OME-Lexikon

Ostmitteleuropa

1. Begriff

Genese

Der Begriff „Mitteleuropa“ wurde in der Geographie und politischen Publizistik seit dem 19. Jahrhundert verwendet und gewann in der Kriegszieldebatte während des Ersten Weltkriegs, namentlich durch den Politiker Friedrich Naumann (1860–1919; Mitteleuropa, 1915) und Wissenschaftler wie den Nationalökonomen Max Sering (1857–1939; Westrußland in seiner Bedeutung für die Entwicklung Mitteleuropas, 1917), an Bedeutung. Die begriffliche Ausdifferenzierung „Ostmitteleuropa“ ist nach 1918 anzutreffen. Ausgangspunkt für die neue Begriffsbildung war das „Zwischeneuropa“ des Geographen Albrecht Penck (1858–1945) aus dem Jahr 1915. Mit diesem Begriff bezeichnete er den Raum vom Weißen Meer bis zum Bosporus als potentielle deutsche Einflusssphäre, deren Dimension im Vergleich zu „Mitteleuropa“ deutlich erweitert und dynamischer gefasst war.[1] Nach Kriegsende verfestigte sich der Begriff „Zwischeneuropa“ für „den langen Streifen zwischen Mittel- und Osteuropa“ von Finnland bis Griechenland.[2] Bei Max Sering ist für diese Region dann auch „östliches Mitteleuropa“ anzutreffen. Ab den 1930er Jahren verwendeten etwa der Geograph Werner Giere (gest. 1939; Einsatz und Aufgabe der Deutschen in Ostmitteleuropa, 1934) und die Historiker Kleophas Pleyer (1898–1942; Die Kräfte des Grenzkampfes in Ostmitteleuropa, 1937) und Herbert Ludat (1910–1993; Polens Stellung in Ostmitteleuropa in Geschichte und Gegenwart, 1939) „Ostmitteleuropa“. In allen Fällen sind politisch-ideologische Bezüge zur „deutschen Ostforschung“ und zum Nationalsozialismus unübersehbar. Dieser Zusammenhang macht deutlich, dass „Ostmitteleuropa“ in erster Linie aus einer politischen Begriffsbildung hervorgegangen ist, die sich auf historische, sozial- und kulturwissenschaftliche Argumente stützt. Verfestigt und zugleich verwissenschaftlicht hat sich der Begriff „Ostmitteleuropa“ dann in der Bundesrepublik, zunächst in den Publikationen des Marburger Johann-Gottfried-Herder-Forschungsrats und des von ihm unterhaltenen Herder-Instituts, seit 1996 dann auch im Geisteswissenschaftlichen Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas (GWZO) in Leipzig (siehe „Ostmitteleuropaforschung“). Ein begriffslogisch komplementäres „Westmitteleuropa“, das zunächst von Oskar Halecki (1891–1973)[3] auf Deutschland und Österreich und von Ferdinand Seibt (1927–2003) dann auf die Region zwischen Nordsee und Riviera bezogen wurde, hat sich aber in keinem der beiden Verständnisse durchgesetzt.

Nach 1989 ist auch der Begriff „Mittelosteuropa“ häufiger anzutreffen, der sich vermutlich aus einer begriffslogisch falschen Verkürzung von „Mittel- und Osteuropa“ herleitet, analog zu dem englischen Begriff „Central and East Europe“, der seit den 1930er Jahren Verwendung fand.

Fremdsprachige Entsprechungen

Die wichtigsten Entsprechungen sind engl. East Central Europe, poln. Europa środkowo-wschodnia, ungar. Kelet-Közép-Európa.

Der angelsächsische Begriff „East Central Europe“ wird seit dem Zweiten Weltkrieg verwendet und wurde nicht zuletzt von Oskar Halecki geprägt. Zugleich sind Interferenzen mit „Central Europe“ und „Eastern Europe“ zu erkennen. Der polnische Begriff entspricht geographisch in etwa dem deutschen Verständnis, stellt aber den Raum der jagiellonischen Herrschaft und der polnisch-litauischen Adelsrepublik in den Mittelpunkt. Im Französischen, Tschechischen und Slowakischen überwiegen dagegen Entsprechungen zu „Mitteleuropa“ (Europe centrale oder médiane bzw. Střední Evropa, Stredná Európa) (s. auch „Diskurse/Kontroversen“).

