Promotionsprojekt

Christina Beckers

Erinnert, imaginiert, gelebt. Familienbeziehungen in Abwesenheit im 18. Jahrhundert

"Wer das Exil kennt, hat manche Lebensantworten erlernt, und noch mehr Lebensfragen. Zu den Antworten gehört die zunächst triviale Erkenntnis, daß es keine Rückkehr gibt, weil niemals der Wiedereintritt in einen Raum auch ein Wiedergewinn der verlorenen Zeit ist."
(Jean Améry)

 "Nie verläßt man sich ganz
irgendwas von dir geht mit
es hat seinen Platz immer bei mir."
(Trude Herr)

Die in den Beständen der HCA überlieferten Briefe bezeugen die Mobilität der einfa­chen Leute, den global flow (A. Appadurai) an Menschen, und ihre Bereitschaft, ihre lokalen Ordnungen und Identitäten zurückzulassen, um in einer unbekannten Welt von Neuem zu beginnen. Von der Idee eingenommen, in der Ferne ihr Glück zu suchen, von der Aussichtslosigkeit in der Heimat getrieben oder vom Missions­gedanken motiviert, ließen sie nicht allein die gewohnte Umgebung, sondern auch ihre Familien hinter sich. 

Gleichzeitig bezeugen die Briefe das Bestreben der Fortgegangenen und der Zurückgelassenen, ein Teil der Welt des anderen bleiben zu wollen. So sind die Briefe als Überreste konkreter Face-to-Letter-Kommunikationsakte zu verstehen, über die Welten der Familien im Sinne eines geteilten Zeit-Raumes (timespace, T. Schatzki) konstituiert und lebendig wurden.  

Die Abwesenheit des anderen ist in den Briefen allgegenwärtig. Doch wird die gemeinsame Welt durch ein zu erwartendes Wiedersehen in der Zukunft zusammen­gehalten:

"[B]iß wir wider mahl bysamen sein/ könen da wird es waß zu erzelen geben, früte/un lid wie es eben im mischlchen [menschlichen] leben vorkömz" (aus dem Brief einer Schwester an ihren Bruder, 1798).

Die Bekundungen der eigenen Gesundheit und die explizit genannte Hoffnung, der Brief möge den Adressaten wiederum in guter Gesundheit antreffen, zeigen, dass sich die Menschen der Unsicherheit eines Wiedersehens durchaus bewusst waren. Diese häufig als formelhaft interpretierten und als aus Briefstellern stammenden Äußerungen werden hier als Praktik der Vergewisserung verstanden, die für die Eröffnung des Kommunikationsraumes und seine Ausgestaltung notwendig sind: Wäre der Zustand anders als durch den Schreiber angenommen, müsste das schrift­liche Gespräch anders verlaufen, im Fall des Todes des Adressaten wäre der Akt des Schreibens sogar hinfällig. Somit spielt die Angst vor dem Tod des Korrespon­denten eine herausgehobene Rolle in den Briefen, wenngleich man sich bewusst war, dass kein Lebenszeichen zu erhalten nicht zwingend auf den Tod schließen las­sen musste. So schreibt 1756 ein Sohn an seine Eltern:

"[...] i never Recevd a letter from you I have/ sent 2 too you I live as well as any/one can but to be so long fron hering/or see ing from you i thank you are/Ded I shall be Glad to heer from you/ but as i have sent 2 Letters to you/and never Receved an Answer i [prospect]/you are Ded I live Aoss welt as aney/ one Can in the world. [...]"

um wenige Sätze weiter die Eltern zu bitten 

"[...] Pray send to me som knives/ som buckl and Buting and Aney thing/ you think Proper for i can make God of/ money heer [...]".

Die über die Briefe konstruierten und imaginierte Zeit-Räume sind nicht als Parallel­welten ohne Überschneidungen zu verstehen. Die vor Ort erlebte Welt der Korres­pondenten mit ihren Zeit-Räumen findet Eingang in die Briefe und gewähren den Adressaten Einblicke in und Teilhabe am Alltagsleben ("ach dine kleine/caroline fangt an zu laufen un iß under/ in lustig" aus dem Brief einer Schwester an ihren Bruder 1798). Auch das Schreiben der Briefe ist in den Alltag eingebunden: 

"l. bruder ich kann dißmahl/nicht viel schreiben da wir jetzt die [fäese] tage vor unß/habe so habe ich viel zu tun daß kaun eine stude/zum [...] anwenden kann [...]nun l bruder es ist 12 uhr daß nagt so kann [...] viel/[...] schreiben ich muß doch ein jar [stud] schlafen" (Ebd.).

Das laufende Dissertationsprojekt "Erinnert, imaginiert, gelebt. Familienbeziehungen in Abwesenheit" untersucht die Praktiken innerhalb der Face-to-Letter-Kommunika­tion des ausgehenden 17. und 18. Jahrhundert, mit deren Hilfe Korrespondenten einen gemeinsamen Zeit-Raum errichteten und trotz der fehlenden unmittelbaren Kommunikation selbigen aufrecht erhielten. Für die Zeit-Räume der transatlantischen Familien und die Situierung der einzelnen Familienmitglieder hierin wird zu klären sein, wie sich Zeit- und Raumwahrnehmung des imaginierten und des "realen" Zeit-Raumes zu einander verhielten.

Über die Konstruktion des gemeinsamen Familien-Zeit-Raumes hinaus werden die Praktiken der Beziehungsaushandlung untersucht. Wenn im alltäglichen Familien­leben Emotionen, Positionen und damit verbundene Aufgaben deutlich erscheinen oder unmittelbar ausgehandelt werden können, ist zu fragen, welche Vorstellungen von Familie und Familienleben in die Briefe Eingang finden. Es ist anzunehmen, dass sich auch hier Bezüge zu und Überschneidungen in den parallelen Zeit-Räumen der Korrespondenten aufzeigen lassen, wenn einerseits erlebtes Familienleben berichtet oder andererseits durch Geschriebenes und die Art des Schreibens Positionierungen und Relationen deutlich werden. Diese geschriebenen Praktiken werden sich von gewöhnlichen Zeit-Raum-Situationen unterscheiden müssen, da eine unmittelbare Anerkennung über das Medium des Briefes ausgeschlossen ist: 

"Ach ich dachte manigmahl mein liebe kinder/vergesßen mich alle weil ich nach lebe was werden sie mir/balde vergeßen wan ich todt bin, allein liebes kind ich/denke wen ihr geschrieben habet das die briefe den wohl ver/lohren sind, liebes Kind ich habe auch all zwei mahl an Euch geschrieben/ und so ich vernehme aus dein Schreiben habet ihr sie auch nicht/bekommen, daß ist betrübet weil einen nach den andern so/ verlanget." (Brief einer Mutter an ihre Tochter, 1798).