Arbeitsgruppe Sozialwissenschaftliche Theorie

Arbeitstagung: Akteur - Individuum - Subjekt. Fragen zu 'Personalität' und 'Sozialität'

Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, 29./30. Januar 2010

PROGRAMM:


Freitag, 29.01.2010

13.00 Begrüßung

13.10 - 13.50

    Uwe Schimank
    "Ein integratives soziologisches Akteurmodell: Minimal-Anthropologie und 'Vereinigungskonvergenz'"

13.50 - 14.30

    Wolfgang Ludwig Schneider
    "Akteure oder Personen/psychische Systeme?"

14.30 - 15.00 Pause

15.00 - 15.40

    Wil Martens
    "Sozialsystem, Handlung und Subjektivität"

15.40 - 16.20

    Gregor Bongaerts
    "Vom Sichtbaren und Unsichtbaren sozialer Akteure - Überlegungen zum Akteursbegriff im Rahmen von Bourdieus Theorie der Praxis"

16.20 - 16.40 Pause

16.40 - 17.20

    Frank Meier
    "Die Akteure des soziologischen Neo-Institutionalismus"

17.20 - 18.00

    Gesa Lindemann
    "Die Akteure der funktional differenzierten Gesellschaft"

18.00 - 18.10 Kurze Pause

18.10 - 18.50

    Anna Henkel
    "Freigestellte Person. Soziologische Reflektion einer marginalisierten Zurechnungsadresse"

18.50 - 19.20 Resümee

20.00 Gemeinsames Abendessen

Samstag, 30.01.2010

09.00 - 09.40

    Andrea Maurer & Michael Schmid
    "Akteure in soziologischen Erklärungen"

09.40 - 10.20

    Dietmar J. Wetzel
    "Personalität", "Sozialität" und "Drittes": das Beispiel der Anerkennungsverhältnisse

10.20 - 10.40 Pause

10.40 - 11.20

    Henning Laux
    "Latours Akteure"

11.20 - 12.00

    Jens Greve
    "Menschliche Aktorenschaft"

12.00 - 12.20 Pause

12.20 - 12.50 Abschlussdiskussion

Ankündigungstext:

Es ist üblich in der Soziologie - insb. in Ansätzen mit handlungstheoretischer Ausrichtung -, von Akteuren, Individuen, Subjekten oder Personen auszugehen. Sozialitätskonzeptionen werden vielfach auf der Grundlage der Vorstellung rational bzw. bewusst handelnder Akteure entfaltet. Der Bereich des Sozialen wird als eine Folge der Wechselbeziehungen zwischen den sozialen Individuen und der daraus entstehenden Dynamiken und Strukturierungseffekte begriffen. So selbstverständlich diese Beschreibung klingen mag, so wenig scheint geklärt, auf welchen Voraussetzungen die Sozialitätskonzeptionen basieren. Wenn in den unterschiedlichen Ansätzen von Akteuren oder Individuen die Rede ist, was verbirgt sich genau hinter diesen Begriffen?

Das Ziel der Tagung ist es, die Personalitätstermini der verschiedenen soziologischen Ansätze zu beleuchten und deren Verhältnis zueinander zu erörtern. Es soll thematisiert werden, welche unterschiedlichen Modelle zur Anwendung kommen und welche Annahmen hierbei konzeptionell mit einfließen, um in einem zweiten Schritt herausarbeiten zu können, welche Differenzen oder Überschneidungen die einzelnen Personalitätskonzeptionen aufweisen.

Insb. der Akteurbegriff findet in der Soziologie eine breite Verwendung, sodass zu klären wäre, ob nur von einer übereinstimmenden Wortverwendung oder auch von einer Bedeutungsgleichheit auszugehen ist. Wie sind die Einheiten, denen Handlungen zugerechnet werden, in der Weberianischen Soziologie etwa im Unterschied zu den Theorien der rationalen Wahl oder der phänomenologisch fundierten Soziologie - um nur einige Ansätze zu nennen - konzipiert? Stehen diese Auffassungen im Einklang mit dem Subjektbegriff bei Mead? Wenn von einer akteurzentrierten Soziologie die Rede sein soll, erscheint eine derartige Verständigung sinnvoll. Weiter wäre interessant zu beleuchten, wie die korporativen Akteure etwa im Neo-Institutionalismus im Verhältnis zu den "natürlichen" Akteuren (raw actors) einzuschätzen sind und in welchem Verhältnis diese zu den übrigen Verständnisweisen von Akteuren stehen.