2. Definition

Die Semantik des Begriffes „Ostmitteleuropa“ ist nicht allein aus dem Wortsinn abzuleiten, er bezeichnet nicht nur den östlichen Teil Mitteleuropas im geomorphologischen Sinne. Vielmehr überwiegt sowohl in der deutschen wie auch in der internationalen Diskussion die Tendenz, den eigenständigen Charakter der Makroregion Ostmitteleuropa zwischen Mittel- und Osteuropa zu betonen. Dies ist nicht nur ein Resultat der Begriffsgeschichte („Zwischeneuropa“), sondern wird mit historischen und strukturellen Spezifika begründet (s. „Diskurse/Kontroversen“). Besonders ausgeprägt ist diese Position bei Jenő Szűcs (1928–1988), sie wird aber auch von anderen Autoren geteilt.

Insofern ist Ostmitteleuropa nicht allein geographisch zu bestimmen, sondern vielmehr historisch, politisch und kulturell. Das gilt entsprechend auch für die Abgrenzung von Ostmitteleuropa gegen benachbarte Regionen. Nicht nur in geschichtswissenschaftlicher Perspektive stellt sich dabei das Problem, dass diese Abgrenzungen nicht trennscharf zu ziehen sind und sich folglich stellenweise recht vielschichtige Überlappungen mit Mitteleuropa, Nordosteuropa, Südosteuropa und Osteuropa ergeben.

Gegenüber „Mitteleuropa“ betont „Ostmitteleuropa“ einerseits die Besonderheiten der Regionen östlich von Elbe und Saale. Da aber das „Mitteleuropa“-Verständnis andererseits sich nach dem Zweiten Weltkrieg und dann vor allem mit der Wiederbelebung des Begriffs in den 1980er Jahren insgesamt „ostwärts“ (Karl Schlögel) verlagert hat (s. „Diskurse/Kontroversen“), kennzeichnet „Ostmitteleuropa“ eine höhere definitorische Exaktheit.

Mit einer von „Mitteleuropa“ abweichenden Semantik wird im österreichischen Sprachgebrauch „Zentraleuropa“ verwendet.[4] Dieser Begriff geht letztlich auf Tomáš G. Masaryks (1850–1937) Konzeption eines „Neuen Europa“ (Das neue Europa. Der slavische Standpunkt, 1922) als Gegenbild zu dem Naumann’schen Mitteleuropa zurück. Seinen Kern bildeten nicht imperiale Raumvorstellungen, sondern die Selbstbehauptung der kleinen Nationen zwischen den Großmächten Deutschland und Russland.

Mit „Osteuropa“ oder dem „östlichen Europa“ bestehen einerseits Überschneidungen durch den slawischen Sprachraum als Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung und durch den sowjetisch dominierten „Ostblock“ während des Kalten Kriegs. Anderseits wird auf die Grenze zwischen römisch-katholischem und orthodoxem Christentum als markante Grenze zwischen Mittel- und Osteuropa verwiesen (Krzysztof Pomian). In der deutschen Diskussion wird „Osteuropa“ zum einen als Oberbegriff für die Regionen östlich von Deutschland verwendet, zum anderen aber auch mit dem Gebiet Russlands beziehungsweise der Sowjetunion gleichgesetzt.

Geht es bei dem Verhältnis von Ostmitteleuropa zu Mittel- beziehungsweise Osteuropa zumindest partiell um begriffliche Taxonomien, so resultieren aus den Abgrenzungen von Ostmitteleuropa nach Norden und Süden dagegen geographische Überlappungen: Dies betrifft zum einen die baltische Region (hier: die Staaten Estland, Lettland und Litauen), die auch Nordeuropa oder Nordosteuropa zugeordnet wird, und zum anderen insbesondere Ungarn und Siebenbürgen bei der Abgrenzung zu Südosteuropa. Angesichts dieser definitorischen Schwierigkeiten haben Historiker wiederholt vorgeschlagen, von einer pragmatischen Definition der Region (Rudolf Jaworski, Alexei Miller) oder einer epochenabhängigen Definition („tidal Europe“, Norman Davies)[5] auszugehen.

