte. Demgegenüber zeichnet sich die menschliche Natur als Bezirk wechselnder Ungewissheiten, Unsicherheiten und Unbestimmtheiten aus, weshalb Vicos frühe Kritik an Descartes‘ Methode als der Beginn einer neuen Wissenschaftskonzeption zu betrachten ist, die sich speziell den Gebieten kultureller, historischer, ästhetischer und politischer Erfahrungen des Menschen widmet. Insofern wäre zu überlegen, ob sich Vicos Frühschriften auch als Ausgangspunkte kritischer Moralphilosophie bezeichnen lassen. Beide Schriften entfalten nicht nur Analysen der Tugenden und der Laster, sondern in ihnen werden die wandelungsfähige Natur des menschlichen Geistes und seine Leidenschaften gezeigt, wodurch Grundstränge gegeben sind, die in der späteren Neuen Wissenschaft thematisch weiterentwickelt werden. Weitere Fragen: Wie hängt Descartes‘ cogito ergo sum mit Vicos verum ipsum factum-Axiom zusammen, in dessen Konvertierbarkeit das wechselseitige Verständnis von Philosophie und Philologie als Praxis eingegangen ist. Wie richtet Vico den „gefallenen Menschen“ mit Hilfe der Philosophie wieder auf?
Erwartungen und Organisationsform:
Neugierde und Freude, sich auf das forschende Studium zweier Philosophen einzulassen. Regelmäßige Teilnahme und vorbereitende Seminarlektüre. Interesse an der europäischen Aufklärungsphilosophie, ästhetischen Semantiken, an griechischer und römischer Geschichte, Moral- und Erkenntnisphilosophie. Kurze Impulsreferate; bei Interesse können Leistungsnachweise in Form von Essays erbracht werden. Wir beginnen mit der Lektüre der „Meditationen“, gefolgt von Vicos Bildungsschrift, dem Metaphysik-Buch und ausgewählten Paragraphen der „Neuen Wissenschaft“.
Primärtexte:
Giambattista Vico: De nostri temporis studiorum ratione (Vom Wesen und Weg der geistigen Bildung) [1708]. Übertragung von Walter Otto mit einem Nachwort von C. FR. v. Weizsäcker und einem erläuternden Anhang von Fritz Schalk. Godesberg: Verlag Helmut Küpper 1947.
– Liber metaphysicus. Risposte [1710/12]. Aus dem Lateinischen und Italienischen ins Deutsche übertragen von Stephan Otto und Helmut Viechtbauer. München: Wilhelm Fink Verlag 1979.
– Prinzipien einer Neuen Wissenschaft über die gemeinsame Natur der Völker [1744]. Übersetzt von Vittorio Hösle und Christoph Jerman und mit Textverweisen von Christoph Jermann. Hamburg: Felix Meiner Verlag 1990 (2 Bände).
René Descates: Meditationes de prima philosophia [1641]. Meditationen. Mit sämtlichen Einwändungen und Erwiderungen. Übersetzt und herausgegeben von Christian Wohlers. Hamburg: Felix Meiner Verlag 2009.
Sekundärliteratur:
Peter König: Giambattista Vico. München: C. H. Beck Verlag 2005.
Dominik Perler: René Descartes [1998]. München: C. H. Beck Verlag, 2., erweiterte Auflage 2006.

DozentIn

Studienbereiche

  • Studium generale / Gasthörstudium

Für Gasthörende / Studium generale geöffnet:
Ja

Lehrsprache
deutsch

empfohlenes Fachsemester
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