Mediävistik

Habilitationsprojekt: "du hast genad und auch gewalt." Religiöses Wissen in den Marienliedern des Mönchs von Salzburg

In der Forschungsdiskussion zur Marienverehrung wird geradezu habituell die Diskrepanz zwischen der weltweiten Bedeutung des Kultes und der schmalen Quellenbasis herausgestellt, auf die er sich stützen kann. Das biblisch verbürgte Wissen über die Gottesmutter fixiert zwar wichtige Eckpunkte der Verehrung (z.B. die jungfräuliche Geburt), bildet aber gleichwohl nur den Kernbestand einer sich rapide etablierenden, stets neu von regionalen Interpretationen beeinflussten Wissenstradition. Zur Disposition steht damit allerdings nicht allein, welches Marienbild sich zu einer gegebenen Zeit an einem bestimmten Ort entwickelt und welche Interessen dabei eine Rolle spielen. In den Blick geraten überdies immer schon die Verfahrensweisen, mit deren Hilfe dieses je spezifische Wissen etabliert und argumentativ abgesichert wird.

Das Projekt untersucht die Genese und Tradierung des Wissens über Maria beispielhaft anhand der in der altgermanistischen Forschung bislang nicht umfassend wahrgenommenen Marienlieder des sogenannten Mönchs von Salzburg. Der Dichter-Komponist war im späten 14. Jh. am Hof des Salzburger Erzbischofs Pilgrim II. tätig. Die ihm zugeschriebenen Lieder sind demnach in einer Zeit entstanden, die zwar einerseits eine Hochphase der Marienfrömmigkeit markiert, in der diese exaltierte Verehrung der Jungfrau jedoch andererseits erster Kritik ausgesetzt ist in dem Bestreben, den christlichen Glauben wieder verstärkt auf seine eigentliche Zentralfigur, den Erlöser Jesus Christus, zurückzuführen. Zu klären ist damit nicht nur, wie die Lieder sich innerhalb dieser Diskussion positionieren. Auch der Untersuchung der literarischen Verfahren, die die Lieder zur Artikulation ihres Standpunktes nutzen, kommt vor diesem Hintergrund ein neues Gewicht zu, da sie womöglich dazu dienen sollen, zeitgenössischer Kritik an der geäußerten Position abzuwehren.

Das Interesse für die literarische Verfasstheit der Lieder wird zusätzlich dadurch verstärkt, dass das Mönch-Corpus in seiner Gesamtheit formal auffällig ist: Der Mönch von Salzburg gilt als erster namentlich bekannter deutschsprachiger Dichter, der in großem Umfang die lateinische geistliche Lieddichtung des Mittelalters rezipiert. Bei seinen 49 geistlichen Liedern handelt es sich überwiegend um auf die Originalmelodien sangbare Übersetzungen oder Kontrafakturen (d.h. Neutextierungen vorhandener Töne) von lateinischen Hymnen und Sequenzen. Einige der Vorlagen sind wohl auch der Tradition der böhmischen Cantiones (Strophenlieder) entlehnt. Gerade in seiner Breite stellt dieser Rekurs auf die lateinische Lyrik ein innovatives Element in der volkssprachlichen geistlichen Lieddichtung um 1400 dar, das der Mönch anscheinend bewusst ausstellt: Viele der regelrechten Translate sind sehr lateinnah gestaltet, lassen also (z.B. durch Lehnübertragungen) die ursprüngliche sprachliche Qualität des Ausgangstextes durchschimmern. Die intendierte Sangbarkeit impliziert zudem die Adaptation des Strophenbaus, den die Reprodukte in der Regel bis hin zu formalen Details (Auftaktregelung; Silbenzahl; Reimschema) repetieren. Zudem übernimmt der Mönch typische Schmuckelemente der lateinischen Liedkunst (wie etwa das Abecedarium oder Akrostichon) auch für jene Liede, die er frei gedichtet und komponiert hat: Das rhetorische Prunkstück des Corpus, das Guldein Abc (G 1), wird dadurch gleichsam ‚latinisiert‘, obwohl es offenbar ohne Rückgriff auf eine lateinische Vorlage entstanden ist. 

Insgesamt zielt das Projekt darauf, den Gebrauchscharakter der Marienlieder – d.h. die Frage nach Form, Inhalt und Funktion – aus einer dezidiert interdisziplinären Perspektive zu beschreiben, die germanistische, frömmigkeitsgeschichtliche sowie kulturhistorische Frageinteressen verbindet. Die Untersuchung geht dabei von der Frage aus, wie die dem Mönch zugeschriebenen Lieder und das in ihnen präsentierte Wissen über die Gottesmutter vor dem Hintergrund der Hinwendung zur lateinischen Liedkunst zu deuten sind. Die vielfach auf formale Imitation abzielende Übertragungsweise des Mönchs wird für mich insofern zum Ansatzpunkt, um insgesamt nach dem Sinn der Lieder zu fragen.