Insgesamt lassen sich so zu einem Raum „Ostmitteleuropa“ im weitesten Sinne die Regionen zwischen Ostsee, Adria und Schwarzem Meer zählen, das heißt der Ländergürtel von Finnland und Estland im Norden bis Ungarn, Kroatien und Rumänien im Süden einerseits und von der Germania Slavica im Westen bis zu den „Kresy“ der polnisch-litauischen Adelsrepublik im Osten andererseits. Im engeren Sinne umfasst Ostmitteleuropa die folgenden historischen Regionen: Polen-Litauen, die böhmischen Länder und Ungarn sowie Siebenbürgen. In den gegenwartsbezogenen Wissenschaftsdisziplinen sind dementsprechend mit Ostmitteleuropa in der Regel die Staaten der Visegrád-Gruppe (Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn) sowie mitunter auch die baltischen Staaten, Weißrussland, die Ukraine, Slowenien und Kroatien gemeint.

3. Historischer Abriss

Den skizzierten unterschiedlichen Auffassungen von Ostmitteleuropa und seiner räumlichen Erstreckung muss ein historischer Abriss Rechnung tragen.

Frühes Mittelalter

Ostmitteleuropa ist zunächst gekennzeichnet durch die Ausdehnung slawischer Gruppen bis an Elbe und Saale und an die Donau. Ab der Mitte des 9. Jahrhunderts gerieten sie dann in den Einflussbereich des ostfränkischen Reichs, das sich von der Christianisierung dieser Regionen religiösen und politischen Gewinn versprach. Vor diesem Hintergrund nahmen die politischen und wirtschaftlichen Kontakte zu. Zugleich kam es zu Herrschaftsbildungen in Böhmen und Mähren (Großmährisches Reich) und Pannonien („Landnahme“ der Ungarn 896). Die Kontakte intensivierten sich durch die Christianisierung Böhmens, die Auseinandersetzungen mit den Magyaren und schließlich durch die Ausdehnung des Herrschaftsbereichs der ottonischen Könige auf die Gebiete der Elb- und Ostseeslawen im 10. Jahrhundert mit der Gründung von Bistümern und der Bildung von Grenzmarken.

Mittelalterliche Nationen

In der Folge kam es zu römisch-christlichen Nationsbildungen in Böhmen, Polen und Ungarn. In Abgrenzung von früheren kirchlichen Einflüssen aus dem fränkisch-sächsischen Reich wurden im Jahr 1000 die Erzbistümer Gnesen/Gniezno und Gran/Esztergom gegründet, die zu Kristallisationskernen der mittelalterlichen Nationen der Polen und Magyaren wurden. In Prag/Praha hatte die Bistumsgründung von 977 im Zusammenhang mit dem einsetzenden Wenzelskult eine ähnliche Bedeutung. Diese christlichen Nationen der Polen, Tschechen und Magyaren wurden so in das lateinische Europa integriert, während die Christianisierung der Rus’ von Byzanz aus zur Ausbildung einer konfessionellen Grenze führte. Diese Prozesse von Christianisierung und Nationsbildung erfassten jedoch nicht alle Regionen Ostmitteleuropas gleichmäßig: In den Ostseeregionen – abgesehen von Danzig/Gdańsk – dauerte die Christianisierung bis ins 12./13. Jahrhundert an und beruhte in Preußen und Livland auf der Schwertmission von Ritterorden. Die litauischen Großfürsten nahmen erst am Ende des 14. Jahrhunderts dauerhaft das Christentum an. Im Bereich der Elb- und Ostseeslawen und entlang der Ostseeküste blieben mittelalterliche Nationsbildungen aus.

Hochmittelalterliche Kolonisation

Um die Mitte des 12. Jahrhunderts begann die Epoche des als (deutsche) „Ostsiedlung“ oder „Ostkolonisation“ bekannten hochmittelalterlichen Landesausbaus. In dessen Folge kam es zu einer Intensivierung und Modernisierung der Landwirtschaft sowie zu einer mit einem rechtlichen Wandel einhergehenden Urbanisierung. Die Neusiedler kamen zunächst aus Nord- und Westdeutschland sowie den Niederlanden und Flandern, später gewann die Binnenkolonisation an Bedeutung. Die räumliche Ausdehnung dieser Kolonisation lässt sich an dem sprachlichen Wandel der Bezeichnung für die Stadt ablesen: So wie im Deutschen „Stadt“ das ältere „Burg“ in Städtenamen ersetzte, so trat im Westslavischen „miasto“ / „město“ an die Stelle von „gród“ / „hrad“, während im Ostslavischen „gorod“ die Bezeichnung für Stadt geblieben ist.[6]

Die Wirkung dieser Prozesse zeigt sich in einem umfassenden Strukturwandel, der neben der wirtschaftlichen Entwicklung gesellschaftliche Prozesse von sozialer Akkulturation und ethnischem Wandel (sog. Neustammbildung), die jüdische Immigration seit dem 14. Jahrhundert und die Formierung von nationalem Bewusstsein umfasst.