Anders als in methodologisch-individualistischen Ansätzen wird etwa in der Systemtheorie Luhmanns das Soziale als emergente Realität mit einer spezifischen Eigenlogik aufgefasst, sodass die Leistungen der individuellen Träger in der Betrachtung sogar vernachlässigt werden können. Im Anschluss daran ließe sich fragen: Kann gänzlich auf einen Akteurbegriff verzichtet werden, oder muss nicht vielmehr jede soziologische Theorie notwendigerweise ein solches Konzept mitführen, wenn dieses auch implizit bleiben mag?

Bei der Frage der Beschaffenheit der sozialen Einheiten wäre zu klären, welche Formen von Bewusstseinstätigkeiten und kognitiven Fähigkeiten angenommen werden (müssen) und ob etwa biologisches Wissen mit einfließt. Besonders bedeutsam ist hierbei, welchen Einfluss Menschenbilder haben. Liegt die Annahme vor, dass nur Menschen als Akteure infrage kommen? In diesem Fall sollten die anthropologischen Grundannahmen nicht unreflektiert bleiben, sondern Gegenstand einer Auseinandersetzung werden, um deren methodologische Bedeutung transparent zu machen (wie bspw. bei Esser oder Lindenberg).

Ob darin eine konsensuell geteilte Grundannahme gesehen werden kann, wäre etwa zu diskutieren vor dem Hintergrund der Veränderlichkeit von Personalität, die sich in historisch-vergleichender Perspektive erkennen lässt. Da zudem durch Entwicklungen in den Bereichen der Lebenswissenschaften und Technologien anthropologische Gewissheiten verunsichert werden, auf die implizit oder explizit rekurriert wird, wäre als ein weiteres Problem zu erörtern, wie in Gesellschaften der Kreis sozialer Personen begrenzt wird.

Verschiedene Ansätze haben sich bereits für solche Fragen sensibilisiert gezeigt. Beispielhaft sei die Kritik an der Anthropozentrik der Soziologie genannt, die in der phänomenologischen Wissenssoziologie (Luckmann), den Science and Technology Studies (insb. Latour) und ausgehend von Plessners Konzept der Mitwelt geübt wird. Reichen die bestehenden Konzepte jedoch aus, um den Bereich des Sozialen reflexiv in den Blick nehmen zu können, oder muss der soziologische "Werkzeugkasten" erweitert werden? Lässt sich die Frage, wer als soziales Wesen anzusehen ist, mit Zuschreibungskonzepten lösen oder bieten sich Alternativen (etwa mittels Anerkennung)? Sollte das dabei verwendete elementare Konzept von Sozialität eine dyadische oder triadische Struktur haben?

Der Impuls für das Thema der Tagung kam aufgrund des beobachteten verstärkten Interesses an Fragen zu 'Personalität' und 'Sozialität' zustande, wie verschiedene Tagungen in der jüngsten Vergangenheit und auch der Soziologiekongress in Kassel 2006 belegen. Diese Entwicklung der letzten Jahre ist begrüßenswert, weil die systematische Selbstvergewisserung der sozialtheoretischen Grundlagen einen konstruktiven (innersoziologischen) Dialog fördert und nicht zuletzt so die Professionalisierung der Disziplin vorantreibt. Mit der Veranstaltung soll angestrebt werden, an bestehende Diskussionen anzuknüpfen und den Austausch zu sozialtheoretischen Grundlagenfragen zu vertiefen.

Organisiert wird die Tagung von Nico Lüdtke, Hironori Matsuzaki, Rainer Greshoff und Gesa Lindemann (Institut für Sozialwissenschaften - Arbeitsgruppe Soziologische Theorie).

Die Veranstaltung ist als diskussionsorientierter Workshop konzipiert, d. h.:

- Vorträge in der Form kurzer Statements von max. 5 min., damit für die anschließende gemeinsame Diskussion genügend Zeit (ca. 30 min.) gesichert ist;

- Zur Förderung eines konstruktiven Dialogs wird jede/r Vortragende gebeten, ein 3-5seitiges Papier zu erstellen, das zuvor an alle Teilnehmer/innen der Tagung verschickt wird und als Diskussionsgrundlage dient;

- Um die Verteilung der Diskussionspapiere zu gewährleisten, wird jede/r Teilnehmende/r um eine vorige Anmeldung (mit Angabe einer Email-Adresse) gebeten.

Anmeldungen für die Teilnahme bis: 10. Januar 2010

an eine der beiden Email-Adressen:

Nico Lüdtke (nico.luedtke(at)uni-oldenburg.de)

Hironori Matsuzaki (hironori.matsuzaki(at)uni-oldenburg.de)

 

Tagungsband:

Lüdtke / Matsuzaki (Hg.)

978-3-531-17854-7

2011. ISBN: 978-3-531-17854-7
VS Verlag

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