Frühe Neuzeit

Durch das Erlöschen der mittelalterlichen Herrscherdynastien wuchs der Einfluss des regional verankerten Adels in Ungarn, Böhmen und Polen. Im Laufe des 15. Jahrhunderts bildeten sich so ständedemokratische Verfassungen mit umfangreichen Partizipations- und Kontrollmechanismen heraus, die in Polen und in Ungarn von einer breiten Schicht gleichberechtigter Adliger getragen wurden. Die „Krone“ bezeichnete nicht mehr die Herrschaft des Königs, sondern das durch die Stände repräsentierte Land. Die Personalunion von Krewo mit Litauen 1385 führte zu einer territorialen Ausdehnung Polens auf weißrussische und ukrainische Gebiete, die mit einer sozialen und kulturellen Angleichung der adligen Eliten einherging. Während der politische Spielraum der Stände in Böhmen und Ungarn unter der Herrschaft der Habsburger eingeschränkt wurde, etablierte sich in Polen-Litauen nach der Realunion von Lublin 1569 die „adlige Republik beider Nationen“ mit gemeinsamem Reichstag (Sejm) und freier Königswahl, an der jeder Adlige viritim teilnehmen konnte. Mit der ständischen Libertät ging eine religiöse Toleranz einher, in deren Folge die polnischen Juden einen eigenen Sejm begründen konnten.

Vom 16. bis 18. Jahrhundert ist die Region Schauplatz mächte- und religionspolitischer Auseinandersetzungen: In Böhmen führte die Niederlage der Stände gegen die Habsburger zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges in der Schlacht am Weißen Berg (1620) zu einem Durchsetzen der Gegenreformation. Seit dem Livländischen Krieg (1558–1583) befand sich Polen-Litauen in einem lang andauernden Konflikt mit dem Moskauer Zartum um die östlichen Gebiete der Adelsrepublik von Livland bis zur Ukraine sowie mit Schweden durch die konkurrierenden Thronansprüche der Vasa-Herrscher in Polen und Schweden. In dieser Epoche verfestigte sich der Katholizismus als Staatsreligion in Polen. Nach dem Großen Nordischen Krieg (1700–1721) geriet Polen-Litauen durch den Druck Russlands, Brandenburg-Preußens und Österreichs in eine Souveränitätskrise und wurde in den Teilungen 1772, 1793 und 1795 schließlich vollständig aufgeteilt.

Das ‚lange‘ 19. Jahrhundert

Der Wiener Kongress 1815 bestätigte die Teilung Polens. Die sich formierenden Nationalbewegungen kollidierten nicht nur mit der reaktionären Politik in den jeweiligen Staaten, sondern auch mit der anti-revolutionären Politik der Heiligen Allianz. In Polen kam es zu mehreren revolutionären Aufständen zwischen 1830 und 1863, in Böhmen und Ungarn äußerten sich die Bestrebungen nach nationaler Freiheit in den Revolutionen von 1848, die jedoch in Prag und Budapest ebenso scheiterten wie in Wien, Frankfurt und Berlin. Die Einführung des Ausgleichs in der Habsburgermonarchie 1867 erweiterte zum einen nationale Handlungsspielräume für die Ungarn und für die Polen in Galizien, führte aber auch zu einer Unterdrückung der nicht-ungarischen Minderheiten in Transleithanien. In Preußen-Deutschland dagegen waren die politischen Entfaltungsmöglichen für Polen eng begrenzt; Gleiches galt für die Polen und die sich formierenden baltischen Nationen im Zarenreich. Dennoch verbreiterte sich einerseits die soziale Basis der früheren Adelsnationen Polen und Ungarn um die bäuerliche und stadtbürgerliche Bevölkerung, und andererseits formierten sich junge Nationen aus den bäuerlichen Schichten, von den Finnen bis zu den Slowaken. Zugleich gab es aber innerhalb der Imperien auch vielfache transnationale Verflechtungen, sodass ethnisch-sprachliche Grenzen häufig nur unscharf zu erkennen waren.

20. Jahrhundert

Nach dem Zusammenbruch der östlichen Großmächte im Ersten Weltkrieg formierten sich in Ostmitteleuropa Nationalstaaten, in denen jedoch – von dem durch den Vertrag von Trianon (1920) reduzierten Ungarn abgesehen – nationale Minderheiten einen bedeutenden Teil der jeweiligen Staatsbürger ausmachten. Daher spielten Minderheitenfragen eine wichtige Rolle in den neuen Staaten und in internationalen Debatten. Mit Ausnahme der Tschechoslowakei entstanden in allen Staaten der Region seit Mitte der 1920er Jahre autoritäre Regierungsformen, allerdings mit recht unterschiedlichen Ausprägungen. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Ostmitteleuropa vom nationalsozialistischen Deutschland besetzt, dessen Politik der Zwangsumsiedlungen, der Verfolgung und Inhaftierung in Konzentrationslagern, Rekrutierung von Zwangsarbeitern und des Völkermords große Teile der Bevölkerung zum Opfer fielen. Infolge des Hitler-Stalin-Paktes besetzte die Sowjetunion den Osten Polens und die baltischen Staaten und stellte diese Herrschaft nach dem Zurückdrängen der deutschen Wehrmacht wieder her. Das Ende des Zweiten Weltkriegs führte zur Flucht und weitgehenden Zwangsaussiedlung der deutschen Bevölkerung aus der Tschechoslowakei und den von Polen und der Sowjetunion eingenommenen deutschen Ostgebieten. Die Sicherung dieser Nachkriegssituation wurde zugleich zu einer zentralen Legitimationsgrundlage für die Volksdemokratien unter sowjetischer Hegemonie nach 1945.

In allen Ländern Ostmitteleuropas kam es zu zahlreichen Protesten gegen die staatssozialistischen Regime, aber auch zu Anpassungsstrategien. Die Entstehung der Gewerkschaft Solidarność leitete in Polen 1980 den Niedergang der sozialistischen Regime ein. Nach den friedlichen Umwälzungen von 1988/1989 kam es zu einer erneuten Demokratisierung in der Region und zu tiefgreifenden wirtschaftlichen Reformen sowie schließlich zur Aufnahme in das westliche Verteidigungsbündnis und in die Europäische Union. Diese Prozesse verliefen jedoch nicht ohne tiefgehende politische und soziale Konflikte über den gesellschaftlichen Strukturwandel, die Integration in europäische Strukturen und über die Deutung der Vergangenheit, vor allem der Epochen vom Zweiten Weltkrieg bis zum Ende des Kalten Kriegs.

4. Diskurse/Kontroversen

Namentlich in der deutschen Geschichtswissenschaft hat sich eine Diskussion über spezifische Strukturmerkmale Ostmitteleuropas entwickelt. Als solches wird insbesondere die Polyethnizität seit der Entstehung der Germania Slavica angeführt; zu nennen sind außerdem die Anwesenheit von Fremden seit dem frühen Mittelalter und die jüdisch-aschkenasische Zuwanderung seit dem 14. Jahrhundert. Als weitere Kennzeichen gelten religiöse Vielfalt und Toleranz in der Frühen Neuzeit sowie die Traditionen ständischer Libertät und schließlich transnationale Verflechtungen im ‚langen‘ 19. Jahrhundert.

Diese Strukturen sind jedoch durch nationalistische Politiken, die sowjetische Hegemonie und vor allem durch die nationalsozialistische Vernichtungspolitik  sowie Vertreibungen und Zwangsassimilationen zwischen 1938 und 1949 weitgehend – aber nicht vollständig – aufgelöst worden. Als erinnerte Geschichte haben Polyethnizität, Toleranz und Freiheitsstreben bis heute eine die Region konstituierende Bedeutung.

Wirtschaftlich ist die Region vor allem durch den Aufstieg der Gutswirtschaft und die Einschränkung bäuerlicher Freiheit in der Frühen Neuzeit geprägt. Daran hat sich eine umfangreiche Diskussion über die These der Rückständigkeit und Reformunfähigkeit Ostmitteleuropas entwickelt, die Gegenstand zahlreicher kritischer Betrachtungen geworden ist. Die von Werner Conze (1910–1986) und ähnlich auch schon zuvor von István Bibó (1911–1979) konstatierte „Strukturkrise Ostmitteleuropas“ (1953) erscheint so als Folge der Dominanz der Großmächtepolitik in der Region. So begründet auch Jenő Szűcs (Die drei historischen Regionen Europas, 1990) die unvollständige Angleichung Ostmitteleuropas an das westliche Europa.

Kontrovers diskutiert worden ist in jüngster Zeit, ob es einen direkten Zusammenhang zwischen der geschichtlichen Entwicklung Ostmitteleuropas und den Nationalismen und „ethnischen Säuberungen“ (Norman Naimark) beziehungsweise der Vernichtungspolitik Stalins (1878–1953) und Hitlers (1889–1945) gibt. Als „Bloodlands“ bezeichnet Timothy Snyder die baltischen Staaten, Polen, Weißrussland, Ukraine und das westliche Russland, also ein Gebiet, das weitgehend deckungsgleich mit der weitesten Ausdehnung der polnisch-litauischen Adelsrepublik ist.[7]

Kontroversen über den Begriff „Ostmitteleuropa“ lassen sich des Weiteren bezüglich der Abgrenzung nach Osten sowie in dem Verhältnis zu „Mitteleuropa“ erkennen: Während die deutsche Diskussion vor allem auf die größeren geschichtlichen Zusammenhänge östlich von Elbe und Saale beziehungsweise der heutigen deutschen Ostgrenze hinweist (Klaus Zernack), ist die Funktion des „Mittel“- beziehungsweise „Ostmitteleuropa“-Begriffs in Polen, Tschechien und Ungarn eher umgekehrt: Er betont dort die historischen und aktuellen Zusammenhänge mit den westlich gelegenen Nachbarregionen.

In der angelsächsischen Diskussion hat Hugh Seton Watson (1916–1984) bereits 1970 für einen Verzicht auf den Begriff „Ostmitteleuropa“ zugunsten von „Mitteleuropa“ plädiert und argumentiert, dass mit der Ausdehnung des „Westens“ im politischen Sinne nach 1945 die Unterteilung Haleckis in Westmittel- und Ostmitteleuropa überholt sei und Mitteleuropa so die Nationen östlich des Eisernen Vorhangs und westlich der Sowjetunion bezeichne.[8] Diese Abkehr zeigt sich auch in der – mit dem politischen Sprachgebrauch einhergehenden – zunehmenden Dominanz von „Central Europe“ anstelle von „East Central“ oder „Eastern Europe“, die Timothy Garton Ash scharf beobachtet hat.[9]

Wolfgang Schmale schließlich hat die Frage aufgeworfen, ob nach der EU-Erweiterung noch von Ostmitteleuropa gesprochen werden könne. Michael G. Müller hat das Problem zuletzt grundsätzlicher erörtert und kritisch gefragt, ob es eine regionale ostmitteleuropäische Identität jenseits nationaler Erfahrungsräume gebe. Ein geschichtswissenschaftliches Konzept Ostmitteleuropa ließe sich dann sinnvoll verwenden, wenn es nicht mit dem Anspruch zeitlicher Kontinuität und räumlicher Einheit verbunden ist.

Der gegenwärtige Bedeutungszuwachs der Ostmitteleuropa-Diskurse verdankt sich einerseits dem Umbruch von 1989, durch den die politischen und kulturellen Strukturen vor 1938 wieder an Bedeutung gewonnen haben. Andererseits hat die historisch-kulturelle Rekonstruktion der Region bereits in den 1980er Jahren eingesetzt. In (West-)Deutschland und Österreich haben Karl Schlögel, Martin Pollack und andere Autoren die Blickrichtung der zuvor deutschlandzentrierten Mitteleuropadiskussion nach Osten geführt. In Polen, der Tschechoslowakei und in Ungarn haben Intellektuelle wie György Konrád, Milan Kundera und Czesław Miłosz unter der Losung „Mitteleuropa“ die historisch-kulturellen Zusammenhänge über den Eisernen Vorhang hinweg betont. Diese Diskussion ging mit der „Beschwörung“ (Charles Taylor) der Zivilgesellschaft als Strategie zur Überwindung der sozialistischen Regime einher. Während in Polen Ostmitteleuropa seit den 1990er Jahren vor allem mit dem Territorium der frühneuzeitlichen Adelsrepublik identifiziert und so im Kontext der nationalen Geschichte steht, wird in der tschechischen Diskussion zwischen nationaler (tschechischer) Geschichte und mitteleuropäischer Geschichte, die dann auch die Geschichte der Deutschen in Böhmen umfasst, unterschieden.

Vor diesem Hintergrund ist „Ostmitteleuropa“ nach wie vor ein vielschichtiger, spannungsgeladener Begriff: Er ist einerseits eine wissenschaftlichen oder politischen Konzeptionen entstammende Begriffskonstruktion, andererseits aber auch Teil eines Begriffsfeldes identitätsbildender Selbstzuschreibungen, also einer „mental map“, die gesellschaftliche Wertsysteme, nicht aber naturräumliche Tatsachen abbildet.

5. Bibliographische Hinweise

Literatur

  • Iván T. Berend: What is Central and Eastern Europe? In: European Journal of Social Theory 8 (2005), S. 401–416.
  • Berichte und Beiträge des Geisteswissenschaftlichen Zentrums Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas an der Universität Leipzig. Leipzig 1996.
  • István Bibó: Die Misere der osteuropäischen Kleinstaaterei. Frankfurt am Main 1992 (ungarisch 1946).
  • Werner Conze: Die Strukturkrise des östlichen Mitteleuropas vor und nach 1919. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 1 (1953), S. 319–338.
  • Werner Conze: Ostmitteleuropa. Von der Spätantike bis zum 18. Jahrhundert. München 1992.
  • Michel Foucher: Fragments d'Europe. Atlas de l'Europe médiane et orientale. Paris 1993.
  • Oskar Halecki: The Limits and Divisions of European history. London, New York 1950; deutsch: Europa - Grenzen und Gliederung seiner Geschichte. Darmstadt 1957.
  • Oskar Halecki: Borderlands of Western Civilization. A History of East Central Europe. New York, NY 1952; deutsch: Grenzraum des Abendlandes. Eine Geschichte Ostmitteleuropas. Salzburg 1956.
  • Rudolf Jaworski: Ostmitteleuropa im Fokus. Ausgewählte Aufsätze. Hg. von Eckhard Hübner, Mathias Niendorf, Hans-Christian Petersen. Osnabrück 2009.
  • Jerzy Kłoczowski (Hg.): Historia Europy Środkowo-Wschodniej [Geschichte Ostmitteleuropas]. 2 Bde. Lublin 2000.
  • Jürgen Kocka: Das östliche Mitteleuropa als Herausforderung für eine vergleichende Geschichte Europas. In: Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung 49 (2000), S. 159–174.
  • Paul Robert Magocsi: Historical Atlas of Central Europe. 2. erw. Aufl. Seattle, WA 2002.
  • Michael G. Müller: Where and when was (East) Central Europe? In: Johánn P. Árnason, Natalie J. Doyle (Hg.): Domains and Divisions of European History. Liverpool 2010, S. 112–125.
  • Emil Niederhauser: A History of Eastern Europe since the Middle Ages. Boulder, CO 2003 (East European Monographs 634).
  • Joachim von Puttkamer: Ostmitteleuropa im 19. und 20. Jahrhundert. München 2010 (Oldenbourg Grundriss der Geschichte 38).
  • Harald Roth (Hg.): Studienhandbuch östliches Europa. Bd. 1: Geschichte Ostmittel- und Südosteuropas. Köln 1999 (Böhlau Studienbücher: Grundlagen des Studiums).
  • Wolfgang Schmale: Die Europäizität Ostmitteleuropas. In: Jahrbuch für Europäische Geschichte 4 (2003), S. 189–214.
  • Hans-Dietrich Schultz, Wolfgang Natter: Imagining Mitteleuropa: Conceptualisations of 'its' Space in and outside German Geography. In: European Review of History 10 (2003), No. 2, S. 273–292.
  • Peter F. Sugar, Donald W. Treadgold (Hg.): A History of East Central Europe. 8 Bde. Seattle, WA 1974–2001.
  • Jenő Szűcs: Die drei historischen Regionen Europas. Frankfurt/M. 1990 (ungarisch 1981).
  • Stefan Troebst: Introduction: What's in a Historical Region? A Teutonic Perspective. In: European Review of History 10 (2003), H. 2, S. 173–188.
  • Stefan Troebst: Region und Epoche statt Raum und Zeit – „Ostmitteleuropa“ als prototypische geschichtsregionale Konzeption. In: Themenportal Europäische Geschichte (2006). URL: http://www.europa.clio-online.de/2006/Article=161.
  • Piotr S. Wandycz: The Price of Freedom. A History of East Central Europe from the Middle Ages to the Present. 2. Aufl. London 2001.
  • Klaus Zernack: Osteuropa. Eine Einführung in seine Geschichte. München 1977 (Beck’sche Elementarbücher).

Zeitschriften

  • Central Europe (2003ff.)
  • Central & Eastern European Review (2007ff.)
  • Debatte: Journal of Contemporary Central and Eastern Europe (1993ff.)
  • East Central Europe (1974ff.)
  • Jahrbücher für Geschichte Osteuropas (1936ff.)
  • Journal of Central European Affairs (1941-1964)
  • New Eastern Europe (2011ff.)
  • Osteuropa (1953ff.)
  • Slavic and East European Journal (1957ff.)
  • Slavonic and East European Review (1922ff.)
  • Transit (1990ff.)
  • Zeitschrift für Ostforschung, ab 1995: Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung (1952ff.)

Weblinks

  • http://www.ceeol.com/ (Central and Eastern European Online Library. Plattform mit Zugang zu zahlreichen Zeitschriften aus und zu Ostmitteleuropa)
  • http://www.herder-institut.de/startseite.html (Webseite des Herder-Instituts, Marburg, mit einer Literaturdatenbank und zahlreichen digitalen Materialien)
  • ostdok.de (Plattform für elektronische Volltexte der deutschsprachigen Osteuropaforschung)
  • https://www.vifaost.de/ (Virtuelle Fachbibliothek Osteuropa, fachübergreifendes Regionalportal zur Osteuropaforschung)

Anmerkungen

[1] Albrecht Penck: Politisch-geographische Lehren des Krieges. In: Meereskunde 9 (1915), H. 10, S. 1–40, hier S. 26.

[2] Max Sering: Agrarrevolution und Agrarreform in Ost- und Mitteleuropa. Berlin 1929, S. 1.

[3] Halecki: Europa, S. 117–121.

[4] Philipp Ther: Von Ostmitteleuropa nach Zentraleuropa – Kulturgeschichte als Area Studies. In: Themenportal Europäische Geschichte (2006). URL: http://www.europa.clio-online.de/2006/Article=170; Rudolf Jaworski: Zentraleuropa – Mitteleuropa – Ostmitteleuropa. Zur Definitionsproblematik einer Großregion. In: Kakanien revisited (25.4.2002). URL: http://www.kakanien.ac.at/beitr/fallstudie/RJaworski1.pdf.

[5] Stefan Troebst: „Geschichtsregion“. Historisch-mesoregionale Konzeptionen in den Kulturwissenschaften. In: Europäische Geschichte Online (EGO) (03.12.2010). URL: http://www.ieg-ego.eu/troebsts-2010-de, Absatz 14.

[6] S. die Karte bei Christian Lübke: Die Deutschen und das europäische Mittelalter. Das östliche Europa. München 2004, S. 523.

[7] Timothy Snyder: Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin. München 2011 (Schriftenreihe/Bundeszentrale für Politische Bildung 1213). Dazu die Debatte in: Journal of Modern European History 10 (2012), H. 3–4, und 11 (2013), H. 1.

[8] Hugh Seton-Watson: Is there an East Central Europe? In: Sylva Sinanian, Istvan Deak, Peter Ludz (Hg.): Eastern Europe in the 1970s. New York, NY 1972, S. 3–12.

[9] Timothy Garton Ash: The Puzzle of Central Europe. In: New York Review of Books 46 (1999), H. 5, S. 18-23. Zu sehen ist der begriffliche Wandel auch an Paul Robert Magocsi: Historical Atlas of East Central Europe. Seattle, WA 1995; die 2. Auflage erschien 2002 unter dem Titel: Historical Atlas of Central Europe.

Zitation

Jörg Hackmann: Ostmitteleuropa. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2015. URL: ome-lexikon.uni-oldenburg.de/p32790 (Stand 29.05.2015).

Nutzungsbedingungen für diesen Artikel

Copyright © Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa (BKGE), alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk entstand im Rahmen des Projekts „Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa“ und darf vervielfältigt und veröffentlicht werden, sofern die Einwilligung der Rechteinhaber vorliegt. Bitte kontaktieren Sie: ome-lexikon(at)uni-oldenburg.de

Wenn Sie fachliche Hinweise oder Ergänzungen zum Text haben, wenden Sie sich bitte unter Angabe von Literatur- und Quellenbelegen an die Redaktion.